Liberalissimo
17.03.2017 | 10:57 68

Gesellschaftliche Tiefenstrukturen

Diskurstheorie Momentan macht sich geschwätzige Sprachlosigkeit breit. Fördern Queer- und Gender-Studies flexible Anpassung an die neoliberalen Anforderungen?

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Liberalissimo

Der gegenwärtige öffentliche Diskurs ist an dümmlicher Geschwätzigkeit kaum zu überbieten. Von dieser lauten und schrillen Denklosigkeit profitiert das herrschende System des Kapitalismus, welches sich zur Zeit in das Gewand "Neoliberalismus" hüllt.

Eine der wenigen Personen, die sich vom immer flacher werdenden Strom der Belanglosigkeiten und Phrasen nicht mitreißen lässt, ist die feministische Theoretikerin Roswitha Scholz. Sie ist Mitglied der Redaktion der Zeitschrift "Exit!" und Autorin des Buches "Das Geschlecht des Kapitalismus". Weiterhin verfasste sie mehrere Publikationen zusammen mit ihrem 2012 verstorbenen Ehemann Robert Kurz.

Aktuell findet sich ein Kurzinterview mit ihr in der Zeitschrift "konkret". Ihre Aussagen im Interview, abgedruckt auf der ersten Seite, weisen mehr Gehalt auf, als der Rest einer erschreckend seichten Ausgabe.

Hier ein wesentlicher Auszug:

"Der Aufstieg rechter Bewegungen geht auch mit dem Wunsch nach einer Rückkehr zu überkommenen Geschlechterbilder einher.

Ja, die Verunsicherung tradierter Geschlechternormen kann umschlagen. Der Hass auf Frauen und Minderheiten nimmt wieder zu. Natürlich kann es faktisch keine Rückkehr zum Frauenbild der 50er Jahre geben.

Ich finde an dieser Stelle interessant, wie sich Gender- und Queer-Theorien, die nach dem Zusammenbruch des Ostblocks eine Art Höhenflug erlebt haben, an dieser Stelle blamieren. Sie haben in gewisser Weise eine Verharmlosung gesellschaftlicher Verhältnisse betrieben. Man hat geglaubt, die Liberalisierung der Gesellschaft und die Gleichstellung der Frauen sein weit fortgeschritten. Geschlechterhierarchien und die Struktur der Zwangsheterosexualität wurden eher mit zahnloser Kritik bedacht. Marxistische oder psychoanalytische Theorien wurden zugunsten einer Diskurstheorie, die sich auf die Analyse sprachlicher Zuschreibungen beschränkte, zumeist verworfen. Diese poststrukturalistischen Theorien haben in gewisser Weise dem neoliberalen Anforderungsprofil an flexible Identitäten in die Hände gespielt.

Heute sehen wir, dass die oberflächlichen, gesellschaftstheoretisch kaum fundierten Theorien der Queer- und Gender-Studies Fehleinschätzungen waren. Wenn ich nicht wahrnehme, dass es gesellschaftliche Tiefenstrukturen gibt, die zwar historisch ihr Gesicht verändern, aber letztlich als Zwangsstrukturen bestehenbleiben, dann tendiere ich dazu, Situationen, in denen es auch tatsächlich Emanzipationsgewinne gibt, schon mit der Befreiung zu verwechseln. In vielen Ländern werden derzeit die Errungenschaften von emanzipatorischen Kämpfen schlicht kassiert. Da muss die Diskurstheorie aus allen Wolken fallen."

Derart fundierte kritische Gedanken sind gegenwärtig Mangelware. Sie sollten vertieft und weitergeführt werden. Ich bin mir nicht sicher, ob der Freitag die richtige Plattform dazu ist. Möglich wäre es.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (68)

Aussie42 18.03.2017 | 05:06

Danke fuer Ihren Hinweis auf Frau Scholz und deren Interview in konkret.
Mein erster Einwand ist eher formal.

Auf eine dreizeilige Frage zum Fraunbild der rechten Bewegungen, antwortet Frau Scholz mit 32 Zeilen.
Hauptsaechliche wettert die Autorin gegen andere, nicht-marxistische Analysen der Gender Problematik. Eine im wissenschaftlichen Betrieb verbreitete Uebung.

Erst im vorletzten Absatz geht sie auf die ihr gestellte Frage zum Frauenbild der rechten Bewegungen ein. Und zwar so:

Wenn ich nicht wahrnehme, dass es gesellschaftliche Tiefenstrukturen gibt, die zwar historisch ihr Gesicht verändern, aber letztlich als Zwangsstrukturen bestehenbleiben, dann tendiere ich dazu, Situationen, in denen es auch tatsächlich Emanzipationsgewinne gibt, schon mit der Befreiung zu verwechseln.

Wenn ich die umstaendlichen Negationen einklammere, behauptet Frau Scholz, es gaebe "gesellschaftliche Tiefenstrukturen, die zwar historisch ihr Gesicht veraendern, aber letzlich als Zwangsstrukturen bestehen bleiben."

Dass ist nun ziemlich genau die Position der Rechten (Maenner wie Frauen).

Diese sozio-naturalistische Genderdefinition ist m.E. kein "fundierter kritischer Gedanke". Sorry.

Liberalissimo 18.03.2017 | 11:04

Auch Ihnen empfehle ich einen Blick auf das Theoriegebäude von Frau Scholz, entweder in "Exit" oder in der Wikipedia. Frau Scholz analysiert die von Ihnen so genannten "archaischen Strukturen" sehr genau, in der Tiefe sozusagen.

Passend dazu ein Zitat von Robert Kurz:

"'Geerbt' von Protestantismus und Aufklärung hatte der Arbeiterbewegungsmarxismus [...] auch das Geschlechterverhältnis eines in diesen Formen versachlichten Patriarchats, in dem die nicht im Wert aufgehenden Momente der gesellschaftlichen Reproduktion abgespalten, weitgehend als 'weiblich' bestimmt und an die Frauen delegiert wurden."

Moorleiche 18.03.2017 | 12:39

"Marxistische oder psychoanalytische Theorien wurden zugunsten einer Diskurstheorie, die sich auf die Analyse sprachlicher Zuschreibungen beschränkte, zumeist verworfen. Diese poststrukturalistischen Theorien haben in gewisser Weise dem neoliberalen Anforderungsprofil an flexible Identitäten in die Hände gespielt."

Wenn es denn wenigstens das wäre. Das ist ja noch nicht mal Diskurstheorie, sondern eine Fixierung auf Begriffe und der aller naivste Glaube daran, dass wer bestimmte Begriffe meidet auch kein schlechter Mensch sein kann und wer bestimmte Begriffe benutzt, ein guter ist.

Das ist keine Diskurstheorie, sondern Wortmagie.

Aussie42 18.03.2017 | 14:11

Als gelernter Hermeneutiker bin ich an Saetzen und deren Inhalten interessiert. (nicht nur natuerlich). Und wenn ich da bereits sehr eigenartige Aussagen finde, bin ich gleich mal skeptisch.

Ihr freundlicher Literaturhinweis ist mir nicht neu. Sie daben da schliesslich den Satz mit dem "Ehemann" abgekupfert.

Dass eine Wissenschaftlerin die eigene Theorie prima und die ihrer Konkurrentinnen nicht so gut findet (und das auch gern verkuendet) ist mir auch nicht neu. (Bei Maennern ist das nicht anders.)

Sie finden meine Kritik natuerlich voellig unangemessen und wehren sich. Verstaendlich. Sie haben ja schliesslich den Text fuer die Community geschrieben.

Moorleiche 18.03.2017 | 15:12

War doch eigentlich deutlich. Die hier kritisierte Diskurstheorie ist oft keine, sondern mindestens mal im täglichen Gebrauch eine Vermeidung bestimmter Begriffe und ein oft die Grenze zur Albernheit überschreitender Korrektsprech, was an sich schade ist, da es manche durchaus interessante Aspekte der Gendertheorien in Misskredit bringt, diese sind oft nicht so schlimm, wie ihr Ruf.

Oft allerdings auch nicht so gut. Dass nun alles daran gemessen werden muss, inwieweit es neoliberalen Ideen in die Karten spielt, hängt mir persönlich zum Hals und den Ohren raus, die Koalition aus Psychoanalyse und Marxismus ist längst keine mehr, aufgekündigt von den Analytikern, die erkannten, dass ein übergroßes Über-Ich/eine rigide Struktur zwar durchaus neurotisierend ist, aber ein schwaches Über-Ich/Strukutverlust/magelnde Impulskontrollen bei weitem(!) schlimmer ist. Dieser Zug ist an Marxisten völlig vorbei gefahren.

Natürlich gibt es psychologische, semantische und andere Tiefenstrukturen, sie schließen einander nicht mal zwingend aus.

Die Übertreibungen sind das Problem und wenn Gender Studies zu einer de facto Leugnung biologischer und altersmäßiger Unterschiede werden (was zwar immer wieder geleugnet, aber doch getan wird), so wird das von der modernen Psychoanalyse eingefangen und als die perverse (= prä-ödipale) Lösung bezeichnet, die keine ist, sondern in einer diffusen keine Grenzen, keine Unterschiede Ideologie die Konsequenzen aus dem ödipalen Konflikt durch Leugnung (ein primitiver Abwehrmechanismus) zu vermeiden sucht.

Es läuft halt viel auf den guten alten Ödipuskomplex hinaus, der in aller Regel abgelehnt wird, ohne, dass man ihn und seine Implikationen kennt.

Liberalissimo 18.03.2017 | 15:56

Frau Scholz schreibt nicht von einer "Koalition aus Psychoanalyse und Marxismus", sie trennt bewusst " Marxistische oder psychoanalytische Theorien wurden zugunsten einer Diskurstheorie, die sich auf die Analyse sprachlicher Zuschreibungen beschränkte, zumeist verworfen.".

Die von ihr erwähnten "gesellschaftlichen Tiefenstrukturen", legen immer wieder andere Schminke auf, bleiben aber stets als "Zwangsstrukturen" bestehen. Meiner Interpretation nach kritisiert sie, dass es nicht genügt, passend zur wechselnden Schminke dieser Strukturen, mit flexiblen Identitäten zu reagieren, die letztlich das neoliberale Spiel nicht stören, eher mittanzen, hilfreich mitspielen. Das ist, von den Begrifflichkeiten abgesehen, eine substantielle Kritik. Denn als Ergebnis werden echte "Errungenschaften emanzipatorischer Kämpfe kassiert". Diese An/Ent/Wiederent-Eignung ist die fatale Fähigkeit des "Kapitals". Was bleibt? Neue Charaktermasken, viel Schminke und ein paar neue Begrifflichkeiten?

Moorleiche 18.03.2017 | 16:16

"Meiner Interpretation nach kritisiert sie, dass es nicht genügt, passend zur wechselnden Schminke dieser Strukturen, mit flexiblen Identitäten zu reagieren, die letztlich das neoliberale Spiel nicht stören, eher mittanzen, hilfreich mitspielen."

Psychologisch formuliert befindet man sich im Bereich eines Rollen-Ichs, was sich nicht vorstellen kann, seine eigenen Träume dann auch mit Leben zu füllen. Statt dessen erfüllt es Rollen, ob die dann neoliberal oder sonstwie definiert sind, ist bereits nachrangig.

Dass viele Genderstreiterinnen Rollen spielen, stimmt. Dass man auch Rollenbilder und Markenprodukte für Menschen die frei oder unkonventionell sind designen kann, ist auch richtig. Die zielführende Frage wäre wie man aus dem Rollenspiel raus kommt. Da können sicher viele Ansätze helfen, solange der Problem in der Tiefe erkannt und bekannt wird.

Ich glaube, die Frage ist, woran man einen freien Menschen erkennt. Die Zahl derer die uns erklären, dass, wo und wie wir alle manipuliert werden ist ja ironischerweise ein gut funktionierender Markt.

Liberalissimo 18.03.2017 | 17:00

Genau, ein funktionierender "Markt", um nichts anderes geht es im Kapitalismus. Wenn das "globalisierte Kapital" den schon von Sennett beschriebenen "flexiblen Menschen" benötigt, in seiner extremen Form, dann sagt es, frei adaptiert, ihr könnt euch so viel selbst verwirklichen, wie ihr wollt. Hauptsache, ihr bleibt verwertbar.

Was kostet den Kapitalismus diese Freizüggikeit? Nichts. Was bekommt es dafür? Die Preisgabe der "Befreiung aus geknechteten Verhältnissen". Willige Mitmacher. Und ein neues auszubeutendes "kulturelles" Feld mit vielen zu erntenden Früchten und Moden.

Für den Kapitalismus ein guter Tausch, da gleichzeitig ein Alleinstellungsmerkmal. "Despotische" Regierungen können derartige sekundäre Freiheitsgrade nicht gewähren, da sie gegen eine autoritäre Regierung systemkritisch angewandt werden können.

Vielleicht ist das der Grund, warum im ehemaligen "Ostblock" die Anwendung alleine schon als Erfolg gewertet wird. Dort ist/war man blind für die wesentlich weiter fortgeschrittene "Aneignungstechnik" des Kapitalismus.

Moorleiche 18.03.2017 | 17:16

Gegen Flexibilität ist ja erstmal nicht einzuwenden. Die Frage ist nach wie vor, ob dies im Dienste des Ichs oder der Rolle passiert.

Dem Kapitalismus muss es ja nicht schlecht gehen, ihn zu schädigen ist ja kein Selbstzweck. Wenn ein reifes Ich tut, was es will und der Kapitalismus davon auch profitiert, sehe ich das nicht per se als Problem an. Der Kapitalismus sthet dann um Dienste des reifen Ich, nicht das Rollen-Ich im Dienste des Kapitalismus. Um diesen Unterschied geht es und damit zu der Frage, was ein reifes und freies Ich auszeichnet und wie sich so ein reifes und freies Ich typischerweise verhält.

karamasoff 18.03.2017 | 17:35

"als der Rest einer erschreckend seichten Ausgabe." hab noch nicht alles gelesen, aber bisher negativ aufgefallen ist mir nur, in teilen und mal wieder, der ebermann mit seinem motto "ich weiss was was ihr nicht wisst, sag es aber nicht oder deut es nur an", um dann angriffe gg, diverse personen zu fahren. das ist für die intellektuelle wuchtigkeit und konsequenz mit der artikel in der konkret manchmal ausgestattet sind eher abträglich. bei roswita scholz hol ich mir ab und an eine nötige watschn ab für meinen imemr noch oberflächlichen maskulinmarxistischen denkstand. ^^

Liberalissimo 18.03.2017 | 17:55

"das ist für die intellektuelle wuchtigkeit und konsequenz mit der artikel in der konkret manchmal ausgestattet sind eher abträglich" - ähnlich sehe ich das auch.

Der Artikel von Ebermann passt eher in eine Schüler/Studentenzeitung oder eignet sich für ein Pamphlet. Insbesondere da der Artikel, laut konkret, nur der erste Teil eines redaktionell bearbeiteten Mitschnitts eines Vortrages vom 16. Januar ist, den Ebermann im Hamburger Polittbüro gehalten hat. Dieser soll sich auf freie-radios.net befinden, findet sich aber dort nicht. Ist er möglicherweise schon Beschwerden zum Opfer gefallen?

pleifel 18.03.2017 | 18:16

"Der gegenwärtige öffentliche Diskurs ist an dümmlicher Geschwätzigkeit kaum zu überbieten. Von dieser lauten und schrillen Denklosigkeit profitiert das herrschende System des Kapitalismus, welches sich zur Zeit in das Gewand "Neoliberalismus" hüllt."

Wer behauptet denn, dass der Neoliberalismus kein Kapitalismus sei? Wer solches schreibt, dem darf Naivität unterstellt werden (wohl meint er/sie wohl andere damit).

Wenn man sich erst in das "Theoriegebäude von Frau Scholz" einarbeiten muss, um zu kritisieren, dann halte ich besagtes Zitat aus Konkret für müßig, da es "nur" das Weltbild des Schreibers ausdrückt.

Aber es dürfte dann wohl hier nicht die adäquate Plattform sein. :-)

Moorleiche 18.03.2017 | 18:35

Das ist m.E. in zwei Texten recht schön beschrieben. Der erste ist von dem Psychoanalytiker Otto Kernberg, der versucht hat ein (ideal) normales Ich zu beschreiben:

„In das von mir vorgeschlagene Modell der Klassifizierung der Persönlichkeitsstörungen sind auch die bedeutenden Beiträge anderer psychoanalytisch orientierter Forscher und Wissenschaftler eingeflossen, so die Ergebnisse von Salman Akhtar (1989, 1992), Rainer Krause (1988; Krause & Lutolf 1988 ), Michael Stone (1980, 1990, 1993a) und Vamik Volkan (1976, 1987). Die normale Persönlichkeit ist in erster Linie gekennzeichnet durch ein integriertes Selbstkonzept und ein integriertes Konzept von wichtigen Bezugspersonen. Sind diese beiden Strukturelemente der Persönlichkeit vorhanden, sprechen wir von „Ich-Identität“ (Erikson 1956a, b; Jacobson 1964). Erkennbar werden sie an dem inneren Gefühl für Selbstkohärenz und dem damit verbundenen äußeren Ausdruck. Ein integriertes Selbstkonzept bildet die grundlegende Voraussetzung für ein normales Selbstwertgefühl, Freude am eigenen Selbst und am Leben. Das eigene Selbst in seiner Ganzheit zu sehen verleiht die Fähigkeit zur Verwirklichung eigener Wünsche, zur Entwicklung des eigenen Potentials sowie die Fähigkeit zum Eingehen von langfristigen Beziehungen. Ein integriertes Konzept von wichtigen Bezugspersonen verleiht die Fähigkeit zur richtigen Einschätzung anderer Menschen und zur Empathie sowie zur emotionalen Besetzung anderer Menschen; auch gehört dazu die Fähigkeit, eine reife Form der Abhängigkeit zu entwickeln und gleichzeitig das konsistente Gefühl für die eigene Autonomie zu bewahren.

Das zweite Strukturmerkmal der normalen Persönlichkeit ist die aus der Ich-Identität erwachsende Ich-Stärke, die sich in einem breiten Spektrum von Affektdispositionen zeigt, aber auch in der Fähigkeit zur Affekt- und Impulskontrolle. Die Fähigkeit zur Sublimierung der Triebe in Arbeit und Wertvorstellungen wird in hohem Maße gespeist von der Integration des Über-Ich. Beständigkeit, Ausdauer und Kreativität sowohl beim eigenen Tun als auch in Beziehungen entstammen gleichfalls der normalen Ich-Identität, während die Fähigkeit Vertrauen zu entwickeln und ein Gefühl für Reziprozität und Engagement auszubilden, auch sehr stark von Über-Ich Funktionen determiniert wird.

Ein dritter Aspekt der normalen Persönlichkeit zeigt sich in einem ausgebildeten und integrierten Über-Ich mit internalisiertem Wertesystem. Dieser Wertekodex muss stabil und auf das Individuum zugeschnitten sein und darf nicht zu stark von unbewussten kindlichen Verboten beeinflusst werden. Eine solche normale Über-Ich-Struktur zeigt sich in dem Gefühl für persönliche Verantwortung und in der Fähigkeit zu realistischer Selbstkritik. Ebenso zählen dazu persönliche Integrität und eine gewisse Flexibilität beim Umgang mit den ethischen Aspekten von Entscheidungen. Ein normal ausgebildetes Über-Ich fühlt sich den Standards, Werten und Idealen seiner Kultur verpflichtet und unterstützt die oben ausgeführten Ich-Funktionen: Vertrauen entwickeln, Gegenseitigkeit anerkennen und tiefgehende Beziehungen zu anderen aufbauen.

Der vierte Aspekt der normalen Persönlichkeit ist der angemessene und befriedigende Umgang mit libidinösen und aggressiven Impulsen. Dazu zählen die Fähigkeit sinnliche und sexuelle Bedürfnisse uneingeschränkt ausdrücken zu können, ebenso die Fähigkeit, Zärtlichkeit zu zeigen und sich emotional für einen geliebten Menschen zu engagieren, sowie eine nicht übersteigerte Idealisierung dieses Menschen und der Partnerschaft. In diesem Bereich ist der freie Ausdruck der Sexualität in die Ich-Identität und das Ich-Ideal integriert. Eine normale Persönlichkeitsstruktur beinhaltet die Fähigkeit zur Sublimierung in Form von Selbstbehauptung, das heißt, diese Persönlichkeitsstruktur hält einem Angriff stand, ohne exzessiv zu reagieren; die Reaktion dient allein dem Schutz und die Aggression richtet sich nicht gegen das Selbst. Zu diesem Gleichgewicht tragen, wie hier nochmals betont werden soll, Ich- und Über-Ich-Funktionen bei.“
(Otto F. Kernberg, Narzißmus, Aggression und Selbstzerstörung, Klett-Cotta 2006, S. 22f)

Der andere ist von Ken Wilber:

„Das Auftauchen der formal-reflexiven Basisstruktur eröffnet die Möglichkeit der D-5-Selbstentwicklung: eine hochdifferenzierte, reflexive und introspektive Selbststrukturierung. Das D-5-Selbst ist nicht mehr unreflektiert an soziale Rollen und konventionelle Moral gebunden; zum ersten Mal kann es sich auf seine eigenen individuellen Prinzipien von Vernunft und Gewissen stützen (Kohlbergs postkonventionelles, Loevingers gewissenhaft-individualistisches Selbst etc.). Zum ersten Mal kann das Selbst eine mögliche (oder hypothetische) Zukunft konzipieren (Piaget) mit ganz neuen Zielen, neuen Möglichkeiten, mit neuen Wünschen (Leben) und neuen Ängsten (Tod). Es kann mögliche Erfolge und Misserfolge abwägen auf eine Art, die es sich zuvor nicht vorstellen konnte. Es kann nachts wachliegen vor Sorge oder Begeisterung über alle seine Möglichkeiten. Es wird Philosoph, ein Träumer im besten und höchsten Sinn; ein innerlich reflexiver Spiegel, staunend über seine eigene Erkenntnis. Cogito, ergo sum.
"Identitätsneurose" bezeichnet spezifisch alle Dinge, die beim Auftauchen dieser selbstreflexiven Struktur schiefgehen können. Ist sie stark genug um sich von Regel/Rollen-Geist freizumachen und für ihre eigenen Gewissensprinzipien einzustehen? Kann sie, wenn nötig, den Mut fassen, nach einer eigenen Melodie zu marschieren? Wird sie es wagen, selbst zu denken? Wird sie von Angst und Depressionen erfasst angesichts ihrer eigenen Möglichkeiten? Diese Dinge – die leider von vielen Theoretikern der Objektbeziehungen auf die D-2-Dimension von Trennung und Individuation reduziert werden – bilden den Kern des D-5-Selbst und seiner Identitätspathologie. Erikson (1959, 1963) hat die vielleicht definitiven Studien über die D-5-Selbstentwicklung geschrieben („Identitiät vs. Rollenkonfusion“). Hier kann nur die Beobachtung hinzugefügt werden, dass
philosophischen Probleme ein integraler Bestandteil der D-5-Entwicklung sind und philosophische Erziehung ein integraler und legitimer Bestandteil der Therapie auf dieser Ebene ist.“

(Ken Wilber, Das Spektrum der Psychopathologie, in: Psychologie der Befreiung, Scherz 1988, S.125)

Die Zitate beantworten die Fragen, glaube ich. So ein Ich zu erreichen ist vielleicht nicht leicht, aber auch nicht außerirdisch. Es ist ein realistisches Ziel oberhalb des rollenspielenden Ichs.

Liberalissimo 18.03.2017 | 19:08

Interessant wäre es nun, die beschriebenen Aspekte in Beziehung zu setzen mit den Einwirkungen des "Kapitalismus". Beispielsweise bei Personen, die sich in einer schon prekären Lage befinden, kurz davor, in Erwartungs-Angst selbiger usw.. Das gilt auch für den immer schneller und stärker erodierenden "Mittelstand".

Dann wären es noch interessant zu erfahren, wie es um die Personenkreise, um die es im Beitrag geht, steht.

Ließen sich aus der daraus resultierenden Matrix Handlungs-Aspekte/Anleitungen/Anregungen ableiten?

Eines ist sicher, der Kapitalismus, um es entpersonalisiert zu formulieren, erforscht das gründlich, alleine schon im Bereich Marketing/Werbung.

Moorleiche 18.03.2017 | 19:27

Ja, fände ich auch interessant, ich habe mir dazu auch schon eigene Gedanken gemacht, die ich gerne ausführe, ich schaffe das allerdings jetzt nicht, da ich gleich zu Nachtschicht muss.

Einige Punkte der Theorie von Frau Scholz, finde ich dabei sehr interessant und lohnend, zu diskutieren. Melde mich vermutlich irgendwann morgen Nachmittag wieder.

Der Kernkonflikt ist dabei m.E. das Ringen um Autonomie, zwischen einem Ich, was all die vorgeschlagenen Rollenstereotype und Vermarktungsvorschläge für sich nutzen kann und einer kap. Struktur, die versucht das Ich klein zu halten, ihm zu suggerieren es sei bereits frei, wenn es Sportwagen fährt und herbes Bier trinkt.

Die Rolle der Weiblichkeit oder Frau in dem Konzept von Frau Scholz habe ich noch nicht begriffen, habe einige Texte aber auch erst überflogen.

Dass das Wesen der Aufklärung wesentlich männlich und eurozentrisch sei, hört man öfter und das ist sicher zu einem Teil korrekt, aber der relevante Punkt ist m.E. der, inwieweit man als Kritiker der Aufklärung bereit ist einen Werterelativsmus zu unnterschreiben und wie man diesem ggf. entkommt.

Zugespitzt, ohne mich hier schon zu positionieren: Wenn es bessere Werte gibt, müssen diese ja irgendwo auch konkret entstehen udn formuliert werden, d.h. die haben eine realen Entstehungsort. Die Behauptung dass sie tatsächlich besser sind, muss natürlich überprüft werden.

Jetzt muss ich meine Erscheinung noch rollenkompatibel machen.

Moorleiche 19.03.2017 | 16:38

So, wach und motiviert.

Alle kursiv gedruckten Zitate entstammen diesem EXIT! Text.

Wie es scheint, hat der Kapitalismus auf der ganzen Linie gesiegt. Und das nicht etwa bloß als äußere repressive Macht, sondern im Inneren der Subjekte selbst. Das scheinbare „Naturgesetz“ des Marktes und die negative Universalität der Konkurrenz werden als unüberschreitbare Bedingungen menschlicher Existenz erlebt, obwohl die Resultate verheerend, demütigend und unerträglich sind. Je deutlicher es wird, dass diese planetarische Ordnung der Gesellschaft auf soziale und ökologische Selbstzerstörung hinausläuft, desto verbissener klammern sich die Individuen an den Kategorien und Kriterien dieser negativen Form von Vergesellschaftung fest, die sie verinnerlicht haben. In demselben Maße, wie sich die bürgerliche Vernunft in jene Barbarei auflöst, vor der Marx gewarnt hatte, verweigert das gesellschaftliche Denken kritische Reflexion und beschwört eine kapitalistische „Zivilisation“, deren positiver Fortschritt häufig nur ideologisch behauptet und imaginiert wurde.“

Das hat mir nie so ganz eingeleuchtet, die These, dass unser Denken nun so weitreichend vom Kapitalismus geprägt sei, dass er das Innere des Subjekts erfasst und prägt. Verschärfend kommt noch hinzu, dass Menschen, die dieser These widersprechen nun erklärt wird, gerade ihn ihnen sei nun besonders tief das kapitalistische Denken verwurzelt, da sie nicht einmal mehr zur Kritik fähig wären, denn, so der logische Zirkelschluss, denn wer nicht in einem ausreichenden Maße den Kapitalismus kritisiert, bzw. die bestehende Kritik nicht sehr weitreichend teilt, ist ein Narr oder Profiteur des Systems.

Diese Denkfigur ist allerdings allseits bekannt. So ist die Psycholoanalytikerin und Freud-Kritikerin Alice Miller überzeugt, nahezu jedes Kind sei missbraucht worden (ihr Missbrauchs Begriff ist extrem weitreichend) und dieser flächendeckende Kindesmissbrauch sei von einer „Schwarzen Pädagogik“ gedeckt worden, die alle Schichten und unser Denken bis ins Innerste durchzieht und es den meisten unmöglich macht, ihren eigenen Missbrauch zu erkennen und zu reflektieren, weil die Missbrauchs-Kultur „im Inneren der Subjekte selbst“ (Exit-Text) wirkt und so über eine Internalisierung, als eigene Überzeugung erscheint. Und auch hier: Wer seinen eigenen Missbrauch leugnet, ist besonders arm dran, nämlich nicht einmal mehr zur Kritik fähig.

In analoger Weise agieren Religionskritiker, positivistischer, aber im Kern identisch kann man mit Biologisten debattieren, die felsenfest überzeugt sind, dass alles Leben Egoismus muss und Konkurrenz ist und auch hier: wer dies leugnet, ist ein Unbewusster, der die Prinzipien seiner eigenen Natur nicht kennt.

Kurz: Dieses argumentative Muster ist transideologisch und auch zirkulär. Das wäre eine formale Kritik, inhaltlich kann ja dennoch der eine oder andere Punkt, mal mehr, mal weniger stimmen. Und das meine ich: Das reife Ich kann diese Kritik durchaus verstehen und ist zur Selbstreflexion fähig. Es wird gewiss auch Prinzipien, Denkfiguren, Argumentationsweise des Kapitalismus (und des Missbrauchs, der Religion, des Bio-Egoismus, des Machtstrebens ...) in sich entdecken, aber eben anteilig.

Man kann auch durch ganz andere Menschen, Vorbilder geprägt sein, an erster Stelle ist da die Familie zu nennen, dann die Peergroup und auch fiktionale Helden. All diese können (müssen nicht, aber können) eine Gegenkraft zum konventionellen Denken sein (gesetzt, dass dies durch und durch kapitalistisch ist – auch hier lohnt es sich, etwas kritisch zu sein), es wäre also im Einzelfall zu prüfen, ob und inwieweit der Kapitalismus das Denken beeinflusst. Dass er all unser Denken, von früh bis spät prägt, ist eine m.E. schlecht belegte These, da vieles von dem, was dem Kapitalismus angelastet werden soll, auch in anderen Systemen zu finden ist und dass Konkurrenzdenken eine Erfindung des Kapitalismus sei, halte ich für eine sehr gewagte These.

Die Problemlage ist nicht völlig neu, auch wenn sie sich erst seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion zugespitzt hat. Schon seit den 60er Jahren war absehbar, dass das traditionelle marxistische Paradigma erschöpft ist und der kapitalistischen Entwicklung nicht mehr folgen kann. Zwar schienen die sich mehr oder weniger marxistisch legitimierenden nationalen Befreiungsbewegungen der 3. Welt gerade erst ihrem Höhepunkt zuzustreben (in Wirklichkeit sollten sie bald danach erlöschen). Unübersehbar begann aber der bürokratische Staatssozialismus des Ostens seine innere Entwicklungsfähigkeit und äußere Anziehungskraft einzubüßen. Ebenso deutlich war bereits zu erkennen, dass die westliche Arbeiterbewegung nach mehr als einem Jahrhundert ihrer Wirksamkeit keine Kraft mehr hatte und zum historischen Auslaufmodell wurde.

Aus der Sicht von „EXIT!“ war die sogenannte Neue Linke im Kontext der Studentenbewegung von 1968 noch nicht in der Lage, den neuen Problemhorizont zu erfassen und ein anderes, weiter gehendes Paradigma der Kapitalismuskritik zu entwickeln. Sie beschränkte sich im wesentlichen darauf, das historische Material des bisherigen Marxismus und Anarchismus zu sichten, einige Varianten und Subströmungen des alten Linksradikalismus noch einmal als eine Art Gespenster-Revue zu „inszenieren“ und das ganze Spektrum der traditionellen Organisationsformen im Miniaturformat von Sekten zu wiederholen. Die umfangreiche Literatur des 70er-Jahre-Marxismus war größtenteils nicht originell, kaum mehr als ein Nachklang von Kommentaren zu einer bereits abgestorbenen Geschichte in Gestalt von politischen und akademischen Fleißarbeiten. Heute verstaubt sie in den Bibliotheken.“

Ja. Es gibt konventionelle Muster und Klischees, die von der Bevölkerung kapitalistischer als auch kommunistischer/sozialistischer Systeme gleichermaßen attraktiv gefunden wurden, wie z.B. der Kampf von Gut gegen Böse. Linke Theoretiker (auch die klügsten) versuchten diese Struktur zunächst aus dem „falschen Bewusstsein“ des vom Kapitalismus geprägten Denkens zuzuschreiben, allerdings erkannten (nur die klügsten) auch, dass dies für das Denken innerhalb kommunistischer/sozialistischer Systeme ebenso galt und kassierten ihre Theorie von falschen Bewusstsein, bzw., schrieben es nicht länger ausschließlich dem Einfluss des Kapitalismus zu.

Ebenso deutlich grenzt sich „EXIT!“ vom sogenannten postmodernen Denken ab, das parallel und in Vermittlung mit der Neuen Linken versuchte, ausgerechnet durch eine „Abrüstung der Theorie“ den traditionellen Marxismus zu überwinden.“

Kann ich ebenfalls unterstützen.

Diese Tiefendimension der gesamten Moderne in die Reflexion aufzunehmen, hat zur Konsequenz, die basalen Kategorien des modernen warenproduzierenden Systems nicht mehr als positive ontologische Gegenstände zu verstehen wie der traditionelle Marxismus, sondern sie als negative und historische Gegenstände einer radikalen Kritik zu unterziehen. Zunächst gilt dies für die ökonomischen Kategorien im engeren Sinne, also die betriebswirtschaftliche Rationalität, die „abstrakte Arbeit“ (Marx) und deren Ausdrucksformen Wert, Ware, Geld und Markt. Befreiung ist erst jenseits dieser Kategorien denkbar, nicht „in“ und „mit“ ihnen.

Weil ...? Von was genau, muss man befreit werden?

Aber die Politik und ihre institutionellen Daseinsformen Staat, Demokratie und Nation bilden nur den anderen Pol des modernen Fetisch-Systems, der durch die juristische Form der bürgerlichen Subjekte konstituiert wird. Die ökonomischen und die politisch-juristischen Kategorien sind die zwei Seiten derselben Medaille. Das moderne Subjekt aller Klassen ist ein Schizo-Subjekt, gespalten in homo öconomicus und homo politicus, in Bourgeois und Citoyen.“

Auch hier wird behauptet, was belegt werden müsste. Dass der Mensch gerade kein homo oeconomicus ist, ist nun zigfach nachgewiesen (sehr schön bei Kahneman: „Schnelles Denken, langsames Denken“) und inzwischen ist das sogar in Wirtschaftskreisen bekannt. Was zeichnet des homo politicus aus?

Gewonnen wird so eine Perspektive, die sich nicht mehr bloß auf den immanenten soziologischen Gegensatz der „Klassen“ von Lohnarbeit einerseits und Repräsentanz des Kapitals andererseits beschränkt, sondern das gemeinsame Bezugssystem dieser Klassen ins Visier nimmt.“

Das klingt interessant.

Der Mehrwert ist dann kein positiver Gegenstand mehr, den die einen haben und die anderen nicht haben, den man einklagen oder wegnehmen könnte. Vielmehr handelt es sich um einen alle handelnden Subjekte übersteigenden irrationalen Selbstzweck. „Verwertung des Werts“ bedeutet die kybernetische Rückkoppelung des Werts auf sich selbst, als eine Art gesellschaftliche Maschine. Wie der Wert als Form der endlosen Akkumulation, so wird die „abstrakte Arbeit“ als deren Inhalt ebenso zum irrationalen Selbstzweck, gleichgültig gegenüber jeder sozialen und materiellen Qualität.“

Auch da kann ich was mit anfangen, ich würde es nur nicht unbedingt oder ausschließlich dem Kapitalismus in die Schuhe schieben wollen, sondern sehe darin eher ein Problem einer narzisstischen Problematik des Individuums (die natürlich gesellschaftliche Ursachen und Verstärker hat), a) in einem engeren Sinne, d.h. in einer realen Zunahme narzisstischer Problematiken bis zur manifesten narzisstischen Persönlichkeitsstörung, deren Anwachsen und Verbreitung stark kontrovers gesehen wird (die einen sehen eine narzisstische Epidemie, die anderen eine epidemiologisch unveränderte Marginalie), und/aber darum sollte man b) besondere Aufmerksamkeit widmen, einer Verbreitung und Etablierung narzisstischer Werte und Ideale und deren einsickern in die Gesellschaft(en), bishin zu psychopathischen Werten und/oder Idealen (wobei ich mich der dimensionalen Einstellung anschließe, die Psychopathie als eine Eskalationsstufe des Narzissmus sieht).

Der eine Befund schließt aber den anderen nicht notgedrungen aus, tatsächlich sehe ich den vor allem neoliberalen Kapitalismus als einen Verstärker des Narzissmus, aber nicht als dessen alleinige Ursache. D.h. verstärkt narzisstische Ideale und neoliberale (verstanden als turbolapitalistische) Einstellungen verstärken sich m.E. wechselseitig.

Der traditionelle Marxismus hat Form und Inhalt des modernen Fetischismus zu ontologischen, transhistorischen Bedingungen gemacht, zur angeblichen conditio humana. ... Nicht der „Standpunkt der Arbeit“ und der „Stolz auf die Wertschöpfung“ führen über den Kapitalismus hinaus, sondern im Gegenteil die radikale Kritik an den modernen „Realabstraktionen“ von Arbeit und Wert.“

Auch da kann ich zustimmen. Die condititio humana kann breiter als Austausch von Arbeit, Emotionen, Gründen (und evtl spirituellen Aspekten) verstanden werden. Auch wenn Marx‘ Begriff der Arbeit breit war, ebenso, wie Freuds Begriff der Sexualität.

Der Fetischismus des modernen warenproduzierenden Systems bildet nicht nur eine „Analogie“ zu religiösen Vorstellungen, wie es bei Marx heißt, und er kann auch nicht als bloße „Ideologie“ im Sinne eines „Verschleierungen“ aufsitzenden Denkens gefasst werden, sondern er ist eine selber metaphysische und gleichzeitig reale Konstitution der Gesellschaft und ihrer materiellen wie kulturell-symbolischen Reproduktion. Die Moderne hat in ihren gesellschaftlichen Beziehungen die Metaphysik nicht überwunden, wie sie selber glaubt, sondern sie nur aus der alten religiösen Verankerung in der Transzendenz heruntergeholt in eine rein irdische Immanenz; sie ist nicht „postmetaphysisch“, sondern gegenüber den alten agrarischen Formationen in einer neuen Weise „realmetaphysisch“. Die Religion wurde als himmlisches Steuerungsprinzip der Reproduktion nur abgelöst und zur „privaten Glaubenssache“ gemacht, um an ihre Stelle das nicht weniger metaphysische irdische Steuerungsprinzip des Kapitalverhältnisses zu setzen. Das „automatische Subjekt“ des modernen warenproduzierenden Systems ist nicht die befreite menschliche Vernunft, sondern das Paradox einer in Form der Wertabstraktion blind prozessierenden „immanenten Transzendenz“, die jenseits menschlicher Bedürfnisse und jenseits der physischen Welt bleibt, sich aber diese Bedürfnisse und diese Welt zum äußeren Material gemacht hat. Darin eingeschlossen ist eine neue Qualität von Destruktivkraft, die über alle selbstzerstörerischen Potenzen früherer Fetischformationen hinausgeht.“

Mal kühn gefragt: Vielleicht ist der Verzicht auf Religion ja ein Fehler? Religion trainiert zwar in einem starken Maße konventionelle und konformistische Anteile der Psyche, die Generalkritik, dass diese und damit deren Training von A bis Z verfehlt sein, halte ich jedoch für sehr fragwürdig bis falsch.

Der traditionelle Marxismus war nicht viel mehr als ein Wurmfortsatz der bürgerlichen Aufklärung; wie den Mehrwert wollte er auch das ideelle „bürgerliche Erbe“ einklagen, um es weiterzuführen statt damit zu brechen.“

An dem was falsch war oder ist?

Vielmehr geht es darum, auch die positive Universalität des aufklärerischen Anspruchs zu destruieren. Der moderne Sexismus, der Rassismus und der Antisemitismus sind grundsätzlich im Denken der Aufklärung selbst enthalten, weil sie sich strukturell auf das realmetaphysische moderne warenproduzierende System beziehen, indem sie dessen Widersprüche destruktiv verarbeiten.“

Der Zusammenhang drängt sich zumindest mir noch nicht unmittelbar auf.

Das „automatische Subjekt“ ist keineswegs geschlechtsneutral, sondern hat vielmehr ein bestimmtes Geschlechterverhältnis zur wesentlichen Voraussetzung. Wie die Moderne die Metaphysik als Gesellschaftsverhältnis nicht überwunden, sondern neu konstituiert hat, so hat sie auch den patriarchalen Charakter des „christlichen Abendlands“ nicht überwunden, sondern neu konfiguriert und versachlicht.“

Eine Lesart, die ich inzwischen kaum mehr teile, wenn damit suggeriert wird (und das wird es fast immer) das Christentum habe das Patriarchat in die Welt gebracht. So wie ich es zuletzt bei Larry Siedentop in „Die Erfindung des Individuums“ gelesen habe, ist es genau anders herum, nämlich so, dass das Christentum den (bis dahin undenkbaren) Gedanken einer Gleichheit aller Menschen (vor Gott) Schritt für Schritt (nicht ohne eigene Machtinteressen, klar) einführte und ein extremes Patriarchat vorfand und diesem in vielen einzelnen Schritten, über viele Jahrhunderte, dem noch stark griechisch und römisch geprägten Herrschaftsdenken, eine immer stärkeren Symmetrie aller Menschen abtrotze.

Man kann kritisch einwenden, auch das Christentum habe hier zu schnell Schluss gemacht und es sich in einem noch immer (viel?) zu weitreichenden Patriarchat eingerichtet, und meinen, dass die Bewegung weiter, über den christlichen Impuls hinaus geführt werden müsse, aber genau einen zu weit reichenden Abbau des Patriarchats und dessen Folgen, kritisiere ich und diese Kritik ist zu 100% geklaut, gerade auch von Adorno und Horkheimer. Und die Kritik erscheint mir fundiert, weil sie die Kritik an der postmodernen Position (auch von der EXTI! Seite), aufgreift. In meiner geklauten (und psychologisch verstärkten) Kritik, geht es gerade darum, dass die linke bis postmoderne Schwächung des Vaters, der Rolle des Vaters, eine bedeutende Rolle beim Erstarken eines grassierenden Narzissmus spielt, der dann wiederum eine Einfallstor für neoliberale Ideale darstellt, die auf einmal „ganz natürlich“ wirken, was wiederum von biologistischen und szientistischen Ansätzen befeuert wurde.

Alle Momente der gesellschaftlichen Reproduktion, des persönlichen Lebens und der sozialen Beziehungen, die nicht in der abstrakten Logik des Werts aufgehen oder sich nur widerwillig und unter Verlust ihres ganz eigenen Charakters in die abstrakte Logik des Werts einordnen lassen (Kinderbetreuung, „Hausarbeit“, „Liebes- und Beziehungsarbeit“, sozio-psychische Pufferfunktionen usw.), wurden vom ökonomisch-politischen Universum abgespalten und historisch als „weiblich“ definiert.“

Hm. Statt dessen sind oder waren sie was?

Der abstrakte Universalismus der Moderne erweist sich so in Wirklichkeit als androzentrischer Universalismus; in Wertform und Arbeitssubstanz, in Demokratie, Politik und modernes Recht ist männliche Suprematie eingeschrieben. Auch wenn Frauen nie ausschließlich auf die Sphäre der Privatheit und die abgespaltenen Momente beschränkt waren, sondern vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg zunehmend in die öffentlichen Sphären von „abstrakter Arbeit“ und Politik integriert wurden, blieb dort dennoch ihre Position insgesamt eine untergeordnete.“

Und das Ziel wäre welches?

Auch in den Bereichen von Politik und Ökonomie werden den Frauen weitgehend Funktionen sozialpsychologischer Abpufferung von Spannungen zugewiesen; auch hier gelten sie als kulturell-symbolisches „Zeichen“ für die zu domestizierende „Natur“. Immanent-empirisch bedeutet das: Sie werden im Durchschnitt schlechter bezahlt, gelangen seltener in Führungspositionen und müssen doppelt so viel leisten wie Männer, um halb so viel Anerkennung zu bekommen. Gleichzeitig bedeutet die Einbeziehung von Frauen in die offizielle Gesellschaft von Ökonomie und Politik nicht, dass ihre Zuständigkeit für die abgespaltenen Tätigkeiten und Beziehungen im Raum der Privatheit überwunden und auf Männer und Frauen gleichmäßig verteilt wird. Stattdessen erleben Frauen in der Regel eine doppelte Belastung, indem sie zugleich für Lohnarbeit und häusliche Reproduktionstätigkeiten zuständig sind. Der Feminismus hat daraus die falsche Konsequenz gezogen, lediglich die immanente Gleichstellung der Frauen einzuklagen, statt das der geschlechtlichen Asymmetrie zu Grunde liegende Wert-Abspaltungsverhältnis als solches radikal zu kritisieren. Da der androzentrische Charakter der Moderne in die Wesensstruktur selbst eingeschrieben ist, kann er auf dem Boden der universellen Warenform nicht durchbrochen werden.“

Naja, aber inwieweit will man dann die biologische Seite völlig ausblenden. Dass der Mensch nicht nur ein biologisches Wesen ist, sondern auch und vor allem ein soziokulturelles darf ja nicht zu einer völligen Negierung aller Biologie führen. Arbeit wird ja vor allem dann und dort stressig, wo sie unsere durchaus auch natürlichen Bedürfnisse (zu früh, zu lang, Wechselschicht, keine Entspannung …) ignoriert.

Der abstrakte Universalismus der Moderne ist nicht nur ein androzentrischer, sondern auch ein westlicher. Wie ein großer Teil der nicht-westlichen Menschheit im Weltsystem der Warenproduktion marginal blieb und aufgrund des historischen Rückstands über niedrige Stufen der kapitalistischen Entwicklung nicht hinauskam, so war auch die globale Verallgemeinerung der westlichen Subjektform mit einer destruktiven sozio-kulturellen Tendenz und einer sowohl materiellen als auch symbolischen „Zweitklassigkeit“ verbunden.“

Ist das Subjekt denn ein Fehler? Was wäre besser und wo findet man das oder hat es gefunden?

Die universelle Konkurrenz, wie sie dem modernen warenproduzierenden System inhärent ist, ruft in den handelnden Subjekten das Bedürfnis nach Feindbildern hervor.“

Das ist ja dann doch wieder sehr klassisch.

Das universalistische Subjekt ist wesentlich ein männlich-weißes-westliches Subjekt (MWW).“

Das wurde und wird doch gerade bei uns aufgeweicht. Und die rechten Retrobewegungen und ihr Zulauf zeigen doch an, dass hier irgendwo der Bogen überspannt wurde, was man in einer Vielzahl von Einzelfällen aufzeigen kann. Es ist je gerade der alberne Hass, der aus den zutiefst postmodernen Begriff des Europhallologozentrismus quillt, der es ermöglicht, dass in einer recht seichten Popularisierung nun alles gut war, Hauptsache es war nicht weiß, männlich, christlich, hetero, euro, patriarchal. Und was man da freudig begrüßte und sich einkaufte, waren nicht selten Hardcore-Versionen dessen, was man eben noch angewidert ablehnte, nur eben in schöne, dunkle Haut gesteckt und der sich breit machende oberflächliche Narzissmus sorgte dafür, dass kritische Nachfragen auszubleiben hatte: Hier im süßlichen Multi-Kulti-Kitsch-Dorf tanzte man bei Weltmusik und exotischem Essen und da sollte bitte kein Spießer durch dumme Fragen die große Party stören.

Hier nun wieder dieselbe Geschichte? Worin bestehen die „die gesellschaftlichen Grundlagen dieser Ideologien in den Widersprüchen des „automatischen Subjekts““?

Ideologie folgt nicht automatisch aus den gesellschaftlichen Formen von Wert, „abstrakter Arbeit“ und patriarchalem hierarchischem Geschlechterverhältnis, sondern sie ist eine eigenständige negative Leistung des Bewusstseins.“

Auch das ist glaube ich nur zu einem Teil richtig. Werte entstehen hier und da wohl auch auf „natürliche“ Weise.

Individuen und Institutionen als Träger von Ideologien sind somit auch für die daraus folgenden menschenfeindlichen Handlungen verantwortlich zu machen.“

Klar, immer: Wer sonst? Der Zeitgeist?

Das Apriori von Ideologie ist die affirmative Verarbeitung der Existenzprobleme im Kapitalismus. Die verinnerlichten kapitalistischen Lebensbedingungen werden nicht in Frage gestellt, sondern die gesellschaftlichen Widersprüche (auch die eigenen inneren Widersprüche des Subjekts) werden im Zuge der universellen Konkurrenz durch Projektion nach außen abgewehrt.“

Ja, das reife Ich scheint mir die Lösung zu sein, da es zur Selbstkritik, Systemkritik und Reflexion fähig ist, weshalb man seine innere Entwicklung fördern sollte, statt sie zu marginalisieren, was die Todsünde der Linken ist. Man ist zwar diffus für Bildung, aber denkt, Brunnen und Schulen hinzusetzen und Wahlurnen aufzustellen, seien Selbstläufer.

Ideologie kann die objektive Dynamik des „automatischen Subjekts“ nicht stoppen oder in eine andere Richtung lenken. Als eigenständiges Moment kann sie aber die tatsächlichen Verlaufsformen mitbestimmen und manchmal sogar entscheidend prägen. So bildete sich die nationalsozialistische „deutsche Volksgemeinschaft“, in deren Zentrum Auschwitz stand, zwar vor dem Hintergrund der großen Krise in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Dennoch waren der Nationalsozialismus und seine Verbrechen kein objektives Resultat der Krise, sondern ein Produkt subjektiven ideologischen Willens der Deutschen.“

Harter Tobak, auch hier, wie mir scheint, nicht zwingend dargestellt.

Die Negativität ist umso mehr gefordert, als die Kritik der modernen Ontologie die Kritik des ontologischen Denkens überhaupt einschließt. Es gibt keinen positiven ontologischen Boden, auf dem gebaut werden könnte.“

Aber man will auch nicht postmodern sein: Wie dann? Die Kritik am „alten, ontologischen Denken“, ist der postmoderne Klassiker schlechthin.

Frauen sind nicht die besseren Menschen, und das ihnen Zugeschriebene bedeutet ebenso eine zwanghafte Reduktion menschlicher Möglichkeiten wie die Unterordnung unter den kapitalistischen Produktionsprozess.“

Aber, dass die Gleichberechtigung der Frauen darin besteht, dass sie auch arbeitet und die Brut nicht am Hals hat, spielt dem Neoliberalismus nicht in die Karten? Besser hätte er es nicht erfinden können, scheint mir. Die Selbstverwirklichung in der Gemüse-Abteilung.

Liberalissimo 19.03.2017 | 18:27

Welch eine enorme Fleißarbeit. Ich würde allerdings, passend zum Thema, das letzte Interview mit Frau Scholz empfehlen. Ein Auszug:

"Postmoderne Ansätze von und im Anschluss an Judith Butler und Michel Foucault, etwa ab den neunziger Jahren, waren insbesondere um die Dekonstruktion von Identitäten bemüht. Diese queerfeministischen Ansätze wollen die Dualismen Frau/Mann und Produktion/Reproduktion dekonstruieren. Das muss allerdings scheitern, solange das Wert-Abspaltungsverhältnis bestehen bleibt. Wenn sich queerfeministische Ansätze jetzt auf einmal für Ökonomiekritik interessieren, verwundert mich das. Die Kritik der politischen Ökonomie und der Queerfeminismus sind schon von ihren Prämissen her widersprüchlich. Auch das Verhältnis zwischen dekonstruktivistischen Feministinnen und materialistischen Feministinnen war nicht gerade konfliktarm. In den neunziger Jahren wurdest du noch als eine vertrottelte Oma verlacht, wenn du dich auf die Großerzählung von Marx bezogen hast. Damals gab es nur ganz wenige Feministinnen, die sich überhaupt auf Marx bezogen haben, beispielsweise Frigga Haug. Bei Regina Becker-Schmidt und Gudrun-Axeli Knapp habe ich mich schon gefragt, was deren Forschung überhaupt noch mit Marx und Kritischer Theorie zu tun hat. Ich denke, es war damals auch in der Universität schwer, mit radikaler Gesellschaftskritik ernst genommen zu werden. Das hat mit der Etablierung der Frauenforschung zu tun und mit deren Mutation zu den Gender Studies. Ich wurde in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre politisch sozialisiert, da war Feminismus eine außerinstitutionelle Bewegung gegen das Establishment und gegen die androzentrische Theoriebildung. Ab Mitte der achtziger Jahre wurde der Feminismus immer weiter institutionalisiert. Im Wissenschaftsbetrieb musst du dich über etablierte Theorien legitimieren, wodurch strukturell die Erkenntnis der Abspaltung des Weiblichen verdrängt wurde.

Wert-Abspaltungskritik ist an der Universität also unmöglich?

In den achtziger Jahren war es gar nicht so ungewöhnlich, von der Abspaltung des Weiblichen zu sprechen. Solche Ansätze sind durch zunehmende Institutionalisierung und den Paradigmenwechsel von der Frauen- zur Genderforschung in Vergessenheit geraten. Sie wurden durch Dekonstruktivismus, symbolischen Interaktionismus und ethnomethodologische Ansätze abgelöst. Feministische Theorie wurde in Folge weiter verdinglicht und kaprizierte sich zusehends auf Identitäten. Entweder in der Rekonstruktion und positiver Bezugnahme auf Weiblichkeit oder über die Dekonstruktion von Identitäten. Durch den starken Fokus auf Identitäten wurden die grundlegenden Strukturen der Gesellschaft nicht mehr thematisiert. Auch die Frauenbewegung fokussierte sich immer stärker auf Lokales und Partikulares. In der Postmoderne herrschte ein Affekt gegen das Allgemeine vor, Großtheorien waren in den Neunzigern verpönt.

Hat sich das verändert?

Es hat einen Schwenk gegeben. Sichtbar wurde er Mitte der nuller Jahre mit Nancy Frasers »Frauen, denkt ökonomisch!«. Fraser kritisierte, dass die Frauenbewegung bisher zu sehr auf die Integration in das Bestehende gesetzt hatte. Der Dekonstruktivismus sei dem Neoliberalismus zuträglich gewesen.

Lässt sich also doch alles auf die Ökonomie zurückführen?

Es geht mir nicht darum, alles aus der Wertform zu erklären oder abzuleiten. Wir müssen die kulturell-symbolische Ebene beachten, wir dürfen Sprache und Diskurs lediglich nicht als Totalitätsersatz verwenden. Auch die sozialpsychologische Ebene ist wichtig. Wir müssen Wert-Abspaltung als Basiszusammenhang sehen. Anderes habe ich nie behauptet. Ich fühle mich oft missverstanden – auch von wertkritischen Fans. Diese rezipieren meine ökonomiekritischen Schriften, und freilich auch die von Robert Kurz, aber sie überlesen die Wert-Abspaltungskritischen Passagen. Da könnte ich schon an die Decke gehen. Ich werde oft über Robert Kurz definiert. Krisis war schon immer ein Männerhaufen. Auch Robert Kurz’ Androzentrismus musste ich beharrlich bearbeiten, bis er sich schließlich meiner Wert-Abspaltungstheorie anschloss. Es war ein harter Kampf, den Feminismus in die Männergruppe hineinzutragen. Ich habe mich als Frau nicht ernst genommen gefühlt, aber ohne Kampf geht es nicht. Ich habe an zwei Fronten gekämpft – gegen den Dekonstruktivismus und die Krisis-Männer."

Liberalissimo 19.03.2017 | 18:30

Und nun noch der wesentliche Part:

"Was denken sie über die Krise und das Erstarken der rechten Bewegungen?

Ich schreibe an einem Essay zu Queer, Gender und Rechtsruck. Meine These ist, dass Queer und Gender zu Neoliberalismus und Flexi-Ideologie gut passen. Queer ist zudem oft nicht mehr als ein Partymotto und fügte sich deshalb bestens in die Spaßgesellschaft der neunziger Jahre ein. Der Spaß ist vorbei, die Stimmung kippt: Die Krisenentwicklung zieht an, das Ressentiment ist wieder da und richtet sich gegen sogenannte Randgruppen. Es war ja auch versucht worden, Rassismus, Antiziganismus und Antisemitismus zu dekonstruieren – jetzt blamieren sich solche oberflächlichen Theorien und ihre Missachtung von Marx und der Psychoanalyse an der Krise. Man hätte zwar auch im Wissen um die gesellschaftlichen Tiefenstrukturen die Krise nicht verhindert, wäre aber immerhin zu einer realistischen Einschätzung der Gegenwart gekommen. Die fundamentale Krise zeigt sich längst schon auch in Südeuropa, Griechenland, Spanien und so weiter, in der Finanzkrise und der Spekulantenhatz, im krisenhaften Verhältnis von Globalisierung und Nationalstaat. Vom Zerfall der Peripherie ganz zu schweigen. Gechlechtsidentität erscheint da als letzte Bastion, wenn nichts mehr sicher ist. Dagegen hilft Dekonstruktion wenig. Ich würde ja zustimmen, dass in einer emanzipatorischen Gesellschaft polymorphe Sexualität gelebt werden sollte, aber ohne repressive Entsublimierung. Befreite Sexualität im Kapitalismus ist nicht wirklich frei. Sich auf eine identitäre Ebene zu beziehen, auf eine Identität oder eine abweichende Identität, reicht also nicht."

Moorleiche 19.03.2017 | 18:41

Ist ja alles schön und gut, auch für den Ansatz von Frau Scholz zu werben, allerdings fände ich es schön, wenn wir den einen oder anderen Punkt dann doch noch mal diskutieren könnten.

Die Kritik am old school Marxismus trifft ja in Teilen durchaus meine Einstellungen, aber zentral bleiben für mich die Fragen, was 1) am Subjekt schlecht sein soll und 2) ob Werte einfach nur beleibig sind oder meinetwegen in Zeit und Region passend gedacht werden müssen (dann auch Kritiker zu köpfen?) oder ob es universell bessere Werte gibt und falls ja, wie diese zu begründen sind?

Es ist ein Unterschied zu sagen "ist schlecht, weil ... (irgendwelche guten Gründe)" oder "ist schlecht, weil es aus Europa kommt", was auch nur schnöder Soziozentrimus wäre.

Liberalissimo 19.03.2017 | 18:54

Das ist richtig, fragt sich nur, welchen Text wir als Basis nehmen. So ein "Grundlagentext", der sich auf Exit generell bezieht, führt schnell zu endlosen Diskussionen. Mir persönlich wäre das angekündigte Essay sehr lieb. Nicht, dass es schon erschienen ist und ich habe es übersehen.

"Ist schlecht" oder "Ist schlecht weil", das ist nicht mein Ansatz. Ich suche nach erfolgversprechenden Ansätzen, die weitergeführt werden können und zu Ergebnissen führen.

Wert-Abspaltungskritik bezieht sich auf "Wert", Wertkritik.

Liberalissimo 19.03.2017 | 19:01

Als Grundlage zitiere ich noch zu Wert(abspaltungs=kritik:

Die bürgerliche Aufklärung und das „bürgerliche Subjekt“ (als kapitalistische Zurichtungsform des menschlichen Individuums) werden von Wertkritikern vehement kritisiert. Dabei knüpfen sie vor allem an die Erkenntnisse der Kritischen Theorie von Adorno und Horkheimer sowie der Psychoanalyse von Sigmund Freud an - treiben deren Ansätze aber über sich selbst hinaus, erweitern und verändern sie. Häufig gehen sie dabei der Dialektik von Befreiung und Zwang verlustig, die vor allem Horkheimer und Adorno betonen.

Die warengesellschaftlich-patriarchalen Verhältnisse und Formierungen/Zurichtungen zu überwinden und eine neue Gesellschaft, einen „Verein freier Menschen“ (Marx)[1], anzustreben, ist erklärtes Ziel der Wertkritik. Sie vertritt die Perspektive einer Transformation der bestehenden Verhältnisse hin zu einer befreiten Gesellschaft, in der die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse nicht über Arbeit, Wert und Geld vermittelt wird, sondern direkt über die (etwa durch Räte organisierte) Absprache der Gesellschaftsmitglieder untereinander geschieht. Größtenteils konzentriert sie sich jedoch auf die theoretische Kritik der gegenwärtigen Gesellschaft. Die andere, angestrebte wird zumeist nur negativ durch die Kritik an bestehenden Zwängen und Zumutungen bestimmt und es wird selten konkreter ausgeführt, wie eine emanzipatorische Transformation möglich sein könnte."

All das ist natürlich, wie könnte es in linken Kreisen anders sein, umstritten.

poor on ruhr 20.03.2017 | 00:46

Dicke Bretter bohren ist ja o.k., aber wenn man zu tief bohrt bricht leicht der Bohrer ab, aber im Ernst ist es eine interessante Diskussion, vermute ich. Es faellt mir nur schwer ihr zu folgen. Es sind doch sehr viele Fremdwoerter. Thomas Ebermann in konkret verstehe ich noch. Der hat in vielem recht, aber Vieles ist auch zu viel Theorie. Die reine sozialistische Lehre ist edel und gut, aber der Alltag ist doch oft ganz anders und mit diesem Instrument nicht loesbar.

Liberalissimo 20.03.2017 | 08:02

Ein wichtiger Hinweis, Danke.

Verständlichkeit und linke Theorie standen immer schon auf Kriegsfuß, leider. Das ist um so erstaunlicher, wenn man bedenkt, für wen all das ist. Vielleicht ein Grund, warum rechtes Gedankengut in der Krise erfolgreich ist? Populismus ist eingängiger. Der Beitrag von Thomas Ebermann wiederum ist ziemlich populistisch. Linker Populismus?

Die reine sozialistische/kommunistische Lehre gibt es nicht, darum zanken die Linken sich auch permanent. In der Releigion ist es ähnlich, darum gibt es dort einen Papst oder entsprechende Auslegungsinstanzen.

Das Thema, um das es geht, ist interessant, wenn es verständlich rübergebracht wird. Daran werde ich zukünftig denken.

Liberalissimo 20.03.2017 | 08:36

Das ist richtig. Man kann schreiben: Befreite Sexualität (wie auch immer gemeint) im Kapitalismus ist nicht wirklich frei.

Ähnlich wie nette "Freiheiten" innerhalb der Sklaverei nicht wirklich frei sind. Sie dienen der "Motivation" und sollen dazu beitragen, dass Sklaven sich mit dem "System" identifizieren, ja, sogar das repressive System als solches unsichtbar machen.

Wenn man nun noch bedenkt, dass Aktien-Gesellschaften letztlich die konsequente Fortführung der Sklavenhaltung sind, nur auf einer höheren Ebene, dann sind wir wieder bei gesellschaftlichen Zuständen.

Moorleiche 20.03.2017 | 09:26

"Ähnlich wie nette "Freiheiten" innerhalb der Sklaverei nicht wirklich frei sind. Sie dienen der "Motivation" und sollen dazu beitragen, dass Sklaven sich mit dem "System" identifizieren, ja, sogar das repressive System als solches unsichtbar machen."

Einspruch.

Gerade in Fragen der Freiheit, wird ein eigenttümlich repressiever Trend linker Interpreten sichtbar: Sie können es einfach nicht ertragen, wenn die, die sie zu Sklaven erklären, sich dreisterweise gar nicht wie Sklaven fühlen.

Dass man freie Menschen auch anders als durch reale Ketten zu Sklaven machen kann und zu Tode behüten und überbehüten kann, ist bei Linken schwer unreflektiert.

Die Doktrin lautet immer: 1) Du bist in Not, auch wenn du es nicht empfindest. 2) Ich erkläre es dir so lange, bis zu es empfindest. 3) Freiheit ist für dich nicht drin, aber ich bin immerhin dein Anwalt in Sachen einer geringfügigen Besserstellung deines leider durch und durch verpfuschten Daseins.

Dann sucht man die Schuldigen für die Verpfuschung und wir wissen: Wer suchet, der findet.

Liberalissimo 20.03.2017 | 09:54

Einspruch.

Die Freitheit, von der ich schreibe, ist eher eine liberale als eine linke.

Die Kunst des Kapitalismus besteht darin, den Betroffenen, die als Konsumenten definiert werden, Konsum als Glück und Freiheit zu verkaufen.

Freiheitsgrade werden insbesondere in der Krise spürbar. Zumeist kinderlose Rentner sagen, was soll das, uns geht es doch gut. Diejenigen mit Kindern/Enkeln erfahren allerdings sehr genau, dass die Freiheitsgrade der Kinder/Enkel beschnitten werden. Sie fragen sich dann: Warum konnten wir unsere Freiheitsgrade nicht soweit absichern, dass sie auch unseren Kindern zugute kommen.

Bis vor kurzer Zeit wurde das "Erbe" als eine Art Freiheitsvehikel über die Generationen betrachtet. Allerdings erfahren die Betroffenen in der Krise, wenn durch einseitige Regeländerungen des Staates der vermeintliche Vertrag aufgekündigt wird, wie sich das Erbe in Luft auflöst, hat es nicht eine gewisse Größe.

Linke, insbesondere "Sozialdemokraten", sind zumeist blind auf dem Gebiet "Freiheit", was den repressiven Staat betrifft, da sie diesen positiv sehen. All die "Staats-Angestellten", Beamten usw. tauschen bestimmte Freiheiten gegen ein "sicheres Leben".

Staatsangestellten sind neuzeitliche "Aufseher", ob nun als Staats-Beamte, Lehrer usw.. Sie bewegen sich in einem genau vorgegebenem Rahmen. Ansonsten werden sie über "Erlasse" aussortiert.

Natürlich steht es jedem frei, sich so in seinem Leben einzurichten, dass er glücklich ist. Wie frei er ist, das steht auf einem anderen Blatt.

Moorleiche 20.03.2017 | 13:08

"Die Kunst des Kapitalismus besteht darin, den Betroffenen, die als Konsumenten definiert werden, Konsum als Glück und Freiheit zu verkaufen."

Ja, das habe ich auch so verstanden. Der Punkt ist nur der, dass für viele Menschen Konsum wirklich Glück bedeutet. Und wenn dann jemand daher kommt und denen, die ihre Playstation haben wollen, erklärt, dass sie die eigentlich gar nicht haben wollen, sondern etwas ganz anderes, beginnt es schwierig zu werden.

Sicher sind Statussymbole und Sonstiges oft Ersatz, aber es ist eben auch ein Ersatz und wem das Eigentliche aktuell unzugänglich bleibt, der kann oft froh sein, wenn er Ersatz hat. Ihm dann den Ersatz noch madig zu machen, ist wie dem Penner vorzuhalten, dass er keine nachhaltigen und ökologisch einwandfreien Produkte kauft.

"Warum konnten wir unsere Freiheitsgrade nicht soweit absichern, dass sie auch unseren Kindern zugute kommen."

Materieller Wohlstand ist ein Aspekt der Freiheit, aber Freiheit ist einerseits die Abwesenheit von inneren und äußeren Zwängen und die Freiheit zur selbstbestimmten Entscheidung.

Hier wird es schwierig, weil man eben nicht genau sagen kann, wer, wann und wo fremdbestimmt ist. Die Kiste mit der Eigenlichkeit oder Authentizität.

"Linke, insbesondere "Sozialdemokraten", sind zumeist blind auf dem Gebiet "Freiheit", was den repressiven Staat betrifft, da sie diesen positiv sehen."

Ja, man hat manchmal den Eindruck Freiheit sei der Zustand, wenn es allen gleichmäig schlecht geht. Man lehnt die Hierarchie ab, weil man sie als Grundübel missversteht und verfehlt, dass sowohl Hierarchie als auch Heterarchie gesund und pathologisch in Erscheinung treten können. Für viele Linke ist Hierarchie in allen Form krank und Heterarchie in allen Formen gesund. Und das ist grober Unfug. Hier sind wir vermutlich einer Meinung?

"Staatsangestellten sind neuzeitliche "Aufseher", ob nun als Staats-Beamte, Lehrer usw.. Sie bewegen sich in einem genau vorgegebenem Rahmen. Ansonsten werden sie über "Erlasse" aussortiert."

Klar, aber der Punkt um den es mit geht ist folgender: Ich glaube, sowohl von Linken als auch liberalen Marxisten werden Konformität und Konventionalität kritisch gesehen. Von mir auch.

Aber: Erstens, ist die konventionelle Stufe der Entwicklung auf der sowas wie Gehorsam und Unterordnung eingeübt werden, was so sympathisch wie Fußpilz und Wurzelbehandlung klingt, eine Stufe die für viele nur eine Durchgang ist, nicht das Ziel. Und so wie es aussieht, kann man Entwicklungsstufen nicht übersprungen und auslassen. Wer auf lästigen Gehorsam komplett verzichtet, landet eben bei den präkonventionellen Vorläufern und die sind gene mal impulsiv und egozentrisch. Allenfalls lernt man bauernschlaue Anpassung und gefälligen Opportunismus, doch wenn der Wind sich dreht, kann man eben auch mal bei den Ultrarechten oder -linken mitmarschieren. Konventionalität ist ein Training für Rückgrat, der Rest ist lauwarme Anpassung. (Und das haben sogar intelligente Psychopathen drauf. Die werden CEOs, Anwälte, Medienvertreter, Verkäufer, Chirurgen, in der Reihenfolge.)

Zweitens, ist die Entwicklung für die meisten Menschen aber auf der konventionellen Stufe der Moral beendet. Theoretisch wäre mehr drin, aber praktisch ist man damit überfordert. Konstante Überforderung ist aber keine Freiheit, sondern das Gegenteil davon. Und das ist ein heikler Punkt, denn de facto bedeutet er, dass sehr viele Menschen konventionell sind und sich auf dieser Stufe ausgezeichnet fühlen, auch weil ihnen eine kluge Werbeindustrie und einige charismatische Mainstreaminterpreten einreden, dass ihre freiwillige Selbstbeschränkung Freiheit ist. Und in gewisser Weise ist sie das für diese Menschen auch, weshalb diese Aussage:

"Natürlich steht es jedem frei, sich so in seinem Leben einzurichten, dass er glücklich ist. Wie frei er ist, das steht auf einem anderen Blatt."

so richtig, wie problematisch ist.

Denn, man muss sich vor Augen führen, dass die Freiheit des einen - Freiheit kann man immer nur selbst bestimmen - nicht die des anderen ist. Was der eine als zutiefst unfrei empfindet, empfindet der andere als sicher und beglückend.

Die Freiheit des Narissten ist die Willkür des unmittelbaren Wunsches.

Die Freiheit des Konventionellen ist, wenn alles sicher, bekannt und nach ewigen Spieregeln läuft. Das kann religiös sein, links, wissenschaftlich, kann auch sein, dass man glühender Helene Fischer oder Werder Bremen Fan ist. Oder eben ein Konsument, dessen Flachbildschirm von imposanter Größe ist.

Die Freiheit des Postkonventionellen ist prinzipiengeleitet, aber vor allen individualisiert. Aber nicht Willkür und Affekt leiten das Individuum, sondern eine reflektierendes Abwägen, vielleicht ist das ein wenig eingebremst, mit verklemmten Resten, aber eine Paradoxie der Befreiung auf dieser Stufe hat Wilber wunderschön und für alle Zeiten treffend rausgearbeitet:

Auf dem Gipfel dieser Entwicklung - die selten erreicht wird - ist das Ideal, dass Verstand, Intellekt und Gefühl, Körperlichkeit, Emotion, Spontaneität vereint sind.

Hier nun, auf dieser existenzialistischen Stufe ist alle Verdrängung aufgehoben, das Individuum sieht die Welt und sich selbst klar und ungeschminkt ... und fühlt sich hundeelend.

Die Frage, was das alles im große Kontext bedeutet, scheint beantwortet: Nichts, und jeder, der was anderes denkt, ist inauthentisch und nimmt Zuflucht zu Tröstungen.

Ein neues Element taucht hier allerdings auf. Jeder Moment, jedes Eriegnis ist an und für sich einzigartig, frisch und muss in seiner Einzigartigkeit betrachtet, verstanden und bewertet werden. Wie gesagt, das ist hier nicht in voller Blüte, sondern in der Frühphase, kurz nach der Geburt.

Die Freiheit spiritueller Ansätze liegt nicht - wie man oft und fälschlicherwiese hört - darin, dass nun in all das, was zuvor sinnlos erschien wieder Sinn gepumpt wird, sondern die spirituelle Freiheit liegt darin, die Erkenntnis, dass das alles in einem übergeordenten Sinne keinen Sinn hat, ertragen zu können. Die schlechte Nachricht ist, dass wir tatsächlich im freien Fall sind, die gute, dass es keien Boden gibt. Mehr Freiheit geht nicht, aber man darf darüber eben nicht wahnsinnig werden, denn der Wahnsinn ist eben auch keine Freiheit.

Aber ein anderes Element ist jetzt in voller Blüte. Jeder Moment ist einzigartig und erst hier bricht die Hierarchie zusammen. Hier ist alles eins, aber nicht im Sinne des postmodernen Esokitsch, in dem Begriffe von weisen und erleuchteten Menschen, vom Bewusstsein gelangweilter Hausfrauen rezipiert werden. Wer denkt, dass das nur schief gehen kann, darf sich bestätigt sehen.

Liberalissimo 20.03.2017 | 13:20

"Sicher sind Statussymbole und Sonstiges oft Ersatz, aber es ist eben auch ein Ersatz und wem das Eigentliche aktuell unzugänglich bleibt, der kann oft froh sein, wenn er Ersatz hat."

Das Problem beginnt, wenn Betroffene ihre Arbeit verlieren, prekär werden und sich Konsum, Ersatz, nicht mehr oder nicht mehr in dem Umfang leisten können. Oder ihren Kindern nicht mehr geben können. Dann bricht nicht nur eine Konsumwelt zusammen, sondern die ganze Persönlichkeit wird in ihrer (Ersatz)-Substanz angegriffen.

Das macht möglicherweise Betroffene folgsam. Gewalt ohne Ketten aus Eisen.

Moorleiche 20.03.2017 | 13:29

"Das Problem beginnt, wenn Betroffene ihre Arbeit verlieren, prekär werden und sich Konsum, Ersatz, nicht mehr oder nicht mehr in dem Umfang leisten können. Oder ihren Kindern nicht mehr geben können. Dann bricht nicht nur eine Konsumwelt zusammen, sondern die ganze Persönlichkeit wird in ihrer (Ersatz)-Substanz angegriffen.

Das macht möglicherweise Betroffene folgsam. Gewalt ohne Ketten aus Eisen."

Ökonomische Grundversorgung + die Möglichkeit zur Teilnahme am kulutrellen Leben sollten gesetzt sein, ja.

Aber wenn diese Möglichkeiten gegeben sind, ist die Freiheit eben noch nicht zwingend erreicht und in einigen Fällen könnte man auch ohne dieselben freier sein, als ein Milliardär.

Aber statistisch ist es so, dass materielles Auskommen einer der Bausteine des Glücks sind und wohl oft auch der Freiheit.

Doch so mancher ist eben auch gefügig, der nun schon deutlich genug hat.

Moorleiche 20.03.2017 | 13:35

Nein, davon wollte ich es gerade abgrenzen. Nicht New Wave, sondern New Age, was im Grunde der deutschen Esoterik entspricht (die fuminant startete und in der Esowelle breit versandete und heute in Wellness und Gesundlebeszene nur noch ein Schatten seiner selbst ist).

Spiritualität, im Sinne echter Mystik und traditioneller Schulen, die es ernst meinen, ist immer nur Wenigen vorbehalten.

Liberalissimo 20.03.2017 | 13:40

"Ökonomische Grundversorgung + die Möglichkeit zur Teilnahme am kulutrellen Leben sollten gesetzt sein, ja."

Ein Grundgedanke des BGE.

Daher ist es so kritisch, dass bei Hartz unter das Existenzminimum sanktioniert werden kann. Ein Skandal erster Güte, der meines Wissens bald auf höchster Ebene verhandelt wird.

Es gibt einen direkten Zusammenhang zwischen Reichtum und Glück in der Weise, dass Reiche eher glücklich sind als Arme. Arme sterben in der Regel ~ 10 Jahre früher. Auch darüber sind sie bestimmt nicht glücklich.

dos 20.03.2017 | 13:49

"mit diesem Instrument nicht loesbar" sind nicht nur die Alltagsfragen (nicht). Insoweit es die Kurzsche Thetik und deren Nachfolgern/Adepten a la EXIT! angeht, bestehen die "weiterführenden Ansätze" (lib'mo) vor allem darin, auch von wesentlichen Grundfragen zwar durchaus "weiter", aber eben davon "weg" zu führen. Kurz war es vor allem um Theorie als solche zu tun, weniger um real Gegenwärtiges oder Künftiges, das konnte man schon auf den übergreifenderen Ebenen erkennen, erst recht hier, wo er gelebt hat, vor Ort. (Das schließt konkrete Aktivitäten nicht aus, aber die hatten nur äußerst wenig mit seiner Theorie zu tun. Dort, wo das gepasst hätte, war er nicht. Und damit steht er ja bei weitem nicht allein in der Landschaft ... und sowas ist sicher besser, als mit ratterndem MG sich dem Hauptbahnhof zu nähern ... problematisch wird es "bloß" dadurch, daß diese "Diskurse" nahezu sämtliche Ressourcen absorbieren und gesellschaftlich wie subjektiv vorhandene Kanäle verstopfen, die eigentlich für Zu- u. Abtransporte aller Art freibleiben müssten. )

Die Fremdwortskepsis ist nachvollziehbar, aber ich bin bsplw. für Prägungen wie "polymorphe Sexualität ... ohne repressive Entsublimierung" schon sehr dankbar, weil sie viele, auch persönlich: wichtige Dinge auf den Punkt bringen, ohne sich die notwendig je schon vorhandenen Vor-, Über-, Neben- und Unter-Aufladungen der Alltagsbegriffe einzuhandeln.

Als Hedonist/Hedoniker bzw. Epikureer mit sehr hedonem Einschlag ist mir z. B. zwar durchaus auch sehr an "Entsublimierungen" gelegen, aber eben ohne "repressive" Verordnung, ohne Druck, Pflicht usw., wovon leider nicht durchgängig die Rede sein kann. Aber 'Fun' ist auch deshalb ein 'Stahlbad' (Adorno, vergl. auch seine BDSM-Affäre), weil es eine Dialektik von Freiheit, Zwang, Begehren (inkl. Auf-Begehren, vergl. a. die extreme Nähe von "Macht u. Begehren" bei Foucault) und Macht (inkl. Selbstermächtigung) gibt, die einige Härten bereithält: z. B. die Freiheit, sich einem Zwang zu ergeben, Lustigkeit(en) auf Knopfdruck wie im Karneval usw. oder die Härtung/Immunisierung des Selbst gegenüber der je gesellschaftlichen Drohung, die Anerkennung/Berücksichtigung versagt zu bekommen, wenn man nicht so oder so denken, handeln, sprechen, leben will/kann, indem man sich zunächst auch mit reichlich Spaß, "Entsublimierung" usw. auflädt, um bei (nicht selten auch sehr "gesellschaftlich" verursacht/mit-, aber nicht so kapital-, -bestimmten, wie von Kurz u. v. a. oft sehr schrill beklagten) irgendwann sicher mal kommenden Durststrecken davon zehren zu können.

Kapitalien (Akkumulate) und Konkurrenz (unter a. der Angriff aufs Akkumulat), (Wert-)Abspaltungen/Dissoziationen wie auch Assoziationen/Aggregationen/Akkumulate sind Grundbausteine des Lebens, die bisher noch nie längere Zeit ohne schwere Schäden hinzunehmen hintergangen werden konnten oder sonstwie obsolet geworden wären.

Liberalissimo 20.03.2017 | 15:12

So gelangen wir von den Römern, die glaubten, dass "wahrhaft tugendhafte Männer" sich dem Einfluss der Göttin Fortuna über menschliche Angelegenheiten entziehen könnten, über das 17. Jahrhundert, als den Mächtigen und Priviligierten vor allem daran gelegen war, die "Volksmassen" im Zaum zu halten, auch hier wieder sind es die "wahrhaft tugendhafte Männer", die angewiedert auf eine "wankelmütige Menge von Bestien in Menschengestalt" reagierten, hin zur Polyarchie, einer vermeintlichen Liberalisierung der Gesellschaft mit der erhofften Gleichstellung der Frauen und gesellschaftlichen Tiefenstrukturen. Puhhhh, geschafft.