Utopie fürs Seelenheil

Psychedelika Was einst als Droge die Realität erweiterte, soll Traumapatienten jetzt zurück in die Wirklichkeit holen – auf Rezept

Rick Doblin spricht langsam und lächelt viel. Sein Mund wirkt trocken, die Augen sind glasig – als ob hier in San Jose, auf dem Kongress für „Psychedelische Wissenschaften im 21. Jahrhundert“, eine Party im Hinterzimmer stattfände. Auf dem Podium aber stellt Doblin klar, dass das Hinterzimmer für ihn gar keine Option wäre: „Es gibt keine Hoffnung für eine Gegenkultur, keine utopische Insel, es gibt kein Außerhalb mehr – wir wollen Teil des Mainstreams werden!“

Doblin ist Gründer der Multidisciplinary Association for Psychedelic Studies (MAPS), eine durch Mitgliedsbeiträge und Spenden finanzierte Organisation, die sich für die Forschung mit Drogen wie LSD einsetzt. Jenen Drogen, die seit ihrem Verbot 1970 jede medizinische Relevanz verloren haben. Es ist nicht allein Doblins Wunsch, dass sich dies endlich wieder ändert: Seit den neunziger Jahren nimmt das Interesse an einem therapeutischen Einsatz von Psychedelika stark zu. Zum einen wegen vielversprechender Resultate aus Tierstudien, zum anderen aufgrund neuer Erkenntnisse der Hirnforschung, speziell in der Gehirnkartierung, die ein genaueres Wirkungsbild der Substanzen zeichnen.

Der Schweizer Psychiater Franz Vollenweider fordert nun in der Zeitschrift Nature Reviews Neuroscience, die Forschung an und mit klassischen psychedelischen Drogen zu verstärken. Eine Auswertung von 42 alten Studien zeige, dass Psychedelika Angststörungen in 70 Prozent der Fälle besserten, Depressionen in 62 Prozent. Zwar weisen diese Studien methodische Mängel auf und treffen keine Aussage über mögliche Langzeitschäden – doch Vollenweider hält die bisherigen Resultate für vielversprechend. Auch eine neue Studie mit Ketamin konnte einem Drittel der Probanden mit schwere Depressions-Symptomen helfen, Psilocybin erwies sich als wirksam in der Therapie von Angsstörungen, insbesondere bei Krebspatienten.

Dass illegale Substanzen ihren Weg in die Schulmedizin finden können, dafür gibt es mittlerweile den Präzedenzfall, und das sogar in der Bundesrepublik: Die schwarz-gelbe Koalition hat sich gerade darauf geeinigt, Cannabis zur Therapie bestimmter Erkrankungen freizugeben. Obwohl dieser Schritt von Ärzten schon lange gefordert wird, blieb die Beschaffung von Cannabis für Patienten bisher ein bürokratischer Kraftakt. In den USA kann man sich in 14 Staaten Marihuana verschreiben lassen. Das soll jedoch erst der Anfang sein.

Erneuerung fürs Bewusstsein

Innerhalb von zehn Jahren will MAPS die Freigabe des Ecstasy-Wirkstoffs MDMA für die Therapie von Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) erreichen. Die erste Studie, deren Ergebnisse gerade im Journal of Psychopharmacology veröffentlicht wurden (pdf), verlief so erfolgversprechend, dass MAPS die Erlaubnis erhalten hat, weitere Tests mit US-Veteranen durchzuführen. Jeder fünfte Kriegsheimkehrer leidet an PTBS, insgesamt sollen in den USA 400.000 Soldaten betroffen sein. Im vergangenen Jahr wurden 5,5 Milliarden Dollar für die Versorgung traumatisierter Soldaten bezahlt. Hier will Doblin ansetzen. Für ihn sind die Drogen der Schlüssel zu den „erneuerbaren Energien“ des menschlichen Bewusstseins, ein Weg, die Traumata der Vergangenheit hinter sich zu lassen – gesagt habe man das schon immer, jetzt müsse man es wissenschaftlich beweisen. „Wir wollen in das Herz der Gesellschaft!“

Nichts fürchtet MAPS dabei mehr als Rückschläge wie die der sechziger Jahre, als vor allem medizinisch genutzte Substanzen die Straßen überschwemmten. Substanzen, die gerade hoch im Kurs von Psychiatern wie Humphrey Osmond standen. Osmond hatte in den Fünfzigern Studien mit Meskalin durchgeführt, sein bekanntestes Versuchskaninchen war der Schriftsteller Aldous Huxley. Mit „psychedelisch“ bezeichneten er und Osmond in der Folge eine „Offenbarung des Geistes“. Die größte Verbreitung als experimentelle Droge in der Psychotherapie fand LSD. Psychiater waren sich damals sicher, mit dem Wirkstoff einen „Schlüssel zum Unterbewussten“ gefunden zu haben.

LSD im Kommunistenkaffee

Zu jener Zeit erforschte die CIA unter dem Codenamen „MKULTRA“ die Droge als Waffe im Kalten Krieg. LSD sollte als Wahrheitsserum wirken, als Tropfen im Kaffee kommunistische Staatschefs lächerlich machen, oder über die Wasserversorgung einer Stadt eine Massenpanik auslösen. Als die Droge endlich unter die Leute kam, sorgte sich Entdecker Hoffmann. Falsche Handhabung und Missbrauch könnten schlimme Folgen haben. So war es: Mitte der 60er kursierten vermehrt Geschichten von Horrortrips. Regierung und Medien erklärten den psychedelischen Drogen den Krieg. Die Forschung hatte ihr Teleskop in die Psyche verloren. Bis zum Verbot 1970 waren mehr als 1.000 Studien veröffentlicht worden, mehr als 40.000 Patienten hatten teilgenommen.

Nach 40 Jahren sollen diese Drogen also ein Comeback schaffen, mit MDMA als Vorreiter. In den Achtzigern gelangte es als Ecs­tasy in die Clubs – und viele Raver tanzten sich zu Tode, weil sie in ihrem Hochzustand das Trinken vergaßen. MDMA wurde auf die schwarze Drogenliste gesetzt, zusammen mit LSD. Ein Jahr nachdem die Substanz wieder von der amerikanischen Drug Enforcement Administration (DEA) für die Forschung zugelassen wurde, gründete Doblin MAPS.

Er will MDMA vor allem in der Therapie von Traumata einsetzen. Nach offiziellen Schätzungen sind etwa drei Prozent der Bundesbürger von einer PTBS betroffen, in den USA sind es drei mal soviel. Eine Traumastörung entsteht durch ein lebensbedrohliches Ereignis. Bestimmte Auslöser sorgen für das Wiedererleben dieses Ereignisses. Soldaten berichten zum Beispiel, dass sie beim Grillen den Geruch von verbranntem Fleisch ihres toten Freundes riechen. Diese Intrusionen oder Flashbacks gehen mit massiver Angst, Schwitzen, Zittern einher. Die Folge ist ein starkes Vermeidungsverhalten, der Versuch, diese Erinnerung zu verdrängen und ihnen aus dem Weg zu gehen – was dazu führen kann, dass die Betroffenen ihr Haus nicht mehr verlassen. Zu den Symptomen zählen zudem Übererregbarkeit, schlechter Schlaf und Schreckhaftigkeit.

Mit Ecstasy gegen Flashbacks

Die biochemische Reaktion im Gehirn während solcher Intrusionen ist einigermaßen erforscht: Stresshormone stimulieren die Amygdala, das Angst- und Gefühlszentrum. Der präfrontale Cortex, zuständig für die Verarbeitung dieser Signale, ist im Fall einer PTBS gehemmt, die Furchtimpulse bestimmen das Bewusstsein. Die Therapie zielt auf die Stärkung des präfrontalen Cortex. „Wir machen genau das Gegenteil von dem, was die Patienten intuitiv wollen“, sagt Ulrich Frommberger, Psychiater und Traumatherapeut in Offenburg, „wir aktivieren diese Furchtstruktur und versuchen, neue Informationen zuzugeben, etwa ‚Das ist nur eine Erinnerung‘ und ‚Du bist hier sicher‘“. In der Therapie wird das Trauma dann erneut konfrontiert. Bleibt man lange genug in dieser Situation, nehme die Angst automatisch ab. Zehn bis 20 Mal dauere es, bis die Patienten die Angst überwinden könnten. „Das Trauma wird nie ganz weg sein, aber die Patienten lernen damit umzugehen“, sagt Frommberger. Mehr als ein Drittel der Patienten reagiert jedoch gar nicht auf diese Therapie. Allein in den USA benötigen zwei bis vier Millionen Menschen eine bessere Behandlung.

MAPS hat den verhaltenstherapeutischen Ansatz deshalb mit einer MDMA-Einnahme kombiniert: Zwanzig zuvor therapieresistente Personen, unter ihnen vor allem Vergewaltigungsopfer, nahmen an der Studie unter Leitung von Michael Mithoefer teil. Zwölf bekamen vor der Therapie-Sitzung MDMA, acht das Placebo, und das jeweils zwei bis dreimal im Abstand von zwei Monaten. Ergebnisse wurde mithilfe der Clinical-Administered PTSD Scale (CAPS) gemessen, das ist ein Standard-Interview zur Klassifizierung der Traumabeschwerden. Zu Beginn der Studie wiesen die Patienten einen CAPS-Wert von 80 auf, nach der Therapie war dieser Wert bis auf bis zu 30 Punkte gesunken. Insgesamt verbesserten sich die Beschwerden von zehn der zwölf Patienten aus der MDMA-Gruppe, aber nur von zwei der acht Teilnehmer aus der Placebogruppe. Neurologische oder psychische Folgeschäden traten nach 51 verabreichten Dosierungen nicht auf.

Ecstasy bricht das Eis

Der Schweizer Psychiater Peter Oehen bezeichnet die Studie heute als „Eisbrecher“. Auch Oehen wurde eine Trauma-Studie mit MDMA bewilligt. „MDMA scheint die Trauma-Konfrontation bei vielen erst wieder möglich zu machen“, sagt er, „es schafft eine Beruhigung, die viele seit Jahren gar nicht mehr kennen.“ MDMA senkt die Angst und Abwehrhaltung der Patienten und öffnet ein vier- bis sechsstündiges Therapie-Fenster. Nach der Einnahme beginnen die Patienten, von sich aus über ihre Erinnerungen zu reden. MDMA wirkt offenbar genau gegen die Trauma-Störung. Die Einnahme senkt die Aktivität der Amygdala und aktiviert den präfrontalen Kortex. Gleichzeitig wird das Bindungshormon Oxytocin ausgeschüttet – das kommt dem Vertrauen in den Therapeuten zugute.

Auch Oehen stellte seine Studie in San Jose vor. Seine Ergebnisse fallen etwas schlechter aus als die von MAPS-Forscher Mithoefer. Man vergleiche die Daten noch. Ein Grund könnte sein, dass Mithoefer fast ausschließlich Frauen untersuchte. „Diese Phase-2 Studien stecken immer noch erst die Rahmenbedingungen ab“, sagt Oehen, „man bräuchte eine Phase 3-Studie mit 300 bis 400 Teilnehmern, um zu aussagekräftigen Ergebnissen zu kommen.“ Das sieht auch Frommberger so. Die Studie von Mithoefer sei methodisch gut, aber eben erst ein „Hinweis und noch kein Beweis.“

Mithoefer sucht nun also 16 Veteranen, 8 Frauen und 8 Männer. Und MAPS sammelt weiter Spenden. In den nächsten drei Jahren sind knapp zwei Millionen Dollar nötig, für den Übergang zu Phase-3-Studien. Die werden dann weitere 8 Millionen Dollar kosten. Doch obwohl das Pentagon 2008 eine Rekordsumme von 300 Millionen Dollar in die PTBS-Forschung investierte und von der Akupunktur bis zur Aroma- und Musiktherapie alles in Betracht zog, hält man sich von psychedelischen Drogen oder MDMA weiterhin fern. Obwohl die Drogen, die einst als Waffen für den Krieg erprobt wurden, nun Kriegsopfern helfen könnten – im Herzen der Gesellschaft.

Sebastian Dörflerist freier Journalist. ­Persönlich erinnert er sich eher ungern an eine Begegnung mit psychedelischen Pilzen

Chemische Pfade in den Keller der Psyche

Psychedelika sind Drogen, die zu expliziten Halluzinationen führen. Das unterscheidet sie von reinen Euphorika wie Cannabis oder Kokain. Psychedelika lassen sich nach der chemischen Struktur differenzieren. Es gibt viele synthetische Substanzen.

Meskalin stammt aus Kakteen und wurde von alten Azteken wie modernen Literaten hoch geschätzt. Es imitiert Botenstoffe im Gehirn und führt neben Halluzinationen auch zu Persönlichkeitsspaltungen.

LSD (Lysergsäurediethylamid) wurde erstmal aus Lysergsäure synthetisiert, die im Mutterkorn vorkommt. LSD bindet an Serotoninrezeptoren im Gehirn und lässt so die Sinne eskalieren. Das Bewusstsein wird mit einer Fülle von Eindrücken überflutet. Das Erleben wird extrem intensiv und verzerrt.

Psylocybin kommt in zahlreichen Pilzen vor. Der Körper verwandelt es in Psilocin, das Halluzinationen verursacht und oft zum Verlust des Zeitgefühls führt.

MDMA (3,4-Methylendioxy- N-methylamphetamin), besser als Ecstasy bekannt, wirkt vor allem euphorisierend, aber weniger halluzinogen als andere Psychedelika. Es ist somit in der Therapie leichter zu handhaben.

Ketamin ist eigentlich keine psychedelische Droge, sondern ein Narkosemittel, das nach einer kurzen Schlafphase aber oft zu der Einbildung führt, sich außerhalb des eigenen Körpers zu befinden.

14:30 10.09.2010

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