Es geht nicht um uns

Geschichte Das Gedenken an den Holocaust ist selbstreferenziell geworden. Die Opfer geraten aus dem Blick. Dabei gilt nach wie vor: Erinnerung muss innerlich werden
Es geht nicht um uns

Foto: imago/ecomedia/robert fishman

Hans Mayer traf am 17. Januar 1944 in Auschwitz ein. Er war einer von 655 Deportierten im Transport Nr. XXIII. Später schilderte er folgende Szene: „Eine Frau … löst sich plötzlich mit aufgelöstem Haar und tragischen Gebärden von ihren Genossinnen und fragt schreiend, bereits mit sichtlichen Anzeichen beginnender Geistesgestörtheit, nach ihrem Kinde. … Sie gerät an einen wachthabenden SS-Mann, ,Mein Kind’, sagt sie, ,haben Sie nirgends mein Kind gesehen?’ ,Ein Kind willst Du?’, antwortet der SS-Mann mit vollkommener Ruhe, ,warte…’ Und er geht sehr langsam auf die Gruppe … der Kleinen zu. Er bückt sich und ergreift einen etwa vierjährigen Knaben beim Fuß. Er hebt ihn hoch und wirbelt ihn einige Male durch die Luft, wobei er den kleinen Kopf an einem eisernen Pfeiler zerschmettert.“

Was ist eine angemessene Reaktion auf diesen Bericht? Nur eine abgründige. Wir kennen ihn, weil der jüdische Widerstandskämpfer Hans Mayer überlebte. Als Jean Améry wurde er einer der schärfsten Mahner nach dem Ende des Nationalsozialismus, ein herausragender Intellektueller. Er war ein gebrochener Mensch, ging 1978 in den Freitod. Doch er steht für eine Perspektive, die in Deutschland lange unbequem war. Améry war nicht sehr versöhnlich. Er war nicht einmal in der Lage, sich selbst das Überleben zu verzeihen – wie hätte er da seinen Peinigern vergeben können? NS-Opfern wie ihm wird alljährlich gedacht, das ist Staatsräson. Ganz abgesehen von den vielen Gedenkinitiativen, die auch im Alltag und der Bildungsarbeit die Erinnerung wachhalten und stets eines versuchen, zu vermitteln: die „Lehren“, die aus dem Vergangenen zu ziehen seien. Doch in den öffentlichen Debatten, die in der letzten Zeit über Gedenken und Erinnerungskultur geführt wurden, nicht zuletzt, weil Politiker wie Björn Höcke eine „180-Grad-Wende“ fordern, hat sich eine selbstreferenzielle Tonart breitgemacht, die mit dem eigentlichen Sinn des Gedenkens in Widerspruch gerät.

Des Schreckens kein Ende

Perspektiven wie die Jean Amérys drohen dabei aus dem Blick zu geraten. Gewiss, in den Reden, die Staatsoffizielle zu Gedenktagen halten, steht vieles über das Leid der Opfer, viel Richtiges über Schuld und Scham. Als vor drei Jahren der 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz begangen wurde, begannen sowohl Angela Merkel, als auch Joachim Gauck ihre Reden mit Zitaten von Zeitzeugen. Und wo es geht, werden ebenjene nach wie vor gebeten, ihre Erinnerungen weiterzugeben. Doch solche Reden enden stets mit etwas anderem. Sie reden von „uns“ und gemeint sind: die Deutschen. Angela Merkel etwa sagte damals, dass man sich der „immerwährenden Verantwortung nach dem Zivilisationsbruch“ bewusst sein müsse, wenn einem eine „gute Zukunft Deutschlands“ am Herzen liegt. Sie fuhr fort, dass die Botschaft „Nie wieder!“ für „unser demokratisches Land, das in Frieden mit seinen Nachbarn lebt, geradezu konstitutiv“ sei. Bundespräsident Gauck bezeichnete das Gedenken als „festen Bestandteil unseres Selbstverständnisses“ und sagte auch jenen einprägsamen Satz: „Es gibt keine deutsche Identität ohne Auschwitz“. Das ist alles richtig – in jedem Fall auf deskriptiver Ebene – und gewiss auch wichtig. Man mag einwenden, dass es doch klar sei, dass deutsche Offizielle von der deutschen Perspektive sprechen. Zumal es ja vor dem Hintergrund einer zunehmend migrantisch geprägten Gesellschaft umso wichtiger erscheint, auf die einmalige Bedeutung der Shoah zu pochen. Doch spätestens, wenn es heißt, jene, die den erinnerungspolitischen Konsens angreifen, seien eine ‚Schande für Deutschland‘, also die Außenwahrnehmung in den Mittelpunkt gerückt wird, nicht die Verinnerlichung, kommt ein schaler Geschmack auf.

Denn die Integration von Auschwitz in die deutsche – besser: nachkriegsdeutsche oder eigentlich nachwendedeutsche – Identität, birgt ein Problem. Psychologisch ist es nur logisch, dass eine erschütterte Identität, wie es die deutsche war, als sie aufhörte, die Schuld zu verdrängen und sich begann, ihr zu stellen, versucht, die Erschütterung zu integrieren. „Man will von der Vergangenheit loskommen: mit Recht, weil unter ihrem Schatten gar nicht sich leben lässt, und weil des Schreckens kein Ende ist (…); mit Unrecht, weil die Vergangenheit, der man entrinnen möchte, noch höchst lebendig ist“, schrieb Theodor W. Adorno 1959 und an Wahrheit hat die Aussage nichts eingebüßt.

Wie Vergangenheitsbewältigung und Identität zusammenspielen, wird auch am Blick auf den Widerstand deutlich. Während sich die Verschwörer aus dem Militär um Graf von Stauffenberg höchster Beliebtheit erfreuen (immerhin Männer, die Hitlers Angriffskrieg durchgeführt hatten und denen meist kein demokratisches, liberales Deutschland vorschwebte), wird dem Attentäter Georg Elser bis heute nicht die Ehrung zuteil, die ihm gebührt. Mit jenen zweifelnden Militärs, die erst spät zur Tat schreiten, fällt es leichter, sich zu identifizieren, als mit dem einfachen Mann, der als visionärer Einzeltäter „den Krieg verhindern“ wollte, der obendrein den Kommunisten nahestand. Elser ist der Stachel im Fleisch derer, die behaupten, man habe ja nichts geahnt oder als Einzelner nichts tun können. Doch genau so muss die Erinnerung sein: schmerzhaft, ein permanenter Stachel.

Kollektives abtasten

Ganz abgesehen davon, dass durch den wohlwollenden Blick auf die eigene Aufarbeitung auch der Kampf, der für diese notwendig war, hinter dem Vorhang der Geschichte zu verschwinden droht, ist heute eine unbehagliche Entfremdung von den Opfern eingetreten. Die kürzlich ausgetragene Debatte über Antisemitismus war für dieses Phänomen symptomatisch. Es wurde diskutiert, dass es ja ein Unding sei, dass es das „bei uns“ noch gibt. Dass der Antisemitismus gar „importiert“ sei, wo wir Deutschen uns doch so vortrefflich damit auseinandergesetzt haben. Dann wurde über einen Antisemitismusbeauftragten gesprochen, also über eine Stelle, angesiedelt irgendwo hoch oben in der Bürokratie, um sich des Problems anzunehmen. Schließlich kam die Debatte über für Schüler verpflichtende Besuche von KZ-Gedenkstätten. Diese Forderung hatte zwei Seiten: einerseits ging es dabei um die Festigung jener deutschen Identität, die ohne Auschwitz nicht sein kann, andererseits eben um die Bekämpfung von Antisemitismus. Es mutet zunächst klug an, Antisemiten mit dem Resultat der Taten ihrer geistigen Vorgänger zu konfrontieren. Während jedoch sonst bei gruppenbezogenem Hass schnell die Forderung laut wird, man müsse die lebenden Leute zusammenbringen, kam in diesem Fall niemand auf die Idee, die Bande und Kontakte zu lebenden Juden zu fördern. Also zum Beispiel nach Tel Aviv, statt nach Auschwitz zu fahren. Oder eben beides. Denn ja, die Perspektive der Opfer in den Blick zu nehmen, heißt auch, sich mit dem Staat der Überlebenden zu solidarisieren. Israel ist die Staat gewordene Mahnung, dass „der Schoß noch fruchtbar“ ist, „aus dem das kroch“, wie es das berühmte Brecht-Zitat auf den Punkt bringt.

Das Gedenken ist längst zum Selbstzweck geworden, zur Maßnahme der Selbstvergewisserung. Das historische post-Auschwitz-Kollektiv tastet sich selbst ab, um festzustellen: Ja, wir leben noch und ja, wir benehmen uns. Auschwitz ist der moralische Kompass der Nation und dass dieser Satz unfassbar absurd klingt, ist Ausdruck der Lage. Während das Gedenken seinen festen Platz eingenommen hat und auch seine Gegner auf konsequenten Widerspruch aus einem breiten politischen Lager stoßen, geht die Verbindung zu seinem Ursprung verloren. Nicht nur, weil die letzten Zeitzeugen bald sterben werden, aber auch. Wenn diese gegangen sein werden, ist es an deren Zeugen, selbst Zeugen zu werden. Die Kollektivierung des Gegenstands droht, die Durchdringung des Einzelnen überflüssig und schwerer möglich macht. Doch ‚sich erinnern‘ ist ein zutiefst subjektiver Moment. Erinnern ist herabgesunkene Erfahrung. Kollektive Erinnerung ist gesellschaftlich und somit den Individuen zunächst äußerlich. Im Fall der Erinnerung an die Shoah gilt es indes, sie als Subjekt zu durchdringen. Anders gesagt: es bringt nichts, wie ein Mantra die Grauen der Shoah vor sich her zu tragen – sie muss durchdringend verstanden werden. Nur dann kann es so etwas wie „Lehren“ geben, auch jenseits staatspolitischer Sonntagsräson. In Walter Benjamins „Über die Geschichte“ heißt es treffend: „Vergangenes historisch artikulieren heißt nicht, es erkennen ‚wie es denn eigentlich gewesen ist‘. Es heißt, sich einer Erinnerung bemächtigen, wie sie im Augenblick einer Gefahr aufblitzt.“

13:21 27.01.2018

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