Sebastian Dörfler
09.12.2011 | 11:00 3

Occupy Melville

Literatur Moby Dick war eben doch nicht bloß ein weißer Wal: Über die unerwartete Nachhaltigkeit eines Klassikers

Als die Berliner Volksbühne jüngst eine Moby-Dick-Nacht veranstaltete, interessierte das kein Schwein. Dabei war viel geboten: Es gab einen Vorlesemarathon, im Hintergrund lief die Film-Adaption von John Houston, im Foyer und in den Gängen des Theaters vermischten sich Gelehrten-Kommentare und Interpretationen mit E-Gitarren. Sie war ein lauter, aber auch ein liebloser und leerer Walfänger, diese Volksbühne. Als könne zum 160. Geburtstag des Romans keiner mehr was mit Moby Dick anfangen.

„Es ist nur ein Wal“, sagt auch Kapitän Ahab aka William Hurt in der Neu-Verfilmung, die RTL kürzlich ausstrahlte. Alles, was hier vom metaphysisch aufgeladenen Schinken bleibt, ist das Abenteuer eines naiv-glotzenden Jünglings namens Ismael. Wobei – wen interessieren auch Hunderte von Seiten über Schiffsknoten und Walfanggeschichte? Wer wollte das lesen oder gar anschauen?

Man fragt sich, was Melville zu unserer Zeit beizusteuern hätte. Im Grunde schrieb er die immer gleiche Geschichte: Ein Jüngling fährt zur See, gefangen auf dem Schiff wird alles irgendwie zur Qual. Oder: Das Subjekt in der Gesellschaft. Und immer geht es um die Frage: Was tun, Jüngling? Weil auf Seeabenteuer schon damals niemand mehr Lust hatte, verlegte Melville die Erzählung vom gefangenen Subjekt aufs Land: Zwei Jahre nach Moby Dick schuf er in der Novelle Bartleby, der Schreiber – Eine Geschichte aus der Wall Street einen Urahnen der Occupy-Bewegung.

Bartleby ist als Kopist in einer Kanzlei beschäftigt. Nach kurzer Zeit hat er keine Lust mehr zu arbeiten. Formelhaft wiederholt er sein Mantra: „Ich möchte lieber nicht“, auch wenn er gefragt wird, was er stattdessen tun möchte.

Analyse des Beherrschtseins

Von Gilles Deleuze bis zum Tiqqun-Kollektiv, überall musste der arme Kerl schon als Symbol für das aufbegehrende Subjekt herhalten, das die Alternativlosigkeit des Kapitalismus derart verinnerlicht hat, dass es nicht mehr weiß, was es denn tun könnte. Es bleibt nur die Geste der Verweigerung.

Bartlebys Nachfahren wurden mittlerweile aus dem Zuccotti Park geschafft, er selbst verhungerte im Gefängnis. Moralisch ist nur der, der den Mund nicht aufmacht. Alsbald verstummte auch Melville und fand erst 30 Jahre später seine Sprache wieder: In Billy Budd sind die Seeleute zwangseinberufen. Billy, ein Findelkind, stottert und kann sich nicht verteidigen, als ihn der bösartige Polizeichef beschuldigt, eine Meuterei angezettelt zu haben. Billy schlägt ihn daher mit einem Fausthieb tot. „Hätte ich reden können, so hätte ich nicht zugeschlagen“, sagt er, ehe er gehängt wird. Melvilles Fazit: Zuschlagen und hingerichtet werden. Oder „Lieber nicht“ sagen und verhungern.

Lieber wieder zurück zu Moby Dick: Es gibt eben nichts Wichtigeres als die Kapitel über Walfang und Schiffstechnik! Ismael studiert alle Gerätschaften, ackert sich durch die Geschichte des Metiers. Er analysiert, was ihn beherrscht, entwickelt eine Haltung aus naiver Empirie und angelesenem Wissen heraus, versucht das Geschehen und den weißen Wal sprachlich zu fassen. Man könnte das immanente Kritik nennen.

Was Ismael am Schluss das Leben rettet, ist der pure Zufall: Der eigens gezimmerte Sarg steigt aus dem Strudel der sinkenden Pequod empor und wird zur Rettungsboje für Ismael. Die liebe Kontingenz, Grundausstattung jedes noch so totalen Schiffs.

Sebastian Dörfler ist freier Autor, Schwerpunkt Politik, und bloggt auf

liebernichts.de

Kommentare (3)

memyselfandi 09.12.2011 | 18:10

Oh, beim Titel klopfte mein Herz vor Freude, sollte es möglich sein, dass beim Freitag zur Vorweihnachtszeit doch noch sowas wie Sensibilität gepaart mit vorausschauendem Denken möglich ist.
Dann die Subline: War eben doch nicht nur ein Wal. Ja, das sollte jedem Erstleser noch vor der Lektüre klar sein. Aber gut, damit fängt man Leser.
Also weiter, Volksbühne usw. ... nichts vom Wal. Dabei ist die Verfilmung ausgerechnet von Houston, der bekannt war für seine Manie alles Lebendige auf vier Beinen in Afrika abzuknallen, eine Steilvorlage, die lief nämlich auch, nur nicht auf RTL. So, also der Wal, der steht für den Kampf gegen die Natur, den Kampf des Mannes, für die Leugnung der eigenen Natur, für den Kontrollwahn des Menschen (des Mannes, genauer gesagt). Aber Sie, Herr Dörfler, schreiben gar nichts vom Wal. Nichts von der Aktualität der Lage, nichts von Umweltzerstörung und Disrespekt. Hmm. Wieso soll ich dann Melville okkupieren? Den Dreh krieg´ ich auch nicht hin.

Wäre ja auch zu schön gewesen.

Sebastian Dörfler 10.12.2011 | 13:02

da haben sie schon recht, dass der wal keine rolle spielt. mehr die frage, was man auf diesem schiff denn überhaupt tun kann. wenn ich über den wal geschrieben hätte, hätte ich sie womöglich noch mehr enttäuscht, denn meine deutung ist da ganz platt: den wal gibt es nämlich nach gar nicht. die jagd nach dem wal ist die wohl schönste literarische ausarbeitung des todestriebs. wohlgemerkt: todestrieb nicht im sinne von "da will jemand sterben". sondern im sinne von: das permanente streben des menschen, seine eigene leere mit symbolischem gehalt zu füllen. die jagd nach dem weißen wal ist der versuch, das eigene konstrukt zu durchbrechen. nur findet sich hinter dieser "weißen wand" (wie moby dick im buch beschrieben wird) nichts als die eigene "nacht der welt" (hegel) und damit jenes chaos und jener wahnsinn, der immer in unserem inneren schwelt, über den wir aber die folie der normalität gelegt haben. ahab suchte die totale bedeutung und fand das eigene nichts dahinter.

dieses nichts macht mich allerdings umso offener für ihre umweltzerstörungs-deutungen…
viele grüße!
sd

memyselfandi 10.12.2011 | 13:26

Och, diese Deutung hätte mich gar nicht enttäuscht. Sie ist ein Puzzlestück im ganzen Spiel, das da heißt "was tun Menschen um unsterblich zu werden". Vor allem Männer (ich schätze deshalb, weil sie keine Kinder kriegen können). Sie jagen (bildliche) Wale, oder wie Houston Elefanten en masse (Katherine Hepburn hat sogar ein Buch darüber geschrieben, mit dem Titel in etwa "Wie ich in Afrika war und John Houston mich verrückt machte", Eastwood hat sogar einen Film darüber gedreht "Weißer Jäger, schwarzes Herz").

Wie man sieht, das ist in der Tat klassisch. Letztendlich ist der Versuch der Kontrolle über die Natur und die damit einhergehende Zerstörung auch ein Auswuchs des Egos, das sich gegen die Sterblichkeit wehrt.

Vielleicht verstehen Sie nun, warum mir das Thema so wichtig ist.

Anyway. Schönes Wochenende