Kunstschau mit zwei Wodka im Tank

Berlin-Mitte Aus dem Kofferraum eines Mercedes 500 SEL heizt ein Saunaofen und unser Autor freut sich über den Mut zum Witz des Künstlerinnen-Duos BLESS

Es wird, so viel vorweg, eine beruhigende Bewegung vom Großen und Ganzen zum Kleinen und Genauen. Zunächst ist da das übliche Spektakel an einem winterkalten letzten Februarwochenende in diesem schon länger abstrusen Stadtviertel. Berlin-Mitte, südlich der Torstraße, das muss man Menschen erklären, die aus berechtigtem Desinteresse hier nie waren oder hinfahren, ist ein porentief von der Gentrifizierung durchgekärchertes Viertel. Läden voller Artikel des ästhetischen Kapitalismus, also Kinderwagen in der Preisklasse gebrauchter Automobile, professionelle Radfahrmode, Hochglanzmagazine im Gegenwert von zwei warmen Mahlzeiten. Alles irgendwie ökologisch.

Der Stadtteil wirkt wie die Kulisse eines Werbefilms, in dem Menschen nur ab und an aus Büros voller Internetwichtigkeit heraustreten. Drum herum Touristen, man erkennt sie an ihrem Staunen und Jacken für Bergabenteuer – hier also absolut richtig.

Auch das Große und Ganze: Tag drei der russischen Invasion, Kiew ist umkämpft. Ein ukrainischer Linker schaut in einem Brief auf die schrägen Verrenkungen vieler westlicher Genoss*innen, ihre selbstgewählte Blindheit vor dem aggressiven Potenzgehabe von Wladimir Putin; die peinliche Kritiklosigkeit des „anti-imperialismus of idiots“ an russischer Geopolitik. Der Brief klingt nach Abschied, der Autor rückt zum Militär ein. Das Garage Museum in Moskau, eine künstlerische Betriebsstätte mit der nicht alltäglichen Mischung aus politischer Idee und Intelligenz, schickt eine Mail herum und erklärt, jetzt nicht weiter an Ausstellungen arbeiten zu wollen: „Wir können die Illusion von Normalität nicht unterstützen.“ In den Kunstwerken (KW) in der Auguststraße, früh eines der Epizentren des Kunstschnuffitums von Berlin-Mitte, eröffnet ein Happening. Nichts wie hin also, drei Tage Suche von Ukraine-Nachrichten, Bildern, Analysen im Gepäck – BLESS hat angerichtet.

Da steht im Innenhof erst einmal ein Mercedes 500 SEL, Baureihe 140, ein Artefakt der Helmutkohlzeit mit klebriger Erinnerung an Saumagen-Bräsigkeit. Symbol einer Phase, in der Aufbruchseuphorie der Wiedervereinigung in nationalistischen Stumpfsinn gekippt war. Der Wagen ist schon ästhetisch eine Sauerei, die arrogante Umweltverschmutzung noch gar nicht eingedacht. An der Kasse holt man sich eine Tasche mit Handtüchern, die Dusche ist ein paar Meter hinter einer Bar, der Benz ist inwendig mit Holzkügelchen ausgekleidet, ein Saunaofen heizt aus dem Kofferraum. Man kann Aufgüsse hineinfummeln und langsam verschwindet all die Bankenvorstandsanmaßung, die im Auto verbaut ist. Willkommen zum Jahr mit BLESS, dem süddeutsch-berlin-pariser Kunstduo von Desiree Heiss und Ines Kaag. Letztere steht nach einer halben Stunde Sauna an der Bar, es gibt Wodka und Wasser, sie fragt, wie es so war. Nun ja, bisschen kurz, Füße vielleicht noch kühl, aber doch, eigentlich ganz gut. Etwas entspannt sich da, wir können auf zum Kleinen und Genauen.

Verspielt und verschnurpselt

BLESS gibt es seit 25 Jahren. Nachdem wir die Holzstiege in die Künstler*innenwohnung des KW hinaufgestiegen sind, findet Ines Kaag nebenbei einen Satz, der sich zwar auf ein sehr konkretes Prozedere bezieht, aber auch über der Arbeit der beiden selbst stehen könnte: Wir machen Import/Export. Es geht in ihren Arbeiten häufig um Form und Material als getrennte Sphären, Fragen von Sinn, die dann entstehen, wenn man beide auseinanderzieht. Bei BLESS entsprechen sie einander nicht unbedingt, berühren sich grade noch in einem äußeren Ring der Assoziation.

Heiss und Kaag haben schon Urlaubshemden mit Motiven der letzten Saison verziert. Den „Ich war hier“-Charakter markieren die Knie der Fotografin im Bild. Sie entwarfen eine Modelinie für Stühle, Schal-Armwärmer-Handschuhe aus Stoffresten, allerlei Geschirr mit Steinfüßen, Kettengliedern. Die Fußwärmersteine neben dem Benz haben wir übersehen.

BLESS importieren Gefundenes, das wie Schwemmholz im grade gegenwärtigen Knick des Zeitstroms Ecken und Wände füllt. Es können Fragmente der Vergangenheit sein, Dinge von weither, Sachen, die sie vor Ort finden. In Berlin haben sie die Wohnung komplett umgeformt, renoviert, Dinge verbaut, die sie vorgefunden haben. Zuvor muss sie eine dieser gut gelegenen, etwas lieblos eingerichteten Stätten gewesen sein, in denen Menschen während zeitweiliger Produktionen leben.

Jetzt hängt an der Küchenwand ein Halteknubbel aus einer Kletterhalle, darin ein Flaschenöffner. Die Bildwelt einer vergangenen Residenz als Fototape: Innenansicht des Hauses aus Los Angeles, in dem sie gewohnt haben. Die kürzliche Vergangenheit weht herein: Der Blick aus dem Fenster am Anfang ihres Aufenthalts im KW als Druck auf der Gardine – Erinnerung an eine schon wieder vergangene Jahreszeit, einen Moment, in dem die Vormieter*innen den Koffer packten, der Baum im Hof noch frischer wirkte.

Das Kleine und Genaue hat etwas entschieden Verspieltes und Verschnurpseltes, einen Witzemut, der gar nicht flach daherkommt: Die Trompe l‘Œil zerren an Wertbegriffen, Gebrauchsmittel werden gestört. Im Bad liegt die Bürste, der anstelle von Borsten der Schweif eines, nun ja, langhaarigen Tieres gewachsen ist. Begrenzter Nutzen für Leute mit Haaren, größerer Wert auf dem Kunstmarkt. Für den kaufen sie auch mal billige Taschen und bieten sie unverändert für das Vielfache an, in einem Umschlag dazu gibt es ein selbst entworfenes Label und den Verweis auf Herkunft und Preis der Tasche. Ein mildes Lächeln über den Fetisch in der Kunstproduktion.

In der Wohnung stehen neben der Eingangstür Staubsauger und Flaschen mit Reinigungsflüssigkeit, sorgfältig in Denim gekleidet, auf ihre Form reduziert. Ihrer Markt- und Werbebotschaft beraubt, tritt die Gestalt genauer hervor, alles wird auf eine Art Idiosynkrasie der Form reduziert. Wenn wir draufblicken, produziert das Gehirn nostalgisch unterspült Werbeclips.

Im Hauptraum sind die Möbel jetzt an den Rand gerückt, deren Jugendzimmer-Furnier verliert sich, weil sie mit Teilen des Bildmotivs der Wandtapete dahinter beklebt sind. Außerdem schauen sie auf eine schiefe Ebene, was mit zwei Wodka im Tank nach der Wendeltreppe kurzen Schwindel provoziert. Eingelassen ist ein Bett, solide zuklappbar: Hier kann man schlafen, herumliegen, mit Murmeln schnipsen. Ein leicht verträumter Rückzugsort, sicher keiner, in dem zum Beispiel große Kriegspläne gehegt würden, und genau richtig auch hier in Berlin-Mitte. Nur komplett mit Sauna.

Info

A Year with … BLESS im Rahmen des Residenzprogramms des KW Institute for Contemporary Art, Berlin, läuft noch bis 22. Dezember

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