Frustsaufen bei Toschi’s

Debakel Wofür steht die CDU nochmal? Drei Eindrücke – aus Berlin, Aachen und von Hans-­Georg Maaßens Wahlparty
Ein Herz für einen, der Kandidat wurde, weil es gerade keinen besseren gab
Ein Herz für einen, der Kandidat wurde, weil es gerade keinen besseren gab

Foto: Mario Hommes/Defodi Images/Getty Images

Nicht notwendiger, aber möglicher Ausgangspunkt für eine kleine Reise in die CDU: Berlin, Leipziger Platz, Bundesgeschäftsstelle der Jungen Union, drei Tage vor der Wahl. Auf schwer plakatierten Straßen ringsum das klare Farbschema der SPD, der Begriff Respekt. Die Farbe der Grünen erklärt sich von selbst, Leitmotiv: Politik anders machen. Die FDP mit Weißflächen. Plakate der CDU weisen in alle Richtungen, ähneln farblich einem Günter-Jauch-Studiopublikum, irgendwas-irgendwas Stabilität, irgendwas-irgendwas Deutschland, gegen Rot-Rot-Grün. Wenn Sie auf den grundlegenden Begriff des Konservatismus schauen, was fällt Ihnen da ein, Nora Zabel?

Zabel, 25 Jahre und aus Mecklenburg-Vorpommern, schwarze Jeans mit Löchern am Knie zum schwarzen Oberteil, ist Teil von CDU connect, einer Brigade, die für die Partei soziale Medien bespielt. Gäbe es das Parteiamt der CDU-Influencerin, wäre sie eine logische Kandidatin. „Politischer Stil“, sagt Zabel, pustet durchs Pony, sei das. Die Regierungspraxis von Angela Merkel, kleine Schritte, nicht die große Lösung: „Dinge immer wieder neu zu überprüfen, Faktenlage anschauen, entscheiden. Nicht vorschnell Leute anprangern.“ Ist das Pragmatik? „Voll.“

Zusammengekocht kann man Zabel so verstehen, dass die CDU ein Problem hat, wenn sie vor allem Stammwähler anspricht, also ältere, sehr konservative Männer. Kurzer Blick in die Mitgliederstruktur: 73 Prozent Männer, 53 Prozent über sechzig Jahre. Die Union habe über Jahre verschlafen, Frauen zu fördern. „Wenn wir nach der Wahl die Frauenquote nicht durchbekommen, sehe ich schwarz.“ Die Partei soll diverser werden, neben Frauen auch „mehr Nichtakademiker und Menschen mit Migrationshintergrund. Sonst wird sie auf 20 Prozent abrutschen und bleiben.“

Wer die kleine Reise mit Auszügen aus der Geschichte konservativen Denkens würzt, findet, dass die Schwierigkeit, einen Kern zu benennen, die konservative Weltanschauung lange begleitet. „Richtigen ostelbischen Krautjunkern“, schreibt Martin Greiffenhagen im Standardwerk Das Dilemma des Konservatismus, „waren Ideen überhaupt zuwider und Ideologien unheimlich, sie empfanden es als skandalös, sich rechtfertigen zu müssen.“ In konservativen Parteien des späten deutschen Kaiserreichs habe man nicht viel philosophiert, Konservatismus sei von einem „definitorischen Gegner“ abhängig. Kern des Selbstverständnisses: zu regieren.

Zweiter Stopp Aachen-Burtscheid, ein fast sommerlicher Tag, großes Heimspiel für Armin Laschet, Angela Merkels letzter Wahlkampfauftritt. „Es ist nicht egal, wer Deutschland regiert“, sagt die Bundeskanzlerin, das Publikum hört gebannt zu, ein bisschen Wehmut wabert durch die Luft. Bei Laschet ruft manchmal jemand dazwischen. Sein etwas onkelhafter Stolz auf den Wissenschaftsstandort verlässt das Grundrauschen der alten BRD, wenn er sich über Ugur Sahin freut, dessen Vater „als Gastarbeiter“ kam, aber nicht „wie geplant nach drei Jahren zurückging“. Ansonsten Sicherheit, Stabilität, bloß nicht links.

Das Publikum bildet in etwa die Mitgliederstruktur der Partei ab, aber dann sagen eingetragene Mitglieder, dass man nur mit konservativem Denken jetzt nicht weiterkäme. Solche Menschen waren vorher bei der grünen Jugend oder der SPD. Armin Laschet einer von uns, aber irgendwie wird klar: Das goldene Ross im Stall ist er nicht. Einen Besseren, sagt einer, schaut schnell ob jemand mithört, hatten wir eben nicht.

Für Aachen-Land möchte Catarina dos Santos Firnhaber, 27 und Anwältin, in den Bundestag. Während die Bühne am Abteiplatz eingeräumt wird, singt sie im Café Strophen des alten Volksparteien-Songs, also: keine Klientelpolitik, alle Schichten mitnehmen. Nora Zabel hatte das „Kompromisskultur“ und „DNA der Partei“ genannt. Wie funktioniert das, ohne Richtung bei der Klimakrise? Na ja, es gehe nicht darum, „mit aller Kraft zu bewahren“, sondern um „eine Weiterentwicklung der bestehenden Politik“. Wie sieht die aus? Tja, Klimakrise mitdenken, aber auch, dass zum Beispiel in ihrem Wahlkreis ein Kohlekraftwerk steht. „Wir müssen den Leuten versprechen können, dass sie weiter Arbeit haben werden.“

Wenn man zwischendurch den Politikwissenschaftler Thomas Biebricher bittet, auf die CDU der vergangenen Jahrzehnte zu schauen, findet er neben der schwarzen Null nicht viel Substanz. Aber eine „konservative Art“ der Politik: „Sie haben das Auf-Sicht-Fahren zur Tugend erhoben.“ Wollten suggerieren, nur so könne Politik in Dauerkrisen und unübersichtlichen Zeiten funktionieren. „Als wäre es gar keine Option mehr, über den Tag hinaus eine große Vision programmatisch unterlegt zu verfolgen.“ Corona nahm der Methode dann alle Gewissheiten, plötzlich zeigte sich, wie schlecht das Land aufgestellt war, wie stümperhaft das Krisenmanagement funktionierte. Biebricher versteht Corona auch als große Krise der Union.

Und er sieht eine verpasste Chance, die Union hätte sich profilieren, eine Brücke zu energischerer Politik bauen können: Wenn sie erklärt hätte, dass es „um genuin konservative Werte“ gehe: „Opferbereitschaft, Entbehrungen für das Wohl der kommenden Generation – das kann man wunderbar ins konservative Sprachspiel einbauen.“ Deshalb stünde ja die Schuldenbremse im Grundgesetz. Zurückhaltung im Interesse zukünftiger Generationen. Nur: „Da haben sie sich komplett aus der Verantwortung gestohlen.“ Kurz bevor das Videogespräch endet, sagt Biebricher noch einen interessanten Satz, der sowohl Selbstverständnis als auch Problemlage beschreibt. In der Union beobachtet er „eine Habitualisierung des An-der-Macht-Seins um des An-der-Macht-Sein willens.“

Also auf zum letzten Stopp, Zella-Mehlis, hier will Hans-Georg Maaßen den Wahlkampf begießen, und zwar mit einer „ausgelassenen Feier“, wie der Kampagnenmanager sagt, deshalb muss der Reporter jetzt hinaus, geschlossene Gesellschaft, Hausrecht. Man habe so seine Last mit „den Medien“ gehabt. Hier ist: Toschi’s Station, Truckstop, Camping-Stehplatz, Motel, Dorfdisco. Drinnen Holzbalken, Folklorekarzinome, Raufasertapete. Original in einem Gewerbegebiet mit Autobahnanschluss. Die E-Mail des Wahlkampfteams, dass dem Reporter bedauerlicherweise die Akkreditierung wieder entzogen werden müsse, hat er einfach übersehen.

Frustsaufen bei Toschi’s

Als er hinausgeleitet wird, freuen sich Menschen, schmieriges Lächeln, es gäbe da die „gemütliche Presselounge“: die Holzbude vor dem Gasthaus. Türen werden zugemacht, als die Reden in der geschlossenen Gesellschaft beginnen, der Sicherheitsdienst läuft Journalisten hinterher, die ums Eck beim offenen Fenster zuhören wollen. Vorrangig männliches Publikum, ab und zu Anzüge wie Wurstpellen, ein bisschen Costa-Cordalis-Flair. Nicht nur kulturell ist es hier weit bis zum liberalen Konservatismus in Aachen, Laschet halten sie für einen Clown. Vor ein paar Tagen war Thilo Sarrazin zu Gast, Deutschland und Migration seien wie Titanic und Eisberg, nun gelte es Wasser hinauszupumpen, das Loch zu schließen. Applaus.

Vor Toschi’s Station erzählen Funktionäre, dass sie eigene Kandidaten hätten verbrennen können – „oder mal richtig einen raushauen“. Vorher war Mark Hauptmann MdB, hatte etwas viel in Masken gemacht und in Aserbaidschan. Maaßen warnte vor „Ökosozialismus“, wollte Kurswechsel bei Migration und überhaupt in Deutschland.

Nach den ersten Hochrechnungen ruft einer über den Vorplatz, dass er ein wenig wieder an Demokratie glauben würde, wenn die Linke nicht in den Bundestag einzöge. Zwanzigjährige erzählen, dass die CDU wieder zurück zur Politik von früher müsse, um 20 Uhr fragt eine Frau: „Frustsaufen?“ Toschi’s Station wirkt wie eine Art Endmoräne des Konservatismus.

Vielleicht endet die Karriere von Hans-Georg Maaßen also in einem Gewerbegebiet, er verliert gegen einen Ex-Biathleten, dessen politischer Horizont wohl seinem Leitsatz entspricht: „Einer von hier“. Vor Toschi’s Station glimmt noch Freude, Maaßen bekommt mehr Stimmen als die CDU.

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