Meister der Brettspielkunst

Erfolgsstory Das Leben neu gestalten, auch wenn die Gesundheit einen Strich durch die Lebensplanung macht, vielleicht ergeben sich daraus neue Lebensmodelle wie bei Steffen Schmidt.
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Im Fürhling locken viele Städte, Burgen und Schlösser mit historischen Märkten. Brauchtum aus alter Zeit wird präsentiert. Oft stellen sich das Kunsthandwerk und die Handwerkerkunst dem interessierten und kauflustigen Publikum.

Einer, der kaum noch einen dieser traditionellen Märkte auslässt, ist Steffen Schmidt. Er hat ein altes Handwerk und dazu die Kunst, zu bespielen, für sich als Herausforderung und Lebenszweck entdeckt. „Spiele der Frühzeit, des Mittelalters bis zum 17. Jahrhundert.“ In alten Büchern forschte er, fand Hinweise in Museen und steht im Austausch mit Historikern und Spielearchäologen.

Steffen Schmidt ist der Meister der Brettspielkunst.

Dabei hat er sich diesen Titel in den letzten zehn Jahren aufgebaut. Begonnen hat alles ganz anders, auf vier oder auch sechs Rädern, als LKW-Fahrer. Bis er 1999 seinen Lenker aus gesundheitlichen Gründen an den Nagel hängen musste. Bei der medizinischen Rehabilitation eröffnete man ihm einen Ausweg, eine Umschulung im Rahmen der beruflichen Rehabilitation. Zur damaligen Zeit, so schätzt Steffen Schmidt es ein, „war es das Beste, was mir passieren konnte“. Er kam ins Berufsförderungswerk Leipzig, das war im Juni 2001. Hier erlernte er den Beruf des Industriekaufmanns, den er 2003 erfolgreich abschloss. Er wurde von einer Spedition in Schkeuditz übernommen. „Back tot he rootes“, dachte sich der ehemalige Trucker. Es sollte einige Zeit auch passen.

Sein Faible lag jedoch auf einem ganz anderen Gebiet. In der Freizeit tingelte er von Mittelaltermarkt zu Mittelaltermarkt. Speis und Trank bot er dort in seiner Taverne an. Das nahm viel Zeit, Freizeit in Anspruch. Die Entlassung aus der Spedition aufgrund von Personaleinsparungen zwang ihn letztlich zur Entscheidung, aus dem Hobby einen Beruf zu machen. Den Lebensunterhalt professionell mit der Taverne verdienen.

Das Handwerkszeug zum Verkäufer hatte er gelernt. Im BFW Leipzig. Nun galt es für ihn, das Wissen umzusetzen. Dazu gehörten auch Vermarktungsstrategien. Getrunken wird auf Märkten in Gesellschaft. Gesellig soll es also zugehen. Daraus entwickelte er die Idee, passend zum historischen Motto seiner Taverne, ein paar Brettspiele auf den Tischen anzubieten. Menschen über das Spiel zusammenzubringen.

Das Interesse an Met und Bier wuchs genauso wie die Spielelust seiner Gäste. Und Steffen Schmidt wollte mehr, mehr wissen über das Brettspiel. Alfonso X., König von Kastilien war es, der ihm half, zu verstehen. Genau dieser König war es, der im 13. Jahrhundert neben vielen wissenschaftlichen Arbeiten das „Buch der Spiele“, auch „Codex Alfonso“, verfasste. Es war die erste Sammlung von Schachproblemen des Mittelalters, eine Art Bedienhandbuch für Schachspieler. Die Lektüre hatte den Ehrgeiz von Steffen Schmidt gepackt. So grub er in Bibliotheken, sprach mit Gleichgesinnten, durchforschte das Internet nach Hinweisen. Er entdeckte alte Spiele neu. Beließ aber deren Spielidee und Aufbau. Suchte nach geeigneten Materialien, werkelte und schrieb auf, was er wusste. Steffen Schmidt knüpfte Kontakte mit Lieferanten, um originalgetreu selbst produzieren zu können. Mittlerweile füllen 23 unterschiedliche Spiele seinen Angebotskatalog.

Die älteste Spielidee kommt aus der Bronzezeit, die Armenische Mühle. Viele seiner Spiele präsentiert Steffen Schmidt im hochwertigen Lederbeutel, der gleichzeitig das Spielfeld bildet. Da war er wieder, der Verkäufer. Die praktische Verkaufsidee mit dem Lederbeutel, schnell auf einem Brett (daher der Name Brettspiel) ausbreitbar und dann kann losgespielt werden. Und es kommt an. Mittlerweile kann er sich die Märkte aussuchen, auf denen er mit seiner Frau die Spielelust bei Klein und Groß herausfordert. „Ich gehe bewusste auf Märkte von kleinen Veranstaltern“, betont er. Die Kommerzialisierung hat auch das Mittelalter erfasst. Ihm geht es neben dem Geschäftssinn mehr um seine Spiele. „Dazu nehme ich viele Fahrten in Kauf. Ganz Deutschland, Österreich und Italien. Deshalb sind die Spielanleitungen auch auf Deutsch, Englisch und Italienisch geschrieben. Bald kommt noch Spanisch hinzu.“

Wo auch immer er seinen Stand „Historische Brettspiele“ aufstellt, stehen Spieltische davor. „Die Leute sollen erst die Spiele ausprobieren“, erklärt der 49jährige. Über das Spiel erfahren die Besucher die Lust daran und nehmen das eine oder andere Spiel mit oder bestellen später die praktischen Lederbeutel im Internet. So vermarktet er seine Ideen, die ein Stückchen ihre Grundlagen im BFW Leipzig haben, als Meisters der Brettspielkunst.

Internet: www.brettspielerey.de

08:43 27.05.2016
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