Junge, komm bald wieder!

Literatur Tristan Garcia lässt seinen Helden sieben Mal dasselbe Leben leben
| Ausgabe 40/2019 1
Frei nach Nietzsche: Wenn man nicht in den Abgrund blickt, schielt er vielleicht auch nicht zurück
Frei nach Nietzsche: Wenn man nicht in den Abgrund blickt, schielt er vielleicht auch nicht zurück

Foto: Imago Images/Leemage

Der Gedanke der ewigen Wiederkunft, den Nietzsche in Also sprach Zarathustra formuliert, ist einer der anziehendsten und dunkelsten des modernen Denkens. Was wie die totale Negation der menschlichen Autonomie daherkommt, nennt Nietzsche selbst die größte Lebensbejahung. Milan Kundera greift das zu Beginn der Unerträglichen Leichtigkeit des Seins auf: „Der Mythos von der Ewigen Wiederkehr sagt uns in der Negation, daß das ein für allemal entschwindende und niemals wiederkehrende Leben einem Schatten gleicht, daß es ohne Gewicht ist und tot von vornherein.“ Tot von vornherein – eine grauenerregender Gedanke, der alles menschliche Tun in den Abgrund der Sinnlosigkeit wirft; eine narzisstische Kränkung des modernen Menschen, der sich doch der Zukunft unbedingt bemächtigen will.

Mit einer solchen Allmacht ausgestattet, schickt der französische Philosoph und Schriftsteller Tristan Garcia seinen namenlosen Protagonisten in sieben Leben. Eine Variation der „Täglich grüßt das Murmeltier“-Thematik, auf unheilige Weise kombiniert mit Heraklits Erkenntnis, dass es unmöglich ist, zweimal in denselben Fluss zu steigen.

Der Protagonist weiß zunächst nichts von seinem Glück. Als er an seinem siebten Geburtstag beginnt, heftig aus der Nase zu bluten, offenbart ihm ein Pariser Assistenzarzt, was ihm blüht. Zunächst glaubt er ihm, später weniger, wie wäre es auch zu beweisen? Er führt letztlich ein unaufgeregtes, aber erstaunlich glückliches Leben als Beamter und Familienvater in der französischen Provinz. Bis er nach seinem Tod plötzlich wiedergeboren wird. Nur eben zur selben Zeit, am selben Ort, als dieselbe Person wie beim ersten Mal.

Wer mit Videospielen aufgewachsen ist, wird das Gefühl kennen: Wie praktisch wäre es doch, ab und zu im echten Leben abzuspeichern und neu zu laden, um eine bessere Version einer bestimmten Handlungsabfolge auszuprobieren? Das entspricht der zeitgenössischen Auffassung der Selbstoptimierung als höchstem Ziel: Sei stets die beste Version deiner selbst. Diese Gelegenheit erhält Garcias Protagonist. Dabei verwickelt er sich in eine Abfolge von Versuchen, die der Autor mit Bravour durchdekliniert, ohne sich mit allzu vielen Details oder dem Problem, wie Europa in ein paar Jahrzehnten aussehen wird, aufzuhalten. Wobei zwar die verfallende französische Peripherie als dauerhafte Kulisse anwesend ist, der Klimawandel jedoch kurioserweise abwesend.

Hatte Nietzsche recht?

Wobei er das auch sein muss, für das Experiment, das Garcia durchspielt. Eine so umfassende Katastrophe würde den Blick auf das Individuum – und um dieses geht es ihm – gnadenlos versperren. Und dabei passiert genau, was zu erwarten ist: Jedes Mal aufs Neue versucht der Protagonist, die Fehler des vorherigen Lebens (oder was er dafür hält) zu korrigieren. Als Konstanten dienen ihm dabei Hardy, die er immer wieder aufs Neue begehrt, und der kuriose Assistenzarzt Fran, der von Beginn an wusste, was los ist. Dabei profitiert der Ewige von dem bald aus Jahrhunderten bestehenden Erfahrungsschatz, wird Nobelpreisträger und Sektenführer – nur um jedes Mal wieder zurück auf Los gehen zu müssen.

Bald stellt sich nicht nur beim Leser eine unheimliche Beklemmung ein. Hatte Nietzsche recht? Die ewige Wiederkunft stürzt das Leben in einen Abgrund aus nichts. Aber wer lange genug in diesen Abgrund blickt, auch das ist Nietzsche, in den blickt auch der Abgrund hinein. Dem Protagonisten bleibt also nur eine ganz nietzscheanische Lösung: die Akzeptanz der Sinnlosigkeit als vollumfänglicher Lebensbejahung.

Doch gerade, als er so weit ist, wendet Garcia den eigentlichen Kunstgriff an. Beim siebten Mal kommt der siebte Geburtstag des Protagonisten – und kein Tropfen Blut. Was tut ein Unsterblicher, der plötzlich sterblich wird? Als Leser ist man von Beginn an eingeweiht, dass es dazu kommen wird, sodass eine fragende Spannung entsteht, aber auch ein Wissen um die am Ende stehende Erlösung. Denn wie, wenn nicht als solche, muss der Tod empfunden werden, wenn man als Einziger immer und immer wieder dasselbe Leben leben muss?

Was er nun tut, der sterbliche Unsterbliche, sei natürlich nicht verraten. Tristan Garcia ist jedenfalls eine eindrückliche und von Birgit Leib klug übersetzte Variation der Unsterblichkeitsthematik gelungen.

Info

Sieben Tristan Garcia Birgit Leib (Übers.), Wagenbach 2019, 304 S., 24 €

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