Die "Birthler-" wurde zur "Jahn-Behörde"

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Seit dem 15. März 2011 ist der frühere DDR-Bürgerrechtler Roland Jahn Chef der Bundesbehörde für die Unterlagen des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR. 22 Jahre nach der friedlichen Revolution von 1989 beaufsichtigt damit zum ersten Mal ein so genanntes "Stasi-Opfer" den Aktenberg des früheren SED-Geheimdienstapparates (vermutlich überflüssiger Einschub für historisch Interessierte: Am 15. März 1848 forderten 20 000 Demonstranten im damaligen Pest, dem heutigen Budapest, inspiriert von ungarischen Intellektuellen um den Dichter Sandor Petöfi ein eigenes Parlament, den Abzug der österreichischen Truppen und einen selbständigen ungarischen Staat. Intellektuelle Aufwiegler in der DDR wurden über Jahre hinweg mit dem Argument bekämpft, so etwas wie einen "Petöfi-Club" werde man im SED-Staat auf keinen Fall dulden. Der "Petöfi-Club" ungarischer Schriftsteller und Intellektueller spielte 1956 beim ungarischen Arbeiteraufstand eine entscheidende Rolle.)

Wegen aufwieglerischer Aktivitäten hatte u.a. Roland Jahn Anfang der 80er Jahre mehrere Monate im Gefängnis gesessen. Er schien zu damaliger Zeit und ebenso später kaum einer Konfrontation mit den Mächtigen und deren Hilfstruppen im DDR-System aus dem Weg gehen zu wollen. Obwohl viele ihn dabei unterstützten, waren nicht wenige davon durchaus vorsichtigerer als er und hinterfragten deshalb auch die eine oder andere seiner Handlungen oder Aktionen. Oder stellten sie manchmal sogar in Frage, schließlich stellten wir so ziemlich alles infrage, warum nicht auch uns und unser Tun oder Lassen. Auf dieser Haltung basierte im Grunde unsere gesamte politische Positionierung gegenüber einem Machtapparat, dessen ursprüngliche Monstrosität - je näher das Ende der DDR kam - immer mehr ins Banale kippte.

Politisch hatte uns vor allem Rudolf Bahros These vom "überschüssigen Bewusstsein" und seine scharfsinnige Analyse des "realexistierenden Sozialismus" in seinem Buch DIE ALTERNATIVE motiviert. Von Bier- und Havemann schauten wir uns den unvernebelten Blick auf die uns umgebenden Verhältnisse ab und von Lutz Rathenow, Stefan Heym oder Jürgen Fuchs lernten wir, wie man es anstellte, die Mauer zumindest für Informationen durchgängiger zu machen. Das alles war nur selten witzig, man ahnt es, wenn man die schwarz-weißen Fotos von damals anschaut, aus denen heraus uns zumeist junge Frauen mit längeren Haaren und bärtige junge Männer ernst anblicken. Und trotzdem hatten wir auch angenehme Zeiten, und Spaß und lachten auch viel (Wolfgang Hilbig schrieb später in seinem Roman "Ich", in seinem Leben habe er nirgendwo so viel Gelächter gehört wie im Gefängnis...). Der Überwachung zu trotzen und den Überwachern eine Nase zu drehen, das gehörte zu diesem todernsten Spiel dazu. Trotzdem waren auch wir vielleicht etwas zu lange davon überzeugt, den "wahren" Kommunismus in die Welt bringen zu müssen und zu können. Das Einzige, was man vielleicht dem SED- und Staatssicherheits-Staat zugute halten könnte ist, dass er uns diesen Irrglauben mit seiner himmelschreienden Ignoranz und Dummheit relativ schnell und gründlich austrieb. Umgeben von einer Menge Angepasster, Mitläufer, Duckmäuser, Profiteure, Funktionäre und Zyniker wollten wir schon bald eines auf keinen Fall mehr sein: Bürger dieses kleinkarierten Operettenstaates voller Staats- und Kleinbürger. Dieser engstirnige und oft auch gewalttätige DDR-Staat brauchte alles, nur keine Bürger, die ihre Angelegenheiten selbst in die Hand nehmen würden. Und schon gar nicht wollte er Bürgerrechtlern oder gar Oppositionellen innerhalb seiner Grenzen mehr Spielraum einräumen. In diesem Staat der Gesinnungs-Kontrolleure, Schreibtischtäter und politischen Laiendarsteller wollten wir uns zudem nicht lediglich im Gegenüber "zu denen da oben" - die nicht nur wir die "Bonzen" nannten - definieren. Obwohl wir selbstverständlich für die Stärkung bürgerlicher Rechte eintraten, bezeichneten wir uns nicht als Bürgerrechtler, dieses Etikett wurde erst später den in der DDR Widerspenstigen aufgeprägt. Wir wollten etwas völlig anderes als das "System", in dem wir zu leben hatten und vor allem wollten wir schon bald keine Mitläufer mehr sein. Wir wollten aussteigen, soweit nur irgend möglich. Wir wollten die Lügengebäude und potemkinschen Dörfer in diesem angeblichen Arbeiter- und Bauernstaat auch nicht durch schlichte Gegnerschaft funktionsfähig halten, wir wollten sie einreißen, sie aus der Welt hinausbefördern und etwas anderes, Wahrhaftigeres an ihre Stelle setzen.

Mit solchen Absichten stießen wir natürlich dauernd an Wände, mal aus Beton, mal aus Gummi, mal aus Glas. Manchmal lebten wir in der DDR tatsächlich wie in einem Aquarium. Wir verreckten nicht, hatten genügend Futter, es war einigermaßen warm. Wir kannten die Regeln und die Überlebenstricks, die friedlichen und die gefährlichen Fische, wir schauten über die Fernsehkanäle nach draußen, drückten uns die Nase platt an den Wänden, wurden angestarrt von den Beobachtern von der anderen Seite und genossen das manchmal sogar. Aber auch wir hatten uns an die maroden Straßen und zusammenfallenden Städte gewöhnt. Wir sahen hinter dem Grau der alten Fassaden ihre Schönheit nicht mehr, was alles in ihnen steckte, was Maurer, Tischler, Restauratoren, Farbe - und, ja, auch die harte Währung - aus ihnen zu machen imstande sein könnten. In den Altstadtquartieren vergammelten die hölzernen Haustüren, die morschen Dachböden wurden von Tauben bewohnt, die Fassaden bröckelten, Balkone fielen herab. Das Land ging vor die Hunde und wir machten manchmal Witze darüber. Die dienstbaren Geister des Staates hatten uns längst im Visier. Erst schlichen sie sich an, dann schlichen sie uns nach. Mal spielten sie Katz und Maus mit uns, dann spielten wir das Gleiche mit ihnen. Dann verhafteten sie uns und wenig später schmuggelten wir verbotene Bücher oder Schriften durch den Eisernen Vorhang. Sie erteilten uns Reise- oder Berufsverbote, wir webten ein untergründiges Netz aus Personen, Ideen und Aktionen. Sie kontrollierten unsere Post und fingen manches auch ab. Wir knüpften heimlich Kontakte über die Mauer und über die Grenzen nach Osten. Mal ließen sie uns an der längeren Leine laufen, mal umgarnten sie uns. Wenn sie uns - ihre "Beobachtungsobjekte" - deutlich wahrnehmbar observierten, dann sollten wir es merken. Meist sollten wir es nicht bemerken, das beunruhigte noch mehr. War mit Verhaftungen zu rechnen, schliefen wir woanders, standen die Häscher vor unseren Türen, verließen wir das Haus über die Dächer und schlüpften bei Freunden unter bis die Luft wieder rein schien.Verunsicherung und Zersetzung waren ihre erklärten Methoden. Mal erhielten wir Angebote, dann wieder Drohungen mit Strafgesetzen.

Es war die reine Willkür. Sie sollte Angst verbreiten und trotzdem verloren wir sie zunehmend. Als Lutz Rathenow unter dem Vorwand der nichtgenehmigten Veröffentlichung eines Prosabuches ins Gefängnis kam, organisierten wir eine Unterstützungskampagne für seine Freilassung, die schon nach wenigen Wochen von Erfolg gekrönt war. Als die Staatssicherheit tagelang Roland Jahns verwanztes Auto in Thüringen verfolgte, fuhr meist jemand mit, damit sie ihn nicht heimlich verhafteten. "Du bist wie Gift und Gift gehört in den Giftschrank", sagte ein Stasi-Verfolger damals zu ihm. Jahns Lieblingssatz hingegen war "Zehn sind manchmal wie Zehntausend". Zusammen mit einer kleinen Gruppe und mit eigenen Transparenten marschierte er in die staatlichen, von der SED angeordneten Demonstrationen hinein. "Verzichtet auf Gewalt!" stand auf dem Schild, das er - zerbrochen von den Schlägern - hochhielt.

Als sie ihn im Geraer Gericht verurteilten, standen wir draußen vor dem Gebäude und forderten stumm seine Freilassung. Als sie ihn gewaltsam aus der DDR hinausbefördert hatten, trafen wir uns heimlich in Tschechien und besprachen, wie Schriften und Materialien von Westberlin aus über die Grenze gelangen konnten. Als Jahn 1985 - zwei Jahre nach seiner Abschiebung - illegal nach Ostberlin kam fuhr er zuerst in seine Heimatstadt Jena zum Grab von Matthias Domaschk, der 1981 eine Nacht im Stasiknast nicht überlebt hatte. Wieder zurück in Berlin fiel es ihm nicht leicht, diesmal für länger und diesmal fast schon freiwillig - die DDR zu verlassen. Zuvor hatten wir noch überlegt, ihn nach dem Vorbild von Solidarnosc-Aktivisten im "Untergrund" zu verstecken. Aber es gab diesen Untergrund in Ostdeutschland nicht, so dass wir uns über die Risiken und Unmöglichkeiten eines solchen Vorhabens schnell einig waren. Also verabschiedeten wir ihn um Mitternacht in der Friedrichstraße am Grenzübergang - dem "Tränenpalast"- und gingen nicht schlafen, bevor die Nachricht eintraf, dass die Grenzkontrolleure ihn nach einem längeren Verhör nach Westberlin entlassen hatten.

Wieder im Westen verstärkte er die politische Unterstützung seiner oppositionellen Freunde in der DDR. Er und einige wenige Mitstreiter in Westberlin wurden zu Berichterstattern über die "staatsfeindlichen" Gruppierungen in ihrer früheren Heimat. Sie sorgten dafür, dass sie von den Menschen im Westen und den westlichen Medien wahrgenommen wurden und damit auch für die Ostdeutschen wahrnehmbarer. Von Mitte 1987 bis zum Fall der Mauer berichteten die Ostberlin-Seiten der "taz" und "Radio Glasnost" - eine Sendung aus einem alternativen Radiostudio in der Potsdamer Straße - über die Opposition in Ostdeutschland und im Ostblock. Ein letztes Mal kam es dadurch zu einer Neuauflage des "Kalten Krieges im Äther": Die DDR-Staatssicherheit erhielt ihren allerletzten Auftrag zur Störung eines westlichen Radiosenders. Dann kam der Tag, als die DDR-Zeitungen von einer "geheimdienstlich gesteuerten Schaltzentrale in Westberlin" sprachen, Jahn und seine Freunde "die Hintermänner" nannten und sie telefonische Drohungen erhielten. In Jahns Kreuzberger Wohnung stiegen Einbrecher ein, stahlen alle technischen Geräte, dann wurde er von einem Auto angefahren...

Nachdem 1989 der Eiserne Vorhang zunächst in Ungarn geöffnet wurde und im November in Berlin die Mauer fiel, wurden die Verhältnisse vom Kopf auf die Füße gestellt. Joachim Gauck wurde der erste Stasi-Akten-Verwalter, Marianne Birthler die zweite und viele der so genannten Bürgerrechtler drohten erneut abgeschoben zu werden, diesmal ins Museum. Heute wird in den Medien oft von den Hinterlassenschaften des Ministeriums für Staatssicherheit als dem "Erbe der friedlichen Revolution" gesprochen, das Jahn zu verwalten habe. Eine größere Beleidigung ehemaliger DDR-Oppositioneller ist kaum vorstellbar. Gegen die Absicht, das "Erbe" der friedlichen Revolution auf die von Staatsicherheits-Angestellten beschriebenen Akten-Berge zu reduzieren, sollten sich die früheren DDR-Bürgerrechtler wehren. Sie sollten sich wehren, wenn versucht wird, die Mängel der Gegenwart mit Mängeln aus der Vergangenheit zu überdecken. Sogar von denen, die in der DDR über sie herrschen wollten, könnten sie was lernen. Zum Beispiel, dass jene, die ihr späteres Tun oder Lassen mit früheren Verdiensten rechtfertigen und ihr Leben lang gegen ihre alten Feinde anrennen, in der Gefahr sind, diese zu instrumentalisieren und zu "Untoten" zu machen. In seinem Buch "Magdalena" über die Stasiunterlagen-Behörde fragte Jürgen Fuchs: "Das Auffinden der Zersetzungs-Dokumente verschärft die Wirkung ihrer Maßnahmen, belebt sie im Nachhinein?" Zu allen Zeiten und in allen Gesellschaften gibt es nicht nur Schwarzweiß. Auch viele Grautöne und Farben. Es muss die Menschen geben, die diese und andere Botschaften aus dunkleren Zeiten hervorholen. Und die auch jene Botschaft verbreiten, dass es in dunklen Zeiten nicht nur finstere Gestalten gibt.

Roland Jahn wird aktuell angegriffen, weil er die Versetzung der in der Behörde arbeitenden früheren hauptamtlichen Staatssicherheitsmitarbeiter in andere Bundesbehörden betreibt. Dieser Vorgang ist mit einem Effekt verbunden, der ihm nicht gefallen dürfte. Jedenfalls äußerte er kürzlich in einem Interview: "Die Aufarbeitung der DDR-Geschichte insgesamt betrachtet, da sehe ich eine zu starke Fixierung auf die Staatssicherheit." Und auf die Frage des Interviewers von der Zeitung "Neues Deutschland": "Hat die BStU-Behörde ihren Anteil daran, dass diese Diskussion so eindeutig gelenkt war?" antwortet Jahn: "Wir alle haben einen Anteil daran. Wir müssen mehr den Alltag betrachten. Wir müssen den Zusammenhang von SED und MfS klarer beleuchten, ebenso die Zusammenarbeit von Stasi und Rat des Bezirkes, Rat des Kreises, Rat der Stadt. Wie hat das alles funktioniert?"

Tatsächlich hat die Stasi-Unterlagen-Behörde seit ihrer Gründung offensichtlich mindestens zwei Makel, die man verkürzt auch mit "Haltet den Dieb" (in diesem Fall die Stasi) und mit "Die Kleinen (IMs) hängt man und die Großen lässt man laufen" bezeichnen könnte. Als Hauptergebnis des Wirkens der Behörde erscheint primär die Stigmatisierung der Zuträger der Staatssicherheit zu sein, während ihre Hintermänner ("Führungsoffiziere") und Auftraggeber weitgehend ungeschoren bleiben. Aus der letztgenannten Gruppe haben nicht wenige über 20 Jahre später lukrative Positionen in Wirtschaft und Gesellschaft erklommen oder sie beziehen gute Euro-Renten. Vielen ihrer Opfer geht es wesentlich schlechter, sie sind wie früher diejenigen, die aus der Gesellschaft "herausfallen", oft am Rand leben oder keine ihren tatsächlichen Fähigkeiten entsprechende Ausbildungen machen durften (Doktortitel sind bei DDR-Oppositionellen äußerst selten). Eines aber wissen wir aus der Geschichte: Frühere Opfer unterliegen nicht selten der Verführung, unter veränderten Bedingungen zu funktionierenden Funktionären einer neuen Macht zu werden. Das hatten auch DDR-Oppositionelle in der DDR schmerzhaft zu spüren bekommen. Insofern ist es eine gute Nachricht, wenn Roland Jahn in dem erwähnten Interview sagte: "Ich persönlich sehe mich nicht unbedingt als Opfer."

17:13 11.03.2011
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Geschrieben von

Leopold Loewe

Ironiker
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