Nächstes Jahr in Netanja

Israel Jüdische Einwanderer aus Frankreich suchen eine neue Heimstatt, in der sie mehr Schutz und Sicherheit finden
Nächstes Jahr in Netanja
Der Zukunft zugewandt: Französische Juden im Hebräisch-Seminar

Foto: Lior Mizrahi/Getty Images

Eigentlich ist Netanja eine Stadt wie viele andere in Israel, die Hauptstraße heißt Herzl Street, ein langer, weißer Strand lockt Touristen und surfende Teenager, am zentralen Platz lässt sich wunderbar flanieren. Mittags füllen sich die Restaurants, es riecht nach Fisch, Hummus und Pizza. Doch die Lokale heißen hier Chez William und Pain au chocolat. Damen, die man eher im wohlhabenden 16. Arrondissement von Paris vermuten würde, rufen sich Neuigkeiten zu, Küsschen rechts, Küsschen links. Wüsste man sich nicht in Israel, man könnte meinen, über die Promenade des Anglais in Nizza zu schlendern. In der Antisemitismus-Doku des Senders arte, die im vergangenen Sommer für Aufregung sorgte, sagen jüdische Kinder im Pariser Vorort Sarcelles, sie würden davon träumen, in Netanja zu leben, dort sei es „wie in Paris“.

À propos Promenade des Anglais. Es gibt doch einen bedeutsamen Unterschied: „Jüngst gab es hier einen Anschlagsversuch – ein junger Mann mit einem Messer. Soldaten kamen, nach drei Minuten war es vorbei“, erzählt David Fitoussi. Niemand sei zu Schaden gekommen. Dass ein Anschlag wie der vom 14. Juli 2016 in Nizza, als ein Attentäter mit einem Lastkraftwagen durch eine Menschenmenge fuhr, in Netanja kaum möglich scheint, hat viel damit zu tun, dass es hier so französisch ist. Anders formuliert: dass in dieser Stadt so viele Franzosen leben, hat sehr viel damit zu tun, dass ein solcher Anschlag kaum möglich ist. David Fitoussi gehört zu dieser Community und arbeitet für eine Immobilienagentur. Deren Anzeigen sind in französischer Sprache verfasst, und auf die Frage am Empfang der Firma, ob jemand Französisch spricht, lautet die Antwort: alle.

„Schon immer mein Plan“

David ist Mitte 40, hat graue Bartstoppeln und trägt ein schwarzes T-Shirt. Seit drei Jahren lebt er in Israel, seine Heimat bei Paris hat er hinter sich gelassen. Die fünf Kinder wachsen hier auf; dass sie zur Israel Defense Force müssen, der israelischen Armee, macht ihn stolz.

Draußen auf dem Platz sitzt Lucie Sebag im Schatten. Sie kam erst im Rentenalter nach Israel. „Das war schon immer mein Plan“, erzählt die zurückhaltende Dame, Ende 60, rosafarbene Bluse, strenge Mundwinkel. Nach dem Studium sei sie zum ersten Mal in Israel gewesen, doch nach Frankreich zurückgekehrt. Den Kindern zuliebe hätten sie und ihr Mann die Übersiedlung aufgeschoben, vor zwei Jahren jedoch habe sich ihr Traum erfüllt.

Aliyah heißt es, wenn Juden ein jahrtausendealtes Versprechen einlösen: die Rückkehr ins Land ihrer Vorfahren. Seit dem 19. Jahrhundert gab es ständig größere Schübe der Einwanderung, zunehmend getragen von Kibbuzbewegung und Zionismus. Seit der Staat Israel ab dem Jahr 1948 die Sicherheit und Möglichkeit der Einwanderung für Juden aus aller Welt garantierte, wurde die Aliyah stärker institutionalisiert. Die Jewish Agency wirbt in den Herkunftsländern; der Staat verbürgt sich mit dem „Rückkehrgesetz“ von 1950 für eine problemlose Einbürgerung, bietet Sprachkurse und Integration an. „Sie kümmern sich um alles“, meint David.

Die Zahlen sind eindeutig: Während zwischen 2000 und 2012 etwa 1.600 Juden pro Jahr Frankreich verließen, stiegen die Zahlen ab 2012 rapide an: 2014 waren es gut 7.000, seinerzeit bildeten Franzosen in Israel die größte Gruppe der Einwanderer. 2015 kamen noch einmal 7.900, danach gingen die Zahlen zurück, dennoch bilden die Übersiedler aus Frankreich mit über 5.000 pro Jahr nach wie vor die größte jüdische Auswanderergruppe Westeuropas. Was veranlasst französische Juden in solcher Größenordnung zur Migration? Warum ziehen sie ein Leben in Israel vor – in einem Land, das umgeben ist von Feinden, die es vernichten wollen? Wo die Lebenshaltungskosten viele zwingen, zwei Jobs zu haben? „Es ist paradox, aber hier fühle ich mich sicherer“, erzählt Lucie. David drückt es drastischer aus: „Frankreich ist ein arabisches Land geworden, Frankreich steht in Flammen.“ Die schwarze Kippa trage er nicht, wenn er dort seine Verwandten besuche. „Unmöglich“ sei das. Er wirkt fatalistisch und desillusioniert, wenn er von der aufgegebenen Heimat spricht. Dass Frankreich mit seinen Juden einen wichtigen Teil des kulturellen Erbes verliert, sei ihm egal. Zwei Jahre lang habe er nachgedacht, dann sei er innerhalb von vier Monaten aufgebrochen. Das war im Jahr 2012. Damals hatte Mohamed Merah, ein 23-jähriger Algerier muslimischen Glaubens, in einer jüdischen Schule in Toulouse vier Menschen, darunter drei Kinder, ermordet. Für die französischen Juden war das ein Anschlag von vielen.

Ignorierter Antisemitismus

Für David war es vor allem der Fall Ilan Halimi, der ihn mit Frankreich brechen ließ. „Vorher gab es keine Probleme.“ Was mit Halimi geschah, lässt verstehen, warum sich David in Netanja sicherer fühlt. Der junge Franzose marokkanischer Herkunft war im Januar 2006 von einer Gruppe junger Männer, die sich die „Barbaren“ nannten und ausnahmslos muslimische Einwanderer waren, entführt worden. Weil Halimi Jude war, glaubten sie, Geld von seiner Familie erpressen zu können. Doch stammte ihr Opfer wie sie aus der eher armen Banlieue von Paris. 24 Tage dauerte Ilans Martyrium, bis er starb. Die Täter stachen auf ihn ein, entstellten sein Gesicht, zündeten ihn an, schnitten ihm den Penis ab. Es war die grauenhafte Brutalität dieses Verbrechens, die bei vielen Juden den Eindruck hervorrief: Frankreich ist nicht in der Lage, uns zu schützen. Die antisemitischen Motive vieler Attentate – auch des Anschlags auf das Pariser Konzerthaus Bataclan am 13. November 2015 – wurden in der Öffentlichkeit oft ignoriert, relativiert oder vergessen.

Doch der Antisemitismus ist nur ein Teil der Erklärung. Ein paar Straßen weiter sitzt Dahan Roger in seinem Geschäft. Er trägt Jeans, T-Shirt und Kippa, hat ein gewinnendes Lächeln. Jeden Kunden scheint er persönlich zu kennen, die Kinder grüßt er herzlich, es wird getratscht, gelacht. Die meisten seiner Kunden sind französische Juden. Im Gegensatz zu David, Lucie und vielen anderen ist Dahan schon seit Längerem in Israel. Vor 13 Jahren machte er mit der Familie seine Aliyah, das jüngste Kind ist hier geboren. Zunächst jedoch betrieb er sein Geschäft in Lyon weiter, bevor er vor zwei Jahren endgültig umzog. Jetzt verkauft er auch in Netanja Käse, Brot und Wein wie in Frankreich. Im Unterschied zu den Ankömmlingen der vergangenen Jahre war seine Auswanderung kaum von Angst motiviert. „Damals gab es keine Attentate.“ Ähnlich wie bei Lucie war auch für ihn die Aliyah vor allem die Verwirklichung eines Traums, der tief im kollektiven Gedächtnis verankert ist. „Nächstes Jahr in Jerusalem!“, lautet der traditionelle Gruß am Sederabend des Pessachfestes. Ob gläubig oder säkular, seit Beginn der Diaspora stellt das Land einen Sehnsuchtsort im jüdischen Bewusstsein dar.

Paradoxerweise scheint bei vielen Einwanderern die Religiosität nachzulassen, sobald sie in Israel leben. „In Marseille bedeutete die jüdische Gemeinschaft Zusammenhalt“, erklärt Lucie, „das ist hier nicht mehr so wichtig.“ Deshalb nehme für viele die religiöse Bindung ab. David hat eine andere Erklärung: „Die Strände, die schönen Mädchen, Sie wissen schon.“ Er selbst allerdings sei religiöser geworden.

Die kulturell geprägte Verbundenheit mit Israel findet im Zionismus ihr politisches Äquivalent. „Ob ich Zionist bin? Natürlich“, antwortet David. Auch die anderen sehen sich so; die Migrationsforschung spricht von „Push- und Pullfaktoren“. „Der Zionismus ist die Motivation, der Antisemitismus der Auslöser“, bringt es Stephanie Courouble Share auf den Punkt, die sich am New Yorker Institute for the Study of Global Antisemitism and Policy u. a. mit Holocaustleugnung beschäftigt. Die französische Sozialwissenschaftlerin meint: „Sobald ein junger Mann, aufgewachsen in unserer Republik, in eine jüdische Schule geht, um Juden zu töten, hat das mit dem früheren Antisemitismus nichts mehr zu tun.“ Holocaustleugnung und Judenhass seien in Teilen der Bevölkerung wieder salonfähig geworden, nicht nur bei Einwanderern. Auch die Berichterstattung über Israel müsse sich ändern.

Doch nicht immer läuft es so reibungslos wie bei David, der schnell einen Job fand, oder Dahan, der sein Geschäft führt, und Lucie, die von ihrer Rente leben kann. Schätzungen zufolge kehrt etwa ein Drittel der Auswanderer wieder nach Frankreich zurück. Obschon Israel viel Starthilfe bietet, fällt es manchem schwer, sich in diesem Land niederzulassen. Die Sprache ist nur ein Problem. „Man muss hart arbeiten, aber das ist es wert.“ David meint, er kenne zwar niemanden, der zurückgegangen sei, doch immer wieder höre man von solchen Fällen. „Es tut weh, wieder zu gehen“, sagt Dahan. Es fühle sich wie ein Scheitern an. Auch die Israelis sind von den Neuankömmlingen nicht nur begeistert. In Tel Aviv heißt es, neue teure Appartementgebäude seien nur von Franzosen bewohnt. Die würden die Immobilienpreise in die Höhe treiben, weil sie mehr Geld hätten als Einwanderer aus anderen Ländern und viele Israelis. „Das mag sein. Aber dass die Preise steigen, liegt am System“, sagt Dahan. Die meisten Kunden von Davids Maklerfirma stammen aus Belgien.

Ob der leicht erregbare David, die zurückhaltende Lucie oder der freundliche Dahan – so unterschiedlich ihre Geschichten auch sein mögen, sie alle sind sephardische Juden. Ihre Vorfahren wurden einst gezwungen, die Iberische Halbinsel zu verlassen, ihre Eltern kamen im Zuge der Entkolonialisierung aus den Maghrebstaaten nach Frankreich, wo es für Juden sicherer war. Nur eine Generation später, mussten sie wieder ihre Heimat verlassen. Und es soll für immer sein. „Der Kopf ist hier“, sagt Dahan. Eine Mischung aus Angst und zionistischem Idealismus treibt französische Juden nach Israel, nach Netanja, wo sie als Juden endlich Juden sein können. Dahan sagt: „Hier sind wir frei.“

06:00 09.03.2018

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