Nature versus Nurture

Nature vs. Nurture Der Beitrag befasst sich mit einer Serie im norwegischen Fernsehen zu dem Thema Nature vs. Nurture und den sich daraus ergebenden möglichen Konsequenzen.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

1.Ausgangspunkt

Norwegen ist, irgendeiner UNO-Rangliste zufolge, das „gleichgestellteste“ Land auf diesem Planeten. Jungen und Mädchen, Männer und Frauen haben (weitestgehend) die gleichen Möglichkeiten, ihre Potenziale zu entfalten. Offene oder versteckte Diskriminierungen werden von einer aus den üppig sprudelnden Erdöleinnahmen üppig alimentierten Gleichstellungsindustrie rigoros beseitigt. Soweit so gut.

Umso schockierender waren die Ergebnisse einer groß angelegten Studie vor einigen Jahren, wonach bestimmte tradierte Rollenbilder sich in den letzten Jahrzehnten in Norwegen kaum verändert haben: Mädchen werden nach wie vor Krankenschwester, Ärztin, Biologin, Lehrerin, Kindergärtnerin, Buben werden Bauarbeiter, Ingenieur, Informatiker, Lokomotivführer usw. Schockierender noch: Ausgerechnet in Ländern, in denen Frauen mehr oder weniger offen unterdrückt werden, korreliert die Berufswahl oftmals weit weniger stark mit dem Geschlecht als im norwegischen Folkehjem.

Während Sozilogen dieses „Gleichstellungsparadoxon“ nicht befriedigend erklären können, bieten Biowissenschaftler eine simple und völlig nachvollziehbare Erklärung: Je freier sich ein Individuum in einer Gesellschaft entfalten kann, desto stärker sind biologisch determinierte Verhaltensmuster ausgeprägt. Gleichheit in den Startchancen führt also ab einem bestimmten Punkten nicht zu mehr Gleichheit, sondern zu mehr Ungleichheit im Ergebnis. Selbiges gilt übrigens auch im Bildungssystem, wenn jeder Schüler sein Potenzial voll ausschöpfen kann.

2.2. H arald Eias „Gehirnwäsche“

Den Komiker Harald Eia hat das „Gleichstellungsparadoxon“ zu einer siebenteiligen Serie inspiriert, die im Jahr 2010 im norwegischen Rundfunk NRK ausgestrahlt wurde und offenbar das ganze Land in einen Schockzustand versetzt hat. Die Serie ist mit „Hjernevask" (Gerhirnwäsche“) betitelt. Hier der Link zu allen sieben Episoden (mit englischen Untertiteln):

http://www.dailymotion.com/playlist/x1xv47_BrainwashingInNorway_hjernevask-english/1#video=xp0tg8

Wer zufällig ein bisschen norwegisch (oder dänisch/schwedisch) beherrscht, kann die ausufernde Debatte, die die Sendung ausgelöst hat, hier in Teilen nachverfolgen:

http://www.dagbladet.no/2010/03/13/kultur/debatt/debattinnlegg/hjernevask/vitenskap/10814001/

Alle sieben Teile der Sendung drehen sich im großen und ganzen um die alte Frage „Nature vs. Nurture“, also: sind geschlechts-/gruppenspezifische Verhaltensmuster (größtenteils) angeboren oder das Ergebnis der Sozialisation eines Menschen? Das oben genannte „Gleichstellungsparadoxon“ dient dabei als Aufhänger und Thema des ersten Teils, in den folgenden Teilen wird der Bogen dann weiter gespannt (Geschlechteridentität, Sexualität und sogar das explosive Thema Rasse/kognitive Fähigkeiten).

Eias Vorgehensweise ist folgende: Er besucht führende norwegische Sozialwissenschaftler und Psychologen und befragt diese auf scheinbar naive und unverfängliche Weise zu seinen Themen, also z.B.: sind bestimmte Verhaltensmuster, die wir als „typisch männlich“ und „typisch weiblich“ einordnen, angeboren oder milieubedingt? Die meisten Befragten antworten ganz entschieden, dass letzteres der Fall sei und verneinen ebenso entschieden die Möglichkeit biologischer / genetischer Prädispositionen. Vernünftig begründet wird diese Auffassung nicht.

Anschließend begibt sich Eia nach England und in die USA, um dortige Psychologen und Biologen mit denselben Fragen zu konfrontieren. Die Antworten sind hier tendenziell weniger apodiktisch, eher abwägend, milieubedingte Einflüsse werden nicht verneint, jedoch wird der Vorrang der biologischen Prädisposition herausgestellt und penibel und nachvollziehbar begründet.

Am Ende konfrontiert Eia dienorwegischen Wissenschaftler mit den Aufzeichnungen der in England und den USA durchgeführten Interviews und bittet diese um Stellungnahmen. Das ist stets der interessanteste Teil. Was man da zu hören bekommt lässt einem teilweise die Haare zu Berge stehen. Einer der Befragten lehnt es ab, sich die Interviews überhaupt anzuschauen. Ein weiterer Soziologe (!) erklärt die Forschungsergebnisse der Biowissenschaftler (!) pauschal (und ohne jede Begründung) für unbrauchbar (US-amerikanische Studien seien generell schwach!). Andere lehnen es kategorisch ab, die Möglichkeit biologischer Determinismen (als eine mögliche Erklärung neben anderen) auch nur in Betracht zu ziehen. Dies wird entweder gar nicht begründet, oder es wird damit begründet, dass diese ganze Forschungsrichtung „gefährlich“ sei oder zu nichts führe.

Die Frage, ob es nicht die vornehmste Pflicht eines Wissenschaftlers sei, vorurteilsfrei nach neuen Erkenntnissen zu suchen, bleibt dick und fett und unbeantwortet im Raum stehen.

Was die Norweger so aufgerüttelt hat war eben der Umstand, dass die befragten norwegischen Sozialwissenschaftler ein insgesamt derart desaströses Bild abgegeben haben. Es ist, wenn man die Sendung sieht bzw. die Eindrücke noch frisch sind, kaum zu glauben, dass sich in Universitäten bzw. sonstigen Forschungseinrichtungen eines Landes mit hohen zivilisatorischen Standards Menschen mit derart schwach ausgeprägten kognitiven Fähigkeiten tummeln (bzw. nicht der Putztruppe oder der Kantinenmannschaft angehören). (Eine der Soziloginnen hat sich beklagt, Eia habe ihre Karriere zerstört, sie hat offenbar das Land verlassen.)

Eias Sendungen haben übrigens nicht nur eine hitzige öffentliche Debatte in Norwegen ausgelöst, sie hatten offenbar auch politische Konsequenzen. So wird die Schließung des mit über 50 Mill. Euro alimentierten „Nordic Gender Institute“ im Jahr 2011 direkt oder indirekt auf „Hjernevask" zurückgeführt (http://www.nikk.no/NIKK+is+dismantled+as+a+Nordic+Institution.b7C_wljS2d.ips)

3.2. Was hat das mit uns zu tun?

Ich glaube, dass das, was Eia in seiner kleinen Serie ans Tageslicht gezerrt hat, auch für Deutschland hochrelevant ist. Ich halte das für ein wichtiges Thema. Ein paar Fragen, die mir dazu einfallen:

- - Hat präskriptiv ausgerichtete sozialwissenschaftliche „Forschung“ überhaupt eine Daseinsberechtigung?

- - Handelt es sich überhaupt um Wissenschaft im eigentlichen Sinne?

- - Wie sinnvoll ist es, in bestimmten gesellschaftlichen Bereichen Ergebnisgleichheit als politisches Ziel zu definieren (z.B.: 50% Ingenieurinnen), wenn dies angeborenen Verhaltensmustern widerspricht?

- - Ist das Streben nach Ergebnisgleichheit (nicht Chancengleichheit!) ein Menschenexperiment, das in letzter Konsequenz zu faschistischen Strukturen führen müsste?

Jedenfalls möchte ich jedem, der hier mitliest, empfehlen, sich die Sendungen anzuschauen (sie sind nicht zuletzt ausgesprochen unterhaltsam) und vielleicht sogar ein wenig über sich daraus ergebende wissenschaftliche, politische, gesellschaftliche und sonstige Konsequenzen nachzudenken. Vielleicht mag sich auch die Redaktion dieser Zeitung einmal mit dem Thema befassen? Ich bin sicher, dass das sogar ein gutes Thema für das Cover einer Printausgabe wäre.

PS:

Harald Eia hat mit seiner Truppe auch den legendären „Kamelåså“-Sketch gemacht, der in Dänemark ziemlich bekannt ist:

http://www.youtube.com/watch?v=lqEqTNfJm1Q

06:45 03.09.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Lieschen

Lieschens Blog
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