Phantome und Maschinen

Bühne Eine mysteriös exzentrisches Kammerkonzert, sowie eine theatralische Bühnenperformance boten die freundlichen Zeremonienmeister von Phantom Ghost und Planningtorock
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Phantome und Maschinen
Janine Rostron/planningtorock 2011

Foto: Goody Green

Eigentlich wollten von Lowtzow und Mynther nur John-Cale-Songs spielen, doch mittlerweile hat sich Phantom Ghost, das beide als ihr exzentrisches Hobby bezeichnen, als feste Größe unter ähnlich schrullig gesinnten Musikliebhabern etabliert. Ihr 2012 erschienenes Album Pardon my English, dessen Cover die befreundete Künstlerin Cosima von Bonin gestaltete, wurde bereits als Album des Jahres bezeichnet. Thematisch orientiert sich Pardon my English an Broadwaymusicals und Showtunes der 20er bis 50er Jahre, ohne dabei in eine romantisierende, nostalgische Retro-Haltung zu verfallen, sondern um das subversive und humorhafte Potential dieser Musikform zu explorieren.

Das neblige Wetter am Bremer Hauptbahnhof kommt wie bestellt und leitet stimmungsmäßig perfekt in den Konzertabend ein. Die Séance wird pünktlich after eight von Thies Mynther am Flügel mit Pardon my English, Part I eröffnet. Bald darauf erscheint das obskure Medium von Lowtzow nebst blutroter Rebentinktur auf der abgedunkelten Bühne und setzt mit gewohnt bizarrer und schrullig prätentiöser Gestik zum Gesang an. Hatte man einst noch Zweifel an seinem stimmlichen Vermögen, wird man zunehmend eines Besseren belehrt: Bryan Ferry schimmert durch seinen fragilen Baritongesang hindurch. Und womöglich kann man sich glücklich schätzen, dass er einst Thrown out of drama school wurde, denn mitunter weiß man nicht, was interessanter ist: Dirk von Lowtzows einem Haltungsschaden ähnelnden Habitus, immer kurz vor dem Kollaps, oder die Musik selber. Mal reckt er theatralisch hilflos die Arme in die Höhe, ballt dann wieder wütend die Faust, bis er im nächsten Moment am Boden kniet und möglicherweise darüber sinniert, wie er die nächste Liedzeile armeschleudernd intoniert. Seine zeitweilig verkrampften Hände erinnern an typische Gesten expressionistischer Stummfilmschauspieler und Assoziationen an Tableaus histrionischer Persönlichkeiten werden geweckt. Ich warte darauf, dass er beim ungelenken Herumstelzen, den Stuhl, den später Boram Lie mit ihrem Cello besetzen wird, umreißt, die bereist postierte Planningtorock-Techno-Kanzel rammt oder in den geöffneten Flügel fällt. Der einzige faux pas aber ist „Thies Münster“ und nicht mal da weiß man, ob das ein tatsächlicher Versprecher war und im Übrigen wäre slapstick hier alles andere als angebracht. Wenig später greift von Lowtzow tatsächlich in verschraubter Pose in die Flügelsaiten und zirpt und plinkt so ein bisschen nett und harmlos herum. Wehe dem, der hier glaubt, das sei alles nur eine ad hoc Einfallsgeste: Hier hat jede Handbewegung einen besonderen Sinn und keine Intonation wurde dem Zufall überlassen. Alles ist pointiert gesetzt und zieht den Zuschauer in eine doppeldeutige, vielschichtig irritierende und verführerische Hypnose hinein. Doch ein wirklicher Vertigo stellt sich nicht ein, denn das Ganze gleicht einem Balanceakt auf der Grenze zur eigenen Lächerlichkeit und strotzt dabei vor Ironie und Selbstverballhornung. Man ist zutiefst amüsiert und gleichzeitig sehr beruhigt darüber, dass hier jemand darum ringt die eigene Männlichkeit zu konterkarieren, um nicht in ein nervtötendes maskulines Musikergehabe zu verfallen. Und trotz bereits ergrautem Haupthaar wirkt von Lowtzow wie ein garçon. Auch das Dandyeske, was man ihm immer wieder gerne zuschreibt, passt nicht so richtig und prallt an ihm ab. Zwar betont er seit einigen Jahren seine Mode-Affinität und Wertschätzung gegenüber Yves Saint Laurent (The beautiful fall), doch er sagt nicht Haute-Couture, sondern Modeindustrie. Das ist ein entscheidender Unterschied! Und was trägt der Mann für einen seltsam unförmigen schwarzen-bordeauxfarbenen Schlabberpulli, der einen an 80er Jahre Material- und Mustermix Pullover denken lässt? Irgendwas aus Wolle und Mohair, entweder selbstgestrickt oder richtig teures Design. Ich erinnere mich, dass ich mal ein ähnliches Teil, in Blautönen besessen habe. Womöglich ist dies eine subtil ironische Referenz an derzeitig angesagte gothic-like Modeauswüchse, die man in Berlin beobachten kann, oder an den zwei Tage später nicht stattgefundenen Weltuntergang. So sympathisch verquer, schief und schlaksig kriegt das wohl nur von Lowtzow hin. Nach jedem Lied wird sich höflich artig mit der Andeutung eines Kratzfußes bedankt, ohne andienerisch zu wirken.

Als Protestballade und mit fast unmerklich trocken ironisch zuckendem Mundwinkel kündet Mynther das Lied Universal Prostitution an, wissend darum, wie peinlich mitunter politisch gesellschaftskritische Lieder anmuten und umso intensiver wird die tragische Bedeutung des Liedes; die Selbstdisziplinierung und das scheinbar ausweglose Verstricktsein innerhalb neoliberaler Arbeitsverhältnisse. Die politische Brisanz des Liedes wird außerdem durch das konzentrierte Klavierspiel abgemildert. Thies Mynther, der sich zunehmend dem Musiktheater widmet, weiß um die empfindliche, dramaturgische Funktion von Musik.

Leicht mokant weist Mynther auf die Phantom Ghosts’sche Kernkompetenz, die Verworfenheit hin und leitet damit zu My secret Europe über. Man fragt sich worüber er sich mehr lustig macht: Über die Lächerlichkeit des inflationär gewordenen Begriffes Kernkompetenz oder über die eigene Unzulänglichkeit. Es ist auch egal, denn beide sind nur Phantome und Geister, Agenten und Figurationen einer sich wiederholenden Selbsttäuschung, die einen trotzdem nicht loslassen, denn Phantome sind labile Trugbilder, die schwer in Begriff und Form zu fassen sind und passt man nicht auf, so sind diese in Traum und Wirklichkeit wieder zur Stelle und erinnern an die unpassierbare Grenze zwischen Wissen und Nichtwissen. Ist man an dieser Stelle im Grenzgebiet des Unheimlichen und Halluzinatorischen angelangt, so empfiehlt sich der folgende Song, eine Einladung an Geister und Phantome, der man getrost folgen sollte: Relax, it’s only a ghost. Try to be its host. Und wenn die eigene Künstlerdepression gar allzu schlimm werden sollte oder man bereits „overanalyzed“ ist, wende man sich ruhig in einem „discret tryst“ an Dr. Schaden Freud. Das kann nur einer texten, der psychoanalytischen Praktiken eine begrenzte Wirksamkeit zuschreibt und der eigenen Labilität den ironischen Riegel vorschieben kann. Thematisch passend, aber vielleicht zuviel des Guten, wäre hier Born with a nervous breakdown gewesen. Stattdessen bekommt man gegen chronische Insomnie und dunkle Gedanken ein gutes Rezept: Einfach früh morgens rauchend auf den Balkon stellen und dem Gesang von Meisenbabys lauschen. Hätte man das nur vorher gewusst, was wäre einem da erspart gewesen! Ob die Künstlerin Michaela Meise, die den Song In the Tittery mit von Lowtzow im Duett einspielte, die entscheidende Tipp- oder Namensgeberin war? Man weiß nicht, wer hier die eigentliche Meise hat und kann darüber nur hinwegkichern. Die Lust am hintergründigen und doppeldeutigen Wortspiel offenbart der pikante Titel allemal. Am heutigen Abend assistiert nicht Meise, sondern die wunderbare Cellistin Boram Lie vom Brandt Brauer Frick Ensemble. Das gab es im HAU in Berlin nicht. Und ich hatte mich schon so geärgert, dass ich das Konzert nicht besuchen konnte. Planningtorock gibt es hingegen noch obendrein. Perfekte Zusammenstellung und bitte mehr davon!

Es folgen noch die Werwolffreundin Willow, sowie Smashing New York Times, aus dem 70er Jahre Musical Applause von Charles Strouse und Lee Adams, aber ohne altbackene Attitüde. Die wunderbar ironische Ballade ist zeitgemäßer denn je: „Hallo ihr selbstausbeuterischen creative-industry Leute!“ Der Text hat es in sich. Theaterschauspieler, die ausschließlich für ihre Karriere leben und damit ihrem privatem Glück den Rücken gekehrt haben: The words we need are not from our lover. But words some stranger writes. Inhaltlich perfekt abgerundet wird das Konzert durch den bewährten Rausschmeißer You’re my mate. Hier bekommen das Publikum und die Kritiker durch Thies Mynther den diskreten aber dennoch unmissverständlichen Hinweis, dass Phantom Ghost dieses Lied nur für sich, und wirklich nur für sich geschrieben haben (René Pollesch’ Stück Kill your Darlings! Streets of Berladelphia mit Fabian Hinrichs lässt grüßen). Wozu also ein Publikum, eine reißerische Zeitungsmeute? Wir brauchen euch nicht! You’re my mate ist eigentlich ein scheußlich kumpelhaftes Right Said Fred Lied, das hier kurzerhand homoerotisch samt Hamburger Kapitänsmütze à la Fassbinders Querelle salutierend, deklamierend umgedeutet wird. Eine Absage an alle männerbündnerischen Zechkumpanen-Heten. Es endet abrupt mit dem Ruf nach einem Taxi und das Publikum ist begeistert. Der Applaus ruft die beiden freundlichen Geister doch noch für drei Zugaben auf die Bühne und die Séance ist beendet.

Der scheinbar stilistische Break folgt nach zwanzigminütiger Pause, als Janine Rostron im amorphen, überdimensionierten knallroten Mantel, nebst Basecap und dunkler Sonnenbrille auf die Bühne kommt. Willkommen in der Zukunft! An den E-Drums und am Computer thront Hermione Frank. Auf ihrem zweiten Album W von 2011, das auf James Murphys (LCD Soundsystem) Label DFA Records erschienen ist, mischt sie Gothic-, Ambient-, Disco- und Industrialklänge zu fantastisch betörenden Soundcollagen. 2010 realisierte sie zusammen mit The Knife, die Oper Tomorrow, In a year.

Der opener Doorway setzt mit hämmerndem Rhythmus ein und über die gesamte Rückseite der Bühne hinweg sieht man das außerordentlich faszinierende Video dazu, in dem Rostron und das gleich doppelt, als frankensteinähnlicher Transgender-Charakter mit Höckernase und Stirnprothese performt. Das Ganze erinnert an eine futuristische, düstere Messe. Very dark and arty!

Rostron, die Video Art an der Art Academy Sheffield studierte und als Kind Violine lernte, spielt mit gendertypischen Zuschreibungen, entzieht sich den Erwartungshaltungen und emanzipiert sich gleichermaßen mit dieser Strategie innerhalb des immer noch männlich dominierten Musikbusiness. Für jedes Lied kreiert sie in ihren teils kaleidoskopartigen und düsteren Videos einen neuen Charakter, oft wirken sie wie Chimären und hybride Verbindungen, die zwischen Mann und Frau, Mensch und Cyborg changieren, immer irgendwo dazwischen. Ebenso spielt sie mit ihrer wirklich fantastischen Stimme, mal klingt diese tief und männlich und dann wieder weiblich hochgepitcht. Rostron bezeichnet dies selber als eine Art „feminist sonics“ oder queer sonics“.

Man denkt an Donna Haraway, die Cyborgs als Geschöpfe einer Post-Gender Welt bezeichnet, die nicht mehr an Sexualität gebunden sind und die Differenz zwischen natürlich und künstlich, zwischen Körper und Geist verlassen haben. Cyborgs besitzen keine Ursprungsgeschichte, ihre Väter sind unwesentlich und ebenso wenig erhoffen sie sich eine Rettung durch Wiederherstellung eines paradiesischen Zustands durch die Produktion eines heterosexuellen Partners. Bestialität bekommt hier einen neuen Status; als Möglichkeit für die Konstruktion eines neuen Bewusstseins und als Handlungsmöglichkeit entgegen rassistischer und patriarchialer Strukturen. Der Inhalt des absolut tanzbaren und diskolastigen Songs Patriarchy/over and out ist allerdings schon fast zu überdeutlich. Der Text von My valuable hunting knife ist hingegen wieder vielschichtiger: I want to start a new life. With my valuable hunting knife. She will shine like a new girl. Maskeraden sind eben interessanter und manchmal viel aussagekräftiger. Als Zuhörer will man auch nicht unbedingt mit der Nase auf eine Aussage gestoßen werden, sondern findet durchaus Gefallen an rätselhaften Aussagen und Botschaften. Das macht schließlich den Reiz aus. Das Video von The Breaks ist wieder so eine rätselhafte und kryptische Botschaft, sowohl visuell, als auch textlich. Don’t be surprised if I’m ripping off my eyes. I’m on fire, singt Rostron mit verzerrt klirrender Stimme vor einer waste-land artigen Landschaft kurz nach der atomaren Katastrophe und wiegt dabei fast zärtlich ein ebenfalls höckernasiges Mädchen in den Armen. Es scheint, als wären die beiden die letzten Überlebenden. In der ersten Einstellung des Videos ballt sie die Fäuste, trägt eine zerrissene, gazeartige Fahne und wirkt ganz kämpferisch, aber auch zerbrechlich und scheu in ihrem wattierten Schulter- und Brustpolster Hemdungetüm. Nie wieder size-zero für Frauen, riot, don`t diet, und bitte nehmen Sie Raum ein, meine Damen! Laurie Penny würde sich freuen. Immer mal wieder verlassen einige Zuschauer fluchtartig den Saal, das ist wohl zuviel für einige. Andere tanzen bereits zwischen den engen Stuhlreihen und folgen damit Rostrons Aufforderung. Phantom Ghost schwupsen zwischendurch auch mal wieder rein, das Taxi war wohl noch nicht da! Ich hingegen bleibe fasziniert von den Videos und der Performance sitzen und bin gebannt bis zum Ende. Nach dem letzten Song Living it out hoffe ich noch vergeblich auf eine Zugabe. Aber der Spuk ist vorbei und es herrscht Totenstille, die lauten und leisen Geister, die ich rief sind im Nebel verschwunden und ich wandere raus in die Nacht und rufe mir flugs ein Taxi. Alles wird gut!

Elke Stefanie Inders, Kunst- und Geisteswissen- schaftlerin, Politologin und Lehrerin. Studium an der UNAM Mexiko, HBK Braunschweig und FU Berlin. Schreibt derzeitig auch für vonhundert

12:03 09.01.2013
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Elke Stefanie Inders | Let's Talk About Art

Sprechen wir über Kunst. Ein zweisprachiges Forum für Beiträge über Kunst – initiiert von Janine Sack Künstlerin und Art-Direktorin
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