Charlie Hebdo und die Trauer

Trauer? Was man so Trauer nennt
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Nun trauern sie also, drei Millionen Menschen auf der zentralen Kundgebung, wenn man den Verlautbarungen Glauben schenken darf, und sicher noch viel mehr andernorts. Das ist eine Menge Mensch. Die Getöteten müssen ein erhebliches Ausmaß sozialer Kontakte gepflegt haben. Bei meinen Tod werden vielleicht zwei oder drei Menschen Trauer empfinden, und ein halbes Dutzend Bekannte wird möglicherweise von Beklemmung erfasst, weil sie an ihren eigenen bevorstehenden Tod erinnert werden, aber das war's dann. Bei Charlie Hebdo trauern, die kolportierten Zahlen wörtlich genommen, um jeden der Getöteten 250000 Personen. Soviele Menschen würden in hundert Leben nicht nahe genug an mich heran kommen, um Trauer zu empfinden.

Aber wahrscheinlich bin ich einfach nur unempathisch, schießlich empfinde ich keine Trauer um die Getöteten. Mehr noch, ich frage mich sogar, warum ich Trauer empfinden sollte? Keine/r der Betreffenden war mir persönlich bekannt, keiner hat mir das Geringste bedeutet. Die Existenz von Charlie Hebdo selbst war als Information irgendwo in weit entfernten Peripheriewelten meines Gedächtnisses inaktiv gelagert; hätte man mich vor dem Attentat befragt, hätte ich wahrscheinlich Google zuhilfe genommen oder auf den Namen einer Szene-Kneipe im Quartier Latin getippt. Und selbst wenn es die Titanic gewesen wäre: Hätte ich mehr getrauert, nur weil mir die Namen deren Redakteure geläufig sind und sie mir gelegentlich ein grimmiges Lächeln auf die Lippen zaubern?

Unwahrscheinlich.

Natürlich: da ist Erschütterung. Die Unantastbarkeit innerhalb der Festung Europa ist wieder einmal in Frage gestellt, der Terror findet nicht mehr nur weit entfernt statt. Allerdings: Der Strom gleichartiger menschlicher Katastrophen, der andernorts zum Alltag gehört, erschüttert hier schon lange nur noch in der Theorie oder bei besonders großen Zahlen als angenehmes Gruseln. Jetzt kriecht der Terror unter die Haut. Hier, nicht dort.

Erschütterung ist aber nicht Trauer.

Das einzige, was ich zu meiner Rechtfertigung zu sagen habe: Trauer ist ein persönliches Gefühl. Die Beschwörung von Trauer in den Medien ist keine Trauer. Drei Millionen Trauernde auf einer organisierten Trauerfeier sind eine funktionalisierte Masse plus ein paar Politiker.

Mein Mitgefühl gilt denen, die die Getöteten geliebt haben, also LebenspartnerInnen, Verwandte, Freunde und Freundinnen, alles in allem vielleicht zweihundert Personen. Der übergroße Rest sagt nur "Trauer", meint aber das Bewusstsein der eigenen Gefährdung. Oder Schlimmeres.

12:20 12.01.2015
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Geschrieben von

Lethe

innen Distanz und außen Mimikry ...
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