Eine Krone für Berlin, Thüringer Würste für die Welt: Die Monarchie lebt!

Meinung Deutschland ist eine Republik, sollte man meinen. Doch der Enthusiasmus für monarchische Symbole ist groß – und beschränkt sich nicht auf Besuche aus Großbritannien. Das Humboldt-Forum in Berlin hat jetzt eine Krone bekommen. Was soll das?
Ausgabe 15/2023
Die Deutschen haben ein Herz für den König
Die Deutschen haben ein Herz für den König

Foto: Annegret Hilse / picture alliance / REUTERS

Eigentlich ist es ganz einfach: Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat. So steht es in Artikel 20 des Grundgesetzes, den die Verfasser:innen sicherheitshalber durch die Ewigkeitsklausel (Artikel 79 Absatz 3) von substanziellen Veränderungen ausgenommen haben. In weiser Voraussicht, muss man sagen.

Denn vom antimonarchischen Geist, der hierzulande einst wehte, ist weniger übrig, als in eine Gemüsekiste aus dem „Ökodorf“ Brodowin in Brandenburg passt. Anlässlich des Besuchs des britischen Königs Charles III. vergangene Woche wartete man dort nämlich nicht mit Mistgabeln und Fackeln auf, sondern mit einem Topf Käsepampe, in die der König seine Hände stecken durfte – mit einem Krönchen verziert soll der Königskäse nach ein paar Wochen in den Verkauf gehen.

Monarchie ist Käse

Foto: Jens Buttner / Pool / AFP via Getty Images

Nicht nur der Enthusiasmus, mit dem Politik und Medien den Besuch Charles' begleitet haben, zeigt: Deutschland hat zwar seine Fürsten 1918 davongejagt, war dabei allerdings nicht sehr konsequent. Erstens wurde niemand erschossen (wie in Russland), auf Generationen des Landes verwiesen (wie in Frankreich) und nicht einmal die Titel und „von“ wurden richtig abgeschafft (wie in Österreich). Zweitens hatte man dafür gesorgt, dass es anderswo an deutschen Königshäusern nicht mangelt. Großbritannien, Schweden, Spanien, Belgien, Luxemburg und Dänemark – überall stecken deutsche Vorfahren drin, genauer gesagt: Gothaer Vorfahren, worauf man so stolz ist, dass die Homepage der Stadt tatsächlich gotha-adelt.de heißt. Bedenkt man, dass Prinz Philip seine Elisabeth in Anspielung auf ihre deutsche Herkunft „sausage“ genannt haben soll, muss man feststellen: Thüringer Würstchen regieren die Welt.

Reichsnostalgiker gestalten die Hauptstadt

Na gut, sie regieren nicht mehr, sie repräsentieren nur. Mächtig neidisch auf den Erfolg des thüringischen Exportschlagers scheint man jedenfalls im ehemaligen Preußen zu sein, wo sich seit der Annexion der DDR eine unappetitliche Mischung aus Kapital und Reichsnostalgie daran gemacht hat, die Revolution zumindest symbolisch ungeschehen zu machen – mit tatkräftiger Unterstützung der Politik, die allerdings dumm aus der Wäsche guckte, als der Architekturexperte Philipp Oswalt feststellte, dass zum Beispiel Ehrhardt Bödecker, einer der Großspender für die Rekonstruktion der Fassade des euphemistisch Humboldt-Forum genannten Berliner Stadtschlosses, Sehnsucht nach dem Kaiserreich und mutmaßlich strafrechtlich relevante Ansichten zur Shoah hatte.

Reichsnostalgiker haben also das Herz der Hauptstadt dieser demokratischen Republik gestaltet – und sie geben keine Ruhe. „Berliner Humboldt Forum trägt jetzt große Krone“ meldete der RBB am Mittwoch. Dick, fett und vergoldet ehrt das Monstrum nun den ersten Preußenkönig Friedrich I. und wer sich jetzt fragt, was denn an dem so wichtig war, außer, dass er der erste war, hat völlig recht.

Klar, die Bundesrepublik ist stilistisch an Mittelmäßigkeit kaum zu überbieten, da kann die königliche Pracht verlockend wirken. Dass die Monarchie jemals wiederkommt dürfte indes schon an der Revolutionsfaulheit der Deutschen scheitern. Aber, in einer Abwandlung eines Diktums Adornos muss man sagen, dass weniger das Nachleben monarchischer Tendenzen gegen die Demokratie zu fürchten ist, als vielmehr das Nachleben der Monarchie in der Demokratie. Ceterum censeo Humboldt-Forum esse delendam.

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Geschrieben von

Leander F. Badura

Redakteur Kultur (Freier Mitarbeiter)

Leander F. Badura kam 2017 als Praktikant zum Freitag und hat seither in wechselnder Intensität für die Ressorts Politik und Kultur gearbeitet. Er studierte Politikwissenschaft in Freiburg und Aix-en-Provence sowie Lateinamerikastudien und Europäische Literaturen in Berlin. Seit 2022 ist er im Kultur-Ressort für alle Themen rund ums Theater verantwortlich. Des Weiteren beschäftigt er sich mit Literatur, Theorie, Antisemitismus und Erinnerungskultur sowie Lateinamerika. Er schreibt außerdem regelmäßig für die Jungle World.

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