Die Rolltreppengesellschaft

Kapitalismus Mit seinem Buch "Die Abstiegsgesellschaft" legte Oliver Nachtwey eine kluge Analyse unserer Zeit vor. In Berlin debattierte er darüber mit Interessierten
Die Rolltreppengesellschaft

Foto: Jens Astrup/AFP/Getty Images

Manchmal passt der Ort einer Veranstaltung dieser wie auf den Leib geschnitten. Die „Vierte Welt“, ein Ort für Performance und Diskurs in Berlin, befindet sich in einer entkernten Arztpraxis in der Kreuzberg Galerie, am Kottbusser Tor. Vergangene Woche stellte sich dort der Sozialwissenschaftler Oliver Nachtwey der Diskussion um sein letztes Jahr erschienenes Buch Die Abstiegsgesellschaft – über das Aufbegehren in der regressiven Moderne. An diesem Ort also, einem heruntergekommenen Bauwerk der ehemals sozialen Moderne, wo sich ein kämpferisch-kritischer Freiraum eingenistet hat, versammelten sich an diesem Abend etwa 60 Leute, um mit Nachtwey über die Thesen seines Buches zu diskutieren. Sie folgten der Einladung von Rahel Jaeggi, Professorin für Praktische Philosophie und Sozialphilosophie an der Humboldt-Universität.

Die Decke ist unverkleidet, Stühle und Hocker stehen im Raum, der keine Bühne hat, die Lampen sind aus – Stromausfall in Kreuzberg. Die ersten 45 Minuten müssen im Kerzenschein und mit lauter Stimme bestritten werden. Neben Jaeggi und Nachtwey sitzen zwei weitere renommierte Wissenschaftler: Regina Kreide, Professorin für Politische Theorie und Ideengeschichte an der Uni Gießen, sowie Micha Brumlik, emeritierter Professor für Erziehungswissenschaft und Autor und Publizist, insbesondere über jüdische Geschichte. Sie sind eingeladen, die Thesen Nachtweys zu kommentieren und die Debatte mit den Besuchern zu bereichern. Nachtwey selbst hat am Morgen noch sein Habilitationskolloquium gehalten, nun sitzt er hier in Kreuzberg zwischen Bier und Mate trinkenden Studenten.

Die Idee zu dem Buch sei ihm gekommen, als ihm im Rahmen seiner wissenschaftlichen Arbeit auffiel, dass die Protestbewegungen unserer Zeit, links wie rechts, der Angst vor sozialem Abstieg entspringen. Ohne sie gleichzustellen, ähnelten Occupy und Pegida sich in dieser Sorge. In seinem im Suhrkamp Verlag erschienenen Buch, greift der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler eine Metapher des deutschen Sozialforschers Ulrich Beck auf. Dieser prägte in den 80ern den Begriff „Fahrstuhleffekt“. Seine These war, dass die Wohlstandsexplosion der Nachkriegszeit die gesamte Gesellschaft in einem Fahrstuhl nach oben beförderte. So würde ökonomische Ungleichheit an Relevanz verlieren und der Klassenunterschied aufgelöst. Denn selbst wenn die Reichen noch reicher wurden, so stieg ja auch der Wohlstand der Ärmsten und Armen im gleichen Maße an. Der moderne Wohlfahrtsstaat sorgte dafür, dass ein ausreichendes Maß an sozialer Sicherung da war, Normalarbeitsverhältnisse waren die Regel.

Doch heute, so die These Nachtweys, die wohl kaum auf Widerspruch stoßen dürfte, ist der Aufzug stecken geblieben. Schon der Begriff „Normalarbeitsverhältnis“ sei ein Krisenbegriff. Als diese noch „normal“ waren, war es nicht notwendig, sie so zu bezeichnen. Während früher ein guter Bildungsabschluss auch gute Jobaussichten bedeutete, geht diese Gleichung längst nicht mehr auf. Die Gewissheit, dass nachfolgende Generationen von größerem Wohlstand profitieren werden, ist längst der allgemeinen Sorge vor dem sozialen Abstieg gewichen. Nachtwey wandelt Becks Metapher also um: Der Aufzug sei Rolltreppen gewichen auf denen manche nach oben, andere nach unten fahren. Man könne zwar, selbst wenn sie nach unten fahren, nach oben laufen, doch die Anstrengung können viele nicht leisten.

Horizontale versus vertikale Gleichheit

Die Dialektik der gesellschaftlichen Entwicklung habe außerdem dafür gesorgt, dass es zwar eine Zunahme an „horizontaler“ Gleichheit aber eine abnehmende „vertikale“ Gleichheit gebe. Soll heißen: Während in den letzten Jahrzehnten in den Bereichen Gleichberechtigung von Frauen und Minderheitenrechte große Fortschritte gemacht wurden, wodurch diesen Gruppen mehr gesellschaftliche Teilhabe und auch ein besserer Zugang zum Arbeitsmarkt ermöglicht wurde (man denke an die noch in den 50er Jahren notwendige Zustimmung des Ehemannes zur Erwerbsarbeit der Frau), sei der Klassenstandpunkt ins Hintertreffen geraten. Nachtwey greift hierbei eine These Nancy Frasers auf, die gar von einer „Neoliberalen Allianz“ spricht: Zum Zwecke der Förderung der Gleichberechtigung seien viele, insbesondere die Frauenbewegung, ein unheilvolles Bündnis mit dem Neoliberalismus eingegangen. Die Folge, zugespitzt ausgedrückt: Mehr Frauen in Aufsichtsräten, mehr Männer in der Arbeitslosigkeit.

Kommentatorin Regina Kreide störte sich sodann vor allem an der Übernahme der These Nancy Frasers von der neoliberalen Allianz. Die damals neuen sozialen Bewegungen hätten sehr wohl auch die soziale Frage gestellt und die „Anerkennung der Differenz“ mit der Klassenfrage verbunden. Die Frage spielte auch in der nachfolgenden Debatte eine große Rolle. Insbesondere das Richtungsverhältnis von vertikaler und horizontaler Gerechtigkeit wurde debattiert. Handelt es sich um eine simple Korrelation oder um Kausalität? Heißt: Sind die, die auf das Anerkennungsprinzip pochten, Schuld an der Vernachlässigung der sozialen Frage?

Micha Brumlik merkte in seinem Kommentar an, dass auch die Frage der Mobilität nicht zu vernachlässigen sei: Der einst geschlossene Aufzug ist der offenen Rolltreppe gewichen, auf die jederzeit andere zusteigen können. In dieser zunehmenden Mobilität sieht er die größte Herausforderung der nächsten Jahre.

Was folgt aus dieser Entwicklung? Ein zunehmender Teil der Bevölkerung fühlt sich bedroht. Sicher, es macht einen signifikanten Unterschied, ob sich ein Anwaltspaar darum sorgt, dass die Kinder weniger Wohlstand zur Verfügung haben könnten, oder ob es eine Alleinerziehende ohne Arbeit ist. Doch diese Angst erzeugt Protestbewegungen und deren Ausdruck seien unter anderem die großen Rechtsrucke der Welt. An dieser Stelle greift Nachtwey das Benjamin'sche Diktum auf, wonach der Sieg des Faschismus immer auch ein Scheitern der Revolution sei. Und während in der alten Bundesrepublik starke Institutionen noch Widerspruch und Aufstand einhegten, so kämpfe die heutige Demokratie mit einer wachsenden „Entzivilisierung“, wie sie schon Max Horkheimer und Norbert Elias diagnostizierten.

Trotz aller Vergleiche zwischen „früher“ und „heute“ wehrt sich Nachtwey gegen den Vorwurf der Romantisierung. Früher sei es nicht „besser“, sondern „anders schlechter“ gewesen. Deshalb spreche er von der „regressiven Modernisierung“. Die Gesellschaft wurde in zentralen Fragen moderner und erzeugte gleichzeitig den Widerspruch, der zur gefährlichen Regression führen kann. Daraufhin die Frage aus dem Publikum: Liegt die Dialektik des gesellschaftlichen Fortschritts nur in der Unmöglichkeit der Erfüllung der Versprechen der Moderne, oder liegt das zerstörerische Element gar in den Ideen selbst, wie von Horkheimer und Theodor W. Adorno in der „Dialektik der Aufklärung“ erfasst? Nachtwey tendierte eher zu ersterem; die Versprechen der Moderne seien an einen Punkt der Erfüllung geraten, an dem eine radikale Veränderung des Gesellschaftssystems nötig gewesen wäre. Da so ihre Erfüllung aus blieb, schlugen sie in Reaktion um.

Was tun also? Diese Frage lässt er in seinem Buch bewusst unbeantwortet, in der Fragerunde spielt sie dennoch eine Rolle. Der Autor wirft vor allem den „linksliberalen Eliten“ vor, sie hätten versagt. Nicht, weil sie, wie oft behauptet, nicht zugehört hätten, sondern weil sie sich, wie Clinton gegen Sanders, gegenseitig schwächten, oder, wie Hollande, die Prekarisierung weiter voran trieben.

Mit seinem Buch hat Nachtwey einen Nerv getroffen. Seine Thesen schaffen es nicht nur, ein Modell des Verstehens unserer Zeit zu liefern, er trägt auch empirisches Material zusammen, das seine Thesen untermauert. Die Debatte zeigte auch, dass das Interesse an diesen Fragen groß ist. Viele hatten das Buch selbst gelesen, die Metapher von Fahrstuhl und Rolltreppe wurde häufig aufgegriffen, erweitert, verändert. Gegen Ende schlug jemand vor, dass es vielleicht unerheblich sei, ob wir nun im Aufzug oder auf der Rolltreppe stecken, sondern dass das Problem vielmehr sei, dass wir alle im Kaufhaus gefangen sind. Ob nun Aufstieg oder Abstieg, eins ist gewiss: Jeder bekam ordentlich Denkmaterial an diesem Abend. Die Vierte Welt war zudem der ideale Ort für eine solche Veranstaltung. Auch, als das Licht wieder anging.

09:58 20.02.2017
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