Tocotronisches Theater

Musik Betörend, betäubend und plüschophil: Tocotronic stellen ihr neues Album „Wie wir leben wollen“ im Thalia Hamburg vor
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Entgegen der eigenen Selbstbezichtigung, faul zu sein, haben Tocotronic immerhin 17 neue Songs kreiert, wovon das Publikum neben Bekannterem ausgewählte Kostproben bekommt.

Auch wenn sie inzwischen das vierte Lebensjahrzehnt überschritten haben, der Glaube an die Jugend, keinesfalls im Gestus des Hinterhertrauerns gemeint, eröffnet programmatisch in Form von Stockhausens Gesang der Jünglinge das Konzert. Unmittelbar ist man über diese Kakophonie verwirrt und landet sofort Im Keller, dem Opener auf dem neuen, zehnten Album.Hier darf man mit sich selbst in Klausur gehen, über das Altern, die eigene Karriere und das nachdenken, was einen möglicherweise mal substituiert.

Noch sitzt das Publikum, darunter auch einige ältere Semester, brav sinnierend auf der engen Bestuhlung. Rasanter, aber genauso fröhlich mitreißend, wird dann über den Entschluss des Nüchternseins gesungen Ich will für dich nüchtern sein. Einige Zuhörer zucken dabei unmerklich zusammen. Dirk prostet allen mit Wasser zu und weist darauf hin, dass kein Sitzzwang bestehen würde. Noch völlig ernüchtert halten sich einige an Wein und Bier fest. Entweder ist das neue Album der Mehrheit noch unbekannt, oder man will halt doch nur die alten Songs hören. Das wurde wohl antizipiert und es erklingt Meine Freundin und ihr Freund; der Funke springt sofort über und einige erheben sich. Das kennen die meisten sowieso, ist ja auch schon 20 Jahre alt. Aber vielleicht unterwerfen sich die meisten ja auch freiwillig dem bildungsbürgerlichen Theatersitzmobiliar. Immerhin, der Sound funktioniert wunderbar und man lässt sich bedingungslos ergeben in Vulgäre Verse entführen; zumal Rick McPhail dazu quasimodomäßig gebückt ganz großartig auf Vintage Tasten herumorgelt. Eines der besten Stücke, in dem man film-noir-artig die Karriere eines alternden Stars Revue passieren lassen kann. Aber leider dämpft das erneut die Stimmung im Publikum und Tocotronic beschallen daraufhin ihre Fans mit einer wuchtigen Hall und Soundwall: Bei This boy is Tocotronic und Aber hier leben, nein danke geht bei vielen die Post ab und es wird, so gut wie es eben inmitten von Stuhlreihen möglich ist, getanzt und mitskandiert. Dass sie bisweilen als Staatsdichter bezeichnet werden, wird entschieden zurückgewiesen. Diese Zuschreibung ist ja auch mehr als dämlich und auf der Projektionswand erscheint daraufhin das Logo der Jan Müllerschen Band Das Bierbeben: Ein durchgestrichener Bundesadler.

Tocotronic ziehen es vor, auf Dem Grund des Swimmingpools auf ihre Rettung zu warten und wir werden dann doch lieber von Rick McPhails fantastischem Gitarrenspiel entzückt. Man muss es wirklich ganz deutlich sagen: Der Mann ist für die Band eine absolute Bereicherung und stiehlt Dirk von Lowtzow in mancher Hinsicht die Show. Da nützt das teilweise nervige Gitarrenswitchen oder die neue Schlingensief Frisur nicht gerade viel. Aber Tocotronic haben sich sowieso schon immer über ihre Texte und das Konzeptionelle einer Musikband definiert. Also lauschen und schauen wir gebannt weiter! Nicht unwesentlich sind die Videoprojektionen, die teilweise aus dem Artwork des neuen Albums stammen: Der Künstler Sergej Jensen hat in zahlreichen Zeichnungen das ironische Selbstverständnis der Band auf Papier gebracht und dies lautet: Wir sind auf den Hund gekommen. Das liegt ja auch nahe, wenn man als Trickgestalten (Die Verbesserung der Erde) und Plüschophiler (Neue Zonen) durchs Leben gehen will. Ebenfalls kindlich regressiv wirkt ja auch der Schriftzug des Albums, allerdings stammt diese Schrift von einer älteren Dame, die Jan Müller einst als Zivildienstleistender betreute.

Die dauernölenden Berufsjugendlichen von damals sind doch älter geworden und kurzsichtig, aber glücklicherweise nicht altersweise, sondern immer noch hochgradig verärgert über den Stumpfsinn dieser Welt. Zu Alles wird in Flammen stehen laufen in einer Endlosschlaufe die Worte Lucifer rising über die Wand; Teufel oder Morgenstern, das ist hier die Frage oder ganz besondere Spezialität von Dirks Texten: Komplexe Dinge kunstvoll zu Texten zu verweben, in denen es vor Oxymora nur so wimmelt. Bereits ganz verwirrt werden wir noch zusätzlich mit dem verbotenem Hypnotikum Chloroform betäubt. Geht es hier um zweifelhaften Kritizismus, darum endlich den Mund aufzumachen oder gar um die Entschuldung der Welt? Man weiß es einfach nicht, so süßlich harmlos klingt Melodie und Gesang. Den etwas finsteren im Spalier stehenden Fanblock kratzt das jedenfalls gar nicht; alle linken Fäuste sind noch hoch gestreckt und bei Jackpot, Hi Freaks und Bitte oszillieren sie wird wieder euphorisch getanzt. Das Konzert nähert sich dem Ende, man ahnt es schon, und prompt setzt Wie wir leben wollen mit Dirk und Rick im Duo ein. Das ist die neue Hymne und das Publikum erhebt sich laut klatschend: Ach verweilt doch noch es ist so schön!

Zwei satte Zugaben gibt es. Das ist fein! Was könnte also noch kommen? Na klar, Freiburg und Drüben auf dem Hügel. Alle grinsen so verdächtig wissend und denken an ihre Studentenzeit. Ein unangenehmes 90er Jahre Retrogefühl schwallt über mich beim Beobachten der Zuhörer hinweg. Gut, dass diese Zeiten vorbei sind. Backgammon- und noch viel schlimmer, Karomspieler waren wirklich ein absolutes Unding. Zugegebenermaßen habe ich sie auch gehasst und wusste auch nicht wirklich wieso. Mit 17 verabschieden sich die vier Herren endgültig und es ertönt Peer Rabens Die großen weißen Vögel.

Elke Stefanie Inders, Kunst- und Geisteswissen- schaftlerin, Politologin und Lehrerin. Studium an der UNAM Mexiko, HBK Braunschweig und FU Berlin. Schreibt derzeitig auch für vonhundert

01:59 22.02.2013
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Elke Stefanie Inders | Let's Talk About Art

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