Im Museum mit dem Diskurs

Ausstellung Eine Kunst-Installation widmet sich dem Märtyrertum und stellt Martin Luther King neben islamistische Terroristen. Ein Lehrstück über die Mucken eines Begriffs

Wer eine Nachricht sendet, kann nie sicher sein, dass sie ankommt, wie sie gemeint ist. In der Kunst kann man das gezielt einsetzen, als Provokation, ironisch, oder absurd. Das dänische Kollektiv The Other Eye of the Tiger hat, in Kooperation mit dem Theater Sort/Hvid, eigentlich eine simple Frage gestellt: Was ist ein Märtyrer? Das Kommunikationsdilemma flog ihm dennoch um die Ohren. Die Installation „Martyr Museum“, die vom 29. November bis 6. Dezember in Berlin zu sehen war und nun bis zum 16. Dezember in Hamburg gastiert, brachte Presse, Beatrix von Storch und sogar die französische Botschaft auf. Ursache der Empörung war, dass Personen wie Omar Ismail Mustafai, einer der Mörder aus dem Bataclan, und Martin Luther King in Zusammenhang gebracht wurden, eben über diesen Begriff: Märtyrer. Und damit sei, so der Vorwurf, Terroristen gehuldigt worden.

Dabei haben die Künstler doch alles getan, um Missverständnissen vorzubeugen. Die Ausstellung funktioniert nur mit Audioguide, dazu gibt es ein „Diskursprogramm“. Über beaufsichtigte Wahrnehmung müsste man woanders schreiben, an dieser Stelle bleibt als Erkenntnis: Die schönste diskursive Einbettung ist nichts als Wortsalat, wenn die Begriffe unscharf sind.

Also eine Definition. Google sagt: Ein Märtyrer ist, wer aus religiösen oder politischen Gründen wegen seiner Überzeugungen getötet wird. Schon hier gibt es Fragen über Fragen. Welcher religiöse Grund ist denn nicht politisch? Was bedeutet „wegen“? Und beinhaltet „getötet werden“ auch die Selbsttötung?

Empathie mit Terroristen?

Man kennt den Märtyrer vor allem als christliche Figur. Martys (Zeuge) war derjenige, der vom Glauben Christi, ja, Zeugnis ablegte. Der erste seiner Art soll Stephanus gewesen sein, der gesteinigt wurde. Sie alle haben gemein: der Tod wird ihnen aufgrund ihres Glaubens beigefügt. Dazu gehört eine Position der Schwäche. Der Islam kennt den schahid, der ebenfalls vom Wortstamm des Zeugen kommt. Das können einige werden: wer zu Unrecht beim Handeln umkommt oder beim Gebären zum Beispiel. Doch der bekannteste Typus ist freilich der, der im heiligen Kampf fällt. Anders als sein christlicher Kollege stirbt er für seinen Glauben, nicht deswegen. Er kann aktiv auf den Status hinarbeiten, während er dem Christen, nunja, zugetragen wird. Wenn man so will, gibt es auch säkulare Märtyrer. Zum Beispiel Sokrates, der bekanntlich außer Fragenstellen nicht viel gemacht hat. Womit auch die Frage beantwortet ist, ob Selbsttötung auch gilt. Auch nationale Märtyrer mag es geben, oder Hybride wie Jeanne d‘Arc.

Dazu kommt, dass der Begriff nach wie vor träumen lässt. Für die eigenen Überzeugungen zu sterben, ist doch ehrenhaft. Und so verstanden es auch die Kritiker. Das Problem ist: natürlich taten das auch die Attentäter vom 11. September oder vom 13. November. Das zu leugnen, wäre eine Verharmlosung des Islamismus. Und ist Hitler nicht aufgrund seiner Überzeugungen gestorben? Für sein Land?
Einige haben in der Sache aneinander vorbeigeredet. Der Anspruch der Ausstellung, „Lebenswege“ und „Motive“ nachvollziehen zu können, wurde als befremdliche Empathie empfunden. Und da lag wohl auch – neben der genannten Begriffsproblematik – die Crux. Die diskurssensiblen Künstler sollten nicht zu Beginn die Begriffe „Held*innen“ und „Märtyrer*innen“ zusammenbringen, und sich dann angesichts der Verherrlichungsvorwürfe verwundert geben. Wer redet, wird verstanden – irgendwie.

13:51 13.12.2017

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