Friedenspreis für Serhij Zhadan: Ein Schriftsteller-Vorbild

Literatur Der ukrainische Schriftsteller Serhij Zhadan trägt in Charkiw zum Überlebenskampf seines Landes bei. Ein Geist, der auch seine Romane und Gedichte durchweht. Den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhält er vollkommen zu Recht
Der Krieg war schon in seiner Poesie, bevor er angefangen hat – Serhij Zhadan ist der diesjährige Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels
Der Krieg war schon in seiner Poesie, bevor er angefangen hat – Serhij Zhadan ist der diesjährige Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels

Foto: Imago/gezett

Selten hat das Wort „Frieden“ auf den vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels verliehenen Preis so gut gepasst. Denn der diesjährige Preisträger befindet sich im Krieg. Der ukrainische Schriftsteller Serhij Zhadan erhält den Preis „für sein herausragendes künstlerisches Werk sowie für seine humanitäre Haltung, mit der er sich den Menschen im Krieg zuwendet und ihnen unter Einsatz seines Lebens hilft“, heißt es in der Begründung.

1974 in der Region Luhansk geboren, lebt Zhadan in Charkiw und engagiert sich für die Widerstandsfähigkeit der ukrainischen Streitkräfte sowie der Zivilbevölkerung. Er organisiert Lebensmittel, Wasser und technische Unterstützung und spielt mit seiner Rock-Band Sobaky Konzerte in Kasernen und Metrostationen. Im Internet berichtet er vom Leben in der vom Krieg gezeichneten und von den russischen Eroberungsplänen nach wie vor bedrohten Stadt. Zhadans Werk und Arbeit stehen für die Erkenntnis, dass wer Frieden will, sich einem aufgezwungenen Krieg nicht einfach entziehen kann. Immer wieder hat er bekräftigt, auf keinen Fall Charkiw verlassen zu wollen. Man kann also davon ausgehen, dass die 25.000 Euro Preisgeld hier gut angelegt sind.

Doch die Auszeichnung Zhadans ist kein Opportunismus. Zhadan ist nicht nur ein ukrainischer Widerstandskämpfer, sondern er ist vor allem ein hervorragend guter Schriftsteller. Poesie und Politik gehen bei ihm dabei Hand in Hand, allerdings ohne erstere der letzteren unterzuordnen. Im Gegenteil, sein Engagement speist sich aus seinem poetischen Weltzugang.

Serhij Zhadans Sprache sucht ihresgleichen

Im Osten der Ukraine herrscht schließlich schon seit 2014 Krieg, als Russland das Budapester Memorandum von 1994 brach und die territoriale Integrität der Ukraine mit Gewalt infrage stellte. Zhadan, der auf Ukrainisch schreibt und in einer bis dato mehrheitlich russischsprachigen Region lebt, hatte sich bereits zuvor als literarische Stimme der postsowjetischen Ukraine einen Namen gemacht. Sein Buch Die Erfindung des Jazz im Donbass von 2012 legt Zeugnis ab von den Wirren der Umbrüche in den 1990er Jahren. Dort zeigte sich bereits jene Poetik des Widerstands, die tragische Aktualität bekam, als prorussische Separatisten ebenjene postsowjetische – also auch postimperiale – Ordnung infrage stellten.

Zhadans Helden sind dabei das, was man wohl als „einfache Leute“ bezeichnen kann. In der Begründung der Jury heißt es: „Nachdenklich und zuhörend, in poetischem und radikalem Ton erkundet Serhij Zhadan, wie die Menschen in der Ukraine trotz aller Gewalt versuchen, ein unabhängiges, von Frieden und Freiheit bestimmtes Leben zu führen.“ In seinem Roman Internat von 2018 ist es der Lehrer Pascha, der seinen Neffen aus demselben abholen will – das jedoch jenseits der Frontlinie liegt. Pascha, der sich eigentlich aus allem heraushalten wollte, mausert sich hier zum Helden des Alltags, ein wenig malgré lui.

Dabei ist Zhadans Prosa stets Kind seiner Poesie. Sätze wie „die Kälte steht ihm in der Lunge wie Wasser im verstopften Waschbecken“ speisen sich aus der selben Kraft wie seine Gedichte, in Deutschland zuletzt erschienen in dem Band Antenne von 2020. Seine Sprache, die immer wieder – Jerusalem, Schnee, Maulbeeren – an Paul Celan erinnert, erzählt von Liebe, Trauer und Krieg und sucht ihresgleichen.

Liest man diese Gedichte heute, kann man sich nur fragen, wie blind der Westen war. Prophetie ist ein großes Wort, doch der Krieg ist hier nicht nur präsent als einer, der schon stattfand, sondern auch als einer, der kommt. Die „Milizschule. September 2014“ die am Anfang eines Gedichts steht, ist nicht nur ein (wahrscheinlich) realer Ort, sondern ein Menetekel. Zhadan ist somit nicht nur die Stimme der nach Freiheit strebenden Ukraine, sondern ein regelrechtes Vorbild dafür, was ein Schriftsteller sein kann. In seinen eigenen Worten: „Und was macht dieser Mann? / Er schreibt Gedichte. / Breitet sie bei Tisch aus. / Feilt. / Als würde er Kinderschuhe flicken. / Genau zur rechten Zeit / hat er sich an die Arbeit gesetzt. / Genau jetzt.“ Genau zur rechten Zeit kommt auch dieser Preis. Denn: „Der Wert eines Gedichts steigt im Winter. / Vor allem in einem harten Winter. / Vor allem in einer leisen Sprache. / Vor allem in unberechenbaren / Zeiten.“ Es ist Winter in der Ukraine, mitten im Sommer. Serhij Zhadan arbeitet mit daran, dass vielleicht im Winter endlich Sommer wird. Mit den Mitteln der Poesie, aber nicht nur.

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