Die Regenbögen sind angeknipst

Musik Gender, Race und Nation: Was traurig macht, lassen Ja, Panik auf ihrem fünften Album „Libertatia“ im All verglühen
Sebastian Dörfler | Ausgabe 05/2014

Nur kurz zurück, bevor es dann nach vorne und vor allem nach oben geht. Freitag, 6. Dezember 2013, Sturmtief Xaver fegt durchs kalte Land. Zwei Jungs sitzen zusammen in der Badewanne und wuscheln sich gegenseitig durch die Haare, ein dritter singt vom Wannenrand: „Wo wir sind, ist immer Libertatia! Worldwide befreit von jeder Nation“. Pop, versprechen die Jungs von Ja, Panik im ersten Video zu ihrer neuen Platte, ist eine schaumig heiße Badewanne voll Liebe gegen die arktische Wirklichkeit.

Ein bisschen weiter zurück. Noch auf dem Vorgängeralbum DMD KIU LIDT trugen sie den individuellen Gefrierbrand wie ein Gütesiegel vor sich her, deuteten die Depression als gemeinsame Tanzfläche der Einsamen in einem System der Traurigkeit um. „Suicide is Love“ sang Andreas Spechtl und kündigte im melodramatischen Schlussstück – einer nicht enden wollenden U-Bahnfahrt durch die Berliner Nacht – mit letzter Kraft dann doch noch ein paar weitere Strophen an: „an denen uns mehr als an allem anderen liegt“.

Nur noch zu dritt

Dieser ganze Ballast wird jetzt auf einer Taxi-Fahrt in die frühen Morgenstunden aufgelöst: „Erinnere dich an letztes Jahr, als wir alle viel zu müde waren“, erzählt Spechtl in „Post Shakey Time Sadness“, überhaupt sind dessen Boheme-Geschichten und Gesang auf Libertatia viel harmonischer in die Musik eingebettet, das ganze Album wirkt sanfter, stimmiger, weniger Gitarre, mehr Keyboard, mehr Groove. Was auch daran liegt, dass Ja, Panik ihr fünftes Album nur noch zu dritt produziert haben – einer ist zurück nach Wien, der andere lieber noch einmal studieren. Live einzuspielen war nicht mehr drin, dafür wurde mehr rumgespielt im Studio: Produzent Tobias Levin – der schon einer ganzen Reihe von „Hamburger Schule“-Bands ihren Indierock ausgetrieben hat – ließ die drei auch mal einen Tag lang nur einen Beat oder einen Riff spielen, um mehr Körperlichkeit in die Musik zu bekommen.

Die Theorie, die bis dahin in Manifestform vor oder in die Songs gequetscht wurde, ist jetzt vor allem PR: Libertatia soll im 17. Jahrhundert der Name einer herrschaftsfreien Piratenenklave in der Südsee gewesen sein. Die Suche nach einem solchen Ort führt durch Madagaskar, leere Betten, die Straßen Berlins und anderer Städte. Vor allem zieht es jeden zweiten Song nach oben: vom Badewannen-Einstieg über „Chain Gang“ bis hin zu „Radio Libertatia“, immer geht es Richtung Space, wo all jene traurig machenden irdischen Identitätskategorien wie Gender, Race und Nation im All verglühen – „one world, one love, Libertatia“.

Wem das zu abgehoben ist, der findet mit „A.C.A.B“ („All Cats Are Beautiful“) und „Dance The ECB“ genug Spuren des irdischen Trauerspiels, von dem man sich eben nie ganz losmachen kann. Und wegen dem man eben doch ab und an raus in die Kälte muss. Zum Beispiel wenn sich wieder einmal Europas Rechte über das Parkett ihrer völkischen Verwurzelung schieben wollen – wie sie es vergangenes Wochenende während des „Wiener Akademikerballs“ getan haben. In Wien startete einen Tag später gar nicht zufällig auch die Tour von Ja, Panik.

Für deren Zukunft kann man sich eigentlich nur wünschen, noch ein wenig mehr von den Gitarren und der Sperrigkeit aus den Songs zu polieren. Die Regenbögen sind jedenfalls angeknipst. Die führen weiter als die Depression.

Libertatia Ja, Panik Staatsakt 2014

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