„Angola-Kritik?“

Interview Samuel Salzborn sieht eine neue antisemitische Revolution, getragen von Autoritarismus und Islamismus
„Angola-Kritik?“
Von 9/11 führt eine direkte Linie zur Trauerfeier in Pittsburgh

Foto: Damon Winter/NYT/Redux/Laif

Anschläge, Hass auf Israel, Verschwörungsmythen: Antisemitismus hat viele Ausdrucksformen. Alle nehmen beinahe überall auf der Welt zu. Samuel Salzborn sieht einen Zusammenhang mit erstarkenden autoritären Tendenzen und Islamismus. Zwischen Vorträgen und Veranstaltungen rund um den 9. November findet er Zeit für ein Gespräch.

der Freitag: Herr Salzborn, Ende Oktober starben elf Menschen beim Anschlag auf eine Synagoge in Pittsburgh, USA. Was haben Sie als Experte gedacht, als diese Nachricht kam?

Samuel Salzborn: Antisemitische Anschläge in unterschiedlicher Form gehören mittlerweile leider zur blutigen, traurigen Realität. Dieser ging mir allerdings besonders nahe, weil ich relativ kurz davor in Pittsburgh und auch vor Ort gewesen war. Zugleich ist es natürlich eine besonders schockierende Nachricht gerade aus den USA. Das ist Ausdruck einer Rechtsentwicklung dort, die recht dramatisch zu sein scheint.

Für Ihr Buch ist ein anderer Anschlag der Ausgangspunkt. Sie sehen 9/11 als „Kristallisationspunkt“ für die „dritte antisemitische Revolution“.

Historische Ereignisse sind ja immer dadurch gekennzeichnet, dass es Vor- und Nachgeschichten gibt. Wenn man in Rechnung stellt, dass es eine Entwicklung im islamischen Antisemitismus in den Jahrzehnten davor gab – denken wir nur an Iran –, dann sehe ich tatsächlich 9/11 als einen Kristallisationspunkt, in dem viel zusammenkommt, was das Anliegen des islamischen Antisemitismus angeht. Dabei geht es darum, eine Neuordnung der Welt nach auf der einen Seite islamistischen, auf der anderen Seite antisemitischen Prinzipien durchzusetzen. Also eine Welt, in der Jüdinnen und Juden ermordet, Freiheit suspendiert, Individualität aufgehoben und Demokratie abgeschafft sein sollen.

Zur Person

TU-Berlin

Samuel Salzborn, geboren 1977 in Hannover, lehrt und forscht seit 2017 am Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin. 2018 erschien von ihm Globaler Antisemitismus. Eine Spurensuche in den Abgründen der Moderne im Beltz Verlag (258 S., 24,95 €)

Warum handelt es sich um die „dritte“ antisemitische Revolution?

Sehen wir uns historische Langzeitentwicklungen mit politologischer Brille an, stellen wir fest, dass es große Wellenbewegungen gibt. Wellen der Demokratisierung und der Autokratisierung. Letztere sind auch die, bei denen antisemitische Bewegungen erheblichen Zulauf haben und die darauf hinauslaufen, die Welt nach neuen, letztlich antisemitischen Prämissen zu strukturieren. Insofern haben wir es mit einer globalen antisemitischen Revolution zu tun, aber eben meines Erachtens in der Geschichte der Moderne mit dem dritten Versuch.

Die anderen beiden waren der NS- und der Linksterrorismus der 70er und 80er. Welche Rolle spielen etwa die Revolutionären Zellen und die Brigate Rosse?

Zentrales Element von deren Antiimperialismus ist eine Fokussierung gegen Amerika und Israel gewesen, die in ihrem Kern auf antisemitische Vernichtung abzielte, wie wir das an einigen zentralen Elementen und Anschlagszielen, wie den Flugzeugentführungen, nachvollziehen können. Die Diskussion, die man hier führen müsste, ist die Frage, was an diesen Bewegungen eigentlich links war. Man muss begreifen, dass der Antiimperialismus unter einer linken Fahne segelt, unter die er überhaupt nicht gehört, da er eigentlich weltanschaulich in der extremen Rechten beheimatet ist. Einer der ersten richtigen Antiimperialisten war ja nicht aus reinem Zufall Carl Schmitt mit seiner Idee eines Interventionsverbots für raumfremde Mächte.

In vielen westlichen Ländern nimmt der Autoritarismus zu. Trotzdem machen Sie den islamischen Antisemitismus als Hauptakteur aus. Warum?

9/11 war ein islamistischer Anschlag, maßgeblich motiviert von islamischem Antisemitismus. Der radikale Islamismus ist der im internationalen Rahmen gegenwärtig maßgeblichste antisemitische Akteur. Gleichwohl ist es richtig, dass sich Antisemiten unterschiedlicher Milieus und Spektren in der globalen Integrationsideologie des Hasses auf Israel zusammenfinden. Und wenn wir beispielsweise an den Antisemitismus der AfD denken, sehen wir: Auch andere Formen, wie in diesem Fall vor allem der Schuldabwehrantisemitismus, bilden einen Teil eines antisemitischen, heterogenen Ganzen.

Oft wird Antisemitismus als antijüdischer Rassismus verstanden. Sie verstehen Antisemitismus als etwas, das wesentlich darüber hinausgeht.

Antisemitismus ist immer Hass auf Juden, aber als Weltbild weitaus komplexer. Man darf nicht übersehen, dass Antisemitismus sich einerseits historisch immer wieder gewandelt hat. Das ist gerade seit den 70er Jahren noch mal deutlich geworden, weil er sich nun gegen Israel als neue Projektionsfläche wendet. Der andere Teil, den man bedenken muss, ist, dass es sich ja nicht einfach um ein Vorurteil handelt. Jean-Paul Sartre hat sehr schlau betont, dass es um „Weltbild und Leidenschaft“ geht. Was Antisemiten vertreten, vertreten sie, um einen emotionalen, letztlich aggressiven Mehrwert herzustellen, also eine Leidenschaft ausagieren zu können, bei der Antisemitismus nicht trotz, sondern wegen seiner Irrationalität geglaubt wird. Und dieses Weltbild zeichnet sich dadurch aus, dass Antisemiten am Ende versuchen, sich die gesamte Welt dadurch erklären zu können.

Wie funktioniert das?

Über Verschwörungsmythen und durch eine spezifische Ambivalenz im antisemitischen Weltbild, bei der eine Verbindung aus Macht- und Ohnmachtsgefühl vorhanden ist. Man fantasiert eine große Übermacht, sich selbst dagegen als omnipotenten Gegner in einem dichotomen, fast apokalyptischen Szenario. Antisemitismus bildet so eine Gegenerzählung gegen Moderne, Aufklärung, Freiheit und auch Gleichheit. Was man im Allgemeinen bedenken und im Blick haben muss, ist, dass jeder Mensch, der in der modernen Gesellschaft lebt, Gegenstand der modernen Vergesellschaftung ist und insofern potenziell eine Affiliierung mit antisemitischem Denken eingehen kann.

Oft heißt es, Kritik an Israel werde durch Antisemitismusvorwürfe unmöglich.

Wir haben ja das eigentümliche Phänomen, dass es den Begriff der Israel-Kritik überhaupt gibt. Wir warten bis heute auf die Angola-Kritik oder die China-Kritik. Schauen wir uns allerdings die politischen Debatten an, die es um Israel gibt, dann ist es so, dass die überwältigende Masse dessen, was dort artikuliert wird, von niemandem als Antisemitismus beschrieben wird. Das ist schon die erste Fantasie, dass das so sei. Wenn das aber passiert, aus inhaltlichen Gründen, nämlich weil Israel als jüdischer Staat delegitimiert wird, die israelische Politik dämonisiert wird oder es doppelte Standards gibt, mit denen die Politik Israels und die der Palästinenser gemessen werden, dann haben wir es mit Antisemitismus zu tun. Das ist mittlerweile auch die anerkannte Definition im politikwissenschaftlichen Raum.

06:00 03.12.2018

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