Netzwitz-Trotz

Internet Millionen lachen täglich über Memes. Sie sind nihilistisch, absurd, morbide – und helfen uns, den Kapitalismus zu ertragen

Natale Attanasio ist kein sonderlich bekannter Künstler. Der italienische Maler hat nicht einmal einen englischsprachigen Wikipedia-Eintrag. Dennoch erfreute sich sein Bild „Der Verehrer“ jüngst unerwarteter Beliebtheit: Über 67.000 Likes bekam es auf Facebook. Das Bild zeigt eigentlich nur zwei ziemlich übertriebene Figuren: eine sitzende Frau in cremefarbenem Gewand und melancholischem Blick und einen sich ihr zuwendenden Mann in lachsfarbenem Rock, der, wie zum Nachdenken, die Hand zum Mund hebt. Mit zwei Zeilen Text versehen war es auf der Facebook-Seite „Classical Art Memes“ gepostet worden. Nun fragt der Mann: „What’s wrong dear?“, worauf die Dame antwortet: „I’m just having an allergic reaction to existence.“ Ein Witz, wie er täglich bei „Classical Art Memes“ gepostet wird – einer Seite mit fast 5 Millionen Likes.

Der Begriff Meme wird englisch ausgesprochen und stammt aus der Memtheorie. Dort bezeichnete er einen einzelnen Bewusstseinsinhalt. Im Internet sind Memes Elemente, die in einzigartiger oder sich wiederholender Form vorkommen können und sich teilweise rasend schnell verbreiten – und auch wieder verschwinden. Ein vager Begriff, daher omnipräsent.

Noch ein Beispiel: Eine unzulänglich gerade Horizontlinie teilt das Bild, einige Wolken schmücken den Himmel, alle Flächen sind simpel ausgefüllt. Man sieht eine leicht ins Groteske gezeichnete Frau, die nach vorne geht und zugleich nach hinten sieht, wo ein Junge zu ihr aufblickt. Im oberen Teil steht im Stile von Motivationspostkarten: „let go of the things in your life that are holding you back like your boring son“(Lass die Dinge in deinem Leben los, die dich zurückhalten – wie deinen langweiligen Sohn). Sie sagt dabei: „see you in hell“, er schlicht: „mamma“. Über 68.000 Likes für dieses Bild, gepostet auf der Facebook-Seite „Simpsons pictures that I gone and done“, die fast 1,5 Millionen Fans hat.

Nicht nur Bilder können zu Memes werden. Auf dem Fotodienst Snapchat kursierte Ende letzten Jahres ein tanzender Hotdog, der als Augmented-Reality-Element in Aufnahmen des eigenen Handys eingebaut werden konnte. Ein sinnloses, absurdes Ding, das millionenfach durch das Netz jagte. Zur gleichen Zeit musste sich die Führungsetage des Konzerns Procter & Gamble um Schadensbegrenzung bemühen. Die von dem Unternehmen hergestellten Tide Pods – Plastikbällchen, die Waschmittel und Weichspüler enthalten – sind hochgiftig, erinnern jedoch optisch an Süßigkeiten. Gelegentlich kommt es vor, dass Kleinkinder hineinbeißen. Doch plötzlich sah sich das Unternehmen der Tide Pod Challenge gegenüber: Unzählige Kinder und Jugendliche luden Videos hoch, in denen sie die Produkte in den Mund stecken und aufbeißen. Eine Online-Mutprobe, die einigen Teenagern einen Krankenhausbesuch bescherte.

Blühende Anti-Ästhetik

Lebensgefährliche Mutproben? Morbide Witze? Nichts, was es nicht schon immer gab. Doch diese Phänomene sind Teil einer Internet-Subkultur, die vor allem von einer Generation getragen wird, die die erste ist, die mit dem Internet aufgewachsen ist. Häufig bezeichnet man sie als Millennials, geboren in etwa zwischen 1982 und 2004. Ihr Leben funktioniert zu einem Großteil vernetzt, somit auch Kultur und Humor. Facebook und Twitter, Snapchat oder Instagram, Reddit, 4chan und zahllose andere Seiten sind Träger dieser Phänomene, die teilweise außerhalb ihrer Kreise nicht mehr verstanden werden – Subkultur eben.

Sie sind nur ein Ausschnitt der weitläufigen Meme-Kultur, aber ein aussagekräftiger. Was eint diese Witze? Was trennt sie? Und vor allem: Warum lachen Zehntausende Menschen über sie? Laut der 1776 von James Beattie verfassten Humortheorie besteht ein Witz aus Inkongruenzen, die in der Pointe aufgelöst werden. Wir lachen, weil die Elemente nicht zusammenpassen. Memes verhandeln häufig bittere Themen, die zynisch oder sarkastisch gewendet werden: Aussichtslosigkeit, Einsamkeit, Armut. Eine mit Paint gemalte Motivationspostkarte, die zum Verlassen des eigenen Kindes auffordert. Es gibt ganze Seiten über Nihilist Memes, wo zum Beispiel Folgendes steht: „people said the world ending in 2012 was fake, but has anyone felt alive since?“ (Leute sagten, der Weltuntergang 2012 fand nicht statt, aber hat sich irgendjemand seitdem lebendig gefühlt?).

Doch nicht alle Meme-Witze funktionieren so. Der tanzende Hotdog ist Unsinn im Wortsinne. Nonsens, der durch seine Wiederholung lustig wird – und durch seinen Kontrast zur ideologisch perfektionierten Realität. Wo alles sinnhaft und nützlich sein muss, bekommt das Absurde Reiz. Dazu kommt die ästhetische Verweigerung. Schon in der frühen Meme-Kultur standen einfache Zeichnungen im Mittelpunkt, und obschon oft Bilder oder Gif-Ausschnitte aus beispielsweise Filmen dazukommen, bleibt die Machart einfach – simple Schrift, einfache Sätze –; man könnte auch sagen: demokratisch. Der Macher der Seite „Simpsons pictures that I gone and done“ kommentierte die Einstellung des Programms Paint, mit dem er seine Bilder anfertigt, mit den Worten „good bye my friend“. In einer Zeit, in der die Welt ideologisch zur Hochglanzbroschüre wird, blüht im Internet die Anti-Ästhetik.

Auffällig ist auch die Sprache. Englisch dominiert, wie auch sonst in der globalisierten Kultur, hier in seiner spezifischen Prägung des Internets. Ab- und Verkürzungen wie „lel“ (Nachfahre des etwas aus der Mode gekommenen „lol“), „tfw“ (that feeling when), „ftw“ (for the win) oder „u“ statt „you“ sorgen einerseits für globale Einheitlichkeit und Wiedererkennbarkeit, andererseits stellen sie eine gewisse Abschottung sicher.

Die amerikanische Autorin Deidre Olsen hat diese Art der Kunst (denn so muss man es ja bezeichnen) als Neo-Dadaismus bezeichnet. Und tatsächlich sind der betonte Unsinn, die Verweigerung der Nützlichkeit, die Anti-Ästhetik und die sprachliche Verstümmelung parallelisierbar zu der künstlerischen Bewegung der Zwischenkriegszeit. Dada war eine Antwort (beziehungsweise deren Verweigerung) auf die unsinnig gewordene Welt des Ersten Weltkriegs und der ökonomischen Krise.

In Bezug auf die Millennials, die Witze darüber machen, dass romantische Beziehungen daraus bestehen, gemeinsam die Hoffnung zu verlieren, ergibt sich ein düsterer Befund: Es gab in den Industrieländern seit der Weltwirtschaftskrise der 1930er keine Generation, deren ökonomische Aussichten so miserabel waren. Der Journalist Michael Hobbes hat das für die amerikanische Millennial-Generation detailliert nachgewiesen: Wohnen ist teuer, Arbeiten prekär und schlecht bezahlt, vor allem seit der Krise, die 2007 begann. Das trifft nicht nur auf die USA zu, sondern, glaubt man einem Bericht des Internationalen Währungsfonds, auf alle Industrieländer. Das erklärt, warum diese Art des Lachens über die eigene Misere auch hierzulande so populär geworden ist.

Dada war allerdings auch ein Abarbeiten an der Hochkultur, eine Parodie bürgerlicher Werte. Von denen ist nicht viel übrig, ihnen folgte die Massenkultur, an der sich heute die Meme-Künstler reiben. Teils parodierend, teils würdigend werden Elemente heutiger Populärkultur anverwandelt, rekontextualisiert und ad absurdum geführt. Zum Beispiel ein Schnipsel aus dem Cartoon Three Bears von 1939. Die drei Bären haben einen italienischen Akzent. Populär wurde der Moment, in dem Papa Bär schockiert feststellt: „Somebody toucha ma spaghet!“

Triumph des Lustprinzips

Ein weiterer Hinweis auf die Ursachen dieser Witzkultur ist die Zunahme psychischer Erkrankungen. Studien zufolge ist keine Altersgruppe so von Depressionen betroffen wie die der Millennials; etwa jeder Fünfte leidet darunter. Ob dies einer echten Zunahme oder höheren Diagnosequoten geschuldet ist, ist dabei zweitrangig. Es geht um subtile Bewusstseinssphären. Ökonomische Not und psychische Labilität gehören für viele zumindest mittelbar zum Alltag. Man muss natürlich einschränken: Es geht bei dieser Form der Meme-Kultur vor allem um gebildete, junge Menschen; Leute aus Familien, die absteigen können. Nicht um jene, die ohnehin nichts haben.

Einer anderen Humortheorie zufolge, der Sigmund Freuds, ist der Witz eine Möglichkeit, psychische Spannungen zu entladen. Der damit einhergehende Lustgewinn beruht auf der temporären Lockerung von Verdrängungen. Ein Millennial, der über Hoffnungslosigkeit, Armut und Depression lacht, tut dies, weil er weiß, welches Schicksal ihm blüht. Diesem in die Augen zu blicken, ist unerträglich. Freud indes sah darin keine Kapitulation: „Der Humor ist nicht resigniert, er ist trotzig, er bedeutet nicht nur den Triumph des Ichs, sondern auch den des Lustprinzips, das sich hier gegen die Ungunst der realen Verhältnisse zu behaupten vermag.“ Memes gegen die spätkapitalistische Tristesse.

06:00 19.03.2018

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