Wie ich lernte, den Roboter zu lieben

Medien Wenn etwas fremd erscheint, hilft nur der direkte Kontakt. Also ran an die Bots
Leander F. Badura | Ausgabe 06/2017

Viel Tinte ist in letzter Zeit geflossen, um ihrer habhaft zu werden: Bots können Beleidigungskampagnen starten und Wahlkämpfe manipulieren (der Freitag 4/2017), man begegnet ihnen mit Misstrauen. Zu Recht? Wenn etwas fremd erscheint, hilft oft der direkte Kontakt. Also ran an den Bot! Facebook bietet seit vergangenem Frühjahr die Möglichkeit, Bots für seinen Messengerdienst zu bauen. Sie sollen als Schnittstelle zu den Medien dienen. Eines der ersten Unternehmen, die einen solchen Bot einrichteten, war CNN. Seit April 2016 versorgt er seine Leser täglich mit Nachrichten. Jetzt springen auch europäische Medien darauf an. Funk, die Plattform der Öffentlich-Rechtlichen für jugendlichen Content, nennt ihren Roboter Novi, entwickelt wurde er von Tagesschau und NDR. Wenn Novi im Messenger installiert ist, versorgt er einen zweimal pro Tag mit sorgfältig portionierten Neuigkeiten.

Auch die französische Tageszeitung Libération bietet einen Bot an. Er meldet sich jedoch nur sporadisch und ist monothematisch ausgerichtet. Es geht ihm allein um den Präsidentschaftswahlkampf. Anders setzt das Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) sein Botsystem Janino ein. Jana und Nino erklären drei Abstimmungsvorlagen, die in der Schweiz am 12. Februar zur Wahl stehen. Jana vertritt die Ja-Seite, Nino die Nein-Fraktion. So sollen insbesondere Jüngere informiert und zum Wählen animiert werden.

Mit Novi und Libération bin ich seit einer Weile in Kontakt, und langsam werden wir Freunde. Jeden Morgen meldet sich Novi und versorgt mich mit dem Nötigsten zu Trump, Schulz, Dortmunder Hooligans und was sonst so ansteht. Dabei fasst Novi sich kurz und schickt Bilder mit Zitaten oder GIFs, die die Themen auflockern sollen. Bis es heißt: „Das war’s erst einmal von mir. Bis später!“

Eine echte Unterhaltung entsteht da natürlich nicht. Ich kann nur zwischen zwei Antwortmöglichkeiten wählen, die sich auf „Erzähl mir mehr davon“ oder „Next“ reduzieren lassen. Bei jeder Nachricht habe ich außerdem die Möglichkeit, externe Links anzuklicken, um so Artikel auf den Seiten der öffentlich-rechtlichen Sender zu lesen. Denn darum soll es ja gehen: Interesse wecken und Leser gewinnen. Das geht so weit, dass mein Freund bei Libération mir ein enttäuschtes „Schade“ mit einem traurigen Smiley schickte, als ich seine Frage verneinte, ob ich Artikel zu einem Thema lesen wolle. Aufgelistet hat er die Links dann trotzdem.

Am weitesten entwickelt ist der Bot von CNN. Er lernt mit, welche Themen mich interessieren, und ich kann ihn bitten, mir zu bestimmten Schlagworten Links zu schicken. Gebe ich beispielsweise „Merkel“ ein, bekomme ich einen Artikel, in dem berichtet wird, dass Angela Merkel sich gegen die Vorwürfe eines Trump-Beraters wehrt, Deutschland verschaffe sich mit dem Euro unfaire Handelsvorteile. Das können die anderen Bots nicht. Wenn ich Novi anschreibe, verweist er darauf, „sein Team“ bastle noch an neuen Geschichten für mich, und er sendet mir einen „News-Überblick“ von tagesschau.de. Und Libération spielt einfach das Kandidatenprogramm ab. Dafür kann ich ein Quiz spielen, um mein Wissen über die Bewerber zu festigen.

Die Bots bleiben Spielzeug. Beim SRF spricht man explizit von einem Experiment. Einzig CNN schafft es, den Bot so zu gestalten, dass er auch Leser auf die Internetseite lockt. Unter meinen neuen Freunden ist er mit Abstand der seriöseste.

06:00 22.02.2017

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