Strukturwandel in NRW: Was kommt nach dem Kohle-Bergbau?

Landtagswahl Nordrhein-Westfalen wählt einen neuen Landtag – nirgendwo sonst fällt der Strukturwandel so heftig aus wie hier, nirgendwo sonst sind so viele Menschen betroffen. Was planen die, die an diesem Sonntag gewählt werden wollen?
Braunkohle-Kraftwerk Niederaußem 2011
Braunkohle-Kraftwerk Niederaußem 2011

Foto: Matthias Jung

Wenn man im Frühjahr in Nordrhein-Westfalen über so etwas wie Strukturwandel recherchiert – Eingeweihte sprechen von der heißen Phase des Landtagswahlkampfs, die stets in den Mai fällt –, hat sich der Himmel blitzblau geputzt, früher Raps blüht auf Lössböden, Äcker leuchten grün. Manchmal steht man knapp neben einem gewaltigen Loch im Boden, Felder strecken sich grade bis zum Rand, tief unten wirken Schaufelradbagger wie Spielzeuge. Auf Schildern steht, dass sie 13.500 Tonnen wiegen. Kühltürme atmen dicke Schwaden aus. Irgendwo scheint stets eine Autobahn zu sein. Helles Rauschen erinnert an ständige Bewegung in einem Land, in dem am kommenden Sonntag nicht nur darüber entschieden wird, wer als Regierungschef in die Düsseldorfer Staatskanzlei einzieht – es wird auch darum gehen, wie man die Vergangenheit in Zukunft umwandeln kann.

Zwischen erwähnten Kühltürmen, einem Kreisverkehr und Rohrleitungen haben die Grünen aus Rommerskirchen geladen: Ein Redner erklärt gerade, wie sich die Lokalpolitik Strukturwandel vorstellt, weist auf mitgebrachte Karten, farbige Flächen zeigen eine Erweiterung des Gewerbegebietes um das Kohlekraftwerk Neurath. Gewerbegebiet heißt Bodenversiegelung, die fürchten die Grünen, Redner erzählen, dass es gar keine Infrastruktur für das Vorhaben gibt. Bald fahren dunkle Automobile herbei, Münchner Kennzeichen, Münchner Bauart, darin Männer eines Sicherheitsdienstes. Postieren sich so, dass sie einige hundert Meter wegauf, wegab auf uns blicken. Der Redner zeigt auf die Bahnlinie hinter ihnen, alle paar Minuten fahren Kohlenzüge, immer vierzehn offene Waggons, voll hin, leer wieder zurück. Das Gewerbegebiet wird sich über 350 Hektar und weit über diese Gleise hinaus strecken, sagt der Redner. Die Äcker ringsum sollen verschwinden.

In so einem Moment kann einem Lew Tolstoi einfallen. Der hatte geschrieben, dass der Mensch wenig verstehe, weil er keinen Überblick habe: „Die Gesetze jeder Art von Bewegung werden ihm erst dann verständlich, wenn er willkürlich einzelne Abschnitte herausgreift und betrachtet. Doch aus dieser willkürlichen Unterteilung der endlosen Bewegung in begrenzte Einheiten ergibt sich ein Großteil der menschlichen Irrtümer.“ Was erzählen die Äcker bei Rommerskirchen über das Rheinische Kohlerevier? Über politische Aspekte, Irrtümer, mangelnden Überblick? Über die Klimakatastrophe, die mit am Verhandlungstisch des Strukturwandels sitzt? Der Roman, in dem Tolstois Sätze stehen, heißt Krieg und Frieden.

Antje Grothus, Grüne und Aktivistin

Foto: IPON/IMAGO

Antje Grothus lacht, der Nachmittag ist schon einige Stunden alt, und sie erzählt eine kurze Geschichte. Grothus, 1964 in Bochum geboren, blassbrauner Cordanzug, Ernährungswissenschaftlerin, war länger Aktivistin, bald wird sie Politikerin: Sie ist die Direktkandidatin der Grünen im Rhein-Erft-Kreis II, hat einen guten Listenplatz. Nach aller Voraussicht werden die Grünen in die nächste Landesregierung gewählt. Am Morgen war sie neben dem Acker dabei, jetzt fährt sie über den Parkplatz einer Kartrennbahn. Nicht irgendeine, sondern die, auf der Michael Schumacher aufwuchs. Hinter der Strecke steigt dichter Birkenwald die steile Böschung hinauf, Bahn und Parkplatz liegen auf dem Grund einer alten Kiesgrube. Der Kartbahnverein hat das Grundstück an RWE verkauft und gleich wieder gepachtet. Kürzlich erklärte der Energiekonzern-Eigner, der Verein könne die Kiesgrube zurückhaben. Die Antwort des Vereins: „Och, lass mal.“

Viel Speckgürtel, viel Auto

Nach der eher erzwungenen Leitentscheidung des Kabinetts von Armin Laschet, das zu erhalten, was vom Hambacher Forst übrig geblieben war, kann RWE unter der Kartbahn keine Kohle mehr ausgraben. Der Kartbahnverein aber hat einen Vertrag, der den Betrieb sichert. Dazu gehört, dass ständig Pumpen arbeiten müssen, damit die Grube nicht vollläuft. Das kostet die RWE. Grothus erzählt also von einem Schnippchen, das der Pächter einem Betrieb geschlagen hat, zu dem Kühltürme, Züge, Trassen, der Tagebau Garzweiler, Kiesgruben, Sicherheitsdienste und jede Menge Land gehören. Zuletzt machte die Aktiengesellschaft 24,5 Milliarden Euro Umsatz. Es ist auch eine Anekdote über ein Unternehmen, das stets überlegt, wie es anderen Kosten überlassen kann, wenn kein Gewinn mehr zu machen ist.

Kartbahn und Parkplatz liegen in der Region zwischen Neuss, Kerpen und Aachen. Wer hier umherfährt, findet viele Facetten des Bundeslandes im Kleinen noch einmal: Ziegelfassaden und Fußgängerzonencharme der 1980er Jahre, oft Vorrang für das Auto, Industrieanlagen zwischen Landwirtschaft, viel Speckgürtel, gelegentlich eine S-Bahn. Zu leichteren Problemen der Region gehört, dass sie konturfrei erscheint, schwer zuzuordnen. Das Wort Ruhrgebiet weckt Assoziationen, hinter dem Rhein müssen sie ohne Bilder von staubgesichtigen Kumpeln oder Sozialwohnungen im Schatten von Fördertürmen auskommen. Dabei waren die Aufstiegsversprechen ähnlich, Bergbau, Kraftwerke, hier hat sich Europas größte zusammenhängende Aluminiumindustrie angesiedelt, dazu viel chemische Industrie. Lebensmittel werden im großen Maßstab produziert. Es gibt Arbeit, RWE bezahlt deutlich über Tarif, den meisten geht es ziemlich gut. Abgesehen von ein paar SPD-Bürgermeistern hat hier stets die CDU alle Wahlen gewonnen.

Antje Grothus wohnt seit 1994 in Buir, einem zur Siedlung ausgefransten Dorf, Teil von Kerpen, die S-Bahn fährt nach Köln und Aachen. In Buir gibt es zwei Kindergärten, zwei Kneipen, zwei Hofläden. In denen kauft Grothus konventionell gezogenes Gemüse. Zum nächsten Bioladen fährt sie eine Viertelstunde mit dem Auto. Und es gibt eine Bürgerinitiative in Buir. Als der Tagebau Dörfer im Umland verschluckte, den Hambacher Wald angriff, die Bundesautobahn 4 an die Ortskante verlegte, gründete Grothus sie mit anderen aus dem Ort. Die Kohle sollte im Boden bleiben. Grothus wurde Energiewende-Referentin und Vertreterin der Region in der Kohlekommission.

Braunkohle-Monolith bei einem Aussichtspunkt am Tagebau Hambach 2019

Foto: Matthias Jung

Drei Minuten dauert die Fahrt zum Bahnhof, daneben ein kleiner Aussichtshügel, Blick auf Autobahn, Bahntrassen, RWE-Bahntrassen, weiter hinten die Grube. Grothus zeigt auf eine Photovoltaikanlage, die sie ein bisschen weniger mag. Sie hatten eine Genossenschaft organisiert, die solche Anlagen an Verkehrsböschungen einrichten wollte. Nur bekamen sie keine Genehmigung der Behörden. Kurz drauf installierte RWE selbst die Anlage. Die Böschung zeigt ihr, wer die Macht hat. Grothus kennt einige solcher Geschichten.

Wenn man sich eine Weile mit ihr unterhält, versteht man, dass wenige Regionen in Deutschland ihre Art zu arbeiten und zu produzieren grundsätzlicher ändern müssen als diese, dass kaum irgendwo mehr Menschen davon betroffen sind. Man könnte denken, dass sich hier entscheidet, was den Begriff des Strukturwandels in Deutschland ausmachen soll. Wer davon profitiert, wer verliert. An wem man vorbeikommen muss.

Grothus hat einige Ideen, Waldreste müssen zu Biotopen verbunden werden, ein Mobilitätsprojekt soll Siedlungen wiederbeleben. Oft steht das Wort Zukunft in ihrem Konzept hinter Orten, die jetzt schon fast tot sind.

Das meiste CO2 entsteht hier

Die Strukturen der Gegenwart produzieren Strom und Waren, belasten Umwelt und Menschen. Vielleicht weniger als vor ein paar Jahrzehnten, aber drei Viertel der weltweiten Kohlendioxid-Emissionen entstehen dort, wo große Anlagen Energie erzeugen. Kraftwerke verfeuern Energieträger, erzeugen Wasserdampf, treiben Turbinen an. Keine andere Energiequelle setzt so viele Schadstoffe frei wie Braunkohle.

Das meiste CO2 in Europa stößt das Rheinische Revier aus: Drei Kohlekraftwerke laufen hier nah beieinander, das vierte ist schon stillgelegt. Auf einer CO2-Emissions-Liste aller DAX-Unternehmen rangiert RWE seit Jahren an der Spitze. Wenn man beim Konzern mit jemandem über Strukturwandel sprechen möchte, darüber, wie es so weitergehen soll, sagt der Pressesprecher, dass man ihm Fragen schicken könne. Die würde er schriftlich beantworten lassen. Das sei politisch alles sehr sensibel.

Die Planungen waren lange weniger feinfühlig: Ursprünglich sollten die Tagebaue bis ins Jahr 2250 laufen und über 200.000 Menschen verdrängen. So viele wurden es nicht, aber Dutzende Dörfer versanken, Bewohner*innen wurden in Neubausiedlungen verfrachtet. Es ging Wäldern an den Kragen, Lössböden, Kulturlandschaft. An manchen Stellen graben Bagger 400 Meter tief nach Braunkohle, kilometerlange Förderbänder bringen sie nach oben. Im Jahr produzieren die Löcher bis zu 115 Millionen Tonnen Kohle und das Fünffache an Abraum. Vor zwei Jahren hatte das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung ausgerechnet, dass in Deutschland noch 280 Millionen Tonnen Braunkohle gefördert werden dürften, wenn man die Ziele des Pariser Klimaschutzabkommens ernst nehmen wollte. RWE sah fast die dreifache Fördermenge voraus.

Antje Grothus kennt eine Zahl aus Buir, täglich fahren hier auf der RWE-Trasse 598 Züge am Ort vorbei – immer: beladen hin, leer zurück.

All das Treiben stützt sich auf das Bergrecht, seit 1982 gibt es dafür ein Bundesgesetz. Im Herzen regelt es das Prinzip der Bergfreiheit, den Umstand, dass viele Bodenschätze nicht automatisch Grundeignern gehören. Bergfreie Rohstoffe dürfen Unternehmen mit staatlichen Genehmigungen abbauen. Andere Interessen des Gemeinwohls stehen zurück, werden von den Behörden oft nicht geprüft. Zur Kriegsvorbereitung führten die Nationalsozialisten ein, dass auch Gebäude und Siedlungen für den Bergbau abgerissen werden durften: Versorgung mit Rohstoffen hatte Vorrang. Die Änderung schaffte es ins Bundesgesetz von 1982. Die Genehmigungen umfassen immer nur einzelne Schritte: Rahmenbetriebspläne überblicken Jahrzehnte, Hauptbetriebspläne gelten zwei bis fünf Jahre, Sonderbetriebspläne laufen kürzer. Eine alles überblickende Genehmigung gibt es nicht, der Staat hält sich weitgehend aus der Prüfung von Bergbauvorhaben heraus. Ein Fachjurist übersetzt die Prozedur, es sei, als sage er zu den Unternehmen, ja schon, kann man so machen. Klingt nach einem riskanten Unterfangen.

Allerdings sind die Interessen von Unternehmen, Politik und Verwaltung fest verschmolzen: Im Rheinischen Revier erzeugt RWE den Strom, den andere Industrien nutzen, direkt oder indirekt hängen über 90.000 Arbeitsplätze daran. Gewerkschaften freuen sich über gute Löhne, sichere Arbeitsplätze, ihre Mitglieder haben schon vor Grothus’ Haus gegen sie demonstriert. Angestellte gehen wählen.

Verschlossene Häuser im ehemaligen Straßendorf Pesch 2011, dort siedelten Menschen seit dem 14. Jahrhundert

Foto: Matthias Jung

Als das Bundesberggesetz am 13. August 1980 beschlossen wurde, dachte niemand an Umweltverträglichkeitsprüfungen. Noch heute sind Braunkohletagebaue unter Bergrecht davon ausgenommen.

Wenn man Dirk Jansen, Geschäftsführer des Bundes für Umwelt und Naturschutz, in seinem Düsseldorfer Büro besucht, erzählt er, dass ihm die Genehmigungsbehörde, das Bergamt, oft wie eine Außenstelle von RWE vorkäme. Die Geschichte der Photovoltaik-Genossenschaft aus Buir sei ein Muster: Wer mit anderen Ideen bei Ministerien und Behörden vorspreche, bekäme den Eindruck, dass RWE schon vorher da war.

Nachteile haben jene, die von den Betriebsplänen betroffen sind und vielleicht nicht bei RWE arbeiten: Bergrechts-Genehmigungen bedeuten, dass Grundstücksbesitzer enteignet werden können. Ihre Staffelung bewirkt, dass sich dagegen schwer klagen lässt. Dirk Jansen hat es versucht, die Polizei räumte ihn und Mitstreiter vom eigenen Grundstück, erst viele Jahre später bekam der BUND recht – Enteignung, Abholzen, Abbaggern seines Grundstückes waren nicht legal. Als das Gericht entschied, klaffte anstelle der Obstwiese bereits ein Hunderte Meter tiefes Loch. Einen noch größeren Nachteil, kann man denken, hat stets die Natur.

Wenn man sich mit Jansen unterhält, Geologe und Geograf, schwarzes Hemd, kurze Haare, Marathonläufer, stellt man fest, wie lang die Klimakatastrophe aus politischen Entscheidungen ausgeblendet wurde. „All das, was jetzt aufgeregt als Energie-Autarkie diskutiert wird, schlägt der BUND schon seit zwanzig Jahren vor.“ Habe exakt niemanden interessiert.

Als die nordrhein-westfälische Landesregierung von Armin Laschet 2017 den Koalitionsvertrag präsentierte, stand da, dass Windkraft „auf Vorbehalte in der Bevölkerung“ stoße, die neue Regierung wollte „die Zahl neuer Anlagen beschränken“. Windkraftgegner und Leugnerinnen des Klimawandels waren jetzt bei Entscheidungen dabei, der geänderte Entwicklungsplan strich Vorgaben, wie Regionen mit Windpotenzialen umgehen sollten. Erfand eine Abstandsregel für Windkraftanlagen: tausend Meter zur nächsten Siedlung. Für Tagebaue hingegen reicht die Hälfte ihrer Abbautiefe. Die installierte Leistung aus Windkraft sank rapide, stabilisierte sich auf dem Wert von 2013. Die Regierung, sagt Jansen, setzte auf Importstrom.

„Ja, von Berlin aus ist der Strukturwandel weit weg.“ Hans-Jürgen Petrauschke hat eine fröhliche Art zu sprechen, die Worte schwanken hin und her, wie man das nur im Rheinland macht. Petrauschke hat an einem sonnigen Morgen in sein Landratsbüro geladen und den Kreisdirektor Dirk Brügge dazugebeten: Beide tragen schwarze Anzüge, weiße Hemden, beide sind in der CDU. Aber Petrauschke erzählt von tiefer Sorge, Brügge sagt sogar, Land unter. Sie meinen eine Versorgungslücke, die entstünde, wenn immer mehr Kraftwerksblöcke herunterfahren. „Kann man machen“, Petrauschkes Stimme hüpft jetzt fast, „wenn man mehr Atomstrom aus Frankreich, Braunkohlestrom aus Polen importieren will.“ Mit „man“ meint er die Bundesregierung. Die Grüne Partei sei ja sowieso dabei, ihre Ideen mit der Realität abzugleichen. Aus Hans-Jürgen Petrauschkes Sicht wird weit weg entschieden, Warnungen aus der Region würden ignoriert. Wind, Erdwärme, Sonne? Könnten wegfallende Kapazitäten noch nicht ersetzen, Wind blase nicht jeden Tag. „Wenn wir den Wohlstand in der Region behalten und mehren wollen, dann klappt das so nicht. Dafür brauchen wir Planungssicherheit.“ Jetzt übersieht der Landrat, dass auch RWE von der Kohle wegkommen will. Der Konzern weiß, dass sich die Kilowattstunde aus regenerativen Energiequellen deutlich günstiger produzieren lässt und sie nur der hohe Börsenstrompreis mit Braunkohle noch wirtschaften lässt.

Thomas Kutschaty, SPD-Kandidat

Foto: Tobias Schwarz/AFP/Getty Images

Petrauschke und Brügge schütten eine Kaskade von Projekten über den Besucher aus, die sie in der Region anschöben, sich vorstellen könnten: Gewerbeparks, Zentren, Knotenpunkte. Überall sollen sich Hochschulen und Unternehmen treffen, überall Ausgründungen, Start-ups; Ingenieure oder Elektriker könnten neue Dinge entwickeln, grüner Wasserstoff, grüne Energie, vieles mehr. All die schillernden Ideen ranken sich um etwas, über dem leuchtend das Wort Effizienz stehen könnte. Weniger Strom verbrauchen, bessere Technologie entwickeln, neue Produkte. Damit vielleicht Weltmarktführer werden.

Ganz nebenbei verwandelt sich das Landratsbüro in eine Strukturwandel-Collage politischer Ideen, behaglich gewärmt von der Frühjahrssonne. Fragen, die der Klimawandel stellt, scheinen samt und sonders mit besseren Förderausschreibungen beantwortbar. Andernfalls kämen Lücken und drastische Folgen: Deindustrialisierung, Verarmung. Wichtig sei, Petrauschke klingt jetzt ernster, nennt noch einmal die 90.000 Arbeitsplätze, all das ohne „Strukturbrüche“ hinzubekommen. Exakt so hatte RWE bis vor Kurzem gegen den Kohleausstieg argumentiert.

Was noch fehlt, steuert der amtierende Landesfinanzminister bei. Er hat eine halbe Stunde für ein Telefonat, kommissarisch ist er auch Umweltminister. Lutz Lienenkämper sitzt seit 2005 für die CDU im Landtag, seinen Wahlkreis, der sich vom wohlhabenden Meerbusch bis an die Tagebaukante in Jüchen zieht, gewinnt er regelmäßig. Auch er zählt Projekte auf, eine S-Bahn-Verbindung, Forschung, Gewerbeparks. Kritik an stagnierendem Ausbau von Windkraft kontert er locker: „Schauen Sie mal nach Bayern oder Baden-Württemberg, im Vergleich stehen wir gar nicht schlecht da.“

Lutz Lienenkämper, CDU-Politiker

Foto: Panama Pictures/IMAGO

Die wichtigste Leistung der Landesregierung sei, einen gesellschaftlichen Konsens hergestellt zu haben. Als die Steinkohle aufgegeben wurde, habe es den nicht gegeben. Jetzt aber, Ende der Kohleverstromung 2030, Klimaneutralität bis 2045: volle Überzeugung. Ob so ein Kraftwerksblock länger laufen müsse, um Importe aus Russland zu ersetzen, klingt bei Lienenkämper wie ein Detail in einem größeren Gemälde. Ansonsten leuchtende Farben.

In derselben CDU gibt es Mitglieder, die düsterer klingen. Die stehen grade nicht zur Wahl. Harald Zillikens zum Beispiel, Bürgermeister von Jüchen, zählt auf, dass die Stadt sich über 72 Quadratkilometer streckt, 30 davon stehen seit Jahrzehnten unter Bergrecht, sind ihr also entzogen. Zillikens sorgt sich, weil RWE bei der Renaturierung hinterherhinkt, die Finanzierung dafür nicht geklärt ist.

Aber er will auf etwas anderes hinaus: auf fehlendes Bewusstsein, überzogene Ansprüche. Er meint die Bürger, uns. Alle Ideen wollen wir sofort in bester Ausführung erfüllt haben. Kostenfrei, selbstverständlich. Einen Parkplatz fürs Auto auf der Straße vor dem Haus, einen am Bahnhof. Zillikens fragt bei Ratssitzungen zum Thema, wer heute nicht mit dem Auto gekommen sei. Es seien ja weniger als einen Kilometer zum Sitzungssaal? Stille, Blicke auf Fußspitzen. „Wir schenken den Menschen keinen reinen Wein ein. Wir sagen ihnen nicht, dass es so nicht weitergeht.“ Jetzt übersieht er gerade, dass die CDU vor Ort trotz knappem Haushalt und Einwänden seiner Verwaltung Feldwege für Autoverkehr ausbauen lässt. Details. Wenn man Zillikens fragt, ob Politik sehr viel eindeutiger werden muss, färbt etwas seine Stimme, ja, sagt er, vermutlich. Ein Bürgermeister, der seinen Bürgern erzählt, dass sie zurückstecken müssen? Er klingt resigniert.

Wer kämpft für das Weniger?

Und damit müssen wir noch einmal zurück zu Dirk Jansen, zum BUND nach Düsseldorf. Zu einem Thema, das wie ein Magnet die Teile des Gesprächs auf sich ausgerichtet hat. Weit über eine Stunde hat Jansen von Wirtschaft und Umwelt erzählt, schließlich davon, dass unter all den Ideen das Mantra vom ständigen Wachstum liegt. Dadurch steigt der Verbrauch von Rohstoffen immer weiter. „Geschlossene Wirtschaftskreisläufe und Wertstoffkreisläufe werden nur funktionieren, wenn wir das Niveau herunterfahren.“

Technische Lösungen, weniger Aufwand für mehr Leistung, der Wechsel zu Energie aus Sonne oder Wind: schön und gut. Genügten nicht, um immer drastischere Klimaveränderungen zu verhindern. Was fehle, sei die Maßgabe, Eingriffe in die Natur zurückzubauen, Flächen zu entsiegeln, Energieversorgung dezentral zu organisieren. Und: Lebensstile darauf auszurichten, dass Ressourcen endlich sind. Suffizienz heißt das, bedeutet weniger von allem. Weniger Verkehr, Konsum, Produktion. Kleinere Autos, anders wohnen. Dirk Jansen zuckt mit den Schultern. „Die Debatte führen auch die Grünen nicht.“ Das wäre mal eine heiße Phase im Wahlkampf.

Dirk Jansen, BUND-Geschäftsführer

Foto: Reiner Zensen/IMAGO

Antje Grothus holt einen Moment Luft. Spricht von der Notwendigkeit, anschlussfähig zu sein. Heißt: Menschen nicht zu verprellen. Es ist spät geworden, sie hat es heute nicht geschafft, Wahlkampfzettel an Haustüren zu verteilen. Kann man Wähler*innen erklären, dass sie kräftig zurückstecken müssen, und ihre Stimme bekommen? Dass es Strukturwandel braucht, der eine Klimakatastrophe verhindern soll, während andere Parteien sagen, dass das, was Jahrzehnte richtig war, heute nicht falsch sei? In Grothus’ Stimme mischt sich etwas Drängendes, sie spricht schneller, ihr Ton wird fest. Es gebe doch Mehrheiten. Für Tempolimit, den Ausstieg aus Kohle und Gas. Unglaublich, wie sehr Politik da hinterherhinke. Sie sagt den hübschen Satz aus dem Wahlprogramm auf, dass wir uns nämlich keinen Umweltschutz nicht leisten könnten. Wüssten die meisten. „Diese Mehrheiten müssen wir abbilden.“

Das Bundesministerium für Wirtschaft und Klima bereitet grade Fachgespräche vor: umweltpolitische Regelungen für die Novelle des Bundesberggesetzes.

Eine Studie der Industrie- und Handelskammer Mittlerer Niederrhein stellt fest: Energiewende und den Wirtschaftsstandort zu erhalten, mache einen Kohleausstieg 2030 unrealistisch.

SPD-Spitzenkandidat Thomas Kutschaty sagt dem Spiegel, niemand wisse, „ob wir 2029 oder 2039 aus der Kohle aussteigen“. In Dörfern, die jetzt wieder an ihr Überleben glauben, klingt das wie eine Drohung.

RWE antwortet nicht auf schriftliche Fragen.

Lennart Laberenz ist freier Journalist. Als Reporter besuchte er zuletzt die CSU in Bayern (der Freitag 47/2021) und die Grünen in Sachsen-Anhalt (32/2021)

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