Gift auf Rezept

Medizin Die Herstellung von Medikamenten ist ein globales Geschäft ohne sichere Standards. Die Folgen können tödlich sein
Leander F. Badura | Ausgabe 20/2017 2
Gift auf Rezept
Im besten Fall unwirksam
Foto: Onnie A Koski/Getty Images

Jeden Tag gehen in Deutschland 3,6 Millionen Menschen in eine Apotheke, um sich mit Medikamenten zu versorgen. Über 1,4 Milliarden Packungen gehen im Jahr über die Ladentheke, im Wert von 44,6 Milliarden Euro. Ob frei verkäuflich oder auf Rezept, als Patient hat man Vertrauen in seinen Arzt oder Apotheker – und in das Medikament. Doch während man als Kunde beim gekauften Ei ablesen kann, woher es kommt, fällt beim Blick auf eine Medikamentenpackung auf: Es fehlt jede Angabe zur Produktionsstätte. Zwar werden Lizenz- und Herstellerunternehmen genannt, in der Regel große Pharmakonzerne. Doch das gibt keine Auskunft darüber, wo die Fabrik steht, die das Präparat produziert hat.

Seit Ende letzten Jahres kommt es hierzulande zu Lieferengpässen bei Antibiotika. Der Grund: die Explosion einer Fabrik in China. Wenn der Ausfall einer einzigen Fabrik am anderen Ende der Welt dafür sorgt, dass in Deutschland das Piperacillin ausgeht, wird klar: Wo oft Europa draufsteht, ist selten Europa drin. Längst sind Produktionsstätten ins Ausland verlagert, wo billige Arbeitskraft und laxe Umweltauflagen locken. Und nun wird es gefährlich. Denn wer sichert die Qualität der Medikamente? Und vor allem: die Sicherheit?

Die Krankenschwester Coleen Hubley, tätig in einer Klinik in Ohio, hatte 2007 zwei Schicksalsschläge zu verkraften: Binnen kurzer Zeit starben ihr Ehemann und ihre Schwiegermutter. Beide waren im Dialysezentrum der Klinik behandelt worden und hatten das Blutgerinnungsmittel Heparin verabreicht bekommen. Als Hubley weitere ähnliche Todesfälle bemerkte, hegte sie einen Verdacht. Und tatsächlich: Das Heparin, das vom amerikanischen Konzern Baxter kam, war die Ursache der Todesfälle. Das Unternehmen hatte einen verunreinigten Rohstoff aus China importiert.

Schlecht, schädlich und legal

Es sind solche Fälle, die der Enthüllungsjournalist Daniel Harrich zusammengetragen hat. Der Filmemacher und Autor wurde mit der Offenlegung illegaler Waffenlieferungen nach Mexiko bekannt. Nun also Medikamente. Harrich und sein Team sind eigenen Angaben zufolge seit 2002 an dem Thema dran. Damals hatten sie für die ARD eine Dokumentation über den Contergan-Skandal gedreht. Die Ergebnisse seiner neuen Recherche hat er in einem Spielfilm und einer Dokumentation für die ARD aufbereitet. Gleichzeitig startet ein Hörfunk- und Online-Angebot und im Heyne-Verlag erscheint das Buch Pharma Crime: Kopiert, gepanscht, verfälscht – Warum unsere Medikamente nicht mehr sicher sind. Wozu eine so groß angelegte Kampagne? „Es geht nicht um Panikmache, sondern um ein echtes Problem“, erklärt der Journalist dem Freitag. Es geht um gefälschte Medikamente.

Man könnte meinen, die Pharmaunternehmen hätten ein Interesse daran, dass gegen Fälscher rigoros vorgegangen wird. Allein in Europa entstehen ihnen durch gefälschte Medikamente Schäden in Höhe von 10,2 Milliarden Euro im Jahr, das sind 4,4 Prozent des Jahresumsatzes der Branche. Doch längst nicht alle falschen Medikamente sind das Werk krimineller Machenschaften. Harrich nennt es die „Büchse der Pandora“. Bis vor einigen Jahren kamen Fälschungen meist aus klandestinen Labors über das organisierte Verbrechen in Internetapotheken und nur durch korrupte Händler, Ärzte oder Apotheker in die legale Warenkette. Der Heparin-Skandal bei Baxter ist nur ein Beispiel für die neue Dimension. „Es ist eine zum Teil außer Kontrolle geratene Wertschöpfungskette“, sagt Harrich. Was er berichtet, erinnert an die Textilbranche: Das Gewirr von Subunternehmen ist so komplex, dass beim Einsturz einer Fabrik in einem Entwicklungsland die großen Unternehmen viel Zeit benötigen, um herauszufinden, ob sie betroffen sind. Doch Kleidung kann man waschen, bevor man sie trägt. Medikamenten vertrauen wir. Dass man das nur bedingt kann, zeigen Harrichs Recherchen. Durch die Auslagerung der Produktion stellt sich die Frage der Definition neu: Was ist ein gefälschtes Medikament? Im Hinblick auf Wirksamkeit und Sicherheit muss vieles beachtet werden. Manche Rohstoffe müssen stets gekühlt werden, die Hygiene spielt eine Rolle, nicht zuletzt Dosierung und Zusammensetzung. Der Welthandel ist inzwischen hochintegriert und liberalisiert, aber es gibt kaum einheitliche Standards. Ein Medikament muss nicht aus einem Kellerlabor kommen, um unwirksam oder schädlich zu sein. Was in Indien oder China bei der Herstellung beachtet wird, kann unzureichend sein. Das Medikament wird legal hergestellt, kommt legal in den Handel – und ist doch schlecht. Diese „Substandard“-Produkte sind die eine Seite des Problems. Die komplexe Verwertungskette bietet aber auch „echten“ Fälschern zahllose Schwachstellen, um ihr Gift auf den Markt zu werfen.

Es geht also um mindestens zwei Probleme. Einerseits die mögliche Unzulänglichkeit medizinischer Produkte. Andererseits um gefälschte Produkte, die auf dem Schwarzmarkt landen oder in die legale Vertriebskette eingeschleust werden. Interpol führt regelmäßig groß angelegte Operationen durch, Millionen von Medikamentenpackungen werden sichergestellt. Die Fälscher haben keine Skrupel: Vom Verhütungsmittel bis zum Krebsmedikament wird alles gefälscht, was Geld bringt.

Doch Fälschung ist nicht gleich Fälschung. Es gibt die perfekte Imitation, die nur ein geringes Risiko birgt; eine Fälschung in identischer Markenverpackung, aber mit zu wenig und zu schlechtem Wirkstoff; Fälschungen, die rein gar nichts enthalten; und schließlich die gefährlichste Variante – falsche Arzneimittel mit schädlichen Stoffen, schlicht: Gift.

Im April 2016 starb der Rockstar Prince in seinem Haus in Chanhassen, Minnesota. Todesursache schien eine Überdosis des Schmerzmittels Hydrocodon zu sein, hergestellt laut Verpackung von dem Generika-Hersteller Watson Pharmaceuticals. Die Autopsie ergab jedoch: Prince starb an einer Überdosis Fentanyl. In einer Stellungnahme erklärte die zuständige Gerichtsmedizin, dass es sich bei dem scheinbaren Hydrocodon in Wahrheit um Fentanyl handelte.

Das synthetische Opiat Fentanyl ist geschätzt 120 Mal so stark wie Morphium und in Deutschland das stärkste erhältliche Schmerzmittel. Um die Jahre 2005/06 tauchte es zum ersten Mal illegal in den USA auf: Mexikanische Drogenkartelle hatten damit Heroin gestreckt. Mehr als tausend Drogenabhängige starben an einer Überdosis Fentanyl. Den Behörden gelang es zwar, das verantwortliche Labor in Toluca auszuheben, doch die Kartelle fanden einen anderen Weg: Sie produzierten Tabletten aus billigem Fentanyl und verkauften sie als schwächere Schmerzmittel, zum Beispiel als Xanax, ein Psychopharmakon, das bei Angststörungen eingesetzt wird. Anders als beim gestreckten Heroin stellten die Drogenkartelle die falschen Medikamente nicht mehr selbst her. Das Fentanyl kam direkt aus chinesischen Fabriken, teilweise durch legale Exporte, die die Kartelle abgriffen.

Der Tod von Prince

Seit die Abgabe opiathaltiger Schmerzmittel von der Obama-Administration stärker reguliert wurde, ist in den USA ein großer Schwarzmarkt entstanden. Allein 2014 starben mindestens 28.000 Menschen an einer Überdosis, davon 5.500 an Fentanyl. Die Dunkelziffer dürfte größer sein, da Gerichtsmediziner nur bei Verdacht auf diesen Wirkstoff prüfen. Eines dieser Opfer war Prince, doch wie er an das Fentanyl kam, ist bis heute unklar. Vielleicht hat er es sich in einer der Apotheken besorgt, die er in der Zeit vor seinem Tod besucht hatte, vielleicht bekam er es versehentlich von seinem Hausarzt. Sein Tod nährt einen unheimlichen Verdacht: Tödliche Substanzen gehen als legale Medikamente über die Ladentheke. Die hier geschilderten Fälle sind exemplarisch. Wenngleich Harrich in seinem Buch weitere aufführt, die Deutschland oder andere Industrieländer betreffen, die größten Leidtragenden sind die Menschen in den Ländern des globalen Südens. Deshalb spielt Harrichs Film Gift (Erstausstrahlung am 17. Mai um 20.15 Uhr in der ARD) hauptsächlich in Indien. Eine der Protagonistinnen ist dort als Ärztin für eine Entwicklungsorganisation tätig. Täglich sortiert sie zahllose Packungen gefälschter Medikamente aus. Was im Film vereinfacht dargestellt ist –, es wäre schön, wenn Fälschungen so leicht zu erkennen wären – ist ein reales Problem. Der Film ist von Harrichs Recherchen bei den „German Doctors“, einer Hilfsorganisation in Indien, inspiriert. Ihre Medikamente beziehen sie von lokalen Herstellern, denen sie eigentlich vertrauen. Doch die Probleme mit Substandard-Produkten sind groß. Insbesondere Antibiotika sind betroffen. Tuberkulose gehört in Indien bis heute zu den drängendsten Probleme. Oft sind unzulängliche Antibiotika schuld daran.

Angesichts von Komplexität und Ausmaß verwundert es nicht, dass Ermittler nur punktuelle Erfolge landen. Gegen Fälscher wohlgemerkt – nicht gegen Substandards, die häufig legale Medikamente betreffen. Die Definition eines „gefälschten Medikaments“ spielt den Unternehmen also in die Hände. Diese sind natürlich gerne dabei, wenn es gegen Fälscher geht oder gegen illegale Generika. Denn das eigene Patent, Garant des Umsatzes, ist heilig. Wenn es jedoch um eigene Probleme geht, geben sich die Konzerne zugeknöpft. So berichtet es jedenfalls Harrich. „Ich bin da am Ende meines Verständnisses“, sagt er. Wer kann denn nicht an sicheren Medikamenten interessiert sein?

Es wird jedoch noch besser: Interpol wird in Teilen von der Pharmabranche finanziert. Die öffentliche Hand stattet die Behörden mit unzureichenden Mitteln aus, dort nimmt man die Gaben aus der Industrie teils dankend, teils widerwillig an. Damit kommt der Einfluss. Fälscher verfolgen ja, Substandards nein. Medikamente sind in Wirkstoffe gepresstes Vertrauen. Der Contergan-Skandal hatte zur Folge, dass der Beipackzettel zur Pflicht wurde. Um die Medikamentensicherheit zu gewährleisten, muss mehr unternommen werden. Es mutet absurd an, dass jedes Huhn im Supermarkt klarer gekennzeichnet ist, als lebenswichtige Medikamente. Es geht schließlich um Leben und Tod.

06:00 31.05.2017

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