Mode ist mehr als Zirkus

Sektion 16:9 Die legendäre Modejournalistin Antonia Hilke begeisterte mit ihrer Sendung „Neues vom Kleidermarkt“ die deutsche Republik für Kreationen aus Paris. Eine Hommage.
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Ich bin die Tochter von zwei Textilbetriebswirten, die wiederum Kinder von Textileinzelhändlern sind. Ich habe in den Bekleidungsgeschäften unserer Familien das Laufen, Sprechen und Falten von Pullovern gelernt. Und das in einem 13.000-Seelen-Dorf im Süden Niedersachsens. Selbstverständlich haben Antonia Hilkes legendären TV-Modenschauen in unserem Haushalt eine Rolle gespielt. Nur, dass ich bei den Ausstrahlungen ihrer Sendung von Mitte der 1950er Jahre bis 1990 schlichtweg noch nicht existent oder zu jung war, um die legendären Reportagen der Hamburger Modejournalistin anzuschauen, beziehungsweise mich für Modetrends aus Frankreich zu begeistern. Heute, 22 Jahre nach der letzten Folge „Neues vom Kleidermarkt“, sitze ich fasziniert im Kino, staune über die „Grande Dame“, ihre Moderation, ihre Modezeichnungen, ihre Kontakte und lache herzlich über so manche modische Kreation der 50er, 60er, 70er und 80er Jahre.

Was für eine Inspiration die 2009 verstorbene TV-Legende ist! In der einstündigen Dokumentation „Bienvenue im Kleidermarkt – Antonia Hilkes legendäre TV-Modenschau“ (eine NDR-Produktion) sehe ich Ausschnitte aus über 60 Sendungen, die sich mit aktuellen Interviews mit Weggefährten, Fans und Verehrern abwechseln. Filmemacher Oliver Schwabe erschuf, ein sehr persönliches Porträt einer Frau, die, im Gegensatz zu vielen anderen Menschen in den Jahren vor und nach der Erfindung des Minirocks, das Thema Mode sehr ernst nimmt. In ihren Sendungen spricht sie in fast wissenschaftlichem Ton von Modetrends und ihre gesellschaftliche Deutung. Die gelernte Illustratorin zeichnet live die neusten Trends mit Stift und Papier auf (Modeillustrationen – das muss man sich mal heute vorstellen!) und berichtet aus dem Backstagebereich der großen Schauen. Sie interviewt Designer, wie Kenzo oder ihren guten Freund Karl Lagerfeld (grandios unterhaltsame Interviewausschnitte), die sie als „einzige ernstzunehmende Modejournalistin Deutschlands“ bezeichnen.

Darüber hinaus erfahren wir von Gerd Thieme, ihrem langjährigen Begleiter an der Kamera, mit welch großer Nervosität Antonia Hilke vor den Aufzeichnungen zu kämpfen hat. Er spricht über ihre Arbeitsweise – darüber, dass sie in den 1960er-Jahren nicht alle Schauen filmen dürfen. Deshalb stellt das Team kurzerhand die Schauen in den darauffolgenden Nächten mit ausgeliehenen Klamotten im nüchternen Studio nach. Dabei entstehen bewegte Bilder, auf denen Mannequins zu angesagter Popmusik herumalbern und Hilkes Stimme aus dem Off die präsentierte Mode kritisch, begeistert und immer professionell kommentiert. Die Bilder sind faszinierend. Sie zeigen, wie sich ein Verständnis für Mode in unserer Gesellschaft langsam verankerte. Und immer wieder verweist Frau Hilke auf die soziologische Bedeutung.

Ich erinnere mich daran, wie ich als Kind mit Schulterpolstern in unserer Damenboutique große Türme baue – das Klettband an der Rückseite sorgt für wahre Himmelsstürmer. Und es schießt mir eine Frage in den Kopf: Warum gibt es heute keine ernstzunehmende Modesendung im deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehen? Vielleicht, weil sich niemand traut, in die Fußstapfen der großen Antonia Hilke zu treten. Ihre Klarheit und Konzentration fesselt auch "unmodische" Menschen. Ich sehe sie vor mir, wie sie mit strenger Miene an ihrem Schreibtisch sitzt und in die Kamera spricht – nüchtern und frech zugleich. Nach der Kinovorstellung treten unter anderem ihre Tochter Yvonne Hilke und Kameramann Gerd Thieme auf die Bühne. Ich beschließe im selben Augenblick, einen Tag später auf dem Flohmarkt an der Alten Rinderschlachthalle nach Modeschätzen aus den 70ern und 80ern zu stöbern.

Text: Lena Frommeyer
18:18 07.10.2012
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Lena Frommeyer (SZENE HAMBURG)

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