Leander F. Badura
12.07.2017 | 13:02 17

Wie von Ernst Jünger ersonnen

G20 Autonome und Polizei haben in Hamburg die für sie vorgesehene Rolle gespielt. Konsequenzen sollten die tragen, die für dieses Schauspiel verantwortlich waren

Wie von Ernst Jünger ersonnen

Auflösung: Olaf Scholz und Angela Merkel

Foto: Patrik Stollarz/AFP/Getty Images

In der Psychoanalyse heißt es, dass Verdrängtes als Störung zurückkommt. Wenn der Staat der Verdränger der Gewalt ist, die er in sein Monopol überführt hat, dann ist sie beim G20-Gipfel in Hamburg als Kollektivneurose zurückgekehrt; inklusive Hysterie im Nachgang. Besonders bitter: die nun sich ankündigende Repressionswelle gegen sogenannte Linksextreme wird jene Gruppen treffen, die seit Jahren die Arbeit machen, die der Staat nicht leisten will: in der Fläche Nazistrukturen aufdecken und bekämpfen.

Das zerstörte Schanzenviertel legt den Finger in die schwelende Wunde der Zivilisation. Von den Autonomen kamen viele aus Griechenland, Italien oder Frankreich – Ländern in denen sich eine große Wut auf Europas Sparhegemon Deutschland angestaut hat. Gewalt und Zerstörung von der Peripherie ins Zentrum zu tragen, ist immer wieder Teil angeblich antikapitalistischer Strategien gewesen.

Dass der Kapitalismus tatsächlich nur durch Gewalt überlebt, zeigt wiederum der martialische Aufwand und die Brutalität, mit der die Polizei – auch gegen friedlich Demonstrierende – vorgegangen ist. Dass dabei niemand umgekommen ist, scheint an ein Wunder zu grenzen. Insbesondere die Berichte über Angriffe auf Journalisten geben Anlass zur Beunruhigung. Die Strategie der Polizei ist gescheitert, hört man nun Protestforscher rauf und runter erklären.

Doch während dieses Gipfels ging es weder um Kritik auf der einen, noch um Sicherheit auf der anderen Seite. Gewalt wurde zum Selbstzweck, zum Ereignis an sich. Was geschah, ist Ausdruck eines grausigen Gewaltfetischs. Kampf als dem Menschen naturgemäße Lebensform, wo jeder Zweck jedes Mittel rechtfertigt – Ernst Jünger hätte es sich nicht schlechter ausdenken können.

Wer jedoch jede Kritik hinter Zerstörung zurücktreten lässt und wer Grundrechte mit dem Schlagstock einschränkt, begibt sich weit außerhalb jeder Form von demokratischer Verständigung. Die Autonomen haben ihr Exempel statuiert, die Polizei die Bilder produziert, die sie brauchte, um den Aufwand zu rechtfertigen. Allein, das Ganze war vorhersehbar. Die Verantwortung für die Zerstörung Hamburgs liegt bei denen, die diesen Gipfel dort wollten: Olaf Scholz und Angela Merkel. Sie sollten die Konsequenzen ziehen – und zurücktreten.

Kommentare (17)

Sünnerklaas 12.07.2017 | 14:37

Die Politik - und vor allem die Kanzlerin - hat jetzt die für den Bundestagswahlkampf wichtigen Bilder. Jetzt werden die alten Textbücher wieder heraus geholt: "Innere Sicherheit", "Kampf dem Extremismus" - es wird auch nicht lange dauern, bis die ersten UNIONS-Politiker wieder anfangen vom "Kampfeinsatz der Bundeswehr im Innern" anfangen zu faseln.

Reinhardt Gutsche 12.07.2017 | 14:46

„Genau die Art von Besessenen“ - von Mouchards und Agents provocateurs


Die meisten Vermummten bei solchen Versammlungen sind doch die Polizeibeamten. Die können unter dem Schutz dieser Vermummung übergriffig werden.“ („Die Zeit“, 07. 07. 2017)


Das erinnert an die Figur des Polizeichefs Simonini in Umberto Ecos Roman „Der Friedhof in Prag“ und dessen offenherziges Eingeständnis zur Rolle von Mouchards und Agents provocateurs im Dienste der italienischen und französischen Polizei im 19. Jh.:
„Die Sache der Einheit Italiens verlangte den Tod des Diktators. Dabei war Simonini durchaus klar, daß diese weinseligen Schwärmer nur ein begrenztes Interesse an der Einheit Italiens hatten und es ihnen vielmehr darum ging, schöne Bomben explodieren zu lassen. Sie waren genau die Art von Besessenen, die er suchte.“ (Der Friedhof in Prag, S. 217)


„Ein guter Agent der Nachrichtendienste ist verloren, wenn er in etwas bereits Geschehenes eingreifen muß. Unser Metier ist, dafür zu sorgen, daß es früher geschieht. Wir geben nicht wenig Geld dafür aus, Tumulte auf den Boulevards zu organisieren. Dazu braucht man nicht viel, ein paar Dutzend entlassener Zuchthäusler und einige Polizisten in Zivil genügen, sie plündern drei Restaurants und zwei Bordelle, auf den Lippen die Marseillaise, zünden ein paar Zeitungskioske an, dann kommen die Unseren in Uniform und verhaften sie alle nach einem Anschein von Handgemenge.“ (Der Friedhof in Prag, S. 254)


erftstadtboy 12.07.2017 | 16:02

das schanzenviertel ist nicht zerstört. was soll diese pathetik, diese übertreibung?

scheiben sind eingeworfen, ladenlokale beschädigt, ein paar barrikaden und autos haben gebrannt, ein rewe wurde geplündert. nicht weniger und nicht mehr.

das schanzenviertel pulsierte am sa-tag nach der großen demo wieder relativ friedlich vor sich hin, sehr volle straßen, eher volksfeststimmung - kioske, imbisse und gastronomie machten ein sehr gutes geschäft...als es dunkel wurde, wurde es dann wieder unruhig...aber zerstört?

und hh ist ganz und gar nicht zerstört. im gegenteil, abgesehen von dem ausfall auf die elbchaussee war es dort während der g20-tage so ruhig wie lange nicht, kaum autos auf der straße, alles abgesperrt, viele verreist. eher so sommerferienstimmung.

miauxx 12.07.2017 | 20:25

"In der Psychoanalyse heißt es, dass Verdrängtes als Störung zurückkommt. Wenn der Staat der Verdränger der Gewalt ist, die er in sein Monopol überführt hat, dann ist sie beim G20-Gipfel in Hamburg als Kollektivneurose zurückgekehrt [...]"

Ich meine, diese Eröffnung sollte noch einmal durchdacht werden. Sind Sie sicher, was Sie sagen wollten?

Ansonsten finde ich den Artikel ziemlich gut und treffend. Den Ernst Jünger hätten Sie aber auch weglassen können. Was soll der hier?

sch123 12.07.2017 | 21:10

"Das zerstörte Schanzenviertel legt den Finger in die schwelende Wunde der Zivilisation."

"[...]Ausdruck eines grausigen Gewaltfetischs."

"[...] die Zerstörung Hamburgs [...]"

Darf freudigst vermelden Herr Badura: Hamburg geht es gut!

Die Trümmerfrauen (und -männer) in der Schanze haben ganze Arbeit geleistet, das Wirtschaftswunder kann kommen.

( https://twitter.com/leogfischer/status/884327394085097472 )

Ernsthaft, ist das jetzt Ihr Beitrag zur Hysterie im Nachgang?

Comparse 13.07.2017 | 08:42

Es gibt keinen demokratischen Kapitalismus. Das Demokratiemäntelchen war ein Mäntelchen. Nicht mehr und nicht weniger. Aber es kann einen demokratischen Sozialismus geben, für den die DDR Bürger in den Wendejahren tatsächlich auf die Straße gingen. Sie wollten keine Vereinnahmung durch die BRD - auch wenn es von Kohl und Konsorten ständig propagiert wurde. Aber dieses wahre demokratische Ansinnen der Bürger wurde vom Westen sofort in andere für den Kapitalismus günstigere Bahnen gelenkt. Das Ergebnis kennen wir. Hat sich mal jemand gefragt, warum damals im Osten keine Panzer, Wasserwerfer etc. gegen diese Bürger eingesetzt wurden?

SigismundRuestig 13.07.2017 | 23:33

Eine G20-Parabel:Ein langjährig tätiger, etwas ausgebrannter Zirkusdirektor will mit einem neuem Zirkusprogramm seinen nachlassenden Ruf mehren. Lange vorbereitet, weltweit beworben, gibt er eine mit internationalen Stars besetzte Raubtier-Show, durchsetzt mit einigen Clowns-Nummern. Die zahlreich aus aller Welt angelockten Zuschauer sind höchst unzufrieden und zerstören das Mobiliar im wunderschönen Zirkuspalast. Der Zirkusdirektor aber lobt die Show und auch sich selbst, weil er die jetzt kritisierten Unzulänglichkeiten der Show ja so vorhergesehen und auch in einem Abschlußbericht so notiert habe. Gleichzeitig lässt er seine Zirkushunde von der Leine und seine Zirkusfamilie mit den Fingern auf den Hausmeister zeigen, der einzig und alleine schuld an den Gewaltexzessen trage - schließlich ist er ja der Hausmeister. Nur der Hausmeister entschuldigt sich für die misslungene Show, will aber partout nicht zurücktreten!
Diverse Schlauberger haben herausgefunden, dass die Zuschauer wohl extremistische Gegner von Tierdressuren waren, weshalb alle Parteien, die derartige Meinungen auch unterstützen, bis September 2017 öffentlich an den Pranger gestellt werden.
Aufgrund von Hinweisen von befreundeten Auslandszirkussen wurden zudem von den zahlreich angereisten Journalisten diejenigen ausgesondert, die schon einmal als Tierdressuren-Gegner aufgefallen waren. Die Circus-Clowns sind damit beschäftigt, dies der interessierten, der Pressefreiheit zugetanen Öffentlichkeit zu vermitteln. D.h. der Zirkus geht weiter.
Unterdessen ist der Zirkusdirektor mit der Vorbereitung einer neuen Zirkus-Show beschäftigt, die ab Ende September zum Thema "Sie kennen mich - auf Ihren Wählerstimmen lässt es sich gut ruhen" gegeben werden soll.Es sind Wahlkampfzeiten:https://youtu.be/dOa-fcp74uU

SigismundRuestig 13.07.2017 | 23:33

Typisch: Merkel und ihr Sicherheitsminister De Maziere machen sich einen schlanken Fuß und lassen andere - gerne immer wieder die CSU-Spezl'n - auf Olaf Scholz und seine SPD zeigen! Wohlgemerkt, die G20 waren eine - m.E. erfolglose - Veranstaltung der Bundesregierung! Und anschließend feiert sich die Union als die Hüterin der Sicherheit! Die Union, unter deren Regierungen noch bis 2010 unter dem neoliberalen Stichwort „schlanker Staat" massiv Polizei-, Justiz- und Sicherheitsorgane abgebaut wurden, um heute deren Unterausstattung, wo immer möglich, anderen - vorwiegend der SPD - in die Schuhe zu schieben (vgl. NRW-Wahlen).
So hat es im übrigen Merkel schon nach den Vorfällen auf der Kölner Domplatte gehalten. So hält sie es auch in diesem Fall. Die nächsten Tage und Wochen werden es zeigen. Dies passt nahtlos in die Unions-Wahlkampf-Strategie: selbst gemachte Fehler und Versäumnisse den anderen in die Schuhe schieben und sich selbst als Vorkämpfer präsentieren.
Und die Medien fallen auf dieses Spiel rein bzw. spielen es beflissen mit.
Verkehrte, postfaktische Welt.http://youtu.be/QqoSPmtOYc8
Es sind Wahlkampfzeiten:https://youtu.be/dOa-fcp74uU
PS:1.Es war Merkel's ausdrücklicher Wunsch, diesen G20-Gipfel in unmittelbarer Nähe des Bundestags-Wahltermins in Hamburg zu veranstalten, obwohl bekannt war, dass der G-8-Gipfel 2001 in Genua mit Exzessen endete und die Polizei u.a. einen Demonstranten erschoß, dass der G-20-Gipfel in Toronto mit kaputten Fenstern und brennenden Autos endete. Eine der Lehren war, dass es riskant ist, solche Gipfel in Großstädten abzuhalten. Ist Merkel aus wahltaktischen Gründen dennoch dieses hohe Risiko eingegangen?2. Scholz entschuldigte sich, De Maziere oder gar Merkel halten das bisher nicht für nötig.