Leo Allmann

M.A. Philosophie, Online-Essayist
Leo Allmann
RE: Lohnarbeit ist Massenmenschhaltung | 13.07.2019 | 10:09

Ich erinnere an das Leitthema hier: Das Studium der Gegenwart ist vor allem das des in der Staatenwelt allgegenwärtigen Systems der Lohnarbeit und dessen kaum übersehbar miserablen Auswirkungen auf Mensch und Natur. Wer gegen dieses System andenkt, ist sich bewusst, ein wie dickes und hartes Brett er bohrt. Die kapitalistische Produktionsweise hat sich im Laufe mehrerer Jahrhunderte derart zur zweiten Natur ausgewachsen, dass diejenigen, die sie für einen korrekturbedürftigen Fehler halten, sich wie Leute vorkommen müssen, die das Sonnensystem kritisieren und von Grund auf verändern wollen. Dennoch ist sonnenklar, dass die Lohnarbeit ebenso wie zuvor Sklaverei und Leibeigenschaft von Menschen eingerichtet und als gesellschaftspolitischer Standard durchgesetzt worden ist, dem Menschen auch entgegenwirken und schließlich den Laufpass geben können, und zwar unabhängig davon, wie es dafür gegenwärtig um die Erfolgsaussichten stehen mag.

Wer sein Denken von den gegenwärtigen Erfolgsaussichten abhängig macht, wird durch und durch, theoretisch wie praktisch, zum Opportunisten. Mit dieser Haltung hat man leichtes Spiel, Erkennen und Handeln in Harmonie zueinander zu bringen. Wer sich stets vornimmt, was er ohne große Umstände erreichen kann, ist grundsätzlich geneigt, nur vermeintlich "Unmögliches" noch nicht einmal für erstrebenswert zu halten. Oder es dem "lieben Gott" zu überlassen. Deshalb könnten Sie die Liste Ihrer Vorbilder problemlos um alle guten Christen, Muslime etc. erweitern; denn die sehen nicht minder wie die von Ihnen schon Aufgezählten vor allen Dingen zu, dass sie sich ihrem moralischen Gesetz gemäß anständig verhalten, eben gute Menschen sind, ob als Kinder Gottes oder als Untertanen einer weltlichen Herrschaft, die gute Dienste auf ihre Weise zu gebrauchen versteht.

Was die Theorie-Praxis-Übereinstimmung angeht, können sogar alle wirklichen Bösewichte hinzugerechnet werden, die doch mustergültig taten, was sie gedachten zu tun. Gehen Sie mit solchen Typen im Ernst und um Ihres Konsistenz-Prinzips willen eher d'accord als mit jemandem, bei dessen Gegenwartsstudium die traurige Einsicht abfällt, dass es kein richtiges Leben im Falschen gibt?

RE: Lohnarbeit ist Massenmenschhaltung | 12.07.2019 | 09:24

Um nicht entfernt zu praktizieren, was man vertritt, muss man bloß ein linker Lohnarbeiter sein, der nur äußerst selten einmal, nämlich als Streikender, für ein anderes Interesse den Kopf hinhält als für das des Kapitals. Als linker Philosoph demonstriert man wenigstens mit den Inhalten seiner kritischen Arbeit und des damit verbundenen kommunikativen Handelns, warum man wogegen ist.

An wen denken Sie denn zum Beispiel, in dessen Leben Theorie und Praxis vereint seien? Mir fallen da bloß systemkonforme Leute ein, die zum Beispiel auch deshalb Kunden von Amazon sind, weil sie Bezos für einen Menschen halten, dem alle nacheifern sollten und auch können, biete doch die freie Marktwirtschaft wie kein anderes Gesellschaftssystem jedem die Chance, sein Glück zu machen, und etwas Großartigeres und auch Sozialeres könne doch keiner wollen, als für ganz viele Arbeitsuchende ein erfolgreicher Arbeitgeber zu sein.

Kurz: In einer liberalen Gesellschaft, also demokratisch-kapitalistischen, haben Liberalisten die geringste Not, Denken und Handeln miteinander in Einklang zu bringen. Und auch als Links-Liberalist mag man es vorziehen, im bestehenden Ausbeutungssystem hier oder dort für diese oder jene zwielichtige Verbesserung einzutreten, statt ernsthaft auch nur zu denken, das von Grund auf Falsche solle im Ganzen einmal aufhören.

Natürlich würde es dann nicht ausbleiben können, auch eine Welt ohne Politik und Lohnarbeit kritisch zu sehen. Das gesellschaftliche Bewusstsein wäre jedoch bis dahin so weit entwickelt, wie es heute noch kaum antizipierbar ist. Deshalb sind Spekulationen über eine Zukunft unter ganz anderen Voraussetzungen ja auch immer sehr müßig. Eigentlich ist auch keine Zeit für solche Spekulationen; denn das Studium der Gegenwart ist nie abschließbar.

RE: Lohnarbeit ist Massenmenschhaltung | 11.07.2019 | 18:25

Korrektur: Je zügiger die Monopolisierung ...

RE: Lohnarbeit ist Massenmenschhaltung | 11.07.2019 | 18:13

Erkennen und Handeln können im gegebenen Fall nur zusammenfallen, wenn die herrschenden Verhältnisse insgesamt nicht mehr gewollt und infolgedessen verändert werden. Dazu bedarf es aber genügend Vieler, die den betreffenden begründeten Unwillen teilen. Es soll ja nicht auf eine Art Putsch von ein paar gewalttätigen Volksbeglückern hinauslaufen. Also fallen bis zum Beginn einer auf breiter Front vollzogenen Aufkündigung des bestehenden 'Gesellschaftsvertrags' Erkennen und Handeln lediglich über die Bewusstseinsarbeit zusammen. Der angestrebte Erfolg muss nicht, aber kann ganz ausbleiben.

Die bestehenden Verhältnisse bloß "verbessern" zu wollen und innerhalb ihrer auf alternative Wege zu setzen, zeugt sowohl von einer anderen Theorie als auch von einer anderen Praxis, die ich beide nur für verkehrt halten kann. Denn mit derartigem Engagement verhält man sich kaum anders als ein Kirchgänger. So viel "soziale Bewegung" und "Opposition" steckt die kapitalistische Produktionsweise locker weg. Unterm Strich ändert sich dadurch nichts von Belang – man macht halt nur mehr "Aktivisten"-Lärm um nichts.

Dann kann man auch bei Amazon kaufen und sich sogar einen revolutionären Gedanken dabei machen: Jede zügiger die Monopolisierung fortschreitet, umso überschaubarer wird die gegnerische Front. Natürlich kann man das nicht, wenn man große Stücke auf die Moral hält – das ist übrigens ein kritisches Kapitel für sich.

RE: Lohnarbeit ist Massenmenschhaltung | 11.07.2019 | 17:30

Im Großen und Ganzen geben sich ja die weitaus Meisten mit dem Leben zufrieden, das sie leben, und das schon gleich doppelt, wenn sie es schon eine ganze Weile gelebt haben – die Reichen und Mächtigen mit ihrem, die kleineren Leute mit ihrem. Da drücken Sie sich auch vorsichtig genug aus, indem sie das bescheidene "erträglich" einflechten. Über diese quasi 'anthropologische Konstante' hinaus ist mir allerdings der Hinweis wichtig gewesen, dass weniger ein verlorenes "Paradies" im Fokus steht als das bereits hochrechenbare Aus von 'anthropologischen Konstanten' überhaupt, alle "sich gabelnden Wege" eingeschlossen.

RE: Lohnarbeit ist Massenmenschhaltung | 11.07.2019 | 16:55

Die Fortschreibung der "Analyse" bleibt ganz gewiss ein Thema, solange auch der Streit "über die Alternativen und die Weg(e)" nichts Weltbewegendes voranbringt, sondern ebenfalls bloß eine Begleitmusik von Verhältnissen abgibt, die immer großspuriger nach eigenen Einsätzen die Puppen tanzen lassen. Wenn ich Ihr Insistieren auf meinem politisch inkorrekten Konsumverhalten beobachte, dann reicht mir das schon fast als Zeichen, wie kleine Brötchen die Analysemüden handfest am backen sind.

Die potentielle Leserschaft meiner Artikel beschränkt sich übrigens nicht auf die FC. Die News Republic zumindest ist noch angeschlossen. Abgesehen davon, dass "ich singe, weil ich ein Lied hab'".

RE: Urlaub – was für ein Wort! | 09.07.2019 | 16:56

Es ist beachtenswert, dass man in einer total verwalteten Welt Grenzen nur hinter sich lassen kann, wenn man zugleich neue Grenzen hinnimmt. Die Dialektik der Befreiung ("Freiheit von ...") habe ich bereits angedeutet.

RE: Kommunismus ist ... ? | 09.07.2019 | 12:23

Kann man denn "eh was tun"? Glauben Sie an so etwas wie "Konsumentenmacht"? Käuferverhalten kann immer nur Input für modifizierte Geschäftsstrategien sein. Da brächte es mehr, gar kein Geld mehr auszugeben. Doch der Haken dabei ist noch leichter auszumachen.

RE: Kommunismus ist ... ? | 09.07.2019 | 11:38

Um der Antwort voll zu entsprechen, müsste man freilich aus allem aussteigen, was mit Staat und Lohnarbeit zu tun hat. Aber ok, wenn man wenigstens ein mikroskopisch kleines Zeichen setzen möchte ...

RE: Urlaub – was für ein Wort! | 08.07.2019 | 07:55

Nun, Sie "könnten" es nicht gesagt haben, sondern haben es gesagt und damit bestätigt: es geht so herum oder auch anders herum. Stark anzunehmen ist, dass die Vorgehensweise in den "Kapital"-Bänden die am reifllchsten überlegte war.

Was die Wort-Bedeutung anbetrifft, hat mir eine größere Verwandtschaft vorgeschwebt, die ich durchzugehen gedachte: urlauben > erlauben > gelauben, kurz: glauben > geloben > loben > lieben. Der erste Zwischenhalt hat aber dann bereits so viel Brisantes geboten, dass ich ihn beim Schreiben nicht mehr über-gehen wollte.

So wird denn das Erlauben zum thematischen Schwerpunkt des Artikels, mit dem Urlaub, bloß um des Wortes willen, als Vorspann. Die Erlaubnisse als gewährte Freiheiten sind für meine Begriffe übrigens keine "Pseudo-Freiheiten"; denn Freiheit hat Realitätsbezug überhaupt nur als begrenzte. Man könnte dann jedesmal, unter allen Umständen, von Pseudo-Freiheit sprechen, doch eine "wahrere" Freiheit gibt es nun mal nicht. Spannend ist dann allein die Frage, wie (!) die Freiheit begrenzt ist. In der bürgerlichen Gesellschaft ist hierfür die Konkurrenz und der damit installierte Selektionsmechanismus maßgeblich, der die Sortierung in obere und untere "Leistungsklassen" erbringt und besiegelt. Das vorausgesetzt, ist jeder Ruf nach "mehr Freiheit" ein Begehr, sie solle vorteilhafter für die Rufenden begrenzt sein. Und noch jeder Befreiungskampf hat zum Ergebnis eine neue Begrenzung, sprich Freiheit, mehr oder eher weniger wunschgemäß.