„Argentina 1985“: Ein Land verurteilt seine Diktatoren

Streaming „Juicio a las Juntas“: Santiago Mitre stellt in „Argentinien 1985“ einen historischen Prozess nach, der in seiner Einzigartigkeit in die Geschichtsbücher eingegangen ist. Das gelingt ihm hervorragend: mit Witz, Wut und Leidenschaft
Ausgabe 43/2022

Gutes Kino kann wie eine Gruppentherapie sein. So funktionierte zum Beispiel Good Bye, Lenin! in Deutschland als Katharsis; der Film erlaubte es nicht nur, über die DDR und ihren Untergang zu lachen, sondern auch, Empathie mit jenen zu fühlen, für die mit dem Staat auch alle ihre Ideale zusammenbrachen. Sehr gutes Kino wiederum kann seine Wirkung auch für jene entfalten, die gar nicht Teil der Gruppe sind. Das gelingt dem von Amazon produzierten und nun auf der hauseigenen Plattform Prime Video zu sehenden Film Argentinien, 1985.

Es geht um einen Prozess, der Rechtsgeschichte geschrieben hat: der „Juicio a las Juntas“. Zum ersten Mal machte ein Land seinen gestürzten Diktatoren nach eigenem Recht und im eigenen Rechtssystem den Prozess. Die Angeklagten sind die Angehörigen der Juntas, die das Land von 1976 bis 1983 regiert hatten. In jenen Jahren wurden etwa 30.000 Menschen entführt, gefoltert, ermordet und verschwanden.

Dabei musste Regisseur Santiago Mitre gar nicht viel erfinden, um diese Geschichte spannend und bewegend zu machen. Der Plot ist recht simpel: Ein Zivilgericht zieht das vom Militärtribunal verschleppte Verfahren an sich. Der zuständige Staatsanwalt Julio Strassera muss nun gemeinsam mit dem beigestellten Staatsanwalt Luis Moreno Ocampo in kürzester Zeit belegen, dass die neun Angeklagten nicht nur von den Verbrechen wussten, sondern diese auch gutgeheißen oder angeordnet haben.

Das Verfahren ist im Grunde ein Ding der Unmöglichkeit. Sie haben nicht nur extrem wenig Zeit für die Ermittlungen – lediglich von Oktober 1984 bis Februar 1985, „weniger, als das Verfahren gegen einen Hühnerdieb dauert“, wie es Strassera ausdrückt –, sondern können dabei auch nicht auf Unterstützung bauen. Aus dem Justizapparat verweigern die meisten die Mitarbeit, und die Polizei war selbst Teil des Repressionsapparats. Als Strassera mit einem Freund versucht, alte Bekannte zu reaktivieren, kommt es zu einer bezeichnenden Szene, die zugleich eine unheimliche Komik entwickelt: Abwechselnd nennen sie Namen, nur um vom jeweils anderen daran erinnert zu werden, dass auf den Genannten nicht zu zählen sei, da er „facho“ oder sogar „recontra facho“ sei – also Faschist oder, in der im argentinischen Idiom üblichen Steigerung, ein besonders schlimmer Faschist.

Weinen im Büro

Wer auf Karrierejurist:innen nicht zählen kann, muss mit Jurist:innen ohne Karriere arbeiten. Sie bauen sich ein Team junger Absolvent:innen auf, die sich durch Tausende Seiten Akten arbeiten, durch das Land reisen und Zeug:innen suchen und die immer wieder weinend im Büro sitzen, erdrückt von den erschütternden Zeugnissen. Und all das unter wiederkehrenden Morddrohungen.

Eingebetteter Medieninhalt

Der Film verzichtet weitgehend auf übermäßige Dramatisierungen, er braucht keine retardierenden Momente – etwas muss schiefgehen, bevor die Helden ihr Ziel erreichen. Hervorragend geschriebene Dialoge vor dem Hintergrund eines akribisch erarbeiteten historischen Dekors, mit einer Farbgebung, die ein wenig an den Instagram-Filter „Buenos Aires“ erinnert, und eine Inszenierung in Form von Beiläufigkeiten tragen diesen Film mühelos über zwei Stunden.

In den Hauptrollen brillieren der nach wie vor unumstrittene Star des argentinischen Films, Ricardo Darín, als Julio Strassera und Peter Lanzani als Luis Moreno Ocampo. Die beiden stehen für gänzlich unterschiedliche Typen. Strassera ist ein ruhiger Beamter, der vor allem eines vermeiden will: politisch exponiert zu sein. Bereits in der Anfangsszene wird seine latente Paranoia thematisiert. Er hat sich der Diktatur nicht an den Hals geworfen, aber auch nichts unternommen, um die grausamen Verbrechen juristisch zu verfolgen. Er hat die Füße still gehalten und plant, das auch in der Demokratie zu tun. Moreno Ocampo hingegen muss etwas beweisen, er kommt aus einer alten Militärfamilie, ein Vorfahr kämpfte schon im Unabhängigkeitskrieg, seine Mutter, die mit Diktator Jorge Rafael Videla gemeinsam zur Messe geht, kann seine Arbeit alles andere als gutheißen.

Fesselnd ist der Film gerade da, wo er historisch genau arbeitet, insbesondere bei der Nachstellung des Prozesses. Freilich werden von den über 800 Zeugenaussagen nur einige sehr wenige gezeigt, diese dafür sehr ausführlich. Und so muss man sich alles anhören: die Entführungen, die Folter, die Vergewaltigungen. Besonders viel Raum nimmt dabei die Aussage Adriana Calvos ein, die hochschwanger entführt wurde und ihr Kind gefesselt auf dem Rücksitz eines Autos bekam. Ihre Aussage führt zu einem Stimmungsumschwung, der selbst Moreno Ocampos Mutter zu der Äußerung veranlasst, sie möge Videla zwar, sehe aber, dass er ins Gefängnis müsse.

Strassera, der geschickt im Familienzusammenhang gezeigt wird, sodass man in seine jungen Kinder eine Motivation für die Stärkung der Demokratie hineindeuten kann, mausert sich zum „Nationalhelden“, der gerade mit seiner betont unpolitischen Art für die politische Macht des Rechts steht. Als er im Schlussplädoyer, das eine beinahe zehnminütige Szene einnimmt, die Argumentation der Angeklagten auseinandernimmt, kann man dem Umschlagen des vermeintlich neutralen Rechts in eine scharfe politische Waffe beiwohnen. Indem man den Mördern gab, was sie ihren Opfern verweigert hatten – ein faires Verfahren –, triumphierte nicht nur das Recht, sondern das politische Prinzip einer demokratischen Gesellschaft.

Argentinien, 1985 – Nie wieder Santiago Mitre Argentinien/USA 2022, 140 Minuten

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