Perspektive

"Reden hilft!" In der Krise suchen wir eigentlich die körperliche Nähe. Aber was tun wir, wenn genau das nicht mehr geht?
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Krise das kann man unterschiedlich verstehen. Da kann man unterschiedlich mit umgehen. Krise ist für die einen Zerstörung, alles geht kaputt, nichts ist mehr wie es früher war.
Für andere ist es aber auch Hoffnung. Hoffnung auf eine Zeit nach der Krise. Schöpferische Zerstörung sagt der Liberalist. So wie auf dem abgebrannten Feld schnell, gedüngt durch die Asche, das neue Korn blüht. So schafft auch die Krise Raum für neues. Zerstörung zerstört nicht immer nur das Gute, sondern oft auch das Schlechte, das eh schon überfällig war.
Diese Hoffnung in der Krise zu finden bleibt jedoch schwer. Wie soll ich umgeben vom Zusammenbruch an einen Wiederaufbau denken? Woher nehme ich nach der erschöpfenden Krise denn überhaupt die Kraft etwas zu erschaffen?
Diese Fragen kann man unkompliziert mit einem „Kopf hoch“ beantworten. Aber diese Worte kommen nicht wirklich an. Viel hilfreicher ist es zuzuhören und Verständnis auszudrücken. Zu sagen: „Ja, ich verstehe deine Sorgen, ich teile sie sogar. Du bist nicht allein!“ Das berührt und das geht auch in der aktuellen Krise.
Es ist sicherlich für niemanden neu, dass Nähe auch durch Worte geht, das vor allem Liebe auch von Worten lebt. Was entlastet ein schweres Herz mehr als ein intensives Gespräch?
„Reden hilft.“ Das gilt grundsätzlich. Jedes Problem wird kleiner, wenn man es teilt, viele verschwinden sogar ganz. Ein Gespräch muss nicht immer eine Lösung liefern, denn das Gespräch an sich stellt schon die Lösung dar. Wer redet, der löst, der löst auf. Der löst sich von seinem Problem und von sich selbst hin zu einem „Wir“. Und dabei löst er dieses Problem und damit auch den Druck auf seinem Herzen auf.
In Zeiten wo uns also nichts bleibt außer dem Gespräch, können wir Vertrauen haben. Vertrauen in uns und unsere Fähigkeit die großen Probleme zu lösen. Denn selbst in diesen Zeiten besitzen wir noch das wichtigste Werkzeug dafür. Jenes Gespräch.
Nun kann einer sagen, er habe aber niemanden, um zu reden, niemandem dem er so tief vertraue. Dann ist dieser Mensch nicht einfach arm dran, sondern dann eröffnen sich ihm andere Möglichkeiten. Gespräch heißt nicht unbedingt Dialog. Klar, ein Monolog macht wenig Sinn. Man möchte doch auch seinen Horizont erweitern und eine neue Perspektive gewinnen. Man möchte Zustimmung erfahren oder Widerspruch oder vielleicht einen Rat. Das alles ist offensichtlich im Monolog schwer (abgesehen von der Zustimmung).
Ein erster Schritt kann es jedoch sein, seine Gedanken zu ordnen. Ihnen Zeit schenken, damit sie reifen und zur Ruhe kommen können. Sie lesen gerade einen solchen ersten Schritt. Ein einfaches Ordnen der Gedanken. Und Sie merken vielleicht, dass wir doch in einem Dialog gelandet sind. Dieser Text stellt den erdachten Dialog dar. Und er hilft. Ich muss mich also korrigieren. Gespräch heißt Dialog. Aber ein Dialog benötigt nicht unbedingt ein reales Gegenüber.

Also kann auch diese Krise uns nicht im Fundament erschüttern. Wenn wir reden. Denn wie immer gilt: „Reden hilft!“ Und da uns gar nichts anderes übrig bleibt, werden wir wohl reden müssen.

16:40 15.04.2020
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