„Condor. Wir lieben Fliegen“

Insolvenz von Thomas Cook Montag, 23. September 2019. Das britische Reiseunternehmen Thomas Cook meldet nach gescheiterten Verhandlungen um 200 Millionen britische Pfund Insolvenz an.
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Die Hiobsbotschaft für alle Urlaubssüchtigen am Montag, den 23. September. Der weltweit älteste Reiseunternehmer Thomas Cook meldet Insolvenz an. Nach erfolglosen Verhandlungen mit Gläubigern und der britischen Regierung um eine Summe von 200 Millionen Pfund gab es keine andere Chance, als für das Unternehmen einen Liquidationsantrag zu stellen. Insgesamt 22 Tausend Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Weltkonzerns werden in den Abgrund gezogen. Darunter auch die Besatzungen und Bodencrews der deutschen Fluggesellschaft Condor.

Ich hatte die Möglichkeit und das Glück noch vor dem Aus des Reiseriesen und seiner deutschen Flugtochter einen Urlaub auf Kuba zu verbringen. Die Anzeichen des drohenden Absturzes waren schon auf dem Hinflug mit Condor, Flugnummer DE2206, deutlich erkennbar.

Start nach Kuba. 10 Stunden Flug. Vorfreude auf ein Reiserlebnis in der Karibik. Startzeit: 12:40 Uhr Frankfurt am Main Flughafen. Die vortägliche Anreise und der Online-Check-In sorgten für einen entspannten Eintritt in Sicherheitsbereich.

Boarding, um 11:40 Uhr. Doch zuerst einmal müssen die freien Business-Class-Plätze verkauft werden. Upgrade von der Economie-Class 329 Euro. Schnäppchen gegenüber 660 im Normalpreis laut Auskunft des Condor-Angestellten hinter dem Boarding-Schalter. Zum Vergleich: Neckermann-Reisen hatte uns auf Anfrage das Upgrade für 470 Euro angeboten und von Condor waren uns am Service-Telefon 500 Euro pro Person benannt worden. Verzögerung des Boarding 40 Minuten.

On Board. Let’s start. Nö. Triebwerksfehleranzeige. Freundlich besorgte Ansage des Flugkapitäns. Endgültiger Take-off: 13:50 Uhr. Alles zu meiner Sicherheit.

Endlich in der Luft. Wir fliegen. Erste Orientierung auf dem Display vor mir. Klick. Touch. Scroll. Das Angebot für die billigen Plätze ist dürftig. Je ein Familien- und Kinderfilm – „Die unglaublichen Abenteuer von Bella“ und „Dumbo 2019“ mit je gut 100 Minuten Spielzeit. Und dazu je eine Folge aus zwei Serien der Boulevard- und Kindersparte („Friends“ und „Die Garde der Löwen“).

Gut, im Vorfeld wurde schon angekündigt, dass das Premium-Entertainment-Angebot gegen einen im Internet angebotenen Preis von 7,99 Euro etwas umfangreicher sein werde. Aber so eingeschränkt? Insgesamt standen 83 Filme und 146 Serie á einer Folge zur Auswahl.

Ok, mehr Zeit zum Schreiben und Lesen bei einer doch ganz guten Musikauswahl. 560 Alben verschiedener Genres.

Die Stewardessen und Stewards werden sicherlich gleich mit den Kopfhörern rumgehen und diese auf dem Langstreckenflug verteilen. Nö. Sonderangebot: Statt 12,50 Euro bekommt man als Fluggast der Economy-Class das Entertainment-Paket samt Kopfhörern für 11 Euro. (Das Entertainment-Paket ist hier – offline – den Condor-Unternehmern 9,00 Euro wert.) Kopfhörer einzeln kann man für 3,50 Euro erwerben. Die guten billigen vom Grabbeltisch an der Kasse beim Discounter für 1,99 Euro. Selbst schuld, denke ich mir, ich hätte mir doch noch Kopfhörer für den Anschluss am Display im Vorfeld meiner Reise besorgen können. Doch fehlten mir allein die entsprechenden Informationen, dass ich über den Wolken von Condor noch einmal richtig zu Kasse gebeten werde. Erfahrungen von einem Flug mit Oman-Air zwei Jahre zuvor zählen nicht. Dort gab es ein komplettes Entertainment-Programm mit Filmen, Serien, Musik, Radio-Sendungen zum Nulltarif inklusive Kopfhörer, Decke, Socken, Augenmaske und Ohropax zum Schlafen sowie nach dem Essen Feuchttücher zum Reinigen … Übrigens als Standard-Paket für jeden Passagier. Nicht nur auf Nachfrage. Der Reisepreis für uns als dreiköpfige Familie betrug damals für zwei Wochen Sri Lanka knapp über 3.000 Euro. Die Kuba-Rundreise haben wir uns zum 50. Jubiläum meiner Frau mehr als 6.200 Euro kosten lassen.

Wohl gemerkt, es geht mir nicht um einen Billigflug, den ich zum Erreichen meines Zieles mit einen Rundum-Glücklich-Paket vollgestopft antreten wollte. Doch vorhergehende Reiseinformationen von Thomas Cook, zu deren Gruppe sowohl die Fluggesellschaft Condor als auch Neckermann-Reisen gehören, wäre es sinnvoll und angebracht gewesen. Nur die Aussage, dass es ein Premium-Angebot gibt, impliziert noch lange nicht, dass dazu keine Alternative existiere. Letztlich verdient die Thomas Cook Group an unserem Gesamtreisepreis und will uns zudem noch in einer „Zwangslage“ nochmals ins Portemonnaies greifen. Nö, totale Verweigerung. Dann machen wir weiter auf Billigheimer und nehmen ausschließlich die Inklusiv-Mini-Angebote der Airline in Anspruch. Ach, übrigens: Warum nehmen die Herren von Condor eigentlich kein Toilettengeld. Damit kann man noch einmal zusätzlich Kohle für eine ordentliche Rendite scheffeln. Hm?

So, jetzt sind es nur noch 7 Stunden bis zur Landung. Das erste Essen ist vorbei. Die übliche Portion in luftiger Höhe. Zwei Getränke dazu. Eigentlich gibt’s nichts zu meckern. Wenn da nicht wieder die Erfahrung mit Oman-Air wäre. Auswahl von drei Menüs. Eines davon vegetarisch. Und heute an Board. Keine Frage nach eventuellen Allergien, Unverträglichkeiten. Übertrieben kann man sagen: „Friss oder stirb.“ Sehr wunderlich.

Bei der gesamten Aufzählung von Serviceeinschränkungen kommt noch eine Episode einer kleinen süßen Kubanerin vom Nachbarplatz. Die Mutter, die wohl mit ihrer Tochter in Deutschland lebt und die mütterliche Heimat besucht, hat leider kein Glück. Gastgebergeschenk für die Jüngsten im Flugzeug Fehlanzeige. Das gab es mal früher. Heute haben wir den Shop, so der nette Steward, der nur wenige Augenblicke später vertrauensvoll die Condor-Shop Offerte unterbreitet. Mit dem „das habe ich auch schon einmal gekauft, das ist besser“ fängt man nicht nur Schwiegermütter, sondern gewinnt auch das Vertrauen der Tochtergeneration. Stewardessen und Stewards als fliegende Händler. Dafür gibt es dann auch Zusatzpunkte für die Angestellten der Airline. So zumindest verstehe ich das Zwiegespräch von zwei Stewardessen: „Wow, 114 Euro. Du wirst unser Bestseller diesen Monat.“ Passend dazu ist auf dem Monitor im Unternehmensporträt von Condor zu lesen: „8.500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten mit Leidenschaft daran, den Kunden stets im Mittelpunkt zu haben.“ Und etwas weiter hinten im digitalen Hochglanzprospekt verkündet die Fluggesellschaft für das Jahr 2015 in seiner Firmengeschichte stolz: „Condor bietet ein bisher deutschlandweit einmaliges Konzept: Airshoppen. Gäste können bereits von zu Hause aus 950 Produkten wählen, steuerfrei einkaufen und dabei bis zu 60 Prozent sparen. Der Einkauf wird wahlweise auf dem Hin- oder Rückflug an den Sitzplatz des gebuchten Fluges geliefert.“ Ob das rechtens ist, wenn die Waren nicht in der Luft steuerfrei bezogen werden?

Condor sales. Oder wie war noch einmal der Text der Warteschleifenmusik der Condor-Hotline: Coooondor. Wir lieeeben flieegen. Ich muss noch einmal über die Definition von Fliegen und Urlaub nachdenken. Hm? Es ist eben ein riesiges Geschäft, das da über den Wolken schwebt. „Mit einer Flotte bestehend aus 100 Flugzeugen bringt die Airline jährlich 18,5 Millionen Passagiere zu mehr als 130 Destinationen. Dabei erwirtschaftet der Ferienflieger einen Gesamtumsatz von 3,2 Mrd. britische Pfund“, heißt es weiter im Unternehmensporträt, das sich hinter Condor-Zeichen auf dem Display vor meinen Augen verbirgt. Und da wird das Shopping einen nicht unbeträchtlichen Anteil an Einnahmen bei den so umsorgten Kunden generieren. Gegen Langeweile hilft shoppen. Shoppen bringt Geld. Geld, das die Fluggesellschaften im hart umkämpften Markt in den Lüften für ihre Aktionäre gut gebrauchen können. Der „leidenschaftliche“ Service dient nicht der Zufriedenheit ihrer Kunden, sondern den Geldbeutel dieser.

Aber, genau weil es dabei auch um meinen Geldbeutel geht, betrachte ich das drum herum ums Fliegen in den Urlaub etwas skeptischer und aufmerksamer. Da bin ich sehr erstaunt, wie sehr sich die anderen Mitfliegenden so sehr mit dem Zustand abfinden und sich auf das Spielchen einlassen. So sehr hat die Psychologie des Konsums von den Menschen Besitz ergriffen, dass die Angebote auch in den Höhen des Fluges die eigenen Bedürfnisse nach einem entspannten Flug in den Hintergrund drängen. Einmal wie auf Wolke Sieben schweben und alle Geldsorgen und wirtschaftlichen Zwänge des irdischen Daseins vergessen. Das nenne ich es das Glück der naiven Unbedarften.

Ich wende mich vorbereitend auf den Besuch der Karibikinsel Robert Merle und seinem Buch „Moncada – Fidel Castros erste Schlacht“ von 1965. Kein Heldenepos und doch die Schilderung über eine Idee für die Schaffung einer gerechteren Welt.

Avisierte Ankunft in einer Stunde und 20 Minuten. Kaffeezeit an Board. Ein kleiner Snack mit einem Stückchen „es-sollte-Obstkuchen sein, dazu ein Portiönchen griechischem Salat und zwei Chevabchichi. Eine Minibrezel rundet die „Verköstigungsorgie“ ab. Zwischen den Zeilen von „Moncada“ ein Gang zum Heck für einen Kaffee. Zur Erinnerung: „8.500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten mit Leidenschaft daran, den Kunden stets im Mittelpunkt zu haben.“ Von dieser Leidenschaft habe ich auf dem Hinflug nach Holguin auf Kuba nichts gespürt. Ein wahrscheinlich ganz normaler Langstreckenflug, der entweder zur literarischen bzw. kreativen Selbstbeschäftigung oder eben zum Kaufrausch zwischen Alkohol und Parfüm einlud. Alltag über den Wolken der gewinnorientierten fliegenden Konsumtempel. Am Limit der Dividende mit dem gefügigen Passagier als lebende „Cashmashine“.

Und auch der Rückflug blieb nicht ganz rückstandslos in meiner Erinnerung an ein ungutes Flugerlebnis haften. Gleich kurz vor dem Start sorgte ein kleiner Vorfall in meiner Nachbarschaft für meine Aufmerksamkeit. Da wurde eine kubanische Mitreisende mit dunkler Hautfarbe gebeten „aus Sicherheitsgründen“, so die Chefstewardess, sich umzusetzen. Die junge Frau, die kein Deutsch und kein Englisch verstand, konnte jedoch nicht durch ein Besatzungsmitglied auf Spanisch – der Landessprache auf Kuba angesprochen werden. Warum hat denn keiner der Flugbegleiterinnen oder Flugbegleiter Kenntnisse von dieser Sprache, wenn die Fluggesellschaft dorthin Flüge unternimmt? Seltsam an dieser Aktion war dann nur, dass sich ein deutsches Pärchen auf den XL-Fensterplatz 23A und XL-Nachbarsitz 23C mit viel Beinfreiheit am Notausgang setzen durfte. Wogegen die junge Dame auf den Mittelplatz 40D verwiesen wurde.

Dabei blieb es dann auch. Die Kabinencrew war ansonsten sehr aufmerksam zu den Fluggästen, boten nach den üblichen Verkaufswagentouren stets Wasser bei diesem Nachtflug an. Die Pünktlichkeit des Fliegers in Frankfurt am Main sei als der Vollständigkeit halber erwähnt.

https://www.leuchtturmleuchten.de/wp-content/uploads/2019/09/Condor-Display_Unternehmen_08-2019.jpgJedoch, jetzt mit der bekanntgewordenen Insolvenz der Konzernmutter Thomas Cook rundet sich das Bild, dass sich beim Flugerlebnis Condor mir bot, ab. Wer seit Jahren in finanziellen Schwierigkeiten hängt und auf das Dividenden orientierte Rasseln der Aktionäre durch Sparmaßnahmen am Service und Personal sowie zweideutigen Verkaufsaktionen in luftiger Höhe am Markt reagiert, muss unweigerlich dem Absturz vieler börsennotierter Vorgängerunternehmen wie 2017 Air Berlin folgen. Der Börsenmarkt ist nichts für stabile Geschäftstätigkeiten. Wer dort nach frischem Geld sucht, um ein stabiles Unternehmen schnell „zukunftssicher“ zu gestalten, wird spätestens nach den ersten Jahren eines Minderwachstums erkennen müssen, dass Aktionäre gern einmal aus Angst vor Verlusten ihr Geld gern einmal auf vielversprechendere Börsennotierungen umlagern. Da helfen auch keine Tradition seit 1841 oder deutsche Markenamen wie Neckermann und eben Condor, um eine Riesengeschäft mit den billigen oder auch eben mal teureren Urlaubsträumen von „weltweit jährlich rund 20 Millionen Kunden“ (Quelle: https://www.thomascook.de/unternehmen/thomas-cook/werte/) erfolgreich an den „Blütenträumen“ der Aktionäre vorbei zu führen. „Im letzten Geschäftsjahr erwirtschaftete das Unternehmen einen Umsatz von rund 9,6 Milliarden Britischen Pfund (GBP), das entspricht (mit Wechselkurs vom 18.12.2018) rund 10,7 Milliarden Euro.“ (Quelle: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/206583/umfrage/umsatz-der-thomas-cook-group-seit-2008/). Da hat das Management wohl nicht ordentlich mit seinen rund 22.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und seinen „Tochtergesellschaften, Hotelpartnern und Airlines rund um den Globus“ (Quelle: https://www.thomascook.de/unternehmen/thomas-cook/werte/) gewirtschaftet oder sich mit den Sparmaßnahmen verkalkuliert. Betroffen sind von dieser Pleite des weltweit ältesten Reiseunternehmens nicht nur die Belegschaft, sondern auch die vielen Zulieferer, Geschäftspartner und Länder, die wie Kuba auf den Tourismus aufgrund des Embargos als einzige große Einnahmequelle setzten müssen.

Vielleicht haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Condor-Flüge DE2206 und DE2199 die drohende Insolvenz ihres Arbeitgebers bereits geahnt und entsprechend ihren Services am Kunden auf das Notwendigste beschränkt. Auf alle Fälle war dies keine Bewerbungsempfehlung für künftige Arbeitsplätze ob am Boden oder in der Luft. Jetzt frei im freien Fall nach dem Slogan: „Condor. Wir liebten Fliegen.“

21:46 23.09.2019
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