Die Heiterkeit steht auf dem Spiel

Baltikum/Russland Das kleine Lettland teilt eine Grenze und eine lange Geschichte mit Russland. Mal fühlen sie sich vom Nachbarn bedroht, mal befreit. Wie reagieren sie hier auf den Krieg in der Ukraine? Eine Reportage
Exklusiv für Abonnent:innen | Ausgabe 22/2022
Antikriegs-Plakat vor der russischen Botschaft
Antikriegs-Plakat vor der russischen Botschaft

Foto: M. Scott Brauer/Redux/laif

Hier kann man beginnen, Zilupe ganz im Osten, zweite Maiwoche, über dem Güterbahnhof ist die Sonne aufgegangen. Etwas über tausenddreihundert Menschen leben ringsum, der Ort wirkt eher wie ein Fleck um den Bahnhof, der sich ausgebreitet hat: Holzhäuser, Spitzdächer, Obstgärten, Zäune. Ein Hahn kräht. Der Name kommt aus dem Lettgallischen, leitet sich von dem Wort sīna ab: Grenze. „Vom Land lebt man hier“, sagt Ljuba, wir gehen über den Asphaltstreifen vor dem Bahnhof, gerade ist ein wenig Schnee gefallen, „und der Grenze.“

Ljuba hat die Nacht über Züge abgefertigt, klingt fröhlich, ihre Schicht dauert zwölf Stunden, die Züge kommen aus Russland. Ljuba ist in einem Dorf in der Nähe gebore