Welt ohne Jahreszeiten

Filmfest Hamburg Wunderschön und schrecklich – mit diesen Worten wurde der belgische Film „The Fifth Season“ angekündigt. Eine Formulierung, die ins Schwarze trifft.
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Peter Brosens und Jessica Woodworth entwerfen in eineinhalb Stunden ein albtraumhaftes Gedankenexperiment: Was passiert, wenn die Jahreszeiten ausbleiben? Wenn die Bäume keine Blätter mehr bekommen, wenn die Samen in der Erde nicht aufgehen?
Über eine Dorfgemeinschaft in den Ardennen, sieht man, welche Konsequenzen das hätte – in großartigen, düsteren, kunstvoll komponierten Bildern.


Alles beginnt fröhlich – mitten im Winter. Man weiß, die Welt ist in Ordnung. Der Winter wird nicht ewig bleiben, das war schließlich immer so. Noch ist die Natur kalt und erstarrt. Vor einem weißen monotonen Hintergrund wirken die kahlen Bäume mit ihren feinen Zweigen und Verästelungen beinahe wie mit Tusche gezeichnet. Doch in der Stille und Starre gibt es Leben. Das jugendliche Liebespaar Alice (Aurélia Poirier) und Thomas (Django Schrevens) küssen sich zärtlich auf einem harten Felsen liegend. In ruhigen Nahaufnahmen sieht man ihre Lippen, warm und weich, man glaubt als Zuschauer den dampfenden Atem zu spüren, wie eine Verheißung des Frühlings. Dieser wird im Dorf sehnlichst erwartet, Vorfreude ist das schöne Gefühl, das die Gemeinschaft bestimmt. In einem fröhlichen Fest, in dem Mr. Winter auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden soll, soll das gipfeln. Aber als Mr. Winter auch nach mehreren Versuchen, einfach nicht brennen will, verwandelt sich die Ausgelassenheit in dumpfe Beunruhigung.


Und der Winter geht tatsächlich nicht. Auch wenn es wärmer wird, wird die tote Landschaft nicht mehr lebendig. Auf eigene Weise schön und unerbittlich gleichgültig wirkt diese: Der lehmige Acker, aus dem nicht der kleinste grüne Spross wächst, die Bäume, die trocken und gespenstisch im Wind hin und her schaukeln, der reißende Flus, in dem tote Fische treiben. Meisterhafte Gemälde in schimmeligem Grau-Grün, verkohltem schwarz und schmutzigem Weiß. Man sieht, wie die Dorfbewohner versuchen, mit der Situation umzugehen: Sie sammeln Insekten in Gläsern, flüchten Hals über Kopf, auch in den Wahnsinn, versuchen sich an grausamen Opferriten und verrückten Aktionen. Zum Beispiel Bäume-Streicheln. Alles vergebens!


In einer toten Natur, kann der Mensch nicht überleben.
Das wissen auch wir in den Kinosesseln, das ist logisch und doch nehmen die meisten die Anzeichen ihres Sterbens mehr oder weniger achselzuckend Tag für Tag einfach hin. Als der Abspann von „The fifth season“ abgelaufen war, herrschte ein ähnlich betroffenes Schweigen im Publikum wie bei einer Beerdigung. Wie schön war es dann, das Kino zu verlassen und die Blumen im Geschäft nebenan zu sehen, oder die buntverfärbten Herbstblätter an den Bäumen.


Trailer zum Film:

Text: Katharina Manzke
10:12 08.10.2012
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Geschrieben von

Lena Frommeyer (SZENE HAMBURG)

20 Jahre Filmfest Hamburg - das ist mir einen Blog wert! Über das cineastische Leben vom 27.9.–6.10. berichte ich hier bald regelmäßig.
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