Sebastian Dörfler
12.07.2010 | 12:00

Von Fix und Fax lernen

Ausstellung Mythischer Alltag: In Berlin zeigt die Schau „Unerkannt durch Freundesland – Illegale Reisen durch das Sowjetreich“ Bilder, die DDR-Fotografen in der UdSSR gemacht haben

In einem baltischen Dorf hat sich in den achtziger Jahren eine Familie vor einem Holzzaun aufgereiht. Hinter ihr heruntergekommene Behausungen. Friede den Hütten heißt die Fotoserie von Frank Hawemann, Wolfgang Hensel, Jan Oelker, Peter Ulm und Edgar Winkler, die provisorische Unterkünfte festhält. Sonst passiert nichts. Heute versteht man schwer, dass es diese Banalität war, die die Alltagsaufnahmen aus der UdSSR politisch machte. Denn sie zeichnete ein Bild von der Sowjetunion, das anders war als der offizielle Entwurf.

Als DDR-Bürger diese andere Sowjetunion zu entdecken war nicht leicht – reisen konnte man vor 1989 nur innerhalb einer organisierten Gruppenreise. Der Wunsch nach einem ungefilterten Blick einte in der DDR seit den siebziger Jahren deshalb eine informelle Bewegung, die sich UDF nannte: Unerkannt durch Freundesland. Denn unter den fünf „sozialistischen Bruderländern“, in die man reisen durfte, versprach nur die Sowjetunion Abenteuer. Tausende Kilometer, verschiedene Klimazonen, die Welt in einem Land.

Die Eintrittskarte war ein bürokratisches Schlupfloch: Mit einem Transitvisum war es gestattet, sich zwei Tage lang ohne Reiseleiter grenznah der SU aufzuhalten, offiziell nur zur Weiterfahrt nach Rumänien. Wie diese Gelegenheit für Reisen quer durch die UdSSR genutzt wurde, kann man jetzt in der von Conny Klauß kuratierten Ausstellung "Unerkannt durch Freundesland – Illegale Reisen durch das Sowjetreich in Berlin-Lichtenberg" sehen.

Ohne Lonely Planet

Die illegalen Abenteuerlustigen waren zu Fuß, per Anhalter, mit dem Fahrrad oder dem Zug unterwegs. Eine bessere Welt fanden sie nicht, aber eine fremde, die sie freundlich aufnahm. Nur auf manchen Bildern erkennt man misstrauische Blicke; ein Fotograf stand seinerzeit im Verdacht, Spion zu sein. In der Ausstellung sind es die Gespräche mit den Reisenden selbst, die zusammen mit wenigen Filmaufnahmen einen Eindruck davon vermitteln, was es bedeutete, damals auf solchen Wegen unterwegs zu sein.

Denn anders als der gewöhnliche westliche Individualreisende heute, der auf der Suche nach ein wenig Abwechslung mit dem Rucksack nach Malaysia fliegt und dabei dank Internet, Digitalkamera und Lonely Planet immer schon weiß, was er sehen und fotografieren wird, verhieß die SU den DDR-Fotografen wie Robert Conrad, André Nickl und Michael Biedowicz auch jenseits der Reisemodalitäten ein Abenteuer. Um die schönsten Motive stritt man sich schon einmal, erzählt etwa Martin Claus, der zusammen mit Tina Bara durch das Baltikum tourte.

Auch um die tollsten Geschichten war ein kleiner Wettstreit unter den UDFlern entstanden. Freunde von Uwe Wirthwein sind beispielsweise mit einem Katamaran über sibirische Flüsse geschippert. Das wollte Wirth übertreffen. In dem Comic-Heft Atze fand er die Vorlage: Den zwei Mäusen Fix und Fax war der See zugefroren. Also bauten sie sich eine Art Schlitten mit Segel und glitten so über den See. Der Schlusssatz sollte zur Initialzündung für Wirth und seine Freunde beim Eissegeln in Sibirien werden: „So wurde denn zum guten Schluß/sogar noch aus Verdruß Genuß.“

Unerkannt durch Freundesland Illegale Reisen durch das Sowjetreich Bis 24. September, Berliner Museum Lichtenberg im Stadthaus, im Herbst erscheint im Lukas-Verlag ein Buch zur Ausstellung