Noch einmal: Was ist Antisemitismus?

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Teil I

Die Worte "Juden" & "Israel" lösen, ähnlich wie der Glockenschlag den Speichelfluss bei Pawlows Hunden, in der Deutschen Volksseele ein eigentümliches Raunen und Rumoren aus.

Das Raunen und Rumoren kann sich auf ganz unterschiedliche Weise äußern. Wenn ich diese Worte höre, habe ich immer auch Leichenberge im Hinterkopf, oder ich denke zum Beispiel an dieses berühmte Bild, das einen jüdischen Geschäftsinhaber zeigt, der im Sonntagsstaat, das im Ersten Weltkrieg erworbene Eiserne Kreuz ans Revers geheftet, in seinem von SA-Horden zerstörten Geschäft sitzt, ungläubig in die Kamera schauend. Ich habe ganz sicher kein „normales“ Verhältnis zu Juden (wie denn auch).

Dann gibt es da zum Beispiel den ollen EsEs-Oppa, der sich mit „letzter Tinte“ ein verdruckstes Israel-"Gedicht" vom Füller wedelt. Oder das 17-jährige Mädchen, dessen Höschen ganz nass wird, wenn es in einem ATTAC-Text von den „Finanzkapitalisten“ liest (das „jüdisch“ natürlich immer mitgedacht), die (wieder mal) die Welt zugrunde richten wollen. Man hat seinen Treitschke verinnerlicht, auch wenn man den Namen noch nie gehört hat.

Es rumort und raunt auch in Artikeln, Blogs und Kommentaren auf dieser Website. „Existenzrecht“, raunt es, „Israel“, „verwirkt – oder doch nicht?“, ganz dunkel raunt es hin und wieder auch „Mörderstaat“ & „Terrorregime“. Der Holocaust sei ein beispielloses Verbrechen – natürlich; aber man müsse sich doch auch mal fragen (es muss doch erlaubt sein, diese Frage zu stellen! (Meinungsfreiheit!), WARUM die Juden über die Zeiten und Länder hinweg ständig verfolgt worden sind. Man hat auch seinen Julius Streicher verinnerlicht.

Die Juden leiden unter kollektivem Verfolgungswahn, unter Paranoia, raunt es weiter. Para-Noia bedeutet so viel wie „jenseits aller Vernunft“. Die Verwendung dieses Begriffs impliziert zumindest, die Pogrome und der Holocaust könnten ein Produkt der Fantasie sein. Aber halt! Ein „jüdischer Freund“ hat es gesagt!

Das vorgeschobene Argument des „jüdischen Freundes“ ist so alt wie der Antisemitismus selbst. Und gesetzt dieser „jüdische Freund“ existiert, und gesetzt er hat es tatsächlich so gesagt – gibt das dem Freund des „jüdischen Freundes“ das Recht, diesen Nonsense zu wiederholen? Nein. Ich habe das Recht, mir selbst Schaden zuzufügen – aber niemand sonst hat dieses Recht. Ein Deutscher kann nach Belieben über das eigene Volk herziehen, es zum Beispiel dumm oder hysterisch nennen. Wenn ein Pole das tut, ist es Rassismus.

Teil II

Die Ausführungen im ersten Teil bringen uns zu der Frage:

„Was ist Antisemitismus?“

Antisemitismus ist schwer zu definieren. In Abwandlung des berühmten Zitats von Augustinus über die Zeit könnte man sagen: „Was ist Antisemitismus? Wenn mich niemand danach fragt, weiß ich es; wenn ich es jemandem erklären soll, weiß ich es nicht.“ Nun, das ist ein bisschen denkfaul.

Wie wäre es damit: Ein Antisemit ist jemand, der von den Juden besessen ist. Die Definition krankt daran, dass es auch „Philosemiten“ geben mag, für die dasselbe gilt. Es muss sich also um eine „negative“ Besessenheit handeln.

Ich würde auch sagen, dass es sich um eine Art von Geisteskrankheit handelt. Befindet sich der Patient im Endstadium des Leidens, kann er an nichts anderes mehr denken als an Juden (so ähnlich wie der Protagonist „Borges“ in Borges‘ Kurzgeschichte „Der Zahir“).

Die Diagnose ist denkbar einfach, ein einziges Patientengespräch genügt: Es erweist sich als unmöglich, mit dem Patienten ein normales Gespräch zu führen, da jedes beliebige Thema unausweichlich zu dem Thema „Juden“ führt. „Wir haben heute schönes Wetter“, sagt der Diagnostiker. „Nicht mehr lange“, entgegnet der Patient, „jüdische Forschungseinrichtungen manipulieren das Wetter, um die Ernteerträge der Goijim zu senken.“ (Auf Nachfrage des Arztes erklärt der Patient diesem, was Goijim sind, einschließlich der Deklination und Etymologie des Wortes – der Patient hat sich erschöpfend mit „seinem“ Thema beschäftigt.) Der Arzt versucht es noch einmal: „Die Nachrichten melden, dass die Börsenkurse gefallen sind.“ Der Patient sieht ihn mitleidig lächelnd an. „NATÜRLICH sind die Börsenkurse gefallen. Haben Sie noch nie etwas von Leerverkäufen gehört? Das ist eine jüdische Erfindung, die den Juden langfristig die Weltherrschaft sichern soll.“ Der Arzt nickt verständnisvoll, vor der Brust gefaltete Hände verstärken die Geste.

Unaufgefordert ergeht sich der Patient sodann in einer detaillierten Beschreibung der Weltlage. Im Zentrum der Betrachtung steht Israel, das, so der Patient, „wie kein anderes Land den Weltfrieden gefährdet“. Er führt aus, dass eine „Beendigung des israelisch-palästinensischen Konflikts essentiell für eine nachhaltige geopolitische Stabilität“ sei, dass jedoch „Israel noch nie an einer Entspannung der Situation im nahen und mittleren Osten interessiert gewesen ist“. Übrigens war die Gründung des „zionistischen Gebildes namens Israel und die Vertreibung der Palästinenser … das erste Unrecht… Aber das bedeutet NATÜRLICH nicht, dass ich dem Staat Israel die Existenzberechtigung abspreche!“ Der Patient hält kurz inne und zwinkert dem Arzt mit verschwörerischer Miene zu.

Im Geist entwickelt der Arzt, der nur noch mit halbem Ohr zuhört, bereits einen Therapieplan. Seine Lieblingsidee einer streng vegetarischen Diät verwirft er nach kurzem Nachdenken wieder – hat beim Führer bekanntlich auch nichts gebracht. Dann die zündende Idee: Ablenkung! Er unterbricht den Patienten, der gerade über die Wirkung von Phosphorbomben doziert, und fordert ihn auf, erste Ideen für einen 200-seitigen Essay über den indisch-pakistanischen Konflikt zu entwickeln. Der Patient schaut den Arzt an wie ein Entomologe ein seltenes und bizarres Insekt betrachten würde. „Indien, Pakistan? Sind Sie blöd?“ Er atmet tief durch. „Was ich gerade sagen wollte: Phosphorbomben haben wegen der hohen Verbrennungstemperaturen, und weil sich Phosphorbrände mit Wasser nicht löschen lassen, eine verheerende Wirkung – was übrigens auch die Alliierten beim Bombenholocaust von Dresden ausgenutzt haben…“

Der Arzt betätigt den Summer an der Unterseite seiner Schreibtischplatte. Zwei muskulöse, ganz in Weiß gekleidete Männer betreten den Raum.

14:54 14.04.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Lieschen

Lieschens Blog
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