Warum nicht streiken?

Gender Sechs gut bezahlte Moderatoren verzichten auf einen Teil ihres Gehalts, weil ihre Kolleginnen weniger verdienen. Doch durch Verzicht wird niemand reicher
Warum nicht streiken?
Aus der Zeit gefallen: Die Gender Pay Gap beim BBC beträgt bis zu 50 Prozent

Foto: George Konig/Keystone/Getty Images

Es war einmal eine Zeit, da setzten sich Arbeitnehmer gemeinsam dafür ein, dass alle mehr verdienten. Dafür wandten sie sich in der Regel an diejenigen, die für Ungerechtigkeit in der Bezahlung zuständig waren – die Arbeitgeber. Wenn die nicht spurten, drohten sie mit Streik. Und wenn das auch nichts half, machten sie die Drohung wahr. Manchmal etwas rabiater, oft jedoch eher konziliant, manchmal sehr erfolgreich, oft jedoch eher weniger – am Ende hatten alle mehr in der Tasche (außer natürlich der Arbeitgeber). So ganz „Es war einmal“ ist das zugegebenermaßen nicht, wie derzeit die IG Metall versucht unter Beweis zu stellen. Dennoch gibt es eine merkwürdige Tendenz dazu, den Lohn nicht als solchen für geleistete Arbeit zu werten, sondern als freundliche Spende. Und wenn jemand anders weniger gespendet bekommt, dann ist es kein Problem, selbst auf einen Teil der Spende zu verzichten – als Akt des Großmuts.

Geschehen zuletzt bei der BBC. Der britische Rundfunkgigant wird von einer mittelschweren Krise geplagt, seit Anfang Januar die China-Korrespondentin Carrie Gracie ihren Job hingeworfen hatte. Begründung: Männer in ähnlichen Positionen verdienen mitunter bis zu 50 Prozent mehr.

Das brachte das Unternehmen in Erklärungsnot, nun will es mit dieser Praxis aufräumen. Dazu gehört, dass sechs der prominentesten – männlichen – Flaggschiffe nun auf einen Teil ihres Gehalts (pardon: ihrer Spende) verzichten. John Humphrys, Jeremy Vine, Huw Edwards, Nicky Campbell, Nick Robinson und Jon Sopel sind allesamt Moderatoren bekannter Live-Sendungen in Radio und Fernsehen und haben eingewilligt, ihren Salär um teilweise die Hälfte zu reduzieren. Welch noble Geste! Gewiss, sie verdienen verdammt gut. Statt 500.ooo oder 600.000 Pfund pro Jahr nur die Hälfte zu bekommen, dürfte sie nicht in die Sphäre des verelendeten Proletariats herabstoßen.

Treu ergebene Arbeitnehmer

Zur Begründung erklärten sie wahlweise, dass sie es eben als ungerecht empfänden, als Einzige in einer Sendung so gut zu verdienen. Oder dass ihre Gehälter aus einer Zeit stammten, in der die BBC jene, die ihr Gesicht und ihre Stimme waren, mit Geld überschüttete. Dass das fast nur Männer betraf – ja, okay. Als treu ergebene Arbeitnehmer fügten sie hinzu, dass es dieses Geld nun eben nicht mehr gebe.

Doch damit sind sie in genau jene Falle marschiert, die der ideologisch postmoderne Kapitalismus den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern stellt. Es sollte nicht darum gehen, dass alle weniger verdienen. Ziel muss sein, dass alle in Wohlstand leben. Und ja, in diesem Falle mag das müßig sein, da weder die Frauen durch die Ungerechtigkeit noch die Männer durch den Verzicht an den Rand des Hungertuchs befördert werden. Dann wäre allerdings die Debatte ohnehin hinfällig. Es geht ums Prinzip! Denn es darf sich nicht durchsetzen, dass Fragen der gerechten Bezahlung nach unten geregelt werden. Auch beim Gender Pay Gap geht es ja in der Regel nicht darum, wie groß nun die Penthousewohnung in London ist, die man sich leisten kann, sondern um waschechte Armut. Sollen bald auch männliche Facharbeiter wieder Armutslöhne bekommen, weil Frauen ja auch nicht besser bezahlt werden?

Was für ein Zeichen wäre es gewesen, wären die sechs prominenten BBC-Moderatoren einfach in den Streik getreten – und zwar so lange, bis ihre Kolleginnen eine saftige, angleichende Gehaltserhöhung bekommen hätten. Und dann gemeinsam weiter, bis auch jene, die nicht im Rampenlicht stehen, aber den Laden BBC am Laufen halten, mehr Geld bekommen hätten. Und dann mit denen weiter, bis auch im privaten Sektor ... und so weiter. Bis zum Ende des Kapitalismus.

06:00 04.02.2018

Kommentare 2