Stimme aus dem Off

Filmfest Hamburg Untertitel sind bei Kinderfilmen aus dem Ausland nicht die beste Lösung. Eine unterhaltsame Alternative ist da die Einsprecherin im Kinosaal.

Sonntag, 15 Uhr: Kindervorführung. Im Kinosaal, in einer der hinteren Reihen macht es sich ganz am Rand Saskia Brzyszczyk hinter ihrem Mikro gemütlich. Der Film "Der Eisdrache" geht los, ein Junge läuft ins Tiermuseum, an einem Wal entlang, auf einmal ein älterer Mann im Rollstuhl. Er sagt zu dem Jungen, Wale seien wie Hunde, man müsse sich nur mal ihren Penis ansehen. Klingt witzig, vor allem auf Schwedisch. Dann spricht Saskia. Mit einer jungen, klaren Stimme, gefühlvoll, aber nicht überkandidelt, legt sie allen Figuren die deutsche Version in den Mund und erzählt eine ganze Geschichte.

„Diese Arbeit ist für mich ein guter Ausgleich zur Bühne. Man ist mittendrin, ein Teil des Films, und doch nicht zu sehen. Es spielt keine Rolle, wie zum Beispiel mein Lippenstift aussieht.“ Die Schauspielerin und Sängerin tritt sonst mit zwei eigenen Programmen auf, widmet sich seit zehn Jahre aber auch dem Einsprechen von Kinderfilmen auf Festen wie diesem. „Die Vorbereitung ist recht zeitintensiv, wenn alles rund sein soll.“ Dafür liest sie den deutschen Text, sieht den Film, nimmt kleinere Änderungen vor, wenn etwas nicht ganz passt und spricht ihn schließlich noch einmal durch.

Hohe Konzentration

Das Sprechen ist für sie wie Musik, „ein Wechsel, in den man sich reinfühlt. Ein Rhythmus, in den man spricht. Es hilft mir, mit der Musik mitzugehen.“ Das ist bei dem Eisdrachen ganz einfach: Vom Ankommen der coolen Kids durch den tiefsten Schnee zu krassen Ghettosounds, über Mick beim Kochen während er Punksongs hört, bis hin zu meditativen Walgesängen, ist eigentlich jedes Genre vertreten. Der Film erzählt schnell und springt von einer Szene zur nächsten, spannend und toll. Für Saskia mitunter ganz schön anstrengend. „Ich muss mich die ganze Zeit total konzentrieren. Nur einmal wegschauen geht nicht, der Film läuft ja weiter.“ Ein Kind will aufs Klo und an ihr vorbei? Geht nicht, andere Seite, Saskia deutet nur mit dem Finger und spricht weiter. „Ein Wort ist mir so kurz abhanden gekommen, aber das ging noch.“

Im Film geht es weiter, Mick soll erst von seinem Alkoholiker-Vater weg, hin zu Tante Lena und jetzt auf einmal wieder zu einer anderen Pflegefamilie. Da ist immer wieder viel Gespür und Gefühl gefragt. Saskia hat dafür eine Geheimsprache, ihre eigenen Kürzel im Text, die Pausen und Lautstärke anzeigen, die beim Erzählen viel ausmachen. Hier auf dem Filmfest spricht sie für die Kids drei Filme jeweils zwei Mal. „Mir macht das einfach irre viel Spaß, die Abwechslung macht den Beruf aus“, auch wenn man bei dem Job nicht reich wird.

Dafür hat es dieses Jahr, ihr erstes beim Filmfest, super mit dem Einrichten im Kinosaal geklappt. „Es macht Spaß, wenn Leute da sind, mit denen ich gut zusammenarbeiten kann. Und das ist hier so.“ Proben, Ton und Lautstärke einstellen geht eben auch nur mit den richtigen Technikern. Und so flitzt der Eisdrache mit Mick und seinen Freunden im vollen Sound durch die schwedische Winterlandschaft, stehen am Ende die Klasse und das ganze Dorf geschlossen hinter Mick, damit der nicht wieder zu der raffgierigen Pflegefamilie muss, ertönt am Ende wieder Saskias Stimme wenn es heißt, ja, Mick darf bleiben. Ein wundervoller kleiner Film aus Schweden, der sehens- und eben auch ganz besonders hörenswert war.

Weite Beiträge über das Filmfest Hamburg finden Sie hier: https://www.freitag.de/autoren/lena-frommeyer-szene-hamburg

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Ihre Freitag-Redaktion

12:40 01.10.2012
Geschrieben von

Svenja Hirsch | Lena Frommeyer (SZENE HAMBURG)

20 Jahre Filmfest Hamburg - das ist mir einen Blog wert! Über das cineastische Leben vom 27.9.–6.10. berichte ich hier bald regelmäßig.
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