Wie von Ernst Jünger ersonnen

G20 Autonome und Polizei haben in Hamburg die für sie vorgesehene Rolle gespielt. Konsequenzen sollten die tragen, die für dieses Schauspiel verantwortlich waren
Auflösung: Olaf Scholz und Angela Merkel
Auflösung: Olaf Scholz und Angela Merkel

Foto: Patrik Stollarz/AFP/Getty Images

In der Psychoanalyse heißt es, dass Verdrängtes als Störung zurückkommt. Wenn der Staat der Verdränger der Gewalt ist, die er in sein Monopol überführt hat, dann ist sie beim G20-Gipfel in Hamburg als Kollektivneurose zurückgekehrt; inklusive Hysterie im Nachgang. Besonders bitter: die nun sich ankündigende Repressionswelle gegen sogenannte Linksextreme wird jene Gruppen treffen, die seit Jahren die Arbeit machen, die der Staat nicht leisten will: in der Fläche Nazistrukturen aufdecken und bekämpfen.

Das zerstörte Schanzenviertel legt den Finger in die schwelende Wunde der Zivilisation. Von den Autonomen kamen viele aus Griechenland, Italien oder Frankreich – Ländern in denen sich eine große Wut auf Europas Sparhegemon Deutschland angestaut hat. Gewalt und Zerstörung von der Peripherie ins Zentrum zu tragen, ist immer wieder Teil angeblich antikapitalistischer Strategien gewesen.

Dass der Kapitalismus tatsächlich nur durch Gewalt überlebt, zeigt wiederum der martialische Aufwand und die Brutalität, mit der die Polizei – auch gegen friedlich Demonstrierende – vorgegangen ist. Dass dabei niemand umgekommen ist, scheint an ein Wunder zu grenzen. Insbesondere die Berichte über Angriffe auf Journalisten geben Anlass zur Beunruhigung. Die Strategie der Polizei ist gescheitert, hört man nun Protestforscher rauf und runter erklären.

Doch während dieses Gipfels ging es weder um Kritik auf der einen, noch um Sicherheit auf der anderen Seite. Gewalt wurde zum Selbstzweck, zum Ereignis an sich. Was geschah, ist Ausdruck eines grausigen Gewaltfetischs. Kampf als dem Menschen naturgemäße Lebensform, wo jeder Zweck jedes Mittel rechtfertigt – Ernst Jünger hätte es sich nicht schlechter ausdenken können.

Wer jedoch jede Kritik hinter Zerstörung zurücktreten lässt und wer Grundrechte mit dem Schlagstock einschränkt, begibt sich weit außerhalb jeder Form von demokratischer Verständigung. Die Autonomen haben ihr Exempel statuiert, die Polizei die Bilder produziert, die sie brauchte, um den Aufwand zu rechtfertigen. Allein, das Ganze war vorhersehbar. Die Verantwortung für die Zerstörung Hamburgs liegt bei denen, die diesen Gipfel dort wollten: Olaf Scholz und Angela Merkel. Sie sollten die Konsequenzen ziehen – und zurücktreten.

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Geschrieben von

Leander F. Badura

Redakteur Kultur (Freier Mitarbeiter)

Leander F. Badura kam 2017 als Praktikant zum Freitag und hat seither in wechselnder Intensität für die Ressorts Politik und Kultur gearbeitet. Er studierte Politikwissenschaft in Freiburg und Aix-en-Provence sowie Lateinamerikastudien und Europäische Literaturen in Berlin. Seit 2022 ist er im Kultur-Ressort für alle Themen rund ums Theater verantwortlich. Des Weiteren beschäftigt er sich mit Literatur, Theorie, Antisemitismus und Erinnerungskultur sowie Lateinamerika. Er schreibt außerdem regelmäßig für die Jungle World.

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