An Apple a day, keeps the doctor away

Wiedersehen Ein Wiedersehen während der Seuche
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Stellen Sie sich vor Sie halten einem hungernden Manne einen saftigen Apfel hin. Diesen schneiden Sie genüsslich auf, damit sich der aromatische Duft verbreitet. Sie können sehen wie die Augen des Mannes nach dem Apfel streben. Sie wollen ihm helfen, wie er da so hungernd vor Ihnen steht. Aber Sie halten den Apfel auf Distanz. Genau 1,5 Meter. Denn Sie haben Angst. Sie wollen nicht, dass der Mann mit seinen ungewaschenen Händen Viren oder Bakterien auf Ihnen verteilt. Irgendetwas ist komisch. Der Mann, der offensichtlich vor Hunger fast ohnmächtig wird, versucht gar nicht Ihnen näher zu kommen. Als würde auch eher sich davor fürchten näher zu kommen. Fast als hätte er Angst, Sie könnten irgendwelche Krankheiten auf ihn übertragen. Wie absurd, Sie sind doch vollkommen gesund.
Jetzt fehlt nur noch, dass der Mann nackt ist und Sie eine Schlange sind und Sie bekommen das Gefühl sich in der Bibel wiederzufinden. Nein, darum geht es hier nicht. Die beschriebene Situation ist zwar bildlich, aber aktuell.
Wir könnten die einzelnen Figuren so deuten: Sie und der Mann sind enge Freunde. Der Mann hungert auch nicht im wörtlichen Sinne, sondern er vermisst die Nähe und Zuneigung seiner Freunde, den Apfel. Sie könnten dem Mann Zuneigung schenken, Sie hätten sogar große Freude daran. Denn in Wahrheit sind auch Sie der hungernde Mann. Auch Sie vermissen, wie wir alle, Ihre Freunde und deren Zuneigung. Doch Sie können nicht, weil Sie wissen, dass es gefährlich ist. Sie wissen, dass Sie damit Ihre und seine Gesundheit gefährden. Und der hungernde Mann weiß das auch. Sie haben den Schmerz in seinen Augen gesehen.
So ergeht uns allen in diesen Tagen. Wir sehen zufällig oder weniger zufällig unsere Freunde wieder. Welch eine Freude. Mit einem breiten Lächeln läuft man aufeinander zu. Und prallt ab. Eine unsichtbare Wand. 1,5 Meter. Keine Umarmung, nicht einmal ein Händedruck. Distanz. Körperlich und emotional. Haben Sie gemerkt, dass Sie sich anders unterhalten? Ja, Distanz. Auch hier, mitten im freundschaftlichen Gespräch.
Es bleibt ein Wiedersehen aus der Ferne. Man winkt sich zu und geht dann mit einem mulmigen Gefühl nach Hause, um sich dort einen Apfel aufzuschneiden.

16:48 24.04.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Kommentare