Buddha? Buddhismus? Zen?

Versuchte Annäherung Warum Buddhismus im westlichen Kulturkreis ein gut gemeintes Missverständnis bleibt.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Buddhismus basiert infolge seiner Abstammung vom Hinduismus auf einer Voraussetzung, die in ihrer Wichtigkeit gar nicht überbetont werden kann: Menschen sind unsterblich. Leben ist nicht begrenzt durch biologische Geburt und biologischen Tod, beide gliedern lediglich das Leben durch die Äonen der Ewigkeit hindurch.

Diese Auffassung ist im Hinduismus mit einem beinahe evolutionären Aspekt versehen - Reinkarnationen sind der Weg allen Lebens, sich seiner ursprünglichen Gottgleichheit zu besinnen und zu erinnern. Laut advaita vedanta ist die ursprüngliche Einheit zwischen Atman, der Seele eines Menschen, und Brahman, der Weltseele, nie aufgehoben worden, der Atman muss sich nur erinnern, was ihm auf dem Weg durch die Reinkarnationen gelingt, in Abhängigkeit von der karmatischen Bilanz mühselig vielleicht und mit Rückfällen, aber letztlich, inerhalb eines Tanzes des Shiva, unvermeidbar.

Auch in den Upanishaden und den Vishnuiten gelten Atman/Brahman als wesensidentisch, mit gegenüber advaita vedanta verschiedener Fokussierung auf unterschiedliche Aspekte. Das Mittel zur Überwindung der in jedem Fall nur illusionären Trennung - illussionär im Sinne von: es kommt dem Atman bei schlechter karmatischer Bilanz so vor als ob - bleibt in jedem Fall samsara, der Kreislauf der Reinkarnationen.

Dieses hinduistische Grundkonzept von samsara als Evolution nimmt im Buddhismus eine äußerst düstere, beinahe angsteinflößende Färbung an, weil samsara hier kein Ausweg aus dem Hamsterrad mehr ist, sondern das Hamsterrad selbst.

Das Leben wiederholt sich nunmehr in endlosen Zyklen des Leides. Menschen werden geboren, sammeln Karma an, leiden mal stärker, leiden mal weniger stark, sterben, durchlaufen je nach Fahrzeug für kurze Zeit schmerzhafte Zwischenwelten, werden wieder geboren, sammeln Karma an, leiden mal stärker, leiden mal weniger stark, sterben, durchlaufen ... usw.

Positives Karma, negatives Karma, völlig gleichgültig. Niemand.Kommt.Heraus.

Äonen des Leides in einem unauflösbaren, endlosen Kreislauf, der reiner sinnentleerter Selbstzweck ist. Eine Leid-um-des-Leides-willen-Erschaffungsmaschine sozusagen. Das ultimative KZ.

DAS ist die Fundamentalvoraussetzung des buddhistischen Weltbildes, und nur vor dem Hintergrund dieser Voraussetzung macht die Lösung des Buddha Sinn.

Die grandiose Lösung und Erlösung, die Buddha gefunden hat, lautet nämlich: das Wesen von Atman, Brahman und samsara ist Leere, ist vollständige Wesenslosigkeit. Nichtexistenz. Es gibt keinen Atman (anatmanvada, die Lehre vom Nicht-Atman).

Sobald ein Mensch dies erkennt, durchbricht er den Kreislauf und geht ins Nirvana ein, das endgültige Ende der eigenen Beteiligung an samsara.

Nirvana ist ein extrem schwieriges Konzept; es liegt außerhalb des Systems, und da wir in samsara Teil des Systems sind, können wir uns außerhalb nur mit Konzepten annähern, die wir von innerhalb kennen. Am ehesten läuft es auf die Ganztod-Theorie der Schulmedizin hinaus - ist ein Mensch gestorben, bleibt nichts mehr von ihm, was ihn über das Grundrauschen der Existenz von Materie hinausgeht. Nirvana nimmt auch das noch weg, auch die Atome des vormaligen Körpers sind wesenlos. Der Erlösungscharakter von Nirvana ist für gesetzesreligiös sozialisierte Menschen nur sehr schwer zu erfassen, da sie normalerweise - mit dem Konzept nicht wirklich vertraut - die Äonen sinnloser Wiedergeburten nicht wirklich fürchten können, sondern eher die Unsterblichkeit daran schätzen.

Buddhas Lösung ist kein Äquivalent zum hinduistischen maya, denn Maya - der Schleier - ist als Welt der Erscheinungen illusionär. Brahman hingegen gilt als nicht-illusionär, und damit auch nicht die vielen Erscheinungsformen als Gottheiten.

Buddha kümmerte sich nicht sonderlich um die Existenz dieser oder sonstiger Gottheiten oder transzendenten Wesenheiten, sie mögen existieren oder nicht, aber wenn sie existieren, ist ihnen mit aller Existenz die Wesenlosigkeit gemein, die Bedeutungslosigkeit. Es gibt eine berühmte Stelle im Pali-Kanon, aus der diese Auffassung Buddhas sehr deutlich hervorgeht:

Zitat:
»Ich erachte die Ansichten der Könige und Führer der Menschen gleich solchen von Staubmotten.
Schätze aus Gold und Edelsteinen gelten mir gleich Ziegeln und Kieselsteinen, und feinste Seidenkleider sind mir nichts anderes als Bettlerlumpen.
Ich sehe Myriaden von Welten im Universum wie kleine Fruchtsamen; und der größte See Indiens paßt als Öltropfen auf die Spitze meines Schuhs.
Die Weisheitslehren der Welt: armselige illusionäre Spielchen mittelmäßiger Magier.
Die höchsten Konzeptionen von Emanzipation entlarve ich als goldenglänzende Schlieren in einem Traum und den heiligen Weg der Erleuchteten als das Spiegelbild von Blumen in einem Auge.
Meditation: ein paar Steine auf einem Berg, und Nirvana: ein Nachtgespenst am lichten Tage.
Die Kategorien 'wahr' und 'falsch' kommen mir vor wie der Schlangentanz eines Papierdrachens, und die Spuren von Aufkommen und Untergang von Glaubensüberzeugungen verlieren sich wie Staub im Wind.«

Buddhas Gefolgsleute und Nachfolger waren clevere Kerlchen, ihre Herkunft aus den damaligen Machteliten hat sicher auch nicht geschadet. Sie haben relativ schnell erfasst, dass mit einem derartigen philosophischen Grundkonzept kein Staat, respektive keine Religion zu machen ist, dazu fehlt dem Konzept, im letzten Detail Ernst genommen, einfach die Sexyness. Aber in der sicheren Erkenntnis, dass die allermeisten Menschen es sich ohnehin in samsara bequem machen so gut es eben geht, war Abhilfe hierfür schnell gefunden, hatte doch Buddha selbst in seiner 22. Lehrrede im Digha-Nikaya schon vom edlen achtfachen Pfad gesprochen. Aber halt - das war doch als mönchischer Weg zur Erleuchtung gemeint - macht nichts, das geht auch als Lebensweise für alle durch. Schon war Mahayana geboren, das noch ein paar weitere Konzepte aus dem Mönchsleben ins Alltagsleben transferrierte, mit dem Boddhisattwa-Gebot eine Art Wiederkehr- und Endzeiterwartung hinzu fügte und schon war der Buddhismus als Religion geboren. Ob Buddha das geschätzt hätte oder immer noch im Grabe rotiert, ist ungeklärt, jedenfalls war das modifizierte Konzept plötzlich sehr religions- und staatslenkungstauglich, und ein paar Jahrhunderte nach Buddha kümmerte sich eh kein Schwein mehr darum, was von Buddha und was von einem Nachfolger stammte, steht sowieso alles im Pali-Kanon.

Glücklicherweise gab es dann auch noch eine Art Gegenreformation, die zum Hinayana und Theravada führte, in dem Buddha dann inhaltlich wieder etwas ernster genommen wurde. Was aus Zen geworden wäre, wenn das Mahayana in China nicht auf den Granitblock Taoismus gestoßen wäre, wage ich mir gar nicht erst vorzustellen.

Ich möchte noch mal auf das Buddha-Zitat etwas weiter oben zurück kommen, denn aus ihm ergeben sich auch für den Meditations-Praktiker Konsequenzen. Die wichtigste ist der Wegfall der Dualismen. Gut - böse, Licht - Schatten, hell - dunkel, positiv - negativ, Sein - Nichtsein, Leere - Fülle uvm. - alles Schlangentänze eines Papierdrachen.

Jedoch - Dualismen werden uns vermittelt. Und abverlangt. Wir können in unseren Gesellschaften nicht einfach so die Dualismen hinter uns lassen; durch Erziehung und sonstige soziale Prägung sind sie uns in Fleisch und Blut übergegangen. Es ist implizite Auffassung der meisten eher praktisch orientierten Spielarten des Buddhismus - z.B. des Zen - daß diese Prägungen durchschaubar gemacht werden müssen, damit wir die Freiheit darüber gewinnen, wann wir uns ihrer bedienen und wann wir uns ihrer entziehen wollen - und beides auch praktisch vermögen.

Ein großer Teil der Ausbildung des Zen beschäftigt sich daher damit, diese Prägungen aufzulösen. Mittel hierfür sind u.a. die Koans. Jedes Koan thematisiert eine Prägung oder die Möglichkeit einer Prägung. Jedes Koan versucht, den Schüler oder die Schülerin aufs Glatteis zu führen, indem es mit Prägungen spielt. Manche Prägungen sind offensichtlich und die entsprechenden Koans können relativ einfach durchschaut werden. Andere Koans, z.B. das Zypressen-Koan, gehen auf´s Ganze - die darin thematisierten Prägungen sind umfassend und zielen nicht nur auf Teilaspekte ab.

Aber immer liegt einem Koan die Versuchung zu einem Dualismus zugrunde, und diese Dualismen liegen immer im blinden Fleck der Psyche. Die Lösung eines Koans ist dementsprechend ein Aha-Affekt, der voller Erstaunen plötzlich bemerkt: "Du meine Güte, stimmt ja. Wie konnte ich das nur die ganze Zeit übersehen?"

Ein Buch, in dem die "wirklichen" Antworten auf Koans nachzulesen sind ... das Lächeln Buddhas schallt durch die Jahrtausende.

15:27 21.09.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Lethe

innen Distanz und außen Mimikry ...
Schreiber 0 Leser 25
Avatar

Kommentare 245

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community