„Ein Endspiel unserer Schriftkultur“

Interview Philipp Felsch macht aus der Geschichte einer Nietzsche-Edition einen intellektuellen Thriller
Friedrich Nietzsche (Gedenktafel in Nizza) schrieb seinen Denkfluss lebenslang auf – ein viele Tausend Seiten langes, wüstes Palimpsest
Friedrich Nietzsche (Gedenktafel in Nizza) schrieb seinen Denkfluss lebenslang auf – ein viele Tausend Seiten langes, wüstes Palimpsest

Foto: Vincent Gargano/Ullstein

In seinem neuen Buch Wie Nietzsche aus der Kälte kam schildert der Kulturwissenschaftler Philipp Felsch die Geschichte der Nietzsche-Gesamtausgabe, die die Italiener Giorgio Colli und Mazzino Montinari in den 1960ern zu erarbeiten begannen. Die unwahrscheinliche Geschichte der beiden Philologen, die ihre Edition gegen den Widerstand der westdeutschen Nietzsche-Apologeten und die Skepsis der noch jungen französischen Poststrukturalisten sowie unter den Argusaugen der Stasi – denn Nietzsches Nachlass lag in der DDR – voranbrachten, bildet das Gerüst dieses Buches.

der Freitag: Herr Felsch, Ihr Buch ist auch die „Geschichte einer Rettung“. Wovor musste Nietzsche nach dem Zweiten Weltkrieg gerettet werden?

Philipp Felsch: Vor seiner Unlesbarkeit. Er galt ja nach dem Krieg als faschistischer Autor. Es war den Zeitgenossen nicht verborgen geblieben, dass Hitler Mussolini 1943 zum 60. Geburtstag eine Nietzsche-Gesamtausgabe geschenkt hatte. Auch nach dem Krieg nahm zum Beispiel Armin Mohler, der Stichwortgeber der neuen Rechten, Nietzsche als Vordenker in Anspruch. Im Osten galt das sowieso, Georg Lukács fällte 1954 das sehr wirkmächtige Verdikt in seinem Buch über die Zerstörung der Vernunft, Nietzsche sei der Wegbereiter des Faschismus.

Es sind zwei Italiener, die sich daran machen, eine Nietzsche-Gesamtausgabe zu erarbeiten, Giorgio Colli und Mazzino Montinari. Wer sind die beiden?

Das ist in der Tat ein unwahrscheinliches Gespann. Colli kommt aus dem liberalen Großbürgertum in Turin und tritt 1943 eine Stelle als Gymnasiallehrer für Philosophie in Lucca in der Toskana an – Montinari ist sein 12 Jahre jüngerer Schüler. Colli ist ein charismatischer Gräkophiler, und der wichtigste Gewährsmann, um die alten Griechen zu verstehen, ist Nietzsche, selbst Altphilologe und Philhellene. Colli gründet einen Kreis mit seinen Lieblingsschülern, ein bisschen wie der George-Kreis, nur dass der italienische Familiensinn einem reinen Männerbund im Wege steht. Frauen sind ausdrücklich erwünscht, man diskutiert nächtelang über Philosophie, Musik und Liebe, isst Pasta und stellt gemeinsam Platon-Dialoge nach, mit Colli als Sokrates. Und natürlich wird gelesen: die alten Griechen, aber auch Schopenhauer und vor allem eben Nietzsche. Montinari ist als Collis Lieblingsschüler mit dabei.

Die beiden verlieren sich bei Kriegsende aus den Augen, es kommt zur Entfremdung. Wie finden sie wieder zusammen?

Montinari ist Kommunist, Colli liberaler Antikommunist. 1956 ist das Annus horribilis der Kommunisten, die Niederschlagung des Aufstands in Ungarn und die Geheimrede Chruschtschows über Stalins Verbrechen erschüttern viele. Und dazu kommt ein sehr persönliches Moment bei Montinari: Ein Klassenkamerad, ein weiterer Lieblingsschüler Collis, der eigentliche Kronprinz seines Kreises, stirbt ganz überraschend, und Montinari begegnet seinem alten Lehrer auf der Beerdigung wieder. Was dann passiert, verlangt eigentlich nach psychoanalytischer Deutung: Montinari nimmt den Platz des alten Freundes und Rivalen ein und wird Collis neue rechte Hand.

Wie wurden die beiden nun zu Nietzsche-Herausgebern?

Für Colli ist Nietzsche der Stichwortgeber für eine andere, unzeitgemäße Existenz. Nach dem Krieg möchte er diese Lehre allen Italienern zugänglich machen, um sie aus der ideologischen Alternative von Kommunismus und Katholizismus zu befreien. Daher die „Aktion Nietzsche“, das von Antonio Gramsci inspirierte Vorhaben, Italien mit Nietzsche zu infiltrieren. Zunächst geht es nur um eine italienische Neuübersetzung, doch weil in den späten 1950ern ans Licht kommt, dass die existierenden Ausgaben unzureichend sind, fährt Montinari nach Weimar, um die dortigen Bestände zu sichten. Das wird zum Erweckungserlebnis. Es dauert nicht lange, bis sie entscheiden, eine komplett neue deutschsprachige Edition zu machen. Ihnen liegt vor allem daran, Nietzsches Nachlass neu zu entziffern, der von seiner Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche teilweise stark entstellt worden war.

Zur Person

© Horst Galuschka

Philipp Felsch, 1972 in Göttingen geboren, studierte Geschichte und Philosophie. Seit 2018 ist er Professor für Kulturgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin. Wie Nietzsche aus der Kälte kam – Geschichte einer Rettung (288 S., 26 €) erschien soeben im C. H.-Beck-Verlag

Warum bekam ausgerechnet Montinari Zugang zum Nietzsche-Archiv in Weimar, während die westdeutschen Nietzscheologen glaubten, die Sowjets würden niemanden dorthin lassen?

Anders als seine Kollegen aus der Bundesrepublik war Montinari nicht in der Logik des Kalten Krieges und der deutschen Teilung eingesperrt. Er kannte die DDR, seitdem ihn die Kommunistische Partei Italiens 1954 als Radiokorrespondenten nach Ost-Berlin geschickt hatte. Umgekehrt gewährten ihm die Archivare in Weimar bereitwillig Zugang, da er nicht das kapitalistische Deutschland repräsentierte. Einen einzigen Satz aus Nietzsches Notizbüchern zu entziffern, konnte Tage dauern. Die Windstille hinter der Mauer ermöglichte Montinari den langen Atem für sein jahrelanges Entzifferungsprojekt. Das Bild vom italienischen Kommunisten, der in die DDR geht, um den Staatsfeind Nietzsche zu rehabilitieren, hat mich besonders fasziniert.

Die Poststrukturalisten sehen in Nietzsche einen intellektuellen Gewährsmann für ihren Großangriff auf die Wahrheit, aber Colli und Montinari wollen ja gerade Nietzsches Wahrheit finden.

Als sich die französischen Philosophen und die italienischen Philologen 1964 bei der ersten großen französischen Nietzsche-Konferenz in Royaumont begegnen, herrscht großes wechselseitiges Befremden. Auf der einen Seite hält Foucault seinen berühmten Vortrag über die Unhintergehbarkeit der Interpretation. Sein Stichwortgeber ist Nietzsche: Es gibt keinen Urtext, sondern nur sukzessive Deutungen. Auf der anderen Seite stehen die beiden italienischen Philologen, die weder akademische Titel noch irgendwelche Nietzsche-Publikationen vorweisen können und die behaupten, überhaupt erst den wahren, echten Nietzsche zur Kenntnis zu bringen. Im Grunde ist die Geschichte tragisch. Nietzsche, selbst Philologe, hat gesagt, die Philologie sei die Zerstörung jeden Glaubens, der auf Büchern beruht. Diese Erkenntnis bleibt auch Colli und Montinari nicht erspart.

Inwiefern?

Ihre Wahrheitssuche mündet nicht in eine definitive Fassung, sondern in die Dekonstruktion des Autors Nietzsche. Für Foucault, für Derrida, für Barthes ist Nietzsche vor allem ein Sprach-Ereignis, ein Denker, dessen philosophische Botschaft in der Form seines Schreibens besteht. Das entspricht genau dem Nietzsche, den Colli und Montinari kenntlich gemacht haben. Das ist kein herkömmlicher Autor mehr – die Hauptwerke sind nur noch zufällige Verdichtungen in seinem Schreib-Strom. Das ist der Nietzsche des Nachlasses, also der, der seinen Denkfluss lebenslang zu Papier gebracht und ein viele Tausend Seiten langes, wüstes Palimpsest hinterlassen hat, das aus ganz unterschiedlichen Materialien besteht.

In Ihrem Buch „Der lange Sommer der Theorie“ haben Sie anhand der Geschichte des Merve-Verlags die Entfaltung des Genres Theorie erzählt. Worum ging es Ihnen hier?

Mir ging es in diesem Buch um das Gegenteil, nämlich um das, was die postmodernen Theorien in Frage stellen: um die Suche nach Wahrheit, nach dem, was schwarz auf weiß geschrieben steht. Zu den stärksten Wahrheitsvorstellungen unserer Kultur gehört der Rückgang auf den autoritativen Text. Das ist das Erbe der christlichen Offenbarungsreligion. In ihrem philologischen Eifer muten Colli und Montinari wie Protestanten an: „Zurück zum Text!“ – das war schon Luthers Mission. Allerdings müssen sie feststellen, dass der Text, wenn man ihm immer näher rückt, irgendwann von Neuem unlesbar wird. Insofern ist ihre Geschichte auch ein Endspiel unserer Schriftkultur.

Das Buch ist einerseits die Biografie Collis und Montinaris, andererseits eine Art Rezeptions- und Editionsgeschichte. Wie schwierig war es, dieses Unterfangen zu realisieren?

Schwierig! Die Herausforderung bestand darin, den denkbar langweiligsten Stoff, nämlich Editionsphilologie, als intellektuellen Thriller im Kalten Krieg zu erzählen – daher die Anspielung auf den Romantitel von John le Carré. Es ging mir darum, die politischen, existenziellen und historischen Kräfte sichtbar zu machen, die in diese Ausgabe eingeflossen sind. Daher ist das Buch zugleich eine Geschichte der Intellektuellen nach 1945, des Kommunismus, der politischen Enttäuschung und der Geburt der Postmoderne.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare