Wer schweigt, trägt Mitschuld

Hass Der Mord an einer Überlebenden der Shoa in Paris wirft ein Schlaglicht auf den wachsenden Antisemitismus. Viele verschließen die Augen vor dieser europäischen Schande
Wer schweigt, trägt Mitschuld
In diesem Haus wurde Mireille Knoll ermordet

Foto: Thomas Samson/AFP/Getty Images

Es ist eine unfassbare Schande für das angeblich geläuterte Nachkriegseuropa. Mireille Knoll, eine Überlebende der Shoah, wurde auf bestialische Weise ermordet. Am Freitagabend fand die Feuerwehr ihre Leiche in ihrer Wohnung im 11. Arrondissement von Paris. Die Wohnung war abgebrannt, der Körper wies elf Messerstiche auf. Laut Medienberichten war das Opfer zuvor mehrfach bei der Polizei vorstellig geworden, weil ihr ein Nachbar immer wieder gedroht hatte, sie „zu verbrennen“. Ob er einer der beiden Männer ist, die am Montag als Tatverdächtige verhaftet wurden, ist noch nicht bekannt. Die Polizei geht von einem antisemitischen Motiv aus.

Die Tatsache, dass das Opfer die Shoa überlebte, gibt dem schon an sich grausigen Mord eine tragische Symbolik. Doch wer glaubt, er sei ein Einzelfall, der verschließt seit Jahren die Augen vor dem wachsenden Antisemitismus in Europa. In Frankreich steht er in einer langen, düsteren Reihe antisemitischer Morde. Vor einem Jahr musste die jüdische Gemeinschaft darum kämpfen, dass die Ermordung der Lehrerin Sarah Halimi überhaupt in der Öffentlichkeit als antisemitisches Hassverbrechen wahrgenommen wurde. Und dann kann man googlen: seit den 1970ern Anschläge arabischer Terroristen; seit den 1990ern und 2000ern eine Welle niedrigschwelliger Gewalttaten, die bis heute anhält: 2006 der Mord an Ilan Halimi, der Anschlag auf eine jüdische Schule 2012 in Toulouse, 2015 auf einen jüdischen Supermarkt in Paris, die (auch) antisemitischen Hintergründe großer Anschläge, wie im Bataclan – um nur einige zu nennen. Es ist dabei schwer, terroristische Attentate und „simple“ antisemitische Morde auseinanderzuhalten, wenn beispielsweise der Mörder Sarah Halimis „Allahu Akbar“ ruft und verkündet, den „Satan“ getötet zu haben.

Die Brandbeschleuniger stehen überall

Mireille Knoll gehörte zu den „Geretteten des Vel’ d’Hiv’“. Das schrieb der Abgeordnete Meyer Habib auf Facebook, nachdem er Kontakt zur Familie des Opfers aufgenommen hatte. Bei einer Razzia im Juli 1942 trieb die französische Polizei 13.000 Juden ins Velodrom von Paris, von wo aus sie in die Vernichtungslager deportiert wurden. Die Beteiligung der französischen Behörden an den Verbrechen war jahrzehntelang tabuisiert worden, ist jedoch historisch gesichert. Dennoch wird die Debatte um die französische Verantwortung gelegentlich neu aufgelgt, zuletzt von der rechtsradikalen Politikerin Marine Le Pen und dem nationalistischen Linkspopulisten Jean-Luc Mélenchon. Zwei Politiker, die bei den Präsidentschaftswahlen Millionen Stimmen bekommen hatten.

Doch es ist kein französisches Problem. Auch in deutschen Städten und anderswo in Europa ist es für Juden nicht mehr sicher, und die Verantwortlichen drucksen herum. Es gibt überhaupt keinen Zweifel mehr: Europa steckt mitten in einem Wiederaufleben eines gewalttätigen Antisemitismus. Und seine Brandbeschleuniger stehen überall: Rechte, Linke, Liberale, Säkulare, Religiöse, Gebildete, Ungebildete – Einstellungen und Denkweisen, die jahrelang vermittelt und raunend weitergetragen wurden, brechen sich Bahn. Doch anstatt eine Diskussion darüber zu führen, was getan werden kann, um antisemitische Hassverbrechen zu verhindern und Antisemitismus konkret zu bekämpfen, werden pausenlos Scheindebatten geführt: Ist es wirklich so schlimm? Brauchen wir einen Antisemitismus-Beauftragten? Woher kommt das Problem? Können Juden nicht einfach etwas unauffälliger sein? Was ist mit den Siedlungen im Westjordanland? Was ist denn eigentlich Antisemitismus? Die antizionistischen Israelkritiker, die linksintellektuellen Verharmloser und Relativierer, die essenzialisierenden Rassisten sind Teil des Problems, nicht der Lösung. Vom Antisemitismus nichts wissen zu wollen ist selbst Antisemitismus.

Noa Goldfarb, Enkelin der Ermordeten, schrieb auf Facebook, dass sie Frankreich vor 20 Jahren verlassen habe, da sie wisse, dass weder ihre Zukunft, noch die des jüdischen Volkes in Frankreich liege. Sie lebt heute in Israel, dem einzigen Staat der Welt, dem es weitgehend gelingt, Juden Schutz zu bieten.

12:57 27.03.2018

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