Voyage au bout de la nuit

Gemeinheit überall "Man steht dem Grauen ebenso jungfräulich gegenüber wie der Lust."
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Also dann, Céline. Als Mensch ein Misanthrop von seltenem, jedenfalls epischem Ausmaß, dazu ein Frauenaufreißer übelster Sorte. Als ζῷον πολιτικόν ein miesepetriger Antisemit und Rassist. Als Staatsbürger ein Faschist, glühender Parteigänger Nazi-Deutschlands und Bewunderer Hitlers, der mehrere Jahre versuchte, als Arzt in die Dienste der SS aufgenommen zu werden, wofür er während des Krieges mehrmals Ziel von Operationen der Resistance und nach dem Krieg zum Tode verurteilt wurde (wovor er durch die Generalamnestie 1951 verschont blieb). Über die unappetitlichen Details informiert bei Interesse in erster Annäherung der Wikipedia-Artikel "Louis-Ferdinand Céline". Zur Céline-Debatte können u.a.

http://www.zeit.de/2011/05/Neue-Rubrik2" oder http://www.zeit.de/2010/01/L-B-Celine"

zu Rate gezogen werden.

Es gibt nicht den geringsten Grund, sich mit Céline zu beschäftigen, es sei denn, man sucht abschreckende Beispiele des Verkommenen im Menschen.

Leider ist er nebenbei der wichtigste französische Schriftsteller des 20ten Jahrhunderts. Ja, die Namen Proust, Camus und Sartre sind mir geläufig.

Céline ist ein Ärgernis. Man darf ihn nicht lesen. Man muss ihn trotzdem lesen.

All das wusste ich noch nicht über ihn, als ich zufällig über Reise ans Ende der Nacht stolperte. Ich hätte das Buch sonst nie in die Hand genommen. Und eine Art Offenbarung verpasst. Céline mutet in diesem autobiografisch angehauchten Buch in einer Weise zu, die literarisch ihresgleichen sucht. Sein Thema ist die menschliche Gemeinheit, Gemeinheit en gros wie en detail. Sein alter ego Ferdinand Baramu absolviert eine Art Schelmenreise durch die Abgründe der menschlichen Psyche, die ihn über drei Kontinente von Paris nach Paris und weiter nach Toulouse führt. Überall, in den Schützengräben Flanderns während des ersten Weltkriegs, in den französischen Kolonien in Zentralafrika, im rezessionsgebeutelten Amerika der späten 20er Jahre und dann wieder in der Pariser Banlieue begegnet er der menschlichen Gemeinheit in ihren schlimmsten Formen. Was die Soldaten einander antun entspricht kurze Zeit später dem Umgang der französischen Kolonialisten mit den schwarzen Ureinwohnern der Kolonien. New York und etwas später Detroit halten eine Form von Unheimlichkeit bereit, in der die fiebrige Auflösung des Menschlichen im Diktat des Kommerz schon damals vollzogen war. Die dichteste und konzentrierteste Form von Gemeinheit erlebt er aber als Armenarzt im kleinbürgerlichen und Arbeiter-Milieu in der Pariser Banlieue und später in Toulouse. Wie das junge Mädel da auf dem Bett liegt, am Rande, unten rinnt Blut vom Bett-Tuch, Ferdinand erkennt sofort die illegale Abtreibung und rät der unentwegt geifernden Mutter die sofortige Einlieferung ins Krankenhaus als letzte Möglichkeit, das Leben der jungen Frau zu retten: Und wie die Mutter den Vorschlag empört abweist, mit der schlichten Verfügung "Die Familienehre muss gewahrt bleiben": Da gefriert schon das Herz vor Beklommenheit (und ob der Erinnerung an heutige "Ehrenmorde"). Oder die Ereignisse um die tattrige Oma Henrouille, die vom Arzt "entsorgt" - in eine Anstalt eingewiesen - werden soll, weil sie sich weigert einzusehen, dass es nur zu ihrem besten ist, wenn ihr Zimmer an irgendwelche Mieter vermietet wird, sie also weg muss; Ereignisse, die letztlich in Erpressung und Mord und einer Art "Erlösung" kulminieren, "Erlösung" in dem Sinne, das Ferdinand sich zu guter Letzt in den völligen Verfall jeglicher sozialen Verbindlichkeit ergibt, eben die Nacht bis zum Ende durchreist. Wie ein Vampir, der gängigen Filmklischees zufolge erst Frieden findet, wenn er sich nicht mehr weigert, Blut zu saugen.

Szenen wie diese, in einer Sprache, die das Französische eigens und neu für ihre Zwecke erfunden zu haben scheint, lassen den Schriftsteller Céline in einem Licht erscheinen, das mit dem Menschen Céline eigentümlich interferiert. "Ferdinand Baramu" ist kein Sympathieträger, er hat selbst Anteil an der Gemeinheit, die er überall, in Individuen wie in Strukturen, im Übermaß und bis zum Überdruss vorfindet. Und doch ähnelt er eher einem Vektor der Gemeinheit, überträgt sie, selbst davon anscheinend unversehrt, ist aber gleichzeitig auch ihr beinahe "integrer", jedenfalls scharfäugiger und scharfzüngiger Beobachter und Kritiker - der Misanthrop leidet am überindividuell verallgemeinerten Prinzip seines eigenen Lebens.

Céline ist kein Existentialist, aber er beschreibt eine Art existentialistischen Ekels sechs Jahre vor Sartre. Nur dass sein Ekel nicht aus dem ästhetisierenden Überdruss einer übersättigten Intellektualität resultiert, sondern aus dem Ekel des ausgebeuteten Menschen vor den sozialen Grundlagen und deren Folgen für sein individuelles Dasein.

Ich sehe mich außerstande, den Konflikt zwischen Schriftsteller und Mensch wirklich aufzulösen. Die französische Literaturwissenschaft vermag das seit über 50 Jahren nicht. Louis Ferdinand Céline ist ihre Nemesis und große Verführung zugleich. Ich bin einfach nur angewidert - und fasziniert.

Louis-Ferdinand Céline
Voyage au bout de la nuit
(Reise ans Ende der Nacht)

Gallimard, Paris 1932

gelesene Ausgabe
deutsche Übersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel
Rowohlt-Verlag, Reinbek bei Hamburg 2003

13:10 15.01.2013
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Geschrieben von

Lethe

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