„Nur die Migranten können unser Land retten“

Interview Enrico Deaglio sah Blüte und Niedergang der italienischen Arbeiterbewegung. Heute beschäftigt ihn das Thema Rassismus
„Nur die Migranten können unser Land retten“
Enrico Deaglio hat Italiens linksradikale Bewegung mitgegründet. Als Korrespondent ging er in die USA und blieb. Trumps Wahl hat er auch genossen

Foto: Emanuele Camerini für der Freitag

Am Morgen nach der Lesung in Berlin sitzt Enrico Deaglio, 72, in der Lobby seines Hotels und trinkt Caffè. Nach Deutschland ist er gekommen, um eins seiner Bücher vorzustellen. Zahllose hat er als Journalist geschrieben, auch im italienischen Fernsehen war er tätig. Zum Journalismus kam Deaglio über sein politisches Engagement. Ende der 1960er wurde er als Student der Medizin politisiert. In Turin gehörte er zu den führenden Köpfen der operaistischen Gruppe Lotta Continua. Den Arztberuf hängte er bald an den Nagel, um in Rom Herausgeber der gleichnamigen Zeitung zu werden. Er hat einen herrlichen italienischen Akzent, wenn er Englisch redet, obwohl er seit zehn Jahren in den USA lebt.

der Freitag: Herr Deaglio, wie haben Sie die Europawahl erlebt?

Enrico Deaglio: Mir gefällt das Erstarken der Grünen. Das italienische Ergebnis habe ich erwartet, diesen Erfolg der Lega. Ich dachte jedoch, sie würden auf höchstens 26 Prozent kommen. Aber 34 – das ist beängstigend.

In Ihrem neuen Buch „Eine wahrhaft schreckliche Geschichte zwischen Sizilien und Amerika“ geht es um einen alten Fall von Lynchmord an sizilianischen Landarbeitern in Louisiana. Was reizte Sie an dem Stoff?

Meine Art Journalismus ist es, unbekannte Geschichten zu finden und denen zu folgen. Außerdem habe ich mich immer schon für Migration interessiert. Und dann ist es auch etwas Persönliches: Ich habe eine Frau geheiratet, die aus Louisiana kommt. Sonst wäre ich nie an diesen winzigen Ort im Nirgendwo namens Tallulah gekommen. Da fand ich diese Geschichte. Sie war in der Zeit vergraben.

Die Armutsflüchtlinge aus dem sizilianischen Cefalù waren noch weniger wert als die Millionen befreiter Sklaven. Wie kamen Sie an Informationen aus der damaligen Zeit?

Es gab erstmal nicht viel. Ein paar regionale Historiker wussten etwas. Doch dann fand ich ein sehr nützliches Werkzeug: die American Chronicles. Dieses Online-Archiv wird vom US-Kongress betrieben und dort findet man jede amerikanische Zeitung, die seit 1789 oder so erschienen ist. Tippt man „Tallulah lynching“ ein, taucht auf, was damals dazu geschrieben wurde. Das öffnete mir eine Welt. Und ich mochte es sehr, all diese Orte in Louisiana zu besuchen.

Wussten Sie vorher um den Rassismus gegenüber Sizilianern?

Wir wussten, dass man Italiener „Dagos“ nannte. Aber von der spezifischen Situation der Sizilianer wusste ich nichts. Italiener wissen meist um die Migration an die Ostküste aber nichts über die Sizilianer in den Südstaaten, die dort Sklaven ersetzten. Die Süditaliener wurden nicht wie die Norditaliener betrachtet. Womöglich hängt das bereits mit deren Abwertung in Italien zusammen.

Es waren 11 Sizilianer, die Ende des 19. Jahrhunderts in New Orleans gelyncht wurden.

20 Jahre später gab es einen italienischen Bürgermeister in New Orleans. Es war unglaublich, wie sie sich anpassten. Sie waren nicht nur tüchtig und clever, auch ihre Beteiligung an den Weltkriegen in den US-amerikanischen Streitkräften half, sie zu integrieren.

Was trieb Sie selbst weg aus Italien?

Ich habe die USA immer gemocht. Das erste Mal war ich dort mit dem italienischen Staatspräsidenten. Das ist eine schräge Geschichte. Wir hatten damals, 1978, Sandro Pertini gewählt, einen alten Sozialisten. Er war Partisan gewesen. Er mochte unsere Bewegung sehr, er sah sich darin als junger Mann. Sein erster Auslandsbesuch führte in die USA und er rief mich an, weil er wollte, dass ich mitkomme. Doch die US-Botschaft wollte mir kein Visum ausstellen.

Warum nicht?

Ich war Herausgeber von Lotta Continua, wir Linken konnten damals nicht in die USA. Aber der Präsident sagte: Das ist mein besonderer Gast. Also gaben sie mir ein Visum für genau acht Tage. Von da an bin ich jedes Jahr dorthin. Damals habe ich eine Frau getroffen, mit der ich immer in Kontakt geblieben bin. Ich habe sie vor zehn Jahren geheiratet, bekam die Green Card und wurde US-Bürger.

Sie waren ursprünglich Medizinstudent in Turin und gründeten eine politische Bewegung. Warum?

Es war die Studentenbewegung von 1968, wie überall. Und wir waren in Turin, einer Industriestadt, Fiat war dort sehr groß. In jener Zeit gab es eine massive Binnenmigration vom Süden Italiens in den Norden, um in den Fabriken zu arbeiten. Die Ankömmlinge wurden auch auf eine Art rassistisch behandelt. Wir gründeten dann Lotta continua – eine radikale Bewegung, es war die Verbindung von Studenten und Arbeitern. Wir begannen, „soziale Medizin“ zu machen.

Was bedeutet das?

Wir waren mit den Arbeitskrankheiten der Fabrikarbeiter konfrontiert. Ich machte meinen Abschluss und arbeitete im Krankenhaus in Turin. Dann startete meine Bewegung eine Zeitung, in Rom. Ich fragte nach einem Sabbatjahr, um meinen Freunden helfen zu können. Ich war kein Journalist, aber mir gefiel die Idee. Also ging ich ein Jahr nach Rom – und kehrte nicht zurück. Ich war nach wie vor Arzt, aber mehr auf privater Ebene.

Anders als deutsche 68er kamen italienische Studenten in Kontakt mit Arbeitern?

Diese Leute kamen aus einer ganz anderen Welt. Und es war schrecklich, in diesen Fabriken zu arbeiten. Aber wir waren jung! Das hat es leicht gemacht. Wir freundeten uns einfach an. Die Arbeiter kamen aus kleinen Dörfern, manche waren sehr konservativ, sehr katholisch. Gleichzeitig brachten sie Energie, die Zukunft, Optimismus, den der Norden nicht hatte. Und das war wichtig. Es wurde eine Gewerkschaft gegründet, die zum ersten Mal nicht nur Repräsentantin einzelner Berufszweige war, sondern des Arbeiters als solchem. Und sie begannen Forderungen zu stellen, wie zum Beispiel: gleiche Bezahlung für alle.

In welchem Umfeld sind Sie groß geworden?

Mein Vater war Chemiker, er hatte eine kleine Fabrik für Lederfärbung. Und meine Mutter war Englischlehrerin. Es war nicht unbedingt ein sehr politisches Umfeld aber schon ein antifaschistisches. Mein Vater war eher ein Liberaler, meine Mutter eher links. Sie war jüdischer Abstammung, zu Mussolini-Zeiten musste sie sehr vorsichtig sein, hat es aber geschafft.

Welche Rolle spielt das Jüdischsein für Sie?

Ich bin nicht gläubig, ich bin säkularer Jude. Als Kind wusste ich allerdings nicht, was das alles bedeutet. Ich war sogar getauft worden. Aber als ich aufwuchs, lernte ich mehr darüber und es gefiel mir. Ich war dadurch auch immer sehr sensibel gegenüber Antisemitismus. Meine Familie stand den Leuten aus Israel sehr nahe, also besuchten wir das Land oft. Es war immer präsent, ich erinnere mich an jeden Krieg. Im Sechstagekrieg war Italien gespalten, viele standen auf Seiten der Palästinenser. In der Gruppe, in der ich war, liefen manche mit Kufiyah rum.

Welche Beziehungen hatten Sie zu anderen Gruppen?

Wir waren enge Freunde der Potere Operaio (Arbeitermacht). Und wir hatten auch in Deutschland enge Freunde: Daniel Cohn-Bendit und Joschka Fischer. Wir hatten eine Gruppe in Frankfurt zusammen: Revolutionärer Kampf. Niemals hätte ich mir vorgestellt, dass Joschka Fischer Außenminister wird. Er war Taxifahrer! Dann gab es noch Manifesto, eine Abspaltung von der Kommunistischen Partei. Das hielt aber alles nicht lange. Als sich die Gruppen auflösten, bin ich Journalist geblieben. Viele wurden Lehrer oder gingen in andere Mittelschichtsberufe.

Es existiert in Italien praktisch keine Linke mehr. Woran liegt’s?

Die Linke in Italien ließ sich ruhig stellen. Sie hat lange regiert. Und sie hat die Einwanderungsfrage nicht verstanden. Sie war zu selbstzufrieden geworden. Sie vertrat moderne Werte, verlor aber die Fähigkeit, soziale Ungleichheit zu verstehen. Das ganze Land ist alt geworden, nicht nur die Linke: demografisch, aber auch alt an Ideen.

Italienerinnen bekommen kaum noch Kinder.

Es ist ein Land alter Männer. Nur die Migranten können uns retten. Wenn sie Staatsbürger werden, können sie das Land verjüngen und erneuern, sie sind unsere Zukunft. Andernfalls werden wir eine kleine, schmutzige Apartheid.

Sie waren Teil dieser Linken, was haben Sie falsch gemacht?

Wir waren eine revolutionäre Gruppe damals. Wir waren auch ziemlich blöd. Bei manchem von dem, was wir damals gesagt und gedacht haben, kann man nur den Kopf schütteln. Die Idee einer an der Sowjetunion angelehnten Gesellschaft zum Beispiel. Das wollte niemand! Und es war kein gutes Modell. Und wir haben verpasst, unsere Sache an die nächste Generation weiterzugeben. Diese Werte der Gleichheit. In diesem Fall hat meine Generation verloren.

War es auch der Terror, der die Leute entfremdet hat?

Ja, und zwar nicht nur von der radikalen Linken, sondern von der Idee der Linken im Allgemeinen. Es hieß: Eure Ideologie hat diese Gewalt produziert. Ab den 1980ern wollten junge Leute damit nichts zu tun haben.

1982 musste die Fiat-Fabrik in Turin dicht machen.

Ja, es war die größte Fabrik Europas. 70.000 Arbeiter! Wenn wir morgens Broschüren verteilten, waren das 40.000 Stück, jeden Tag! Wir druckten die ganze Nacht. So wurde ich Journalist. Jetzt steht alles leer. Es ist eine Geisterstadt.

Was wurde aus den Arbeitern?

Sie wurden gefeuert, gingen in Rente, sind alt geworden. Viele sind in andere Berufe gegangen, Taxifahrer, Kleinunternehmer. Industriearbeiter gibt es in dieser Dimension nicht mehr. Fiat ist in die USA gegangen. Sie fusionierten mit Chrysler und gingen nach Detroit. Die Industriegeschichte von Italien und Turin ist vorbei.

Es hängt beides zusammen: Der Niedergang der Industrie und der Absturz der Arbeiterparteien?

Oh, sicher. Der Linken gelang die Anpassung an die neuen Verhältnisse nicht. Machen wir es simpel: Es gab den Industriearbeiter. Der wurde von seiner Gewerkschaft vertreten. Und dann, bei den Wahlen, wählte er die KP, denn die KP war die Partei der Arbeiter. Aber die Arbeiter sind keine Arbeiter mehr. Und die Linke repräsentiert sie nicht mehr. Sie konnte die Leute auch nicht vor dem Jobverlust bewahren. Sie fühlten sich verraten. Turin wählte dann Berlusconi.

Wie konnte die Lega so populär werden?

Sie setzen auf die Angst, sie sind aggressiv. Sie scheuen sich nicht, sich selber Neofaschisten zu nennen, sie kultivieren Ignoranz. Ein Teil des Landes fühlt sich da angesprochen. Aber sie werden nicht weit kommen, Italien ist mehr als ein größeres Ungarn.

Wie erleben Sie das in den USA? Da scheinen linke Ideen nicht nur von gestern zu sein.

Ich liebe es. Ich lebe in San Francisco, der liberalsten Stadt der Welt. Man sieht diese neuen Ideen – wie den Green New Deal – aufkommen. So schockierend der Sieg Trumps war: Die letzten Wahlen waren etwas wunderbares. Leute beteiligten sich, wurden politisiert. Ich war in Modesto, diesem ländlichen Ort in Kalifornien, und begleitete die Wahlkämpfer des Kongress-Kandidaten der Demokraten, der überraschend gewann, beim Klopfen an den Türen. Ich tat meine Bürgerpflicht als demokratischer Wähler und ich berichtete außerdem als Journalist für das Magazin von Repubblica.

Was lieben Sie noch immer an Italien?

Die Menschen, vor allem die im Süden, haben einen fantastischen Sinn für Humor.

Ein Chronist Italiens und der USA

Seine Medizinerkarriere begann Enrico Deaglio in einer Turiner Notfallambulanz. 1947 in Turin geboren, wurde er zu einem engagierten Idealisten.

Er gehörte in der Fiat-Stadt zu den Mitbegründern des kämpferischen Bündnisses Lotta Continua, arbeitete für die gleichnamige Tageszeitung als Herausgeber sowie später auch für andere wie La Stampa, Il Manifesto oder Panorama oder L’Unità. Sein erstes, auch ins Deutsche übersetzte Buch Die Banalität des Guten. Geschichte des Hochstaplers Giorgio Perlasca, der 5.200 Juden das Leben rettete (2013) ist zu einem Drehbuch für den italienischen Fernsehfilm Perlasca, an Italian Hero geworden und ein internationaler Erfolg. Unter seinen insgesamt 20 Büchern ist auch das dreibändige Werk Patria (2018), eine monumentale Sozialgeschichte des zeitgenösssichen Italien von 1967 – 2000. Der nächste und letzte Band über die Jahre 2010 – 2019 wird Ende dieses Jahres erscheinen. Enrico Deaglio war auch Korrespondent und Spezialreporter für das italienische Staatsfernsehen. Er hat viele Jahre lang über die USA berichtet, unter anderem über die AIDS-Epidemie und den ersten und zweiten Golfkrieg.

2006 zeigte er in der TV-Dokumentation Kill Democracy!, wie bei Wahlen elektronische Stimmabgaben zugunsten Berlusconis manipuliert wurden. Inzwischen lebt er in San Francisco, zusammen mit seiner Frau Cecile, deren Familie in Louisana die wichtigste Informationsquelle für seinen neuen Essay Eine wahrhaft schreckliche Geschichte zwischen Sizilien und Amerika (Edition Converso, 2019) ist. Es rekonstruiert den Fall, der in der Zeit der sich 1899 in Tallulah abspielte, als fünf sizilianische Landarbeiter gelyncht wurden.

06:00 19.06.2019

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