Keinen Shit auf unser Plakat!

Wandlyrik Die Alice-Salomon-Hochschule steht mitten im rechten Hellersdorf. Der Diskursfreude hilft das eher

Groß und grau ist der Platz, das winterliche Wetter macht es nicht besser. Vom Bahnhof der U-Bahn-Linie 5 ist es nur ein Steinwurf. Sie verkehrt hier oberirdisch, aber in einer Art Graben; legt man beim Aussteigen den Kopf in den Nacken, kann man sie sofort sehen: die Fassade. Den Grund, weshalb sich die Republik für einen kurzen weltgeschichtlichen Moment für Poesie interessierte: die Südfassade der Alice-Salomon-Hochschule. Die dem Platz zugewandte Fassade präsentiert sich indes anders. Unten stützen graue, quaderförmige Säulen den Bau, der mittlere Teil besteht neben großen, mit Jalousien verdeckten Fenstern aus saharagelbem Klinker. Oben gibt es wieder viel Glas, Balkone und Beige. Nichts Herausragendes, selbst der Namensschriftzug fällt kaum auf. An der Kante über dem Saharagelb hängen zwei Banner. Das eine ist rot und postuliert „Menschenrechte, Menschenwürde, Menschlichkeit“, das andere, weiß, fordert: „Gemeinsam Nazis und Rassismus entgegentreten – hier und überall“. Dieses „hier“ ist wörtlich zu verstehen. Denn ich bin in Berlin-Hellersdorf. Die AfD ist hier bei der Bundestagswahl mit 21,6 Prozent zweitstärkste Kraft geworden. Hellersdorf ist also rechts. Ganz Hellersdorf? Nein, ein kleiner Hort unbeugsamer „Gender-Aktivisten“ und Antirassisten hört nicht auf, Widerstand zu leisten.

Ungern allein zur U-Bahn

Immerhin gibt es im U-Bahnhof eine Dönerbude. Schon während der Fahrt verändert sich das Publikum. Ich meine, die potenziellen Studenten recht gut von den Bewohnern des Bezirks unterscheiden zu können. Aber vielleicht ist das ein klassistischer Blick, würde man mir an der Schule wahrscheinlich entgegnen.

So ergibt sich ein augenfälliger Kontrast: hier der rechte Bezirk, dort die linke Hochschule; triste DDR-Blocks neben dem hellen 90er-Jahre-Bau der ASH; weiße, grobschlächtige Männer auf der einen, junge, „diverse“ Studentinnen und Studenten auf der anderen. Zudem trägt die Hochschule den Namen einer Jüdin, die von den Nazis ins Exil getrieben wurde. Eigentlich ist es zu passend, um wahr zu sein.

Die Tür des AStAs ist beklebt mit allerlei politischen Stickern. Auf einem grünen Schild, das Besucher willkommen heißt, hat eine Diskussion stattgefunden. „Danke für euren Einsatz! Bin froh, dass das Gedicht jetzt wegkommt!“, hat jemand geschrieben. In großen, groben Druckbuchstaben wurde erwidert: „Keine Gedichtzensur! Mehr Bildung für Studierende!“ Woraufhin eine Handschrift, die für eine beschriebene Tür bewundernswert verschnörkelt ist, antwortet: „Wer zensiert da was?? Lest mal die Stellungnahme, bevor ihr Shit auf unser Plakat malt.“ Hier treffe ich Mia und Leyla, Studentinnen der ASH, die in Wirklichkeit anders heißen. Dass ihre Hochschule in „Feindesland“ steht, würden sie nicht sagen. „Es ist eine Hürde, ja, aber die kann man umschiffen“, sagt Mia und fügt hinzu, dass viele auch „den Blick in den Bezirk wagen“, heißt: sich in lokalen Kontexten einbringen, hier arbeiten oder sogar wohnen.

Die Schule war nicht immer hier. Von ihrer Gründung 1908 bis Ende der 90er war sie im Süden Berlins, in Schöneberg. Als der Umzug aus Kapazitätsgründen unumgänglich wurde, fiel die Wahl bewusst auf den Osten der frisch vereinigten Stadt. Das gefiel damals nicht jedem. Und heute? Abends, wenn es dunkel wird, gehen viele ungern allein zur U-Bahn. Als fast wöchentlich ausländerfeindliche Aufmärsche stattfanden, hingen im Foyer die Abfahrtszeiten der U-Bahn, Dozenten baten ihre Studenten nach späten Seminaren, hier und nicht an der Haltestelle zu warten. Insbesondere Menschen, die nach Ansicht lokaler Nazis nicht deutsch aussehen – „people of color“ heißen sie hier –, werden immer wieder angepöbelt oder attackiert.

Das erzählt auch Bettina Völter. Die Professorin für Theorien und Methoden sozialer Arbeit ist zugleich Prorektorin. Sie treffe ich in ihrem Büro im dritten Stock, sehe den Vorplatz nun von oben. Während des Gesprächs sitzt sie auf einem bunt schillernden, alten Gymnastikball, der knarzt. Sie gibt sich zwar bescheiden, doch im Lauf des Gesprächs wird klar: Sowohl fachlich als auch politisch setzt die Hochschule Maßstäbe. Als im Ort eine Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge eröffnete, arbeitete die Hochschule eng mit dem Bezirk zusammen, veranstaltete Seminare vor Ort. Dabei entstand ein Positionspapier zur Sozialarbeit in Gemeinschaftsunterkünften, das bis dato einmalig war. „Wir wissen, was wir vorzuweisen haben“, sagt Völter.

Debora Antmann ist Frauen*beauftragte an der ASH. Das Sternchen sei wichtig, sagt sie, da sie ihre Aufgaben weiter fasse. Nicht-inklusive Gleichstellungsarbeit kritisiert sie als „bürokratisierte Form von weißem 90er-Jahre-Mehrheitsfrauen-Feminismus. Auch der hat seine Berechtigung, wurde aber auch damals bereits zu Recht kritisiert.“ Ihr gehe es darum, Gleichstellung eben „nicht als binäres Konzept“ zu verstehen, sondern auch für Trans* und nicht-binäre Personen da zu sein und andere Ungleichheitskategorien mitzudenken. Sie ist außerdem Bloggerin, Autorin und feministische Aktivistin. Ein ungewöhnliches Profil für einen Verwaltungsposten. Obendrein Lesbe und Jüdin. Den Davidstern um ihren Hals trägt sie offen und stolz. Sie scherzt, dass bei der Farbgebung der Berliner U-Bahn-Linien die U5 nicht umsonst die Farbe Braun abbekommen hat. Doch der Standort sei eben auch eine „Herausforderung“, mit der die Verantwortung einhergehe, „nicht als elitärer Fleck hier drin zu sitzen, sondern Durchlässigkeit zu haben“.

Wie passt es eigentlich, dass diese Schule, die einen sehr hohen Frauenanteil aufweist und an der solche Fragen mit großer Sensibilität gehandhabt werden, einen Mann an der Spitze hat? Uwe Bettig, der Rektor, empfängt mich in seinem Büro. Er trägt ein dunkles Jackett, tritt professionell, ja fast glatt auf. Für ihn ist das natürlich kein Widerspruch, schließlich teile er „die grundsätzlichen Werte“ der Hochschule. „Ich glaube, dass wir da als Hochschule so weit sind, dass es egal ist, ob ihr ein Mann oder eine Frau vorsteht“, sagt er, um es umgehend zu relativieren: „Es gab im Vorfeld der letzten Rektoratswahlen einen Aufruf von einigen wenigen, die darum gebeten haben, dass sich auch Kandidaten finden, die eben nicht cis-männlich sind.“ Es fand sich kein Gegenkandidat. Und auch keine Kandidatin*.

Berühmt ist die Hochschule unter Studenten in Berlin für ihr Vergabeverfahren für Seminarplätze. Indem ausdiskutiert wird, wer welchen Seminarplatz bekommt, soll besser sichergestellt werden, dass Menschen, die nebenher arbeiten oder Familie haben, ihr Studium damit in Einklang bringen können. Das funktioniert ein bisschen wie ein Kennenlernspiel: Die Seminare werden ausgehängt, die Studenten stellen sich davor, und dann wird so lange diskutiert, bis es einen Ausgleich gibt. Auch Inhalte können sie mitbestimmen, sei es durch Themenvorschläge oder selbst gestaltete Lehrveranstaltungen. In den geschulten Worten des Rektors klingt das so: „Ein gutes Qualitätsmanagement stellt sicher, dass das Feedback der Studierenden berücksichtigt wird.“

Pioniere des Regenbogens

Bereits in ihrer Anfangszeit war die ASH so etwas wie Avantgarde. Ihre Gründerin Alice Salomon war die Erste, die sogenannte Frauenberufe als ebensolche erkannte: als Beruf, nicht als Tätigkeit, die Frauen „nebenher“ erledigen. 1937 verließ sie Deutschland, die Schule war da bereits gleichgeschaltet. Nach dem Krieg eröffnete sie wieder, seit 1991 trägt sie endgültig den Namen ihrer Gründerin. Auch heute unterscheidet sie sich von vergleichbaren Hochschulen. „Wir haben eine über 1.000-prozentige Steigerung der Drittmitteleinnahmen seit 2005“, verkündet Völter stolz. Heißt: Für eine Fachhochschule wird hier viel geforscht. „Die ASH hat einen ausgezeichneten Ruf“, sagt Rektor Bettig.

Das Politische gehört hier schlicht zur Identität. „Für mich ist die ASH gerade wegen der kritischen Inhalte attraktiv gewesen“, antwortet Leyla auf die Frage, warum sie sich für ein Studium hier entschieden hat. Ihre Kommilitonin erzählt, dass sie zuvor in einer Branche tätig war, „in der ich sehr viel Sexismus erfahren habe“. Das habe zu ihrer Wahl der ASH beigetragen. „Die ASH Berlin wird als Institution gesehen, die diese Fragen stellt“, sagt Völter. Und Antmann weist darauf hin, dass die ASH bereits „seit 15 Jahren in der Pride Week die Regenbogenfahne hisst“, was die anderen Berliner Hochschulen erst seit Kurzem tun.

Auf zwei Begriffe werde ich in den Gesprächen immer wieder hingewiesen: Sprache und Macht. Man ist hier sensibel; in Rassismus-Fragen, in Gender-Fragen. Natürlich gebe es auch Diskriminierung. Etwas erschrocken frage ich Leyla und Mia, was das heißt, stelle mir Übles vor. Es gehe unter anderem um Seminarinhalte. Als ich frage, was passiert, wenn sich jemand diskriminiert fühlt, korrigiert mich Mia höflich, aber bestimmt: „Man fühlt sich nicht diskriminiert, sondern es geht darum, dass ein Inhalt diskriminierend ist.“ Prorektorin Völter weist mich darauf hin, dass das berühmte Gedicht nicht „überpinselt“ wird, sondern „etwas Neues“ an die Fassade kommt. Sprache ist hier neben dem Anti-Nazi-Engagement hauptsächlicher Austragungsort von Politik. „Das Studium verändert einen auch selbst“, erzählt Leyla. Das kann ich mir nun vorstellen, denn: Ich traue mich kaum noch, meine Gedanken beim Sprechen fließen zu lassen. Vielleicht ist das mein Problem, wahrscheinlich ist es leider doch Ausdruck eines Verständnisses von emanzipatorischer Politik, das – geschult an poststrukturalistischen Denkern – Sprache und Befindlichkeiten absolut setzt. So wird Widerspruch nur als mangelnde Reflexion verständlich.

Nach dem Abschied stehe ich im Foyer. Es wispert und lacht durch die Halle, die winterliche Abendsonne scheint durch die gläserne Front. Auf dem Weg zur U-Bahn mache ich vor der Gedichtfassade ein Selfie. Übrigens: Um die steigenden Studierendenzahlen zu meistern, baut die ASH auf einem Grundstück in der Nähe. Wie die Fassade gestaltet sein wird, steht noch nicht fest.

06:00 11.02.2018

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