Sächsische Amnesie

Aufarbeitung Im Zschopautal steht ein ehemaliges KZ. Eine Initiative will gedenken – und stößt auf Unwillen

Käme man im Sommer her, man müsste es wohl idyllisch nennen: das Zschopautal in Sachsen. Jetzt ist es einfach nur eisig. Die dunkle, kalte Erde knarzt unter jedem Schritt, eine dünne Schicht Pulverschnee hüllt das Tal in sanfte Kälte. Chemnitz ist eine halbe Stunde entfernt, das Städtchen Frankenberg nur wenige Minuten, da taucht hinter einer Kurve eine Fabrik auf. Ein großer, graubeiger Klotz thront in dem von schroffen, bewaldeten Hängen umgebenen Tal auf einer Flussinsel. Oberhalb wacht das Schloss Sachsenburg, weiße, schmucklose Fassade, dunkles Dach – leer. Ein erst vor Kurzem erneuerter Fußweg führt den Hang hinauf.

Doch schon wenige Schritte vom Parkplatz entfernt wird ersichtlich, dass dieser Ort alles andere als eine idyllische Vergangenheit hat. An der Uferbefestigung sind einige Buchstaben in Fraktur zu erkennen: „–aut / Sachs–n-burg / 1933“, die letzte 3 ist nur noch halb zu sehen. Dort stand, so erklärt es Anna Schüller: „Erbaut von den Inhaftierten, Sachsenburg 1933“. Schüller, eine kleine, dunkelhaarige Frau Ende Zwanzig, gehört zu den Wenigen, die diesen Ort erforschen: das ehemalige KZ Sachsenburg, das manche als „vergessenes KZ“ bezeichnen. Doch warum ist das so? Zur Zeit der DDR war die Fabrik als Textil-VEB in Betrieb, es gab eine kleine Gedenkstätte, die SED integrierte sie als Ort, an dem heroische Antifaschisten von den Faschisten eingekerkert wurden, in ihre Erinnerungskultur. Doch dann, nach der Wende, wurde der VEB geschlossen und mit ihm die Gedenkstätte. Übrig blieben nur zwei rote Gedenksteine. In einem Beitrag im Gemeindeanzeiger Sachsenburg-Irbersdorf vom April 1992 schrieb eine unbekannte Person: „Erfahren unsere Kinder und Enkel jetzt endlich die Wahrheit über die Vergangenheit?“ Die Darstellung der SED werfe „so allerhand Fragen auf“ und alles in allem sei „der Name KZ (…) etwas überzogen.“

Das Gelände wurde 1995 verkauft – an einen Unternehmer in Hessen. Marcel Hett heißt er, und außer einem Wasserkraftwerk, das in der Fabrik summt, hat er den Ort weitgehend ungenutzt gelassen. Er und sein Vater, so erklärt er am Telefon, seien von der Treuhand nicht über die Geschichte des Ortes informiert worden. „Dass da ein Schutzhaftlager war, kam dann irgendwann heraus, doch die eigentliche historische Bedeutung des Ortes, hat im Prinzip Frau Schüller zutage gefördert.“

Karrieren bis nach Majdanek

Wie kam es dazu? „Wir sind 2009 auf diesen Ort gestoßen“, erzählt Schüller. „Wir“, das war eine Freundesgruppe, die begonnen hatte, sich mit Tatorten des NS im Raum Chemnitz zu befassen. Dadurch seien sie in Kontakt mit dem örtlichen Ableger der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) gekommen. Dieser drängt seit Mitte der 90er auf die Wiedereinrichtung einer Gedenkstätte. Aus diesen Kreisen entstand 2009 die „Lagerarbeitsgemeinschaft KZ Sachsenburg“ (LAG). Schüller und ihre Freunde gründeten die „Jugendinitiative Klick“, der durch den Zahn der Zeit das Wörtchen „Jugend“ verlustig gegangen ist. 2011 und 2012 organisierten sie Workshops, in denen Menschen aus der Umgebung durch künstlerisches Arbeiten die Geschichte des Ortes erschlossen. Zweierlei wurde klar: „Wir merkten, wie wenig über den Ort bekannt war und dass die Projektarbeit ohne Infrastruktur sehr schwer ist.“ Kein Wasser, kein Strom, keine Toiletten. Also mussten sie die projektorientierte Arbeit, „für die wir eigentlich angetreten waren“, vorläufig zugunsten der politischen Arbeit zurückstellen.

Die Geschichte des Ortes ist schnell umrissen: Unter dem Kommando der SA wurde das Lager im Frühsommer 1933 eingerichtet und dann bis August 1934 betrieben. Nach der Umstrukturierung des NS-Sicherheitsapparats und der Entmachtung der SA, wurde es der SS unterstellt, bis es 1937 geschlossen wurde. Soweit war es bekannt. Doch Schüller hat durch Archivarbeit einiges Neues zu Tage gefördert. „Das Lager gehört zu den sogenannten ‚frühen Lagern‘, in denen die Nazis viel ausprobierten, was für die späteren, größeren Lager von Bedeutung war“, erläutert sie. So habe die SA ein Konzept der Umerziehung verfolgt, die SS später nur noch Wert auf Strafe gelegt. Doch das sei nicht alles. „Als die SS das Lager übernahm, wurde ein großer Schießstand eingerichtet und das Lager als Ausbildungsstätte genutzt“, in Frankenberg unterhielt der Staat eine SS-Totenkopfsturm-Kaserne. Sie hat viel über die Biografien der Wachmannschaften herausgefunden. Für einige war Sachsenburg regelrecht ein Karrieresprungbrett, zum Beispiel für Karl Otto Koch, der nach seiner Zeit als Kommandant von Sachsenburg diese Funktion noch in fünf weiteren Lagern innehatte, darunter Sachsenhausen, Buchenwald und zuletzt Lublin-Majdanek.

In einem Gebäude rechter Hand des Eingangs, noch auf der Festlandseite, befand sich die Kommandantur. Die Decke im Erdgeschoss ist niedrig, im Eingangsraum hat die LAG einige Gedenkobjekte abgelegt. Im hinteren Teil des kleinen Gebäudes, von einem engen, dunklen Gang abgehend, befinden sich vier Zellen hinter schmalen Holztüren. Auf die Innenseite der einen Tür hat jemand etwas eingeritzt: „SS Mann / Heinz Barthomei / 96 Hun“. Ob es eine 9 ist, ist nicht ganz klar. „Wir wissen nicht, was das bedeutet.“ In einer anderen Zelle leuchtet Schüller mit einer Lampe die alten, weißen Wände an. Und da, blass, aber klar erkennbar, wird deutlich, warum dieser Ort ein historischer Schatz ist: Inschriften. Zahlen, Buchstaben, Namen, kaum lesbar. Auch ein kleines Gesicht hat jemand unbeholfen in den Kalk gezeichnet. Zeugnisse der Männer, die hier eingesperrt waren.

Wer waren diese Männer? Bei einer kleinen Außenausstellung, von „Klick“ an den Fenstern eines „Imbiss“ genannten Häuschens angebracht, werden ein paar vorgestellt. Zum Beispiel Hans Mosch, ein Kommunist, der Anfang März 1933 verhaftet wurde und zu den ersten Häftlingen in Sachsenburg gehört haben muss. Nach einer Haftstrafe, die er in Bautzen absaß, floh er 1935 in die Tschechoslowakei. Später kämpfte er als Interbrigadist in Spanien. Oder Max Sachs, ein jüdischer Journalist und Sozialdemokrat. Sein Tod infolge übler Misshandlungen im Lager führte sogar zu Ermittlungen und Verurteilungen. Wer genau der Mörder war, ist bis heute unklar.

Wer spielt hier auf Zeit?

Warum muss ein historisch so wichtiger Ort in privater Initiative erschlossen werden? Gibt es dafür nicht die staatliche Gedenkpolitik? Das System der Einrichtung, Erschließung und Unterhaltung von Gedenkstätten ist ein Wirrwarr aus Zuständigkeiten zwischen Bund, Ländern, Kommunen und Gedenkstättenstiftungen. Letztere ist in Sachsen die „Stiftung Sächsische Gedenkstätten“, die laut ihrer Homepage „an die Opfer der nationalsozialistischen Diktatur und der kommunistischen Diktatur in der sowjetischen Besatzungszone und der DDR“ erinnert. Vor einiger Zeit war der Vorwurf laut geworden, sie kümmere sich vornehmlich um letztere und zu wenig um erstere. „Das passt natürlich als Schlagzeile gut: Stiftung Sächsische Gedenkstätten kümmert sich zu wenig um NS-Vergangenheit“, widerspricht Pressesprecherin Julia Spohr dieser Darstellung. Jener Eindruck sei durch die komplexe Finanzierung entstanden, realiter jedoch falsch. Und warum ist dann Sachsenburg so verlassen? Frau Spohr wird vorsichtig, will niemandem auf die Füße treten, scheint sich der unangenehmen Lage jedoch bewusst. „Unabhängig davon, wie man dazu steht, wir als Stiftung müssen mit der Stimmung vor Ort umgehen.“ Diese wird von allen, die mit dem ehemaligen KZ zu tun haben, recht einhellig beschrieben: demonstrativ desinteressiert bis offen ablehnend. In Frankenberg fürchte man sich davor, so Spohr, dass der Ort dann nur noch über seine dunkle Geschichte wahrgenommen werde.

Man könnte der Stadt unterstellen, recht handfeste Maßnahmen zu planen, um diese „Gefahr“ zu bannen. So beschloss das zuständige Gremium 2015, die ehemalige Kommandantenvilla abzureißen. Sie steht hinter der Fabrik, auf einer Wiese, wo seinerzeit der Schießstand der SS untergebracht war. Vor einiger Zeit fanden Wanderer ein altes Schild, das anzeigte, zu welcher Uhrzeit das Betreten des angrenzenden Wanderwegs zu unterlassen war. „So läuft das hier“, sagt Anna Schüller, schon längst nicht mehr ungläubig. Pfosten, die einst den Garten der Villa begrenzten, liegen im Schnee, „und werden immer weniger“. Die Villa selbst ist in einem erbärmlichen Zustand. Fenster und Türen im Erdgeschoss hat die Stadt mit Brettern verrammeln lassen. Die Treppe, die zur Terrasse führt, ist von einem Bäumchen gesprengt worden, die Balustrade eingefallen. Im Dach ist ein Loch, das Innere der Villa verfällt. Wie lange sie noch steht, vermag niemand zu sagen. Spielt hier jemand auf Zeit? Julia Spohr gibt diesbezüglich den Ball ins Spielfeld der Stadt.

Die Zeit wird knapp

Frankenberg ist eine sächsische Kleinstadt wie viele andere. Seit etwa zehn Jahren sinken die Einwohnerzahlen, der Leerstand ist mit bloßem Auge erkennbar. Die AfD bekam bei der Bundestagswahl im Wahlkreis Mittelsachsen mehr als 30 Prozent der Stimmen und wurde stärkste Kraft. Regiert wird das Städtchen seit 2002 von Thomas Firmenich, einem CDU-Mann aus Westdeutschland. Zum abgemachten Gesprächstermin geht in seinem Büro niemand ans Telefon, auch weitere Anrufe bleiben unbeantwortet. Die Einrichtung einer Gedenkstätte wäre eine finanzielle Belastung für die Stadt. Doch in anderen Fällen hat sie durchaus Ambitionen, große Projekte zu stemmen: nächstes Jahr ist sie Ausrichtungsort der Landesgartenschau.

Doch in jüngster Vergangenheit kam Bewegung in die Causa Sachsenburg. Seit 2012 waren kleine Schritte erkennbar geworden: die Aufnahme des Ortes ins Gedenkstättenstiftungsgesetz 2012, die Übertragung dreier Gebäude, darunter die Kommandantur und die Villa, an die Stadt durch Marcel Hett 2014, zwei Jahre später der Antrag der Stadt zur Erarbeitung eines Gesamtkonzepts bei der Stiftung und letztes Jahr eine Fotodokumentation des Ortes durch „Klick“, sowie der Antrag der Stadt auf Einrichtung eines „Pfads der Erinnerung“. Im Mai steht nun eine Entscheidung des Stiftungsbeirats an, zur Abstimmung liegt ein umfassendes Konzept vor, das Anna Schüller erarbeitet hat. Die befürchtet jedoch, dass es damit dann getan sein könnte. Im Inneren der Fabrik, im ersten Stock, zeigt sie auf die riesige leere Fläche und erklärt, wie sie von „Klick“ sich den Ort vorstellen. Sie wollten weg von „klassischer Gedenkstättenkultur“, beziehungsweise sich nicht darauf beschränken. „Der Ort hat ein riesiges Potenzial.“ Sie träumen von einem Ort der Kultur, Kunst und Begegnung. Dass die Stadt diesbezüglich so zurückhaltend sei, kann sie nicht nachvollziehen. „Die sehen das hier weniger als Chance, sondern als Stigma.“ Sie befürchtet, dass, sobald ein Pfad der Erinnerung und womöglich eine Dauerausstellung eingerichtet sind, die Angelegenheit für Stadt und Stiftung erledigt sein könnte. Der Weiteren Erforschung des Ortes und seiner neuen Nutzung für demokratische Bildungsarbeit, wie sie „Klick“ vorschwebt, wäre das nicht zuträglich. Marcel Hett will das Gelände in verantwortungsbewussten Händen wissen, „es ist meines Wissens nach das einzige KZ in Privathand.“ Das sei angesichts der Geschichte des Ortes nicht vertretbar.

In Sachsen wird nächstes Jahr gewählt. Die Wahrscheinlichkeit, dass die AfD, deren Vertreter immer wieder eine „Wende“ in der Erinnerungspolitik fordern, nicht nur stärkste Kraft wird, sondern auch den Ministerpräsidenten stellen kann, besteht. Was das für das zarte Pflänzchen Hoffnung bedeutet, das gerade in Bezug auf die Einrichtung einer Gedenkstätte in Sachsenburg aufkommt? „Das ist eine Frage für die Glaskugel,“ sagt Julia Spohr, verweist jedoch auf den „gesetzlich festgeschriebenen“ Auftrag der Stiftung. Anna Schüller zuckt mit den Schultern: „Bis dahin sollte das auf den Weg gebracht sein, ja.“ Sonst könnte es zu spät sein – und das ehemalige KZ endgültig dem Vergessen anheim gegeben werden.

06:00 30.04.2018

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare 4