Antisemitismus im Münchner Metropol-Theater?!

Meinung Nach Kritik jüdischer Verbände hat das Metropol-Theater in München das Stück „Vögel“ abgesetzt. Die Vorwürfe sind ernst zu nehmen, doch die Gemengelage komplex und eine Klärung nicht mehr möglich
Magdalena Laubisch, Leonard Dick, Hubert Schedlbauer
Magdalena Laubisch, Leonard Dick, Hubert Schedlbauer

Foto: Jean-Marc Turmes/Metropoltheater München

Wajdi Mouawad hat ein sehr erfolgreiches Stück geschrieben. 2017 in Paris uraufgeführt, wurde Vögel in der 2018 entstandenen Fassung für den deutschsprachigen Raum hier bereits auf gut 20 Bühnen inszeniert. Zuletzt feierte es am Metropoltheater in München Premiere. Doch kurz darauf wurde es abgesetzt. Mitglieder der Jüdischen Studierendenunion Deutschland (JSUD) und des Verbands Jüdischer Studenten in Bayern (VJSB) hatten der Inszenierung vorgeworfen, sie dämonisiere Juden und setze Israel mit dem Nationalsozialismus gleich, kurzum: Sie reproduziere Antisemitismus.

Was dann folgte, entsprach dem inzwischen üblichen Drehbuch solcher Debatten. Regisseur Jochen Schölch wies die Vorwürfe zurück. Aktive und ehemalige bayerische Politiker mischten sich ein, auch das israelische Generalkonsulat und der Herausgeber der Zeit, Josef Joffe. Die einen sagten so, die anderen so. Um die Frage ein für allemal zu klären, sollte es eine Podiumsdiskussion geben, im Anschluss an eine Sondervorstellung am vergangenen Sonntagmittag. Doch auch die wurde schließlich abgesagt.

Vögel ist eine Art jüdisch-arabische Romeo-und-Julia-Geschichte. Der Jude Eitan und die Araberin Wahida verlieben sich, doch Eitans Familie, insbesondere sein Vater David, ist streng dagegen. In der Folge kommt es zum Showdown, natürlich in Israel, natürlichvor dem Hintergrund von Terroranschlägen und Vergeltungsangriffen. Die Pointe am Ende: David ist gar kein Jude, sein Vater Etgar – seines Zeichens Holocaust-Überlebender – hat ihn als Baby im Sechstagekrieg gefunden und aufgezogen. Aus „gefunden“ wird kurz darauf „gestohlen“, und diese Anspielung an kinderklauende Juden ist einer der Aspekte – neben Witzen über Öfen und Gas und die negative Charakterisierung einer israelischen Soldatin –, die zum Stein des Anstoßes wurden.

Man muss diese Vorwürfe ernst nehmen, auch wenn es das erste Mal ist, dass sie öffentlich erhoben wurden. Denn das muss nichts heißen, die deutsche Kulturbranche ist nicht gerade bekannt dafür, Antisemitismus gut zu erkennen. Doch die Gemengelage ist kompliziert. Als Vögel 2019 beim Festival La Bâtie in Genf aufgeführt wurde, monierte die örtliche BDS-Gruppe, dass das Stück von der israelischen Botschaft in Frankreich gefördert wurde. Und Burkhard C. Kosminski, Intendant des Schauspiels Stuttgart und der Erste, der Vögel nach Deutschland brachte, macht nicht den Eindruck, blind für Antisemitismus zu sein. Als einer der wenigen deutschen Theatermacher kritisierte er die Unterstützung des Deutschen Bühnenvereins für die Initiative GG 5.3 Weltoffenheit, die sich gegen die Verurteilung von BDS als antisemitisch durch den Bundestag richtete. Doch auch das muss nichts heißen.

Vielleicht haben die jüdischen Studierenden etwas gesehen, was weder das Theater Cameri in Tel Aviv, wo Vögel ebenfalls aufgeführt und überwiegend positiv aufgenommen wurde, die israelische Botschaft in Paris noch die Tageszeitung Haaretz gesehen haben. Das kann durchaus sein. Was auch sein kann: Anstatt das Stück wie üblich viersprachig – Deutsch, Englisch, Hebräisch, Arabisch – aufzuführen, entschied man sich in München für eine rein deutsche und gekürzte Fassung. Vielleicht liegt hier das Problem.

Feststellen lässt sich all das nicht mehr. Was also bleibt, ist das Scheitern einer Debatte, bei der viele eine Meinung haben, der durch die Absetzung jedoch jede Grundlage entzogen wurde.

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