Mehr Kommunismus wagen

Marxologie Was kann uns „Das Kapital“ heute sagen? Eine Essaysammlung zur Wiederlektüre
Leander F. Badura | Ausgabe 12/2017 20
Mehr Kommunismus wagen
Intellektuelle Tiefpunkte in der Sammlung: die Beiträge von Sahra Wagenknecht

Foto: Imago

Ende vergangenen Jahres wurden die Hörer des Deutschlandfunks mit einer ungewöhnlichen Sendereihe beglückt. In einer Serie von Beiträgen wurde Karl Marx’ Das Kapital unter verschiedenen Gesichtspunkten ausgeleuchtet und dabei unverblümt auch über dessen Ende und die kommende Gesellschaft sinniert. Kommunismus im Staatsfunk? Es war zu schön, um wahr zu sein. Und doch war es so. Nun liegen diese Beiträge, ergänzt um einige weitere, als Buch vor. Ein buntes Potpourri Intellektueller bekam die Aufgabe, das Kapital (erneut) zu lesen und von einem beliebigen Punkt aus darüber neu nachzudenken. Anspruch ist nicht, wie Herausgeber Mathias Greffrath im Vorwort erläutert, „ausgepichte Marx-Philologie“ zu betreiben oder gar „Rundum-Interpretationen“ zu liefern. Es seien „Texte mittlerer Flughöhe“. Diese variiert allerdings beträchtlich. Einige der elf Beiträge liest man als ernstzunehmende Denkanstöße, andere enttäuschen durch argumentative Nachlässigkeit oder offensichtliche Scheuklappen.

Bereits der erste Text, vom Herausgeber verfasst, räumt mit Kategorien auf, die auch viele selbsternannte Linke durcheinanderbringen: Das Buch heißt Das Kapital, nicht „Die Kapitalisten“. Wäre es ein Roman, wäre das Kapital sein Held, als „eigentliches Subjekt der Neuzeit“, als „Gott der Moderne“ gar. So viel zur Flughöhe.

Wagenknecht versucht sich

Sowieso, Kategorien. Die Kapital-Lektüre ist eine mühsame Arbeit, bei der sich der Leser mit Fremdwörtern und Baumwollpreisen herumschlagen muss. Philosophische Formulierungen finden sich eher in den Grundrissen, also Marx’ Vorstudien zum Kapital. Nicht umsonst greifen auch die Autoren dieser Essaysammlung immer wieder auf diesen Text zurück, gelegentlich auch auf andere, noch ältere. Diese Texte des jungen Marx, des „philosophischen“ oder „jung-hegelianischen“ Marx, sind durchaus eine sinnvolle Ergänzung zum späten, sehr ökonomischen Marx.

Die Grundstimmung des Bands ist die unserer Zeit, wie auch die Grundstimmung im Kapital die des ausgehenden 19. Jahrhunderts war. Unsere Zeit ist die einer Krise, einer „säkularen Stagnation“, wie es manche Ökonomen nennen. Einige Marxisten sehen den von Marx vorausgesagten „tendenziellen Fall der Profitrate“ nun eingetreten, also das Ende des Kapitalismus. Es verwundert also nicht, dass dieses Theorem und die mysteriöse Ankündigung von der „Expropriation der Expropriateure“ immer wieder vorkommen. Was kommt denn nun, wenn der Kapitalismus kollabiert? Und wie geht das vonstatten? Kollabiert er überhaupt oder kündigt sich nur eine weitere Entwertung an, die die Akkumulationsspirale wieder in Gang setzt? Und wenn doch, wie kommt und wer macht die Revolution? An dieser Stelle wünscht man sich teilweise etwas mehr Zurückhaltung von den Autoren, die revolutionäre Tendenzen entdecken, wo sich doch nur neue Räume für die Verwertungszirkulation eröffnen. So Paul Mason etwa, der sich darauf verlassen will, dass der Staat kooperativen Wirtschaftsformen mehr Platz einräumt.

Besonders hervorzuheben sind neben dem Beitrag des Herausgebers auch die Texte von John Holloway, der aufzeigt, wie sich die Unterwerfung unter den Wert in jedem von uns als Frustration äußert und wie dies zwangsläufig zu Widerstand führt, oder die Ausführungen Étienne Balibars über verschiedene Möglichkeiten eines Endes des Kapitalismus. Doch dies nur exemplarisch, eine ausführliche Würdigung und Besprechung der einzelnen Beiträge könnte, wie die Marx-Exegese ohnehin, ganze Bibliotheken füllen. Doch genau das ist die Stärke; Anstöße zum Weiterdenken, zum Träumen, zum Kämpfen liefert das Buch, nicht trockene Marxologie.

Intellektuelle Tiefpunkte in der Sammlung sind – oh Wunder – die Beiträge von Sahra Wagenknecht und Hans-Werner Sinn. Die Volkswirtin Wagenknecht versucht, eine Unterscheidung zwischen „guten“ mittelständischen Kapitalisten und „bösen“ Investoren vom Zaun zu brechen, obwohl diese Kategorien ungeeignet sind. Während in den anderen Beiträgen die „Mainstream-Ökonomie“ scharf angegangen wird, verwirft Sinn Marx einfach als unwissenschaftlich, um dann eine ordoliberale Kampfschrift gegen die EZB zu schreiben. So bestätigt er eindrücklich, was anderswo an seiner Zunft kritisiert wird.

Alles in allem ist das Buch eine Einladung zu einem Denken, das viele Linke verlernt haben. Ein Denken der Gesellschaft als einer von Widersprüchen dialektisch vorangetriebenen historischen Realität. Es ist eine Hommage an den historischen Materialismus, die zugleich belebend wirkt. Es ist eine Einladung, kritische Analysen des heutigen Kapitalismus zu wagen. Gerade der exemplarische Charakter der sich teilweise widersprechenden oder wiederholenden Argumente macht die Sammlung aus. ist eine Einladung, mehr Kommunismus zu wagen.

Info

RE: Das Kapital. Politische Ökonomie im 21. Jahrhundert Mathias Greffrath (Hg.) Kunstmann 2017, 240 S., 22 €

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06:00 05.04.2017

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