Hej Hijab!

Zu Timo Al-Farooqs Text Da in Timo Al-Farooqs Textbeitrag die Kommentarfunktion deaktiviert ist, hier einige Gedanken und Fragen dazu.
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Sehr geehrter Herr Al-Farooq,

Sie geben in Ihrem Textbeitrag "Hej Hijab!" Ihrer Frustration darüber Ausdruck, dass es in Deutschland entgegen der Praxis in anderen westlichen Industrienationen, dargelegt am Beispiel Schwedens, für Frauen nicht zulässig ist, im öffentlichen Dienst den Hijab zu tragen; gleichermaßen vermissen Sie in dem "rassistischen Entwicklungsland Deutschland" (O-Ton Ihres Instagrameintrags) die Möglichkeit, sich unter Muslimen (kontextunabhängig?) wie selbstverständlich mit der Begrüßungsformel "As-salamu 'aleikum" bzw. "Wa-'aleikumu s-salam" zu grüßen (was für mich, offengestanden, zumindest in dieser umfassenden Aussage mit einem Fragezeichen versehen ist).

Nun sind Sie als gebürtiger Deutscher von Kindheit an damit konfrontiert, dass Deutschland zumindest proklamativ ein säkularer Staat ist. Sie sind andererseits damit konfrontiert, dass diesbezüglich eine Art gesellschaftlicher Schizophrenie praktiziert wird, die sich in den Privilegien ausdrückt, die christliche Religionsgemeinschaften in Deutschland genießen. Von daher kann ich Ihre Empörung nachvollziehen; allerdings drückt sich für mich der Skandal nicht darin aus, dass islamischen Gläubigen das Ausleben bestimmter Aspekte ihres Glaubenslebens in der Öffentlichkeit verweigert werden, sondern umgekehrt darin, dass analoge Aspekte christlichen Gläubigen gestattet sind. Es ist ein Skandal, wenn Priester, Nonnen, Mönche, Schwestern protestantischer Gemeinschaften usw. durch ihre Kleidung derartige Zugehörigkeiten öffentlich zur Schau stellen dürfen, genau wie die Kruzifixe in bayerischen Ämtern und Schulen ein einziger Affront gegen den säkularen Staat sind, oder öffentliche Umzüge aka "Prozessionen" religiöser Provenienz. Und es wäre von weiteren Merkwürdigkeiten im Verhälnis zwischen proklamierter Säkularität und gelebten religiösen Privilegien zu berichten. Ich hoffe, glaube aber nicht, noch die Zeit zu erleben, in denen dieser Unfug überwunden ist.

Dann allerdings vergleichen Sie das mit den paradiesischen Zuständen in muslimischen Ländern, in denen Frauen ihren Hijab wie selbstverständlich tragen dürfen, ohne deswegen blöd angemacht zu werden. Dazu hätte ich eine sehr konkrete Frage, die ich Sie bitte, ebenso konkret zu beantworten, nicht im theoretisch-generellen Allgemeinem: Was passiert in Somali, in Saudi-Arabien, im Iran, in den Emiraten, Ägypten, einigen anderen muslimischen Ländern mit einer Frau, die a) nicht der reichsten und sich zudem als säkular verstehenden Oberschicht angehört, b) deswegen in der Öffentlichkeit von keinerlei Leibwächtern schwerst geschützt wird, c) dem freundlichen Anraten wohlmeinender Freunde und Verwandter nicht entspricht und d) sich öffentlich ohne Hijab zeigt? Was passiert in der Familie mit ihr und was passiert, so sie es nach draußen schafft, draußen mit ihr?

Oder kommt das nicht vor? Sind in diesen Ländern 100% aller Frauen in 100% der Zeit aus einschlägigem Modebewusstsein, religiöser Überzeugtheit und allgemein freiwillig im Hijab unterwegs, sobald sie sich in der Öffentlichkeit zeigen? Kommen nur mir diese 100% merkwürdig vor? Was sollte ich unter diesem Aspekt dann aber von der kulturellen Überlegenheit z.B. Ägyptens halten, die sich gerade in einem anstehenden Prozess gegen Rania Youssef ausdrückt, selbst wenn Youssef taktisch klug den Kotau vollzogen hat und vielleicht auch insgesamt ein bisschen dumm war?

ich will gar nicht auf die Frage hinaus, welche Seite die überlegenen Moralvorstellungen vertritt. Sie verstehen aber vielleicht, dass der beobachtete Umgang mit Frauen in islamischen Ländern nicht geeignet ist, dem Islam in Europa einen Freifahrschein für kulturelle Infiltration zu gewähren. Europa hat genug damit zu tun, die kläglichen Überreste des Säkularismus zu bewahren, der von unseren eigenen religiös-kulturellen Fundamentalisten untergraben wird. Sehen Sie das wesentlich anders?

15:29 02.12.2018
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Geschrieben von

Lethe

innen Distanz und außen Mimikry ...
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