Überraschende Intimität

Kultstatus Ihre Erzählungen hören sich eher nach Rock 'n' Roll als Literatur an, heißt es: Mary Gaitskills Short Stories „Bad Bahaviour“ werden bei Blumenbar wiederaufgelegt

Grob überblickt wird die Kunst des glücklichen Lebens von allerlei Seiten bedrängt. Da sind vor allem andere Menschen und der seltsame Wunsch, ihnen zu gefallen, mit der kleinen Münze Aufmerksamkeit bezahlt zu werden. Konventionen, Familie, schließlich auch drängende Notwendigkeiten, die uns zu seltsamen Dingen antreiben: Arbeit. Dann sitzen wir in Büros, oder fegen Schnee, haben vielleicht sogar Erfolg, machen Marketing, oder schrauben Geländewagen für die Stadt zusammen. Basteln an oft überflüssigen Dingen, die außerdem unsere Umwelt zerstören.

Ein starker Gegner ist die Einsamkeit, die vielleicht mit Fremdeln beginnt, inmitten einer Menge Menschen, als schlechtbezahlte Arbeitskraft, in einer unverstandenen Beziehung. Führt zusammengenommen nicht selten zu erratischer, überraschender Intimität. Und noch mehr zusammengenommen wäre das in etwa das Themenspektrum, das Mary Gaitskill seit ihrem literarischen Debüt 1988 bearbeitet.

Seit den neun Kurzgeschichten aus Bad Behaviour umwehte Mary Gaitskill einen Kultstatus in den USA. Keine der Erzählungen war zuvor in den einschlägigen Magazinen veröffentlicht, der Band selbst aber verkaufte sich rasch an über ein Dutzend Verlage im Ausland. Vor allem Leserinnen reagierten darauf. Die Liste der Essays, die mit der eigenen unterbezahlten Lebenssituation beginnt, der eigenen unverstandenen Beziehung und schließlich dem eigenen Überraschen über den Umstand, dass die Sexualität von Frauen von Gaitskills Geschichten ernst genommen wird, ist lang. Viele jüngere Autorinnen schrieben Hymnen zu Gaitskill, fanden bei ihr Erweckungserlebnisse oder zumindest Bestätigung für den eigenen Kurs.

Die minimalistischen und unscheinbar eleganten Erzählungen, jede in sich ein Spiel aus Perspektiven, Innenansichten, Zweifeln, sind längst Lehrstoff an US-Hochschulen – auch wenn man glauben kann, dass etliche Studierende auf die kräftigen Urteilen über Körper, Bewegungen, allerlei Hässlichkeiten des damaligen New York heute erschrockener reagieren als das Ende der 1980er-Jahre. Um so verdienstvoller, dass der Blumenbar-Verlag die Sammlung in diesem Jahr noch einmal neu übersetzen ließ.

Ein Haufen kalter Geringschätzung

Zu Mary Gaitskill selbst hat der Guardian schon die beste Einordnung geschrieben, dass nämlich ihre Erzählungen mit biographischen Zeilen daherkamen, die sich „eher nach Rock’n’Roll als Literatur“ anhörten: Früh aus dem Elternhaus abgehauen, Blumenverkäuferin in San Francisco, ein paar Jahre arbeitete sie als Stripperin in New York, um sich das Schreiben zu finanzieren. Solche Dinge schubsen einen leider schnell auch auf das dünne Eis, biographische Eckpunkte zu literarischem Stoff zu gewichten. Denn ihr Personal wird oft von fast universalem Befremden heimgesucht, fühlt sich verhakt zwischen Anspruch einer Gesellschaft, Familienmitgliedern, Interessen und sexuellen Praktiken, die auch ein glitzerndes Versprechen bergen. Nirgends passen sie richtig hinein, nichts können sie tatsächlich uneingeschränkt tun, immer drängt einen irgendwer, oft auch männliche Figuren die Frauen, jene finden dann schon mal überraschende Freude an Unterwerfung.

Es geht um Macht, Trümmer der bürgerlichen Welt der USA mit ihren religiös grundierten moralischen Zwängen, feste Geschlechtermodelle werden unterspült vom Sog der prekären Situationen, die sich zum Beispiel als Ein romantisches Wochenende ausgeben und dem so gar nicht entsprechen: Ein Pärchen, er eigentlich mit einer Koreanerin verheiratet und auf der Suche nach einer Frau, die er so quälen könnte, wie eine Verflossene; sie aufgelöst zwischen der Angst, einen „unvollkommenen Eindruck“ bei ihm zu machen, Amphetamintabletten und Übernächtigung. „Sie hatte gesagt, sie wolle, dass man ihr wehtat, aber er hatte den Verdacht, dass sie nicht wusste, wovon sie redete.“

All das führt zu einem Haufen kalter Geringschätzung, bei der man denkt, dass doch alles gleich auseinanderfliegen muss, nichts ist richtig durchdacht überall hakt es und sie verderben sich das Wochenende gegenseitig: „Trotz ihrer beider schlechten Laune trieben sie es noch einmal miteinander, vor allem wohl deshalb, weil es ihnen leichter fiel, einander zu ignorieren, während sie es taten.“

Wer aber genauer liest, spürt der ständig kippenden Stimmung nach, ein Faszinosum, dass sich wiederholt, weder ist die Situation einseitig, noch der Verlauf linear, am Ende treffen sie wohlmöglich grade mit all dem Hakeligen beieinander einen Nerv, die äußere Welt zerrt am romantischen Wochenende, dagegen stülpt sich gewissermaßen alles von innen nach außen, entleert all die Erwartungen an Romantik, die uns der Titel versprach und die sich die beiden vielleicht selbst vorgenommen hatten.

Vorhang weg

Die bekannteste Erzählung, Sekretärin, muss man erst einmal aus dem Kontext der banalisierenden Verfilmung von Steven Shainberg retten – und vielleicht auch vor der Angst ähnlich, wie das Kleinbürger-SM-Abenteuer-Gesummse bei 50 Shades of Grey vorzugehen. Nein, da bekommt die Icherzählerin endlich eine Anstellung, kann also als funktionierendes Glied der Gesellschaft auftreten. Aber „die Begeisterung meiner Familie weckte in mir eine gewisse zynische Einstellung gegenüber meinem neuen Job – gegenüber jeglicher Anstrengung, deren Ziel es war, etwas zu erreichen. Unbeweglichkeit und Unhöflichkeit schienen mir das einzige kluge Verhalten zu sein.“ Ihre Überraschung über die idiotische Einrichtung des Anwaltsbüros als Differenz zwischen gesellschaftlichem Bild des Advokaten und der Realität, dann das Gefühl, um den Preis schrumpfenden Empfindungsvermögens die Banalität ihrer Aufgabe (einen Brief zu schreiben) erfüllen zu können: „Ich war nützlich.“

Solche kleinen, atmosphärischen Einwürfe sind es, die Gaitskill einstreut, Anzeichen, die später dem Umstand, dass der Anwalt ihr gut zehn Minuten den Hintern versohlt, während sie ein misslungenes Schreiben vorliest, in ein anderes Licht taucht. Und gleichzeitig ihre Empfindung auf eine ganze Welt projizierbar macht: „Das Wort »Erniedrigung« kam mir mit solcher Macht ins Bewusstsein, dass es all die anderen Wörter wirksam verdrängte. Außerdem ahnte ich, dass der Sinn, der in diesem Wort steckte, schon seit geraumer Zeit mein Leben beherrschte.“ Dass ihr all das dann noch Lustgewinn und Erregung bringt, ist die nächste weitere Wendung, einen Orgasmus hatte sie trotz Mühen leider nicht. „Dann konnte ich nicht schlafen.“

Gaitskill, die zuletzt mit Perspektivwechseln in This is Pleasure vielleicht auch auf schlichtere Moraldiskussionen und Versuche, die #Meetoo-Debatte auszuhöhlen, reagierte, zieht immer noch einen weiteren Vorhang weg, hinter dem sich ein noch komplexerer Raum streckt.

Info

Bad Behaviour, Schlechter Umgang Mary Gaitskill, Übers. Nikolaus Hansen, Blumenbar Verlag, 270 Seiten, 20 Euro

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