Es gibt keinen Generationenkonflikt

Nebelkerze Hier Jugend ohne Zukunft – dort Alte, die nichts mehr raffen. Das Scheingefecht verbirgt eine viel größere Frage
Es gibt keinen Generationenkonflikt
Eher Biedermeier 2.0 als der kommende Aufstand: Jungpolitiker wie Diana Kinnert (CDU)

Foto: Future Image/Imago

Deutschland ist ein altes Land. Seine Geschichte bringt, je nach Rechnung, ein paar hundert oder sogar tausend Jahre auf die Waage, sein politisches Spitzenpersonal kommt da auch fast ran: Angela Merkel (63), Horst Seehofer (68), Olaf Scholz (59) und Martin Schulz (62) kommen zusammen auf 252 Jahre. Das Durchschnittsalter des Kabinetts Merkel III betrug 59 Jahre – und lag damit etwa 15 Jahre über dem Bevölkerungsdurchschnitt. Gleichzeitig drängen derzeit junge Politiker wie selten zuvor zur Macht. Das gefällt nicht jedem; sie gelten als unerfahren und inkompetent und werden darauf verwiesen, sich doch hinten anzustellen.

Die Debatte kam in Fahrt, als Juso-Chef Kevin Kühnert begann, Sturm gegen die GroKo zu laufen. Vonseiten der Partei- und Verwaltungszentralen und auch in einigen Redaktionen wurde sein Bemühen nicht selten mit Spott goutiert. In einer Kolumne für die Stuttgarter Zeitung führte die Autorin Sibylle Krause-Burger gleich im ersten Satz das Wort „Babyspeck“ ins Feld und warf dem Politiker Hasardspiel vor. In der politischen Sphäre, in der als „jung“ gilt, wer unter 50 ist, muss ein 28-Jähriger natürlich irritieren.

Sodann sammelten junge Menschen unter dem Hashtag #diesejungenLeute Berichte über Spott, herablassende Behandlungen und waschechte Diskriminierung. Abgeordnete erzählten, wie sie für ihre Mitarbeiter gehalten wurden, beklagten sich darüber, von Journalisten gefragt zu werden, ob sie noch bei den Eltern wohnen oder dass sie als „Frischling“ bezeichnet wurden; kurz: dass sie nicht ernst genommen werden. Um nicht auf der Ebene des Meckerns zu verbleiben, veröffentlichten fünf junge Politiker am 14. Februar in der Zeit einen „Aufruf“: Diana Kinnert (CDU), Yannick Haan (SPD), Terry Reintke (Grüne), Ria Schröder (FDP) und Shaked Spier (Linke) brachten dort die eingangs zitierten Zahlen in Anschlag und warfen der älteren Politikergeneration vor, die Jugend zu vernachlässigen und nicht zu repräsentieren; im Allgemeinen seien die Älteren dabei, die Zukunft zu verspielen. Aussitzen und „Weiter-so“ würden Digitalisierung, Klimawandel, Integration und soziale Veränderungen nicht regeln. Was es brauche, seien junge, frische Gesichter mit Ambitionen.

Was inhaltliche Fragen angeht, sind Jungpolitiker mal reaktionärer als ihre älteren Kollegen (vor allem in der Jungen Union), mal progressiver (in den linken Jugendverbänden), in der Regel jedoch vor allem ziemlich zahm; eher Biedermeier 2.0 als der kommende Aufstand. Der Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier brachte es wiederum etwas spöttisch auf den Punkt: „Wenn man Kevin Kühnert in eine Zeitmaschine setzen würde und nach 40 Jahren die Tür öffnet, würde einem Martin Schulz entgegenkommen“, sagte er dem Deutschlandfunk Ende Januar. Weit davon entfernt, die ganze Bäckerei einzufordern, wollen „diese jungen Leute“ lediglich auch mal den Teig kneten dürfen. Der Konflikt in der politischen Sphäre ist also vor allem einer um Einfluss und Macht. Auch die nun wohl tatsächlich stattfindende Verjüngung des Kabinetts ist im Rahmen machtpolitischer Rochaden zu deuten.

Dennoch trifft die Kritik der Jungen einen Punkt. Denn zukunftsträchtige Politik sähe in der Tat anders aus als das, was gerade stattfindet. Auf die Fragen des beginnenden 21. Jahrhunderts bietet das in die Jahre gekommene Personal der Politik keine Antworten. Menschen, die schon längst erwachsen waren, als in Deutschland gerade das Privatfernsehen eingeführt wurde, sollen nun die Digitalisierung gestalten – und müssen sich nicht ganz zu Unrecht von Jüngeren vorwerfen lassen, sie verstünden die modernen Technologien nur unzulänglich. Merkels Phrase vom Internet als „Neuland“ ist längst ein running gag. Ob das indes mit jüngerem Personal tatsächlich anders wäre, oder das Problem ein systemisches ist, sei hier dahingestellt.

Keiner stellt die Klassenfrage

Jenseits der tagespolitischen Selbstbeschäftigung gibt es ausreichend Gründe für junge Leute, Protest anzumelden. Und das tun sie auch. Oft sporadisch, selten nachhaltig, meistens lokal – aber immer häufiger. Die lose Nuit-Debout-Bewegung in Frankreich war so ein Moment. Im Frühjahr 2016 entzündete sich der Protest an einer geplanten Arbeitsmarktreform, schnell wurden grundsätzliche Fragen gestellt – bis das Ganze zerfaserte. Hierzulande finden sich in vielen lokalen Initiativen gegen steigende Mieten oder für eine menschliche Flüchtlingspolitik, in Arbeitskämpfen in der sogenannten Gig-Economy oder im Bereich der freien Kulturarbeit vor allem junge Leute.

Nicht nur aus Altruismus. Denn der Druck, der auf ihnen lastet, ist inzwischen enorm. Es gibt kaum noch geradlinige Erwerbsbiografien. Dem ewigen Praktikantentum wurde wenigstens ein kleiner Riegel vorgeschoben, dennoch hangeln sich viele von einer befristeten Anstellung zur nächsten, Arbeitslosigkeit und Selbstständigkeit werden fast synonym, bis dann der nächste feste Posten winkt. An Rente brauchen viele gar nicht zu denken, Immobilien besitzen kann nur, wer erbt – und Kinder sind ein Armutsrisiko. Das ist kein allein deutsches Phänomen. Die ökonomischen und finanziellen Perspektiven junger Menschen sind überall in den Industrieländern schlecht. Für den gleichen Wohlstand müssen sie mehr arbeiten als ihre Eltern; Bildung ist keine Garantie mehr für Aufstieg. Es gibt einen gewissen Teil der Jüngeren, der den Wohlstand der Eltern im Wortsinne erben wird. Dann gibt es jene, deren Eltern schon nichts besaßen, die kaum Aufstiegschancen haben. Und es gibt eine große Mitte, die nicht oder nur wenig erbt, gut bis sehr gut qualifiziert ist und zu großen Teilen ein transnationales Prekariat bildet.

Auch dauerhaft von Armut bedroht zu sein, geht an die seelische Konstitution. Kein Wunder also, dass keine Altersgruppe so von psychischen Erkrankungen betroffen ist wie Jugendliche und junge Erwachsene. Dann dürfen sie sich freilich ihren Hedonismus vorwerfen lassen und müssen sich anhören, dass es das „früher“ ja auch nicht gegeben hätte. Jene, die nicht in der Lage oder nicht gewillt waren, das System zu überwinden, das Armut nachhaltig benötigt und deshalb schafft, schwingen nun die Litanei der eigenen Leistung. Wer sich anstrengt, werde es schon zu etwas bringen. Die erste im Neoliberalismus sozialisierte Generation kann dessen Versprechen von Freizügigkeit und Flexibilisierung durchaus etwas abgewinnen, ohne sich jedoch Illusionen darüber zu machen, dass die Kehrseite Prekarisierung und Armut sind.

Es ist ja nicht so, als bröckelte es am anderen Ende der Alterspyramide nicht längst genauso. Altersarmut droht nicht, sie ist längst Realität. Rentner werden ebenso aus den Innenstädten verdrängt wie Studierende und junge Familien. Sie leiden unter miserablen Zuständen in der Pflege und der gesundheitlichen Versorgung. Wenngleich ihnen seltener psychopathologisch zu Leibe gerückt wird, quälen auch sie Entsolidarisierung und ökonomischer Druck; viele klagen über Einsamkeit. Insofern ist der „Generationenkonflikt“ natürlich ein Scheingefecht. Eine ideologische Nebelkerze, die die Frage, die eigentlich gestellt werden müsste, geschickt verdeckt: die Klassenfrage. Es geht nicht um ein Rentensystem, das notdürftig die Antagonismen kaschiert und abmildert. Es geht auch nicht darum, wer den Teig knetet. Es geht um die Abschaffung der Bedingungen für solche Fragen. Das Ziel: Hedonismus und gutes Leben für alle.

06:00 03.03.2018

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