„Gerade jetzt muss man helfen“

Interview Wie sich die Lage in Afghanistan unter den Taliban weiterentwickelt, weiß momentan niemand, sagt Mathias Mogge, der Vorstandsvorsitzende der Welthungerhilfe
„Gerade jetzt muss man helfen“
„Das Hungerproblem in Afghanistan wird uns noch eine Weile beschäftigen.“

Foto: vwpics/imago

Auch nach der Eroberung durch die Taliban bleibt die Hungersnot in Afghanistan ein akutes Problem. Von rund 38 Millionen Einwohnern befinden sich 13,2 Millionen Menschen in Afghanistan in akuter Ernährungsunsicherheit, davon sind 4,3 Millionen in einer akuten Hungerkrise. 3,1 Millionen Kinder unter fünf Jahren sind mangelernährt. Die Welthungerhilfe nahm 1980 ihre Arbeit in Afghanistan auf.

Zur Person

Foto: Christoph Papsch/Welthungerhilfe

Mathias Mogge wurde am 1. September 2018 zum Generalsekretär der Welthungerhilfe berufen. Der studierte Agraringenieur und Umweltwissenschaftler arbeitet seit 1998 für die Hilfsorganisation. Momentan ist er stark in die Arbeit in Afghanistan eingebunden. Bei täglichen Lagebesprechungen geht es vor allem um Personal vor Ort und mögliche Hilfsleistungen. Er ist mehrfach im Land gewesen, umhergereist und kennt die Programme der Welthungerhilfe vor Ort

der Freitag: Herr Mogge, wie viele Ortskräfte der Welthungerhilfe sind momentan noch vor Ort in Afghanistan und wie viele haben Sie ausfliegen können?

Mathias Mogge: Wir haben um die 175 Mitarbeiter im Land. Davon sind letzten Endes drei auf eigene Faust ausgeflogen. Wir haben fünf internationale Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Land, von denen haben alle das Land verlassen und warten auf eine Möglichkeit zur Rückkehr.

Der Rest sind Afghanen vor Ort?

Richtig. Wir nennen sie aber nicht Ortskräfte. Für uns sind das Kolleginnen und Kollegen, die ganz normal zur Welthungerhilfe gehören, wie die Kolleginnen und Kollegen hier in Bonn oder Berlin auch – da machen wir gar keinen Unterschied.

Hätte man als Welthungerhilfe noch mehr Menschen aus Afghanistan evakuieren können?

Wir hatten gar keine Möglichkeiten, eigene Evakuierungen vorzunehmen. Zudem lebt und arbeitet der größte Teil unserer Kolleginnen und Kollegen an Projektstandorten, die weit ab von Kabul sind. Es gab keine Möglichkeiten, sich in diesen chaotischen Zuständen nach Kabul durchzuschlagen. Die Gefahr für sich und die Familie wäre enorm hoch gewesen. Das haben wir auch niemandem geraten.

Wie gestaltet sich nun die Arbeit nach der Kontrollübernahme durch die Taliban?

Alle Büros sind geöffnet, der Großteil der Mitarbeiter ist wieder in den Büros und arbeitet. Zurzeit finden sogenannte Assessments, also Bedarfserhebungen, statt, um die Schäden, die die Kämpfe hinterlassen haben, festzustellen und zu eruieren, wie wir am besten und am schnellsten den Menschen helfen können. Die Arbeiten laufen also weiter, wobei man sagen muss, dass die Entwicklungsprojekte erstmal alle angehalten wurden und momentan nicht fortgeführt werden können.

Liegt das an den Taliban?

Das liegt daran, dass bisher klare Rahmenbedingungen fehlen, unter denen eine langfristige Arbeit möglich ist. Umso wichtiger ist es, die humanitäre Hilfe fortzusetzen. Wir sind von den jeweiligen Talibanführern vor Ort aufgefordert worden, die Arbeit wieder aufzunehmen und die Assessments durchzuführen. Momentan geht es an vielen Standorten ungehindert weiter. Die Taliban sind nun die Machthaber, mit Gewehren in der Hand. Wir hätten auch sagen können: Machen wir nicht, wir brechen jetzt hier ab und hören auf. Aber unser Credo ist von Anfang an gewesen, dass wir versuchen, in Afghanistan zu bleiben, um Hilfe zu leisten. Die Hilfe ist dringend notwendig. Das wissen wir aufgrund der anhaltendenden Dürre, die schon zu massiven Rückgängen bei den Ernteerträgen geführt hat – und führen wird. Aufgrund der COVID-19-Pandemie, die in Afghanistan schlimme wirtschaftliche Auswirkungen hatte und aufgrund der aktuellen Situation, in der Hilfeleistungen von den großen Organisationen, Internationaler Währungsfonds und Weltbank, eingefroren sind.

Warum hungern die Menschen in Afghanistan?

Der wichtigste Grund ist sicherlich die katastrophale Sicherheitssituation, denn das Land hat jahrzehntelange Kämpfe und bewaffnete Konflikte hinter sich. Millionen Menschen sind als Vertriebene im eigenen Land unterwegs oder in die Nachbarländer Pakistan und Iran geflüchtet. Daraus haben sich ganz strukturelle Probleme entwickelt. Es mangelt in diesem Land immer noch an Infrastruktur, obwohl in 20 Jahren einiges geleistet worden ist. Im Bereich Landwirtschaft ist das, zum Beispiel, eine funktionierende Bewässerungsstruktur. Das Land ist sehr sehr trocken. Es gibt nur wenig Standorte, die für den landwirtschaftlichen Anbau geeignet sind. Da müsste man eigentlich mit einem gut funktionierenden Bewässerungssystem gegen angehen. Aber diese Bewässerungssysteme sind oftmals gar nicht da oder in vielen Jahren des Bürgerkriegs zerstört worden. Man bräuchte einfache Beratungsdienste, wie man sie in vielen anderen Ländern findet.

Aktuell wird die Lage dadurch verschärft, dass das Bankensystem noch immer nicht ganz funktioniert und auch viele Gelder im Ausland eingefroren sind. Die Menschen können gar kein Geld abheben, oder nur in ganz geringem Maße. So können sie pro Woche umgerechnet 200 Dollar abheben. Und jetzt eben die Dürre, nicht die erste. Das führt dazu, dass Nahrungsmittel knapp sind, dass die Preise steigen und dass die Menschen ihr weniges Geld, das sie haben, für Lebensmittel ausgeben müssen.

Der Großteil wird importiert?

Ja, Afghanistan ist ein Nettoimporteur, wie viele andere Länder auch. Alleine ist es gar nicht in der Lage, die Bevölkerung zu ernähren. Weil zu wenig produziert wird und weil die Landwirtschaft leider nicht auf einem Stand ist, dass das Land sich davon ernähren könnte. Da kommt natürlich noch der Drogenanbau dazu.

Sie meinen den Schlafmohn, der wichtig für die Herstellung von Opium ist. Welche Rolle spielt dieser Anbau für die Landwirtschaft?

Er wird ja nicht überall angebaut. Nur an Gunststandorten, wo man eigentlich auch anderes Getreide anbauen könnte. Noch können die Bauern mehr Geld über den Anbau von Schlafmohn erzielen als über den Anbau anderer Feldfrüchte. Wenn sie die Wahl haben und es gibt einen Absatzmarkt und Vertrieb, der gut organisiert ist, dann machen das die Bauern. Teilweise auch unter Zwang, teilweise eben freiwillig.

Aber die Hungersituation hat sich in den vergangenen 20 Jahren schon verbessert?

Das hatte sich durchaus schon verbessert. Allerdings führt der Klimawandel dazu, dass sich die Landwirtschaft und die Menschen immer wieder auf neue Herausforderungen einstellen müssen. Und das geschieht nicht so einfach von heute auf morgen. Allerdings führt die verschärfte Sicherheitslage dazu, dass manchmal auch Entwicklungserfolge wieder zurückgedreht worden sind, dass manche Projekte auch nicht so durchgeführt werden konnten, wie sie vielleicht geplant gewesen waren. Da ist also noch viel Luft nach oben, würde ich sagen. Das Hungerproblem in Afghanistan wird uns noch eine Weile beschäftigen. Was allerdings auch nicht heißt, dass man jetzt sagt, die Situation ist so schwierig, jetzt können wir nicht mehr arbeiten. Wir glauben, dass man jetzt gerade etwas tun muss.

Wie schätzen sie jetzt die Taliban ein? Sind sie gemäßigter als in der ersten Phase ihrer Herrschaft 1996-2001?

Die Zusammenarbeit von 1996 bis 2001 war sehr schwierig, und trotzdem haben wir es geschafft, in dem Land zu bleiben und zu arbeiten und ganz wichtige und wertvolle Hilfe zu leisten. Wie die neue Regierung am Ende aussehen wird, wie sie die Beziehungen zum Ausland und den Hilfsorganisationen gestalten will und welche Rolle sie der afghanischen Zivilgesellschaft zugesteht, weiß momentan noch niemand. Wir beobachten ja gerade, dass es auch interne Spannungen in der Führung der Taliban gibt und dass sie bis jetzt immer noch keine Regierung benannt haben. Deswegen muss man, glaube ich, vorsichtig sein, wie einschränkend sie ihre Politik fahren mit Blick auf Frauen, Frauenrechte, Menschenrechte allgemein und Bildungschancen. Wie sie mit diesen Themen umgehen, weiß im Moment noch niemand.

Können Frauen weiter vor Ort für die Welthungerhilfe tätig sein?

Wir haben selber erlebt, dass in einer Region gesagt wurde, Frauen können ganz klar diese Assessments mitdurchführen. Dann hieß es wieder: doch nicht. In einer anderen Provinz ist es gar kein Problem. Insgesamt herrscht noch relativ viel Chaos. Deswegen sind wir überhaupt gut beraten, uns mit Spekulationen zurückzuhalten. Wie sich das entwickelt, weiß im Moment einfach niemand. Die Menschen in Afghanistan nicht, und wir auch nicht.

Das Welternährungsprogramm warnt vor einer wachsenden Hungerkrise und hat die Arbeit und den Flugdienst wieder aufgenommen. Wie funktioniert die Zusammenarbeit zwischen der Welthungerhilfe und dem Welternährungsprogramm? Sind da Parallelstrukturen?

Sowohl als auch. Es gibt eine Parallelarbeit, die auch völlig in Ordnung ist. Das Welternährungsprogramm nutzt die Räume, die es hat, um Nahrungsmittel, derzeit in einigen Teilen des Landes, zu verteilen. Das ist notwendig und auch gut so. Wir arbeiten sehr eng mit den Vereinten Nationen zusammen. Das ist aus unserer Sicht unabdingbar. Wir können im Moment tatsächlich keine Hilfsgüter verteilen, da das Banksystem nicht funktioniert und da wir keine großen Lagerbestände haben, auf die wir zurückgreifen können. Und deswegen müssen wir im Moment abwarten, bis das Bankensystem wieder funktioniert. Dann könnten wir direkt loslegen.

Warum ist das Bankensystem so wichtig für ihre Arbeit? Welche Rolle spielt es konkret?

Wir müssen ja nicht nur Gehälter für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter überweisen, sondern vor allem auch Güter und Logistik bezahlen. Wenn wir etwa in einem Dorf Bewässerungssysteme aufbauen, müssen Steine, Zement, Rohre und andere Materialien geliefert werden. Dafür müssen wir die Transportunternehmen und andere Firmen bezahlen, und das geht eben nur mit Überweisungen – die derzeit nicht möglich sind.

Sollte momentan überhaupt Geld geschickt werden?

Auf jeden Fall. Insbesondere für die humanitäre Hilfe. Allerdings müssen dafür bestimmte Kriterien erfüllt sein, damit das Geld auch dort ankommt, wo es benötigt wird. Die humanitären Prinzipen sind für uns oberstes Gebot bei unserer Hilfe. Dazu gehören etwa Neutralität, Überparteilichkeit und Unabhängigkeit sowie der freie und ungehinderte Zugang zu den Bedürftigen. Nur wenn diese Prinzipien gewährleistet sind, können wir die Hilfe leisten.

Konkret heißt das?

Das bedeutet zum Beispiel, dass wir anhand von Kriterien entscheiden, wer wirklich bedürftig ist. Zum Beispiel brauchen alleinstehende Frauen mit Kindern oder Alte und Kranke mehr Hilfe als andere. Wir dürfen da keine Vorgaben bekommen, wer wie zu bevorzugen ist oder wem zu helfen ist. Das muss den Organisationen, die für die Hilfe zuständig sind – entlang der humanitären Prinzipen und geltenden Standards – überlassen werden.

Um zum Beispiel zu verhindern, dass Frauen als letzte Essen erhalten?

Genau. Es könnte ja auch sein, dass die Taliban sagen: ,Ihr geht nicht in dieses Dorf, die sind gegen uns, sondern ihr geht in das Stadtdorf, die sind für uns.‘ Das darf eben nicht passieren. Die humanitäre Hilfe muss unabhängig sein, und dafür stehen wir.

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06:00 08.09.2021

Ausgabe 38/2021

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